Donnerstag, 29. Juni 2006
Die Aufklärung ist gescheitert. Dieses traurige Fazit zieht der Blattkritiker nach der Lektüre der «heute»-Bildergalerie in der Mittwochsausgabe. Denn unter der ästhetisch überzeugenden Keystone-Aufnahme eines Blitzbündels, das hinter dem Zürcher Lindenhof einschlägt, liest er folgenden Unsinn: GOTTES ZORN. Wir wissen nicht, ob Gott ein Schweiz-Fan ist. Gott als Fan. Eine absurde Vorstellung. Wir vermuten es nur. Aha. Jedenfalls schleuderte er gestern eine Handvoll Blitze gen Zürich. Das Blitzeschleudern ist Zeus' Kernkompetenz. Der griechische Göttervater würde sich gut für die«Wissen»-Seite von «heute» eignen. Allerdings unter dem Stichwort Mythologie und nicht Meteorologie. Fotograf Alessandro Della Bella erfasste den Moment göttlicher Wut im richtigen Moment. Elektrostatische Entladungen als Momente göttlicher Wut. Wie geht es weiter? Regenbogen als Zeichen himmlischer Gnade? Ein Abstecher in den Pantheismus? Oder doch lieber ein Physik-Seminar für die Redaktion?
Montag, 26. Juni 2006
Wer sagt denn, dass sich die Medien nicht entwickeln? Immerhin gibt es dieser Tage einen neuen Trend zum Chefredaktor-Eigenlob.
Erstes Beispiel: In einem Interview mit dem «Klartext» (online nicht frei zugänglich) lobt Michael Hug, Co-Chefredaktor der «BZ» die Auflösung der Ressorts, welche nicht nur von Lesern, sondern auch von manchen «BZ»-Journalisten kritisiert wird. Hug fordert, am Dammweg solle «vom Blatt her gedacht werden», Einzelinteressen hätten zurückzustehen. Und konstatiert:
Es kann doch nicht sein, dass alle ihr eigenes Süppchen kochen und man dies der Zeitung auch anmerkt. Tatsächlich, das kann nicht sein. Zum Glück blieben dem «Bund» seine Ressorts vorerst erhalten. Allerdings nur um den Preis des Sportteils, der seit einigen Wochen von der Espace-Suppenküche verköstigt wird. Vom Blatt her denkende «Bund»-Leser klagen seither über Magenverstimmung.
Zweites Beispiel: Bernhard Weissberg, «heute»-Chefredaktor mit eigenem Weblog. Nachdem Weissberg in den ersten Wochen nach dem Launch vor allem Blumen an die eigene Redaktion verteilt und und das eigene Produkt gerühmt hat, sind nun härtere Zeiten angebrochen. In der «Weltwoche» höhnte Kurt W. Zimmermann über die stets vollen heute-Zeitungsboxen, im «Klartext» bemängelte Bettina Büsser das unscharfe Profil. Und selbst auf Weissbergs Weblog finden sich unfeine Kommentare zum «Primarschulniveau» des neu lancierten WM-Blogs. So sieht sich der Chefredaktor veranlasst, sein abgewatschtes Kind in Schutz zu nehmen: Ja, so eine Zeitung ist nicht perfekt, würde ich auch nie behaupten. Oder, wie unsere Art Directorin Anka Wessely (gute Besserung, sie ist erkältet!) sagt: ‚ÄûDas Baby ist noch klein. Das darf schon noch in die Windeln machen.‚Äú Wir sind gespannt, wann es «heute» aufs Töpfchen schafft. Und schliessen mit einem zweiten Weissberg-Zitat: Ist ja so ne Sache mit dem Journalismus. Da versteht jeder etwas anderes. Genau.
