Freitag, 29. September 2006
Der «Tages-Anzeiger» soll eine Qualitätszeitung bleiben, wie Chefredaktor Peter Hartmeier in unregelmässigen Abständen gelobt. Doch der ungebrochene Erfolg von «20 Minuten» scheint Hartmeier zu irritieren. Wozu noch Haute Cusine, wenn bereits jetzt eine Million Leser mit Convenience Food erreicht wird?
Das fragte sich gestern Abend auch der «Tagi»-Blattmacher. Und er entschied sich, der leichten Küche den Vorrang zu geben: Bereits auf der dritten Seite im «Zürich»-Bund finden wir heute einen weiteren Erguss von Haymo Empl (online nicht frei zugänglich). Es geht um Nadia Brönimann, die wohl berühmteste Transsexuelle der Schweiz. Empl beweist uns bereits im Einstieg seine Fähigkeit, mit einem wichtigen, aber nicht ganz einfachen Thema überzeugend umzugehen: Nadia wollte sich eigentlich ja «aus den Medien» zurückziehen. Nun überrascht sie mit einem neuen Buch samt Vernissage und einer illustren VIP-Gästeliste. Nadia ‚Äì wenige Stunden vor dem Event. Ein Telefonanruf. Nadia ist auf dem Weg nach Zürich. Nach fünfmaligem Klingeln nimmt Nadia ab. «Entschuldige bitte, ich habe mir eben die Haare entfernen lassen. Darf ich noch kurz hier allen Ciao sagen?» Das Zitat ist leider repräsentativ. Nicht die «Glückspost», nicht die «Frau im Spiegel» hält der Blattkritiker in der Hand, sondern den «Tages-Anzeiger». Der Inhalt des «Artikels» ist rasch zusammengefasst: Brönimann kommt mit ihrer Rolle nur schwer zu Gange, kann nicht gut mit, aber auch nicht ohne Medien sein, hat einen Suizidversuch hinter sich und flirtet gerne mit dem Kondukteur. Und weil Haymo Empl als raunender Beschwörer des Authentischen ganze Abschnitte im O-Ton stehen lässt, erfahren wir wichtige Details, die uns eine differenzierte Einschätzung der Person Nadia Brönimann ermöglichen. Zum Beispiel Folgendes: Nadia steht am Billettschalter. «Zürich einfach bitte, aber ohne Tram.» Selbstverständlich arbeitet Empl auch die problematische Seite der Causa Brönimann heraus. Denn wenn Medien über ihre eigene Rolle und Wirkung berichten, ist nicht nur Transparenz, sondern auch Evidenz notwendig:
[Zitat Brönimann:] «(...) Noch immer habe ich diese innere Zerrissenheit. Traumfrau ‚Äì Transe. Medienstar ‚Äì Medienopfer. Aber ich habe mittlerweile gelernt, die Facetten des Produkts ‚ÄπNadia‚Ä∫ zu akzeptieren, und versuche, mich selbst zu finden.» Unglaublich überraschend. Eine solche Aussage kann gar nicht hinterfragt werden. Schon gar nicht, wenn der «Tages-Anzeiger» bei der Akzeptierung der Facetten des Produkts «Nadia» mithilft.
Aber eigentlich ist der «Tages-Anzeiger» eine Qualitätszeitung.
Donnerstag, 21. September 2006
Früher, da galt im Journalismus mal das Motto: Es kommt nur ins Blatt, was für den Leser relevant ist. Heute, so hat man zuweilen den Eindruck, verwechseln Journalisten die Zeitungsspalten mit ihrem privaten Tagebuch.
Ein «gelungenes» Beispiel aus jüngster Zeit ist Alexander Surys Kolumne im «Kleinen Bund» vom vergangenen Samstag. Unter dem Titel «Irgendwie total blockiert» leidet der Leser eine ganze Spalte lang an Surys Hexenschuss ‚Äì Feriengeschreibsel der langweiligen Sorte.
Uns bleibt nur die Hoffnung, dass Alexander Sury nicht auch noch Halsschmerzen kriegt.
Donnerstag, 21. September 2006
Wir erinnern uns: In perfekter √úbereinstimmung mit den Aktionen von Bundesrat Christoph Blocher hatte die «Weltwoche» im Sommer in gross aufgemachten Artikeln massiv gegen Bundesanwalt Valentin Roschacher geschossen und damit nicht unwesentlich zu dessen vorzeitigem Rücktritt auf Ende dieses Jahres beigetragen.
