Montag, 31. Juli 2006
«Wie gut funktionieren die Medienstellen der Grossverteiler», fragt Eugen Rieser im «Schweizer Journalist». Rieser, offenbar «u.a. Chefredaktor einer Fachzeitschrift», hat E-Mails an die Medienstellen der Grossverteiler versandt. Und dann hat er gestoppt, wie lange die Medienstellen für die Antworten brauchten. Soweit so gut.
Etwas erstaunt nimmt der Blattkritiker die Abschnitte zu «Lidl» zur Kenntnis:
Die Informationstüre des zweiten deutschen Discounters, der bereits auch einige Läden in der Schweiz eröffnet hat, bleibt ganz geschlossen. [...] Der Journalist mailte ein zweites Mail und stellte die Fragen nach Vorwärtsstrategie und Preispolitik. Nach Tagen folgt die immer gleiche Antwort, die man natürlich als gestandener Rechercheur kennt [...]. Oder im schlecht redigierten Kasten:
Nach drei Tagen man die Antwort per Mail, dass man aus «wettbewerbspolititschen Gründen» generell keine Auskunft gebe [...]. Angeblich sollen die Geschäfte in der Schweiz schleppend angelaufen sein. [...] Lidl Schweiz errichte derzeit landesweit ein Filialnetz, steht auf der Website. Und weiter: «Im Moment sind in der Schweiz noch keine Lidl Filialen geöffnet.» Der Blattkritiker findet: Für einen «gestandenen Rechercheur» ist dieser Report etwas billig.
Freitag, 28. Juli 2006
Mit einem prominent aufgemachten Text, der sogar online zugänglich ist, will uns die «Weltwoche» ihren neuen alten Chefredaktor Roger Köppel schmackhaft machen.
Die Propaganda in eigener Sache besteht aus einem Frage-Antwort-Spiel mit Hanspeter Born als selbstkritischem «Weltwoche»-Journalist und Jürg Ramspeck als ehemaligem «Weltwoche»-Chefredaktor und grauer Eminenz. Der Text wird uns nicht als Publireportage, sondern als «Interview» verkauft. Dieses Label sorgt für Stirnrunzeln. Denn trotz ein paar scheinbar angriffigen Einstiegsfragen artet das Gespräch schon bald in ein braves verbales Pingpong aus: Service Born, Return Ramspeck. √úber weite Strecken liest sich der Text wie eine Festschrift für die «Weltwoche»-Gründer. Ach, Herr Ramspeck, erzählen Sie doch noch ein bisschen von früher!
Borns Konzept ist einfach: Unter dem Mäntelchen eines selbstkritischen Vergleichs mit der alten, der originalen «Weltwoche» sollen durch Ramspeck die Eckpunkte der früheren und wohl auch zukünftigen Köppel-Strategie validiert werden. Die Weltwoche als Gesinnungszeitung? Muss so sein! Kritische Stimmen aus dem Hause NZZ? Gabs schon immer! Die Redaktion als Personalkarussell? Gabs schon immer! Dissens der Chefredaktion mit den Redaktoren? Gäng wie gäng!
√úber vier Seiten hinweg zieht sich die lustige Anekdotensammlung, mit der Köppel als würdiger Nachfahre der «Weltwoche»-Gründer Schumacher und Gasser positioniert werden soll. Am Schluss ist dem Blattkritiker ein wenig schwindlig ob so viel Traditionsnähe und auch ein wenig übel ob so viel Eigenlob. Herr Ramspeck, war das früher auch schon so?
Mittwoch, 26. Juli 2006
Das Sommerloch fordert seinen Tribut: Die heutige «NZZ» erreicht mit 170 Gramm nur etwa die Hälfte ihres regulären Kampfgewichts. Doch selbst in der drückendsten Hitze liefert uns la vieille tante zuverlässig ihre unnachahmlichen Schlagzeilen. Wir beginnen mit den unvermeidlichen Wirtschaftsmeldungen:
Die Slowakei strafft das Geldangebot erneut
(was auf eine Zinsrunde der slowakischen Nationalbank hinweist, deren «Geldangebot» aber nach wie vor nur die eigene Währung, nämlich die Krone, umfasst)
Oder etwas poetischer:
Zucker gegen die steigende Verbitterung in China
(gemeint ist eine Zuckerversteigerung, welche den chinesischen Zuckerpreis stabilisieren soll. Der Bezug zur Verbitterung ist dem Blattkritiker etwas unklar. Trotzdem: Tolle Headline!)