Dienstag, 20. Juni 2006
Mit Leserbriefen ist es immer so eine Sache. Oft wird Empörung ventiliert, zuweilen werfen sich verhinderte Autoren sprachlich selber in Pose. Umso erfrischender die schlichte Feststellung des „Magazin“-Lesers M. M. aus Zürich, ausgelöst durch einen Artikel über die Unruhen in Frankreich:
Gelegentlich stosse ich im „Magazin“ auf Artikel und Interviews, die einfach scheisse sind, hin und wieder finden sich echte Perlen wie diese darunter. Die Feststellung ist wohl allgemein gültig, „Magazin“ liesse sich im obigen Zitat durch einen beliebigen Printmedientitel ersetzen. Und jeder Journalist hofft, dass genau seine Artikel zu den Perlen gehören inmitten eines Meeres aus sch...on mal gelesenem.
Dienstag, 20. Juni 2006
Früher, da haben wir uns nur allzu gerne mit Michèle Roten verlustiert. Wir haben es geil gefunden, wenn sie vulgär geworden ist, wir haben ihre Ausflüsse gierig aufgenommen.
Und heute? Heute kommt uns das Gähnen, wenn wir uns in Michèle Rotens Spalte vertiefen. An was mags liegen? Ist der Sex nicht mehr gut?
Anders gefragt: War der Sex mit Michèle Roten überhaupt einmal richtig gut, ganz am Anfang vielleicht? Die Antwort fällt schwer. Denn neuer Sex ist oft per se guter Sex – weil er eben neu ist.
Genau so verhält es sich auch mit Kolumnen. Neue Kolumnen sind oft per se gute Kolumnen – weil sie eben neu sind. Nur: Auf Dauer leben Kolumnen, ebenso wie Sex, von der Liebe, von der Liebe zum Detail oder ganz einfach von der Abwechslung.
Von alledem hat Michèle Roten wenig zu bieten. Und weil sie das zu wissen scheint, wird der dirty talk deftiger, werden die Verführungskünste aggressiver. In ihre jüngste Kolumne im «Magazin» vom Samstag verpackt sie das ganze Vulgärvokabular, alle ihre Lieblingswörter – «vögeln», «ficken», «bumsen», «lecken», «blasen», «Futz» und «geile Säue». Vergeblich. Wir haben einfach keine Lust mehr auf Michèle Roten.
In einer langen Beziehung, so der Volksmund, bleibt der Sex nur gut, wenn man sich auch etwas zu sagen hat. Und vielleicht liegt genau da das Problem: Unsere Beziehung zu Michèle Roten und ihren Texten dauert schon viel zu lange – viel zu lange dafür, dass sie uns nichts zu sagen hat.
Sonntag, 18. Juni 2006
In der «NZZ am Sonntag» beschäftigt sich Manfred Papst heute mit dem gefürchteten Imperativ «Kill your darlings». Mit der Forderung also, im eigenen Text gerade die schönsten Sätze, die witzigsten Pointen und die allerbesten Alliterationen zu streichen. Papst rühmt die «wundersame Ruhe» und «lakonische Poesie» des israelischen Erzählers Aharon Appelfeld, welcher konsequent nach dieser Regel arbeitet und empfiehlt das Favoriten-Keulen auch den Journalisten.
Sie sollten, so Papst, hervorkramen, was sie vor einigen Jahren geschrieben hätten
«und sich kritisch fragen: Was könnte man heute so stehen lassen, und was klingt nur noch affig, billig forciert? Und siehe da: Die Formulierungen, auf die [der Journalist] damals besonders stolz war, sind die peinlichsten.»
Der Blattkritiker schliesst sich dieser Forderung (gekeulter Darling: «dieser Bulle») an. Und hofft, dass sich auch das «NZZ»-Stammhaus an den Ruf aus den eigenen Reihen erinnert, wenn die drückende Hitze das Placieren idiosynkratischer Wortschöpfungen besonders valabel erscheinen lässt.