Jetzt hat das Bundesstrafgericht entschieden, der Einsatz des ehemaligen kolumbianischen Drogenbarons Ramos als Spitzel für die Bundesanwaltschaft sei nicht widerrechtlich gewesen. √úber Sinn und Unsinn von Roschachers Aktionen ist damit natürlich noch nichts gesagt, aber rechtlich ist der Bundesanwalt aus dem Schneider.
Klar, dass wir heute gespannt zur neuen «Weltwoche» gegriffen haben. Was schreibt das Blatt zur Wende in «seinem» Fall? Resultat: Kein Wort.
Mittwoch, 20. September 2006
Die TA-Media analysiert, auf welche Websites die Angestellten zugreifen. Dabei sind Missbräuche festgestellt worden, wie Persönlich berichtet: Mindestens jemand scheint etwa im Fussball-Game Hattrick am Ball bleiben zu wollen. Sollten wiederum solche Verstösse gegen die internen Richtlinien festgestellt werden, würden die fehlbaren Mitarbeiter identifiziert und müssten mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen.
Beim Tages-Anzeiger würden im Bereich Layout, Dokumentation und Korrektorat 24 Stellen abgebaut, schreibt der Kleinreport heute. Deshalb, lieber Lektor, Rechercheur und Layouter: So sehr die virtuelle Fussballmannschaft den Coach bräuchte, lass sie warten. Denn sonst wirst du vom Platz gestellt.
Mittwoch, 20. September 2006
Ein konsistenter Beitrag der «heute»-Redaktion zur Unterkellerung publizistischer Minimalstandards ist die Kolumne Zora Off. Die Logorrhöe der anonymen Zora wird nicht nur im Web publiziert, sondern auch jeden Tag auf der letzten Seite der Printausgabe abgedruckt. Auch das ein Grund, nicht jeden Tag zu «heute» zu greifen.
Wie der Blattkritiker nun via Medienlese und Rundschlag erfahren hat, war die lustige Zora dieser Tage besonders gut aufgelegt und schrieb am 4. September: Dennoch habe ich etwas begriffen: Plüschtrainingsanzüge dürften nur dunkelhäutige Frauen anziehen! (...) Also, ich meine, keine Solarium gebrutzelten Lederkatzen oder übersprühte Bodytan-Blunzen. Nein, ich rede hier von einer genetisch bedingten schoggibraunen Zuckerpuppenhaut √† la Beyonc√© ‚Äì diesen «Afro American Superstar». Also im Klartext: Negerhaut mit Plüsch sieht scharf aus. Darf man das so sagen? Oder bin ich besoffen? Hihihi. Darf man das so schreiben? Anscheinend darf man. Jedenfalls bei «heute». Und wenn die Leser das harmlose Negerhautwitzchen nicht so toll finden, kann man sich mit einem «Sorry» entschuldigen. Passt doch.
Die Antirassismuskommission und der Presserat werden das Gesabbel sicher auch lustig finden, wenn sie erst einmal so besoffen sind wie Zora. Der Blattkritiker aber fragt sich ernsthaft, wann Ringier («Für die Qualität und die Ausbildung im Journalismus verpflichtet die hauseigene Journalistenschule», s. hier) seinem jüngsten Spross endlich einen Abschlussredaktor spendieren wird.
Montag, 18. September 2006
In der aktuellen Weltwoche betont Silvio Borner, Wirtschaftsprofessor an der Universität Basel, in einem Kommentar auf Seite 3 (Link kostenpflichtig) ein weiteres Mal, wie nutzlos der Ausbau erneuerbarer Energiequellen sei ‚Äì was natürlich sein gutes Recht ist. Irreführend und deshalb mehr als ärgerlich finden wir allerdings, wenn Borner schreibt:
Deshalb produziert das EWZ gar nicht erst Windkraft, sondern kauft «Zertifikate» von dänischen Windmühlen ‚Äì ohne dass dadurch auch nur ein Kilowatt Windstrom mehr im Zürcher Netz fliesst. Denn bei dem Zertifikat handelt es sich um eine Art «Ablasspapier» ‚Äì ein «Gutmenschen-Diplom» mit ideellem Wert, zum Einrahmen sozusagen. Wir fragen uns: Hat Silvio Borner eine lange Leitung? Inzwischen haben nämlich auch weniger gebildete Leute als Borner (wie z.B. der Blattkritiker) begriffen, dass es nicht darauf ankommt, welcher Strom jetzt gerade aus der Steckdose kommt, sondern wie hoch der Anteil des sauber produzierten Stroms insgesamt ist. Wo dieser Strom entsteht, spielt dabei keine Rolle. Denn weder die Schweiz noch der Raum Zürich haben ein abgeschlossenes Stromnetz, sondern sind mit ganz Europa verbunden (was «uns» notabene jedes Jahr Hunderte von Millionen Franken in die Taschen spült). Deshalb macht es durchaus Sinn, für Windkraft in Dänemark zu bezahlen, vorausgesetzt, eine unabhängige Behörde überprüft, dass der bezahlte Strom auch wirklich produziert wird.