Ganz unzuckrig dann die neusten Gesundheitsnachrichten:
Küssen als Risikofaktor
(da das Küssen für die √úbertragung von Meningokokken-Bakterien, welche zu einer Gehirnhautentzündung führen können, offenbar der wichtigste «Mechanismus» ist)
Jetzt bloss einen kühlen Kopf bewahren! Doch das ist schwieriger als auch schon:
Stilles Wasser im Wellenbad
(nach dem Ausfall der beliebten Wellenmaschine im Dolder-Bad)
Vielleicht hilft dagegen eine Runde Asphalt-Schwimmen:
Zum dritten Mal Frühschwimmen im Utoquai
(für Auswärtige: gemeint ist die Badeanstalt Utoquai, nicht die gleichnamige Strasse. Ganz logisch, oder?)
Donnerstag, 20. Juli 2006
Während heute jede seriöse Zeitung mit dem Nah-Ost-Konflikt aufmacht, zeigt sich die «Berner Zeitung» von ihrer banalen Seite. Zwar gehts auch bei der «BZ» auf der Titelseite um Raketen, allerdings nicht um solche, die in Israel und Palästina Menschenleben fordern, sondern um Wasser-Glace ‚Äì eine freigestellte «Rakete» reicht bis in den Kopf der Zeitung hinauf.
Während also in Nah-Ost die Raketen einschlagen, präsentiert uns die «BZ» eine riesige Raketen-Glace. Sehr sinnig. Und ziemlich geschmacklos.
Die «BZ»-Spitzmarke dazu:
Heissester Tag Darunter der Titel:
Eiszeit Eiszeit hätte in Anführungszeichen gehört, damit die Kombination Titel/Spitzmarke Sinn macht. Aber was solls. Richtig schlimm wirds im Lead. Da steht:
Der Sommer ist da. Danke für den Hinweis. Deshalb also schwitzen wir seit drei Wochen ‚Ķ
Weiter:
Mit seiner Glut und bald auch seiner stickig-feuchten Luft. Bald?
Weiter:
Da hilft nur Kühlung ‚Äì am und mit Sti(e)l. Ob so viel Sprachwitz bleibt uns die Luft weg. Da hat mal wieder ein Poet in die Tasten gehauen. Im Ernst, liebe «BZ»-Macher, belangloser und peinlicher gehts nicht mehr.
Wer schliesslich die Seite umblättert und sich anschaut, was man aus der Titelgeschichte gemacht hat, sieht auf Seite 3 gleich noch einmal eine freigestellte Glace ‚Äì diesmal eine Magnum. Wie originell. Der Leser fragt sich: Haben die BZ-Layouter gerade gelernt, wie man Bilder freistellt?
Leider ist der heutige Frontklamauk kein «BZ»-Einzelfall. Seit Michael Hug und Markus Eisenhut die Redaktionsleitung übernommen haben, versinkt das Blatt mehr und mehr im Boulevard-Sumpf. Woche für Woche lesen wir Frontaufmacher, die es ansonsten nur noch beim «Berner Bär» (der Gratis-Postille aus dem Espace-Haus) auf die Titelseite schaffen.
Es fällt uns schwer, aber der Moment ist gekommen, um zu bekennen: Andreas, du fehlst! Andreas Z‚ÄôGraggen war als «BZ»-Chefredaktor zwar immer wieder für einen peinlichen Aussetzer gut. Meistens versuchte er aber, eine mehr oder weniger seriöse Zeitung zu machen. Ein Anspruch, den wir seit dem Machtwechsel zunehmend vermissen. Unter der Führung des Duos Hug/Eisenhut schmilzt das publizistische Ansehen der «BZ» schneller dahin, als Glace an der Sonne.