Mittwoch, 14. Juni 2006
«Eselshitze» muss auch in den «Heute»-Büros herrschen, vermuten wir. Anders können wir uns dies nicht erklären: NEID. Esel Paul denkt: «Die Gans hats gut. Sie kann ins Wasser, wenn ihr heiss ist. I-Ahh. Ich könnte eigentlich auch ins Wasser, wenn mir heiss ist. I-Ahh. Oder ist das Wasser nur für Gänse da? I-Ahh. Komisch diese Hitze. Mag ich gar nicht. I-Ahh!» Vielleicht liegt es aber auch an uns. Vielleicht verstehen wir an heissen Tagen keinen Spass. Deshalb springen wir nun auch ins Wasser. Iahh!
Montag, 12. Juni 2006
Den Satz des Tages liefert uns «NZZ»-Tennisspezialist Jürg Vogel (siehe auch Eintrag unten) in seinem Kommentar zum Herrenfinal in Roland Garros. Er schreibt:
Im Schatten jeder Taktik lagern Zweifel, die sich nach missglückten Spielzügen oder vermeidbaren Fehlern dem Basler anschleichen, seinen Vorsatz torpedieren, gegen den gefährlichen Nadal die Aufgabe besonders gut zu lösen.
Sonntag, 11. Juni 2006
Wir sind es uns gewohnt: Die Texte von «NZZ»-Tennisspezialist Jürg Vogel strotzen nur so vor Bonmots und (falschen) Bildern, in schon fast unerträglicher Dichte zeigt er uns alle Facetten seines sprachlichen Könnens. Leider bleiben dabei Logik und sporttechnische Fakten zuweilen auf der Strecke.
Ein schlimmes Beispiel liefert uns Vogel in der heutigen «NZZ am Sonntag» zum bevorstehenden Tennisfinal in Paris zwischen Roger Federer und Rafael Nadal. Selbst die Affiche dieses Matchs, der aufgrund der einmaligen Konstellation das Schweizer Sportereignis des Jahres ist, bringt Vogel nicht dazu, die beiden Kontrahenten in den Fokus zu rücken. Wieder geht es dem Autor, so hat der Leser den Eindruck, vor allem um sich selbst, ohne Rücksicht auf falsche Bilder oder Fakten.
Wir lesen Sätze wie:
Der Amerikaner Pete Sampras bilanzierte 14 Major-Titel, als er im Alter von 31 Jahren in Pension ging. Diese Bestmarke interessiert den Trendsetter Federer nur am Rande. Als Allrounder hat er Meister Sampras schon überholt. So, so. In welcher Hinsicht hat Federer Sampras schon überholt, Herr Vogel? Vorläufig in gar keiner, ausser er gewinnt heute Nachmittag in Paris.
Die Quinzaine auf Sand gilt als die Galeere unter den vier Königs-Turnieren. Auf der Terre battue gilt die angelsächsische Formel von Blut, Schweiss und Tränen. Wenn die Stars nach Stürzen auf Sand mit groben roten Spuren wie panierte Schnitzel aussehen, dann werden nach vier oder gar fünf Stunden die wichtigen Punkte gespielt.
Weder sprachlich schön, noch informativ, noch logisch, noch irgendetwas. Wer kein regelmässiger Tenniszuschauer ist, versteht hier einfach nur Bahnhof.
Der Mallorquiner in den weissen Capri-Hosen ist ein Sandhase, was bezüglich Temperament und Leidenschaft eine pure Untertreibung darstellt. Der Iberer ist ein Grenadier mit Talent plus noch mehr Athletik. Sind Sandhasen gewöhnlich temperament- und leidenschaftslos? Keine Ahnung. Und unseres Wissens zeichnen sich Grenadiere vor allem durch ihre Athletik aus.
Der beinahe um fünf Jahre erfahrenere Patron spielt, wie es in Sartres Sprache so schön heisst, au sommet de son art. Die Puzzleteile seines Repertoires hat er im Laufe der Monate stets verbessert.
Ein komplett falsches Bild. Man kann Teile seines Spiels verbessern, aber nicht Puzzleteile. Die sind, wie sie sind, es geht darum, sie richtig zusammenzufügen.