Montag, 18. September 2006
Die «NZZ am Sonntag» bringt in ihrer gestrigen Ausgabe ein Interview mit James D. Watson, Mitentdecker der Doppelhelix und Nobelpreisträger (online nicht frei zugänglich). Watson wird bald sein drittes Buch publizieren, und er hat sieben Thesen für den wissenschaftlichen Erfolg veröffentlicht, die von der NZZ brav in einem Kästchen abgedruckt werden.
Ein Nobelpreisträger gehört nun wahrlich zur oberen Liga der Interviewkandidaten: Die Chance, dass er ein spannender Mensch ist oder wenigstens etwas Spannendes erzählen kann, ist wesentlich höher als bei einem Fussball- oder Filmstar. Entsprechend motiviert hat sich der Blattkritiker ans Lesen gemacht. Wie aber führt Andr√© Behr sein Interview? Indem er Watson vor allem zu seinen Thesen befragt. Nicht der Reihe nach, sondern ganz vertrackt, in zufälliger Reihenfolge. Das tönt dann ungefähr so: In Regel 5 empfehlen Sie, niemals der Hellste im Raum zu sein. (...)
Ihre Regel 2 lautet: Arbeite mit Besessenheit auf dein Ziel hin. Hatten Sie auch diesen Hang schon als Knabe, wie das schnelle Gehen? (...)
Warum soll man sich laut Regel 4 als junger Forscher auf Fragen beschränken, die innert weniger Jahre Aussicht auf eine Lösung haben? (...)
Ihre 7. Regel für wissenschaftlichen Erfolg lautet, man solle sich stets jemanden bereithalten, der einem hilft, wenn ein anderer das Rennen macht. Hatten Sie dabei an Ihre Frau gedacht? (...) Natürlich äussert Watson dann seine Meinung zu diesen provokanten Fragen. Er erzählt uns auch, dass er unbedingt einmal gegen Roger Federer spielen möchte und dass ihn die Biologie nach wie vor fasziniert. Aha.
Der Blattkritiker behauptet nicht, dass ein gutes Interview etwas Einfaches ist. Er könnte auch nicht aus dem Stand die fünf wichtigsten Fragen aufzählen, die man Watson stellen müsste. Es gibt allerdings Themen, die auch in Kreisen ohne Bio-Masterabschluss diskutiert werden. Zum Beispiel die zunehmende Verschmelzung der Biologie mit der Chemie oder die immer problematischere Stellung der Wissenschaft (vgl. z. B. den Steigflug des Kreationismus in Kenia oder die Einschränkung einfachster Chemie-Versuche in US-Schullabors wegen angeblicher Terrorgefahr). Oder die Chancen und Risiken des 2003 abgeschlossenen Human Genome Project. Oder den ganz banalen Alltagsbezug suspekter Reiskartons.
Nichts davon. Ausgerechnet im «Wissen»-Bund der Sonntagstante, der sonst mit guten Artikeln glänzt, driftet das Gespräch ins Persönliche, Beliebige, Marginale. Eine enttäuschende Leistung. Wir wünschen uns und auch Dr. Watson, dass er das nächste Mal etwas gründlicher und ergiebiger befragt wird. Am Besten von einem Nachfahren Sherlock Holmes'.