Montag, 17. Juli 2006
Stell dir vor, es ist ein Robbie Williams-Konzert und keiner schreibt darüber. Was in den Zeiten der publikumsnahen Medien undenkbar tönt, findet in diesen Tagen statt. Beziehungsweise eben nicht: Die deutschen Nachrichtenagenturen dpa, AP, AFP und ddp werden nicht über Williams' Deutschlandtournee berichten, ebensowenig der Radiosender SWR 3 ( 1, 2).
Grund für den Boykott: Die Agenturen hatten gegen die Akkreditierungsbestimmungen für Pressefotografen protestiert. Der Konzertveranstalter reagierte darauf mit dem Ausschluss der Agenturfotografen, die Agenturen wiederum mit dem Verzicht auf jede Berichterstattung.
Wie arg sind nun die umstrittenen Auflagen? Der Vorsitzende des deutschen Journalistenverbandes spricht von «Knebelverträgen», welche «die freie Berichterstattung über Robbie Williams [verhindern]» sollen. Williams' Management zeigt sich demgegenüber «erstaunt», dass die «nach weltweit branchenüblicher Art» aufgesetzten Verträge zu «Reaktionen und Vorwürfe durch Medien und Medienverbände» führen.
Anscheinend ist es für diese Reaktionen höchste Zeit. Denn die Verträge, welche auszugsweise nachgelesen werden können, haben es in der Tat in sich. So wird den Bildjournalisten nicht bloss ein Blitzverbot und ein Arbeits-Zeitfenster von lediglich drei Songs diktiert (was durchaus «branchenüblich» ist). Vielmehr sollen die Fotografen sämtliche Rechte an Williams' Management abtreten, einschliesslich des bestehenden und zukünftigen Urheberrechts. Auf gut Deutsch: Die Bildjournalisten werden zu kostenlosen PR-Fotografen degradiert.
In einem Interview spricht der Manager der Konzertagentur MCT, welche für Williams zuständig ist, von einer «typisch deutschen und kleinkarierten Debatte» und versteigt sich zur Aussage: MCT ist sehr verwundert, dass ein öffentlich rechtlicher Radiosender [= SWR 3] das Grundprinzip seriösem Journalismus ausser Acht lässt und eine Entscheidung fällt ohne den kompletten Sachverhalt zu kennen. Vielleicht waren die «unseriösen» Senderverantwortlichen eher über die neue Rechtsauslegung der Williams-Truppe erstaunt: Das Recht am eigenen Bild ist schliesslich nicht ganz das selbe wie das Recht auf das eigene Bild.
Donnerstag, 13. Juli 2006
Wer die «Berner Zeitung» liest, ärgert sich Tag für Tag über das Chaos im ersten Bund. Seit die neue Chefredaktion die Ressortstrukturen aufgelöst hat und mit den Themen Schweiz, Ausland, Kultur und Wirtschaft ein Durcheinander veranstaltet, ist Suchen angesagt ‚Äì was alles andere als leserfreundlich ist (siehe auch Eintrag vom 4. April 2006).
Wie wichtig Strukturen und Leserführung sind, hat man andernorts längst erkannt ‚Äì zum Beispiel beim englischen «Guardian», der kürzlich zu «Europas Zeitung des Jahres» gewählt worden ist. Carolyn McCall, Geschäftsführerin von «Guardian Newspaper Limited», gibt in einem Interview mit «persoenlich.com» auf die Frage «Welche Gedanken zur Struktur haben Sie sich gemacht?» folgende Antwort:
Im Jahr 2003 haben wir einen Versuch gestartet und dabei die Reihenfolge der Rubriken in der Zeitung stark verändert, diese zum Teil aufgelöst und Themen aus verschiedenen Ressorts gemischt. Die Leser waren ganz und gar nicht begeistert. Der Leser will Ordnung im Blatt. Er will seine Rubrik an einem bestimmten Ort finden. Zudem haben wir festgestellt, dass er zuerst die Nachrichten lesen will und dann erst die Kommentare. Wenn man eine Zeitung von Kopf bis Fuss auf den Kopf stellt, darf man trotzdem nicht zu grosse Risiken eingehen.
Mittwoch, 12. Juli 2006
Wer hätte das zu prophezeien gewagt: Fiona Hefti, polyvalente Lehrerin und gewesene Miss Schweiz, macht ein Volontariat bei der «NZZ am Sonntag». Wie «20 Minuten» zu berichten weiss, ist «das Volontariat der schönen Fiona zeitlich nicht begrenzt».