Kommt es dagegen zum Bauerntennis, zum Hornussen, zu wilden, diagonal geführten Ballwechseln am laufenden Band, dann wird Federer wohl zuerst mehr leiden. Was bitte ist «Bauerntennis»? Und: Ballwechsel werden im Tennis vor allem dann diagonal geführt, wenn das Spiel eher vorsichtig, alles andere als «wild» verläuft.
Der traurige Höhepunkt in Jürg Vogels Text (auch zu finden im Anriss auf der Sportaufschlagsseite und in der Titelunterzeile):
Federer gewänne als Erster seit Andre Agassi im Jahre 1999 die vier Majors wieder in Folge. Wie Jürg Vogel dazu kommt, zu schreiben, Andre Agassi habe vier Majortitel in Folge gewonnen, ist uns ein Rätsel. Immerhin liegen zwischen Agassis Wimbledon-Sieg 1992 und seinem Paris-Triumph 1999 knappe sieben Jahre. Ein Fehler, der umso schlimmer ist, als die ganze Grandslam-Diskussion der letzten Wochen offenbar komplett am Autor vorbeigegangen ist. Denn genau darum geht es ja heute. Darum, ob Roger Federer als erster seit Rod Laver 1969 alle vier Majorturniere in Folge gewinnt.
Zum Schluss:
Er folgt aber dem populären Bonmot, von den Aufgaben eine nach der anderen zu lösen wie in . . . Paris. ???
Samstag, 10. Juni 2006
Medien-Watchblogs und Verschwörungstheorien sind das Traumpaar des Frühlings. Erst vor wenigen Wochen nahm Rolf Frank im «Schweizer Journalisten» die hartnäckig verteidigte Anonymität der Pendlerblog-Redaktoren als Anlass, ihnen jede Glaubwürdigkeit abzusprechen. Wer etwas zu sagen habe, so Frank, solle dafür gefälligst mit seinem Namen einstehen. Und unterstellte den Pendlerbloggern, eine Kampagne gegen Tamedia zu führen (siehe auch Blattkritik- Eintrag vom 16. Mai 2006).
Einige Wochen und Dutzende Weblog-Kommentare später hat Ringier «heute» lanciert. Die neue Abendzeitung bot sich für einen Pendlerblog-Klon an. Bei der Lancierung wurden deshalb gleich zwei Watchblogs eingerichtet. Die «heute»-Redaktion selbst verwies in einer der ersten Nummern stolz auf diese doppelte Adelung. Motto: Wer doppelt so gut ist wie «20 Minuten» verdient auch doppelt so viel Blattkritik.
Vier Wochen nach dem Start von «heute» ist das erste Watchblog bereits eingegangen, das zweite klinisch tot. Die Gründe für den überschnellen Exitus sind nicht bekannt. Es dürfte aber klar sein, dass es nicht am fehlenden Material liegen kann. Jede beliebige «heute»-Ausgabe bietet Inspiration für zwei tagesaktuelle Weblogs. Oder auch drei.
Der allzu rasche Abgang der neuen Projekte ist symptomatisch für die Medienblog-Szene: Was rasch gestartet und eifrig beklatscht wird, liegt oft schon ein halbes Jahr später im virtuellen Strassengraben.
Dabei gibt die Schweizer Medienlandschaft wahrlich genügend Material her, um jeden Tag ein Dutzend Blogs zu füllen. Was das Pendlerblog mit «20 Minuten» vormacht, ist für jeden grösseren Titel denkbar. Doch wo bleiben das «Weltwoche»-, das «Facts»-, das «Blick»-Watchblog? Wer guckt der «NZZ» auf die Finger, wer «heute»?
Wo erfahren wir, ob und wie sich die Qualität und Standpunkte der Zürcher Lokalzeitungen verändert haben, nachdem sie wahlweise von der Tamedia oder der NZZ gepostet wurden? Wo finden wir PR-freie Informationen über den Konkurrenzkampf von «20 minutes» und «Le matin bleu»?