Donnerstag, 14. September 2006
Fünf Jahre und zwei Kriege nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 liegen immer noch keine gerichtstauglichen Beweise für die Schuld Osama bin Ladens und der 19 Attentäter vor. Daran hat auch der vor etwas mehr als zwei Jahren veröffentlichte Bericht der 9/11-Untersuchungskommission nichts geändert: Viele der offenen Fragen wurden nicht beantwortet, viele der im Bericht aufgestellten Behauptungen sind inzwischen widerlegt (siehe David Ray Griffins Buch «Ommissions and Distortions»). Zuletzt hat der Prozess gegen Zacarias Moussaoui gezeigt, auf wie wackligen Füssen die Version der US-Regierung steht. Hätte Moussaoui nicht ein zweifelhaftes Geständnis abgelegt (das er inzwischen widerrufen hat), wäre er nicht verurteilt worden. Zudem haben Zeugen während des Prozesses wiederholt Aussagen zu Protokoll gegeben, die ein mehr als schiefes Licht auf die offizielle Version der Ereignisse werfen.
Logisch, dass die Kritik an der offiziellen 9/11-Darstellung in den USA immer lauter wird und Gehör findet. 36 Prozent der Amerikaner und sogar 49 Prozent der New Yorker glauben heute, dass die Bush-Administration bei den Anschlägen irgendwie die Finger im Spiel hatte. Zahlen, die noch vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte.
Zahlen, die auch den Medienschaffenden hierzulande zu denken geben müssten. Betonung auf «müssten». Denn obschon der fünfte Jahrestag der Anschläge der ideale Moment gewesen wäre, um Bilanz zu ziehen und den Lesern Fakten oder zumindest Analysen zu präsentieren, lesen oder hören wir ausser im «Tagesanzeiger», im «Blick» und in der Kulturbeilage der «Basler Zeitung» in der gesamten Schweizer Medienlandschaft nichts, was dem vor allem in den USA laufenden Diskurs auch nur annähernd gerecht werden würde.
"9/11: viele Vorurteile, wenig Substanz" vollständig lesen
Donnerstag, 14. September 2006
In seiner heutigen Ausgabe widmet der «Tages-Anzeiger» gleich zwei Seiten der «Zukunft der Zeitung» (online nicht frei zugänglich ‚Äì eine bedauerliche Fehlleistung). Der Blattkritiker hat für die geneigte Leserschaft zwei Rosinen herausgepickt. Zum ersten ein Auszug aus dem Interview mit Michael Grabner (Chef der Holtzbrinck-Gruppe, u. a. «ZEIT», «Handelsblatt», «Wirtschaftswoche»). Grabners Meinung zu spannendem Journalismus: TA: Ist [die Unmenge an uninteressanter Information, die auf den Zeitungsleser einprasselt] ein Problem nur des Budgets oder auch ein Problem der Journalisten: Faulheit und Routine?
Grabner: Jetzt wirds heikel. Ich denke hier an den Piloten. Der nimmt vor dem Start die Checkliste und checkt immer wieder durch: Geht das Höhenruder? Und dann fliegt er. Ich glaube, es wird auf die Länge notwendig sein, dass ein Journalist sich fragt, bevor er schreibt: Welchen Nutzen stifte ich mit diesem Artikel? Ist es ein Informationsnutzen, ein Unterhaltungsnutzen, ist es ein Servicenutzen? Was liefere ich hier?
So weit, so gut.
Aber jetzt gehts leider weiter, da sind wir ja nur bei der Pflicht. Dann müssen Sie noch die Kür machen, kreativ werden, fliegen. Das ist ein völlig neues Anforderungsprofil ‚Äì nicht nur für Printjournalisten. Da wird es eine neue Generation geben. Wir müssen darum kämpfen, das Ding weiterzudrehen. So neu sind diese Anforderungen gar nicht. Im Gegenteil: Sie galten einst als notwendige Qualifikation der rasenden Reporter. Und dass vor der Kür die Pflicht kommt, war früher auch etwas besser bekannt. Die neue Generation darf sich nach Meinung des Blattkritikers gerne wieder auf die alten Tugenden besinnen. Und uns dafür ein paar Dutzend Artikel zu Schuhgeschäften, künstlerischen Hausbesetzern und den eigenen Ferienerlebnissen ersparen.
And now for something completely different. Nämlich Claassens Schlusswort zur Schweizer Printlandschaft: Seit die Tageszeitung als Mediendinosaurier quasi offiziell vom Aussterben bedroht ist, suchen noch mehr Verlage ihr Heil in stets neuen Kreuzungen der mutmasslich überlebensfähigeren Untergattungen. Gezüchtet werden solch zielgruppenoptimierte Marketingprodukte nach den drei Hauptfaktoren Themenbreite, Distributionsweg und Preisgestaltung. Alles «nur» eine Frage des richtigen Mix. Demnach scheint es nur eine Frage der Zeit, bis im Briefkasten auch eine Gratissonntagszeitung liegt und vor dem Stadion das Fussballblatt für 50 Rappen verteilt wird.