In der «NZZ am Sonntag» vom 9. Juli beschäftigt sich die schöne Fiona mit der Edel-Jeans, genauer gesagt mit der Frage, welche Jeans auf welchen Hintern passt und warum Stickereien und Strass nun in den Altkleidersack gehören. Der Tonfall des Artikels, der zwischen Plauderton und hineinredigierter Pädagogik oszilliert, soll hier nicht näher kritisiert werden. Jedoch sei Frau Hefti eine vergessene journalistische Disziplin ans Herz gelegt: Die Recherche. Denn wer sich statt eines Zweijahresabonnement der «NZZ am Sonntag» lieber eine neue Hose kauft – die zehn vorgestellten Modelle kosten immerhin 190 bis 450 Franken – möchte allenfalls wissen, ob diese ihr Geld wert ist. Zitat Hefti: Mit der Jeans wird also richtig gutes Geld verdient. Doch was ist denn an einer Jeans für 490 Franken so anders als an einer Hose aus dem Supermarkt, die vielleicht 29 Franken 90 kostet? Das fragen wir uns tatsächlich. Einer der wichtigsten Unterschiede ist, so sagen Fachleute, der Schnitt und der Aufwand, der damit betrieben wird. Welche Fachleute sagen das? Welcher Aufwand kann mit einem «Schnitt» betrieben werden? Was ist der Grund für die hohen Preise? Erwarten Sie bitte keine Antworten. Heftis nächster Satz: Die meisten dieser jungen Marken betonen zudem, dass jede Einzelne ihrer Hosen so sorgfältig und aufwendig produziert wird und dass sie ein Leben lang hält Ein Leben lang? Oder nur so lange, bis die «NZZ am Sonntag» den nächsten Gang zum Altkleidersack befiehlt? Gerne würden wir erfahren, ob die Behauptungen der jungen Marken stimmen. Denn um Tatsachen kann es sich wohl erst handeln, wenn sie von einer zweiten, idealerweise auch noch von einer dritten Quelle bestätigt werden. Nicht obwohl, sondern gerade weil sich der Artikel im «Stil»-Bund befindet. Re-chercher: Wieder suchen. Und weiter suchen.
Gegenüber «persönlich» sagte Luzi Bernet, stv. Chefredaktor, Hefti habe «ein Bewerbungsverfahren wie jede andere Kandidatin auch» durchlaufen müssen und könne «nicht auf eine Sonderbehandlung hoffen.» Darf sie wenigstens auf eine reguläre Betreuung hoffen?
Mittwoch, 12. Juli 2006
Andreas Z‚ÄôGraggen stellt in seiner Kolumne in der «Berner Zeitung» vom letzten Samstag fest, dass man von Moritz Leuenberger in seinem Präsidialjahr wenig bis nichts höre und dass er als Umweltminister nicht einmal im Bereich Umwelt etwas tue. Der Ex-«BZ»-Chefredaktor schreibt:
Krachendes Gebirge, klägliche CO2-Debatte, sterbende Fische, Ozonrekorde selbst auf den Alpweiden ‚Äì Umweltprobleme gehören zu den leider bedeutendsten unserer Gesellschaft. Indes will selbst dazu Leuenberger offenbar nichts einfallen. Was natürlich kompletter Unsinn ist. Leuenberger und sein Departement lassen sich immer wieder etwas «einfallen», nur gibts bürgerliche Mehrheiten in Bundesrat und Parlament, die vieles verunmöglichen: Die CO2-Abgabe wurde fast bis zur Unkenntlichkeit verwässert, die LSVA soll nicht wie vorgesehen erhöht werden, in Sachen Energie ist einzig «billig» das Kriterium, das AfU (BUWAL) wird bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen und so weiter und so fort.
Das alles hat Z‚ÄôGraggen nicht mitgekriegt, wahrscheinlich nicht mitkriegen wollen. Er findets ganz einfach cool, gegen Leuenberger zu schiessen, egal, ob die Kritik Sinn macht oder nicht. Wir vermuten: Würde Leuenberger so laute Töne singen, wie sie Z‚ÄôGraggen bei Blocher gefallen, würde ihm wohl vorgeworfen, er klopfe nur grosse Sprüche und lasse seinen Worten keine Taten folgen.