Vorerst wohl nirgends. Interessierte Amateure sind rar oder haben zu wenig Zeit. Interessierte Journalisten haben zu wenig Zeit oder zu viele Hemmungen. Kollegenschelte gilt als schäbig, Fehler passieren überall, und Menschen, welchen man heute ans Bein pinkelt, könnten einem morgen beim Vorstellungsgespräch begegnen. Dazu kommen Befürchtungen wegen des langen Gedächtnis des Internets.
Das latente Misstrauen lässt neue Theorien blühen. Blogger haben herausgefunden, dass lästerliche Kommentare auf dem «heute»-Weblog von Computern im Tamedia-Netzwerk aus abgesetzt wurden. Auf dem Weblog von «heute»-Redaktor Bernhard Weissberg tauchen immer wieder wüste Verdächtigungen betreffend anonymer Poster auf. Und auch Rolf Frank ist nicht untätig, sondern jagt fleissig die Drahtzieher eines neuen Komplottes. These: Die «heute»-Blogs wurden von Ringier abgeschossen. Wir sind gespannt auf die nächste Ausgabe des «Schweizer Journalist».
Viel Energie fliesst im Moment in Phantomjagden und wilde Spekulationen. Sie würde besser in das Gründen zusätzlicher Medien-Watchblogs investiert. Wenns nicht anders geht auch mit Anonyma. Der Quellenschutz, auf den sich Journalisten oft und zu Recht berufen, darf schliesslich auch für die eigene Meinung gelten.
Samstag, 10. Juni 2006
The Ecomonist zu Lateinamerika
Die Wahl von Evo Morales zum bolivianischen Präsidenten und seine Schritte zur Nationalisierung eines Teils der √ñlindustrie (vgl. Link) und ähnliche Entwicklungen in Ecuador veranlassen den Londoner Economist in seiner Ausgabe vom 18. Mai zu einem Kommentar über «die Schlacht um die Seele Lateinamerikas» ( Link kostenpflichtig). Lateinamerika habe bis vor kurzem keine Rolle gespielt («people don't give one damn about Latin America», in den Worten Richard Nixons ‚Äì man wundert sich allerdings, weshalb die USA dann so oft offen oder verdeckt dort interveniert haben?), doch neuerdings habe es die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen: ein «Gespenst anti-amerikanischen Linksnationalismus» gehe um.
Jedoch handle es sich nicht um einen Konflikt zwischen den USA und ihren lateinamerikanischen Nachbarn, sondern zwischen liberalen Demokraten, insbesondere moderaten Sozialdemokraten (die in Chile, Uruguay und Brasilien regieren), und radikalen, autoritären Populisten. Erstere hätten durch sozialpolitische Massnahmen einen deutlichen Rückgang der Armut und sogar der Ungleichheit erreicht. Sie hätten gelernt, dass Gesundheit, Bildung und Armutsbekämpfung nicht vernachlässigt werden dürften.
Auf der anderen Seite stünden die Populisten, die Bush beschimpfen und die staatliche Kontrolle der √ñl- und Gasressourcen anstreben, personifiziert, wie könnte es anders sein, von Venezuelas Präsident Hugo Ch√°vez. Gewiss, Ch√°vez sei zwei mal gewählt worden, seine Popularität sei ungebrochen, er habe den Armen Gesundheits- und Bildungsprogramme gebracht. Dennoch: Ch√°vez bringe sein Land auf den Hund («he is running down his country‚Äôs wealth»). In Zukunft könnte Venezuela eher Nigeria als Kuba ähneln: «a failed petro-state». Für die letzten beiden Behauptungen hat die neoliberal orientierte Zeitschrift keinerlei Begründung anzubieten.
Joffes Version der Realität
Josef Joffe, den Mitherausgeber der Zeit, hat der Slogan vom «gescheiterten Petrostaat» offenbar so beeindruckt, dass er ihn gleich in seinem eigenen Leitartikel «Plump auf Pump» (Diskussion hier) in der Zeit vom 24. Mai 2006 verwurstete. Zweifellos teilt Joffe die Abneigung des Economist gegenüber Präsident Ch√°vez (siehe auch Blattkritik- Eintrag vom 25. April 2006). Von der beinahe differenzierten Diskussion des Economist ist Joffes Attacke jedoch meilenweit entfernt:
Hugo Ch√°vez (Venezuela), Evo Morales (Bolivien) und Alfredo Palacio (Ecuador) reissen mit der Verstaatlichung von √ñl und Gas die «Produktionsmittel» an sich, ohne die Armen auch nur ein Jota reicher zu machen. Das zeigt am besten Venezuela: Seit der Machtübernahme durch Ch√°vez wächst die Wirtschaft nicht mehr, das Pro-Kopf-Einkommen ist gar um 45% gefallen. Fürwahr, eine desaströse Bilanz. Nur: kein Jota an dieser Darstellung ist wahr. Selbst der Economist gibt ja zu, dass die Armen unter Ch√°vez vom √ñlreichtum profitieren. Das Pro-Kopf-Einkommen ist während der Präsidentschaft Ch√°vez‚Äô gestiegen, wenn auch nur leicht, und die Wirtschaft ist seit der Rezession von 2003 auf rasantem Wachstumskurs.
Die Daten:
1. Das Pro-Kopf-Einkommen der venezolanischen Bevölkerung ist von 1970 bis 1998 ‚Äì VOR dem Amtsantritt von Präsident Ch√°vez (2. Februar 1999) ‚Äì um unglaubliche 35% gefallen (1). Mark Weisbrot vom Washingtoner Center for Economic and Policy Research merkt dazu an: «This is the worst economic decline in the region and one of the worst in the world ‚Äì much worse even than what happened to Africa during this period.» (2)
2. Venezuelas Wirtschaftsleistung und Pro-Kopf-Einkommen sind seit Ch√°vez‚Äô Amtsantritt gestiegen. Das BIP war im ersten Quartal 2006 inflationsbereinigt 19,2% höher als im 1. Quartal 1999, im Zwölfmonatsvergleich 14,1% höher. Das Wirtschaftswachstum übertraf damit das demographische Wachstum ‚Äì eine erfreuliche Bilanz im Vergleich zur fast 30jährigen Verarmungsperiode vor Ch√°vez (3). Die Bilanz wäre natürlich noch erheblich günstiger, hätte das Land nicht 2002/2003 aufgrund des von der Opposition organisierten mehrmonatigen √ñlstreiks (ein «Streik» nicht etwa der Arbeiter, sondern der um ihre Pfründe bangenden Chefs!) und des gescheiterten Staatsstreichs gegen Ch√°vez eine Rezession erlitten (dies zudem vor dem Hintergrund einer weltweiten Rezession). Seit 2003 werden Wachstumsraten von 9 bis 18% verzeichnet.
Herrn Joffes Behauptungen sind schlicht aus der Luft gegriffen. Wo er seine Zahl -45% her hat, sei dahingestellt ‚Äì vom Economist, der in Bezug auf Zahlen und Fakten ziemlich verlässlich ist, jedenfalls nicht. Dies wirft nicht nur die Frage auf, ob der Mitherausgeber der Zeit es nicht (mehr) nötig hat, journalistische Standards zu beachten, sondern auch, ob die Zeit eigentlich jeden propagandistischen Unfug veröffentlicht, ohne auch nur den einfachsten Factcheck durchzuführen. Und schlie√ülich wirft es die Frage auf, ob eine angesehene deutsche Zeitung es sich leisten kann, derart grobe Sachfehler unkorrigiert stehen zu lassen. Auf eine Anfrage nach Richtigstellung der Falschinformation ist bis heute von der Zeit-Redaktion keine Antwort eingetroffen. Sie tut ihrer Reputation damit keinen Gefallen.