Zum Schluss seines Elaborats schreibt Z‚ÄôGraggen «genug ist genug». Tatsächlich!
Dienstag, 11. Juli 2006
Wer die aktuelle «Weltwoche» durchblättert, stolpert schon wieder über einen Text von Hanspeter Born. Der Mann fürs Grobe schreibt unter dem Titel «1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9/11» (Link kostenpflichtig) den Lead:
Die Zerstörung des World Trade Centers war keine Antwort auf die amerikanische Aussenpolitik, sondern Resultat einer Besessenheit. √úber Jahre bombten sich marodierende Islam-Terroristen an das Ziel heran: der Welt etwas ganz Grosses zu zeigen. Der Weg zur Tragödie. Als allererstes stellt sich uns die Frage, wieso Born gerade jetzt mit einer Geschichte kommt, für die es keinen aktuellen Anlass gibt. Eine Antwort finden wir nicht.
Born liefert uns über fünf Seiten die Vorgeschichte zu 9/11, zusammengestellt aus alten amerikanischen Terror-Untersuchungsberichten und alten Verhörprotokollen. Untersuchungsberichte und Protokolle, die notabene grösstenteils auf geheim geführten Befragungen mit angeblich inhaftierten Terroristen beruhen. Da nie Prozesse stattgefunden haben und selbst das Rote Kreuz keinen Zugang zu den Inhaftierten hat, ist genau genommen nicht einmal klar, ob die USA überhaupt im «Besitz» der betreffenden Leute sind. Somit ist auch nicht klar, ob die betreffenden Leute gesagt haben, was die CIA wiedergibt und was US-«Untersuchungskommissionen» in ihre «Berichte» verpacken.
Das einzige, was die Aussagen Khaled Scheich Mohammeds (siehe auch Eintrag vom 7. Juli 2006) und anderer Phantome in angeblichem US-Gewahrsam «wertvoll» macht, ist das Mitspielen der Medien, die jeden Gax, den die Terroristen via CIA verlauten lassen, fraglos abdrucken. Was Leute wie Hanspeter Born und die Weltwoche (und viele andere mehr) machen, ist Hofjournalismus der übelsten Sorte. Statt die USA für ihr rechtswidriges Verhalten zu kritisieren, wird heruntergebetet ‚Äì obschon keine Möglichkeit besteht, die Inhaftierten zu besuchen, keine Möglichkeit besteht, die Geschichten zu überprüfen, keine Möglichkeit besteht, festzustellen, ob Folter im Spiel war.
Die Information, mit der Born seinen Text als heisse Luft entlarvt, finden wir in einer Fussnote am Ende des Texts. Da steht:
Hauptquelle sind Aussagen von Khaled Scheich Mohammed, die von der CIA zuhanden des Gerichts im Fall Moussaoui zusammengefasst wurden: www.rcfp.org/moussaoui/pdf/dx-0941.pdf
Weitere Details zu den Aussagen Khaleds (die, obschon während den Verhören in der Gefangenschaft gemacht, als verlässlich gelten) finden sich im offiziellen Bericht der Untersuchungskommission zu 9/11: www.gpoaccess.gov/911/index.html √úber die «Verlässlichkeit» der Aussagen Khaled Scheich Mohammeds und Ramzi Binalshibhs (der andere angebliche 9/11-Drahtzieher) bestehen tatsächlich keine Zweifel: Deutsche Juristen und Geheimdienstler haben die Protokolle der Aussagen anlässlich der Hamburger 9/11-Prozesse gegen Motassadeq und Mzoudi als «praktisch wertlos» bezeichnet.
Montag, 10. Juli 2006
In der Sommerlochausgabe des «Schweizer Journalist» werden die Verschwörungstheorien von Rolf Frank nochmals kurz aufgewärmt. Den kompletten Text, welcher beim «SJ» nicht frei zugänglich ist, gibt es zum Beispiel im Weblog von Thomas Benkö.