Quellennachweise:
(1) Center for International Comparisons (CIC), University of Pennsylvania, stellt internationale Wirtschaftsdaten 1950-2000 zur Verfügung: http://pwt.econ.upenn.edu/php_site/pwt61_form.php
Variable «Real GDP per capita (Constant Prices: Chain Series)» auswählen (Pro-Kopf-Einkommen zu konstanten Preisen). Veränderung 1970-1998: -35%. Dies bedeutet, dass die Wirtschaftsentwicklung in diesem Zeitraum drastisch hinter dem demographischen Wachstum zurückgeblieben ist.
(2) Mark Weisbrot: A Note on Venezuela's Economic Performance, Center for Economic and Policy Research, June 2005: http://www.cepr.net/publications/venezuela_2005_06.pdf
Vgl. vom gleichen Autor und Koautoren: Poverty Rates In Venezuela: Getting the Numbers Right, http://www.cepr.net/publications/venezuelan_poverty_rates_2006_05.pdf
(3) Zentralbank von Venezuela: Bruttoinlandprodukt zu konstanten Preisen vierteljährlich, halbjährlich und jährlich von 1997 bis I. Quartal 2006: http://www.bcv.org.ve/excel/5_2_4.xls?id=332 (Exceltabelle).
Freitag, 9. Juni 2006
Am 31. Mai haben wir in einer Mitteilung der «Bund Verlag AG» gelesen:
Unser langjähriger Chefredaktor Hanspeter Spörri wird im Einvernehmen mit dem Verwaltungsrat den «Bund» verlassen und sich neuen Aufgaben zuwenden.
(…)
Demgegenüber entstanden in den letzten Monaten unterschiedliche Auffassungen über die Führung und Weiterentwicklung der Zeitung ausserhalb der direkten journalistischen Arbeit, so dass beide Seiten, Verwaltungsrat und Chefredaktor, im Interesse des «Bund» zum Schluss kamen, sich nach Ablauf der eingangs erwähnten √úbergangszeit zu trennen. Ziemlich vielsagend.
Trotzdem haben wir bis heute, mehr als eine Woche nach der Mitteilung, in der Schweizer Presselandschaft vergeblich nach einem Kommentar oder einer Analyse zu Spörris Abgang gesucht. Erstaunlich. Immerhin gehts nicht um den blossen Rücktritt eines Chefredaktors, sondern auch um die Zukunft des «Berner Modells». Denn im Klartext sagt die Mitteilung zu Spörris Rücktritt doch vor allem eines: Spörri hat die Interessen der in den letzten Jahren arg geschwächten «Bund»-Redaktion zu stark vertreten, zu stark für den Geschmack der Espace Media Groupe. Eine Feststellung, die zu denken gibt. Umso mehr, wenn man weiss, dass Spörri «Bund»-intern als überfordert und willensschwach gilt. Aber selbst ein schwacher Spörri war der Espace Media Groupe offenbar zu stark.
Mit anderen Worten: Fürs Sorgenkind «Bund» wird jetzt wohl nicht mehr ein Chefredaktor im eigentlichen Sinn gesucht, sondern in erster Linie ein Manager. Einer, der sich weniger mit publizistischen Ansprüchen aufhält, einer, der vielmehr fraglos umsetzt, was von der Geschäftsleitung diktiert wird. Womit sich wieder die Frage stellt: Was wird ein derart geschwächter Bund für den Medienplatz Bern in Zukunft noch wert sein (siehe auch Eintrag unten).
Eine Frage, zu der wir gerne etwas in den Schweizer Medien gelesen hätten. Aber nicht einmal der Umstand, dass Spörri zwar NZZ, Tagesanzeiger usw. keine Stellungnahme abgeben wollte, dafür aber Rebell.tv eine langes Interview ( .wmv oder mp3) gewährt hat, provoziert irgendeine Reaktion. Umso erstaunlicher, als Spörri im Rebell-Interview unter anderem sagt:
Ich habe einen Konflikt bewusst eskalieren lassen, wir haben uns zerstritten.
(…)
Allenfalls muss man weiter sparen, vielleicht auch nicht. Vielleicht muss man sich ein wenig zurückhaltender wehren gegen Sparschritte, aber wehren muss man sich wahrscheinlich wieder.