Franks These: Benkö und dessen Gspänli Benjamin Rüegg, welche beide bei «heute» angestellt sind, instrumentalisieren die Schweizer Bloggerszene. Deshalb wird «heute» geschont, während «20 Minuten» aufs Dach kriegt. Eine wacklige Argumentation. Denn der grosse «heute»-Hype in den Weblogs war vor und unmittelbar nach dem Launch zu beobachten. Die Mehrheit der Schweizer Blogger hat sich längst wieder auf ihre Kernkompetenz besonnen: die Nabelschau. In diesem Kontext ist «heute»höchstens interessant, wenn der eigene Blog erwähnt wird.
In der normalen Bloggerszene werden wir also kaum viel über «heute»lesen. Und die beiden «Watchblogs», welche schon nach einer respektive drei Wochen ihre Fähnchen streckten? Ihr Verschwinden dürfte weniger einer verdeckten Operation von Ringier geschuldet sein als der harschen Realität: Blogger werden ist nicht schwer, Blogger bleiben dagegen sehr. Wer mit dem Anspruch antritt, ein «Abendpendlerblog» aufzuziehen, muss auch Beiträge abliefern, und das möglichst jeden Tag. Das braucht Motivation, Skills und Manpower. Und vor allem einen langen Atem.
Hintergründe, die Rolf Frank nicht sonderlich interessieren. Seine zweite Begründung für das andauernde Fehlen eines «heute»-Watchblogs ist nun aber wirklich haarsträubend: Die beiden kritischen Blogs zur neuen Abendzeitung wurden bereits nach wenigen lobenden Worten wieder geschlossen ‚Äì mangels Material. Daran kanns ja nun wirklich nicht liegen. Ein homöopathischer Feldversuch des Blattkritikers ergab innert drei Tagen zwei schöne Treffer ( 1, 2). Im Weblog von Suermel finden wir eine Rezension, welche an die «Gelben Seiten» bei «20 Minuten» erinnert. Und falls sich die Pendlerblog-Mannschaft bereit erklären sollte, ausnahmsweise eine Woche lang «heute» zu rezensieren, würde es ihr kaum langweilig.
Herr Frank, bleiben Sie dran.
Samstag, 8. Juli 2006
Absolventen der Visuellen Kommunikation der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) gestalten den fünften Bund in dieser und den nächsten beiden Ausgaben des «Tages-Anzeigers». Das Experiment findet vor dem Hintergrund des «Festivals der Künste» statt, das an diesem Wochenende auf dem Toni-Areal in Zürich stattfinden wird.
(…)
Den Studierenden gibt die Redaktion des «Tages-Anzeigers» freie Hand in der Gestaltung: Welche Zeitung schwebt der zukünftigen Grafikelite vor? Wie müsste eine Zeitung gestaltet sein, welche die Studierenden in Zukunft lesen möchten? Diesen Anriss haben wir am Donnerstag auf der Titelseite des «Tages-Anzeigers» gelesen. Gute Idee, finden wir. Bloss: Was wir in besagtem fünften Bund in den letzten drei Tagen angetroffen haben, hat mit gelungener, moderner Grafik gar nichts zu tun ‚Äì auf der Aufschlagseite finden wir ein selten gesehenes Chaos aus Titeln und Anrissen, die nächsten Seiten bieten eine selten gesehene, absolut unleserliche Bleiwüste.
Stellt sich die «zukünftige Grafikelite» tatsächlich so die Zeitung der Zukunft vor? Dann können wir nur hoffen, dass diese Elite nie die Möglichkeit bekommen wird, sich nachhaltig an einer Zeitung zu vergreifen.
PS: Gelesen haben wir die Texte nicht. Das wäre zuviel verlangt gewesen.
Freitag, 7. Juli 2006
Gegen die Vereinigten Staaten zu sein, ist weder neu noch mutig: Für die europäischen Eliten ‚Äì von Picasso bis Roger de Weck ‚Äì war und ist das Sternenbanner ein blutrotes Tuch. Warum? Antiamerikanismus ist eine Religion, die, wie jede Religion, keine Beweise braucht. Das schreibt Hanspeter Born im Lead zu seinem Text «Hass and Stripes» (Link kostenpflichtig) in der vorletzten «Weltwoche». Ein Lead, der Schlimmes erahnen lässt.