Donnerstag, 1. Juni 2006
In der Rechnung der Espace Media Groupe gibt es eine Konstante: den Jahresgewinn. Seit sechs Jahren bewegt er sich in der Bandbreite zwischen 18 und 24 Millionen Franken. Ein stolzer Leistungsausweis für ein Unternehmen, das sich in einer krisengeschüttelten Branche bewegt. Während potente Unternehmen wie die «Tamedia» oder die «NZZ Gruppe» in den letzten Jahren schwere Taucher hinnehmen mussten, hielt sich das Berner Medienhaus mühelos über Wasser.
Verantwortlich dafür, dass das Schiff auf Kurs bleibt, ist Konzernchef Albert P. Stäheli. Der starke Mann auf der Kommandobrücke der Espace Media Groupe steuert auch in stürmischen Gewässern unbeirrt auf die angepeilte Gewinnmarge zu. Dabei orientiert er sich an einem simplen Prinzip: Sinkende Einnahmen werden umgehend durch sinkende Ausgaben kompensiert (siehe dazu die Interviews im « Bund» und ‚Äì wesentlich lesenswerter ‚Äì in der « BZ»).
Dass in dieser mechanischen Sicht der Dinge kaum Raum für publizistische √úberlegungen bleibt, erstaunt nicht. Wenn die Espace Media Groupe an ihrer Bilanzmedienkonferenz einmal mehr ein Bekenntnis zum «Berner Modell» ablegt, dann tönt dies in den Worten Albert P. Stähelis so:
Der Wille, das Berner Modell aufrecht zu halten, ist bei der Espace Media Groupe da, solange es wirtschaftlich verantwortbar ist. Nun erwartet niemand von der Espace Media Groupe, dass sie den «Bund» ‚Äì ungeachtet seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ‚Äì einfach bis in alle Ewigkeit am Leben erhält. Das kann nicht der Auftrag eines privatwirtschaftlichen Unternehmens sein. Nur: Eine Qualitätszeitung ist mehr als ein gewöhnlicher Gebrauchsartikel, den man ohne mit der Wimper zu zucken aus dem Sortiment kippt, wenn der «Return on Investment» nicht mehr stimmt, oder den man solange zurechtstutzen kann, bis der Break-even irgendwann doch noch erreicht wird. Eine Qualitätszeitung stellt Ansprüche. Sie vertritt publizistische Grundwerte und ‚Äì Nomen et Omen ‚Äì setzt die qualitative Latte höher als der Durchschnitt.
Es reicht also nicht, wenn die Espace Media Groupe den «Bund» dieses oder nächstes Jahr in die Gewinnzone führt. Ein flügellahmer «Bund», der schon heute nicht mehr die Ressourcen hat, ein eigenes Sportressort zu führen und dem die Budgets kontinuierlich gekürzt werden, unterschreitet irgendwann den «publizistischen Break-even». Angesicht solcher √úberlegungen wäre es angebracht, zwischenzeitlich von der anvisierten Gewinnmarge abzuweichen. Rund eine halbe Million Franken spart die Espace Media Groupe durch die Zusammenlegung der Sportteile von «Bund» und «BZ». Will heissen: Ein Jahresgewinn von 18,8 Millionen Franken würde auf zirka 18,3 Millionen reduziert ‚Äì das sind gerade mal 2,7 Prozent.
Wenn so wenig an Gewinnreduktion schon zu viel ist, dann stellt sich irgendwann die Frage, was das «Berner Modell» überhaupt Wert ist. Eine Antwort darauf hat offenbar «Bund»-Chefredaktor Hanspeter Spörri gefunden. Er hängt seinen Job an den Nagel, weil, wie «Bund»-Verwaltungsratspräsident Hans Lauri schreibt, «in den letzten Monaten unterschiedliche Auffassungen über die Führung und Weiterentwicklung der Zeitung ausserhalb der direkten journalistischen Arbeit» entstanden sind.
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