Bis weit in seinen fünfseitigen Text hinein liefert uns Born in der Folge eine umfangreiche Darstellung dessen, was über Jahrzehnte hinweg zu antiamerikanischen Gefühlen geführt hat ‚Äì sauber zitiert und nicht uninteressant. Als sich der Leser über Borns gemässigten Tonfall zu wundern beginnt, verliert der Autor unvermittelt die Contenance und wird seinem Ruf als unkritischer USA- und Bush-«Freund» vollauf gerecht. Er schreibt:
So trug eine Vielzahl von Faktoren dazu bei, dass der in Deutschland und Frankreich tief verwurzelte Antiamerikanismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch bei uns die Gestalt einer Ideologie oder Ersatzreligion annahm. Wie es sich für eine Religion gehört, hat auch der Antiamerikanismus seinen Klerus ‚Äì den höheren, der sich aus Hochschullehrern, Schriftstellern, Grosskommentatoren und anderen Intellektuellen zusammensetzt, und den niederen, den Lehrer, Reporter, Korrespondenten, Redaktoren, Moderatoren und sonstige Medienschaffende bilden. Der hohe Klerus gibt die Dogmen vor, der niedere betet sie nach. Wer erwartet, dass Born für diesen Unsinn ein paar Argumente liefert, der sieht sich getäuscht. In der Folge macht der Autor genau das, was er den «Antiamerikanern» vorwirft: Er verliert jedes Mass an Objektivität, er klopft Plattitüden, er vertritt seine Position mit genau jenem religiösen Eifer, der keine Argumente braucht, er findet blindwütig alles gut und wahr, was aus der richtigen Ecke kommt.
Zu guter Letzt greift Born zur beliebten Keule «Verschwörungstheorien». Er schreibt:
Die These, wonach Bush zur Kontrolle des Erdöls in den Krieg zog ‚Äì «Blut für √ñl» ‚Äì, wird an den linken und rechten Rändern des politischen Spektrums geglaubt. These? Dürfen wir ein Argument für ihre Gegenthese hören, Herr Born? Nein? Ok, kein Problem, wenn Bush sagt, es gehe nicht ums √ñl, dann stimmt das natürlich!
Weiter:
Und was die hartnäckige Kolportage betrifft, Bush sei «auf undemokratische Weise» gewählt worden, so erbrachten spätere, von einem repräsentativen Pool von Zeitungen durchgeführte Nachzählungen das Resultat, dass Bush im Jahr 2000 im entscheidenden Bundesstaat Florida eine Mehrheit der Stimmen erhalten hatte. Auch sein damaliger Gegner Gore akzeptiert heute, dass Bushs Wahl demokratischen Kriterien entsprach. Das hören wir so zum ersten Mal, Herr Born. Haben Sie uns dazu eine Quelle oder einen Link oder irgendwas? Nein? Ok, kein Problem, wenn irgendwelche US-Zeitungen sagen, die Wahlen seien in Ordnung gewesen, dann stimmt das natürlich!
Weiter:
Der Basler Professor Georg Kreis, rühriger Präsident der Antirassimuskommission, der neustens auch über Antiamerikanismus liest, wurde jüngst nach einem Vortrag gefragt, was er von den Verschwörungstheorien zu 9/11 halte. (‚Ķ) Und speziell zu 9/11 meinte Professor Kreis: «Muss ich jetzt wirklich wissen, wie sehr die CIA in verschiedenen Varianten mitgespielt hat ‚Äì von inszeniert bis wissend duldend, was auch immer? Ich kanns nicht wissen.» Die Aussage von Kreis, er könne nicht wissen, «wie sehr die CIA in verschiedenen Varianten» bei 9/11 mitgespielt habe, ist in ihrer pseudoseriösen Schlaumeierei ein besonders schönes Exempel für Antiamerikanismus. Er lässt den ungeheuerlichen Verdacht unwidersprochen im Raume stehen, dass der amerikanische Geheimdienst tatsächlich bei den Anschlägen von 9/11 die Finger im Spiel hatte. Wenn dem so wäre, dann wäre Amerika tatsächlich ein bis ins Innerste verrottetes, krankes Land.
Nun kann und muss aber ein der Wahrheit verpflichteter, gewissenhafter Berufshistoriker wissen, dass die Primärquellen ‚Äì Aussagen Bin Ladens auf Video, Interview von Al-Dschasira mit dem Architekten von 9/11, Khalid Shaik Mohammed, der 9/11-Bericht der überparteilichen Untersuchungskommission ‚Äì ebenso wie die mittlerweile sehr umfangreiche Sekundärliteratur ein duldendes Mitwissen, geschweige denn eine Beteiligung der CIA an den Anschlägen ausschliessen. Wer ein «der Wahrheit verpflichteter, gewissenhafter Berufshistoriker» ist, der weiss,
‚Ä¢ dass die meisten Video- und Tonbotschaften Bin Ladens schon längstens als Fälschungen entlarvt sind ( Link, Link, Link).
‚Ä¢ dass Khalid Shaik Mohammed, der von den USA nach 9/11 verhaftet worden ist und seither brav seine passenden Aussagen liefert, ein Phantom ist, das bis heute nie mehr von neutraler Stelle gesehen worden ist, das nicht einmal zu 9/11-Prozessen vorgeführt wird, das selbst für die 9/11-Kommission unerreichbar war. Notabene beruht trotzdem gut ein Viertel des Untersuchungsberichts auf Mohammeds «Aussagen».
‚Ä¢ dass heute 42% der Amerikaner glauben, dass die offizielle Geschichte rund um 9/11 nicht stimmt und dass 45% eine neue, diesmal wirklich unabhängige Untersuchung fordern ( Link).
Wie auch immer. Was Born uns sagen will: Jede Art von Amerikakritik ‚Äì gehe es nun um Angriffskriege, Folter, 9/11, Wahlsiege in Florida oder oder oder ‚Äì ist unangebracht und einfach nur Verschwörungstheorie verblendeter Zeitgenossen.
Danke für Ihren wichtigen Diskussionsbeitrag, Herr Born. Wir freuen uns jetzt schon auf Ihren nächsten Text.
Donnerstag, 6. Juli 2006
Knapp, aber nicht kryptisch soll sie sein, informativ, aber nicht langfädig, wertneutral, aber nicht beliebig. Die Schlagzeile ist ein labiles Biest mit permanenter Absturzneigung, das nur selten alle Anforderungen erfüllt. Es sei denn, ihr Schöpfer wird von den Vorgaben enthoben und schreibt für die «NZZ». Denn im strengen Vierspaltensatz der alten Tante blühen Headlines, die in ihrer fröhlichen Losgelöstheit einmalig sind. Einige Kostproben aus der heutigen Ausgabe:
«O du schön kühles Nass»
(als Fazit der 20. Stadtzürcher Seeüberquerung. Die Wassertemperatur betrug kühle 24¬∞ Celsius)
«Ein Rebberg aus einem Guss»
(anlässlich der Zusammenlegung zweier Rebberge in der Zürcher Burghalde. Hochofen- bzw. Rebbergbesitzer: die psychiatrische Universitätsklinik Burghölzli und der Kanton Zürich.)
«Ehre für Militärbauten am Rhein»
(die Ehre besteht in einer bereits wieder vergriffenen Publikation über militärische Bauten im Aargau. Da werden sich die geehrten Bunker aber freuen.)
«Eine "Cr√®meschnitte" aus dem Jungbrunnen»
(ohne vollständige Artikel-Lektüre nicht zu knacken: Die Cremeschnitte ist ein Luzerner Motorschiff, der Jungbrunnen dessen Renovation.)
«Der Gletscher läuft wie ein Honigbrot»
(nicht etwa im Sportteil, sondern unter «Tourismus» ins Blatt gesetzt. Das Honigbrot bzw. eben nur der zäh fliessende Honig ist eine Metapher für die Bewegung des Aletschgletschers. Nun ja.)
Fortsetzung folgt.
Donnerstag, 6. Juli 2006
Einen besonders schönen Logikfehler finden wir heute in der «Berner Zeitung» auf Seite 3, ausgerechnet im Titel. Da steht:
Rascher Rücktritt wirft Fragezeichen auf Ein Rücktritt kann höchstens Fragen aufwerfen, sicher nicht Fragezeichen.
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