Dem Medienjournalismus geht so wenigstens die Arbeit nicht aus ‚Äì auch wenn er dabei gelegentlich zur Kriegsberichterstattung mutiert. Die «NZZ», bitte. Und eine kugelsichere Weste.
Dienstag, 12. September 2006
Die neuen WEMF-Zahlen liegen vor und sorgen bei den grossen Titeln für Zähneknirschen. Die aktuellen Notierungen: «Tages-Anzeiger» minus 4,5 Prozent, «NZZ» minus 5,5 Prozent, «20 Minuten» plus 7,4 Prozent (eine praktische Linksammlung zur Erhebung gibts beim Medienspiegel). Hübsch auch der Bericht der NZZ, welcher Seitenhiebe auf Tamedia-Titel mit beiläufigem Totschweigen des eigenen Resultates vereint.
Der Blattkritiker ist auf die nächste Auswertung gespannt, in welcher erstmals auch die Zahlen der Qualitätszeitung «heute» enthalten sein werden. Wen wird sie kannibalisieren? Doch nicht etwa die publizistische Stiefschwester («Mir verträged ois im Fall uuuuh guet!») aus dem Hause Ringier?
Sonntag, 10. September 2006
9/11 ist der Schwerpunkt der «NZZ»-Wochenendausgabe. Wer sich durch die zahlreichen Artikel zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Attentate endlich ins Feuilleton durchgekämpft hat, liest dort einen kruden Titel: Der Angriff der Vergangenheit auf die übrigen Zeit
Der 11. September war auch ein Attentat auf die literarische Phantasie. Das dürfte etwas übertrieben sein. Die literarische Phantasie ist immateriell und damit vor Ermordung sicher. Und sie widmet sich zum guten Glück auch noch anderen Themen als «The Two Towers».
Der Blattkritiker goutiert die Schlagzeile nicht. Und auch nicht den darunter stehende Artikel von Andrea Köhler (ausnahmsweise sogar frei zugänglich). Zu viele schiefe Bilder vergällen ihm das Lesevergnügen. Zum Beispiel das folgende: Die tagespolitischen Einschlüsse [in Ian Mc Ewans Buch «Saturday»], die dem fiktiven Geschehen als mattes Räsonnement aufgepfropft sind, rauben der Literatur die ansteckende Dimension, die uns zum Buch greifen lässt statt zur Zeitung. Doch seit die Zukunft ins Präsens stürzte und Terroristen an den Texten mitschreiben, hängt die Sprache vieler Schriftsteller den Ereignissen merkwürdig hinterher Mit der «Zukunft» sind anscheinend die WTC-Türme gemeint (Köhler: «Eine vertikal ausgerichtete Perspektive, die am Himmel Mass nahm»). Das Bild ist trotzdem falsch. Die Zukunft hat im Präsens nichts verloren: Sie geschieht nicht, sondern wird geschehen. So hängt dann die Sprache der Logik merkwürdig hinterher. Und dann erst die mitschreibenden Terroristen! Greifen sie tatsächlich den Herren Mc Ewan, Amis oder Updike in die Tastatur? A propos:
Was Updike, ein in der Wolle gewaschener Protestant und subtiler Erzähler, im Kopf seines islamistischen Attentäters vorfindet, ist nicht weit entfernt von jenen Klischees, die man bei sich selbst immer öfter entdeckt, seit unsere täglichen Wege von Sprengstoff gesäumt sind Leider werden diese Klischees, die man anscheinend sein Eigen nennt, nicht genannt. Schade! Gerne hätte der Blattkritiker als in der Wolle gefärbter Neugieriger erfahren, ob seine Vorurteile dem Plansoll entsprechen. Aber wessen Wege von Sprengstoff gesäumt sind, der soll sich nicht mit derlei Spitzfindigkeiten abgeben, sondern besser Acht geben, wo er hintritt. Sonst stürzt unversehens auch seine eigene Zukunft ins Präsens. Oder wie war das noch gleich?
Während die Realität zunehmend in Dichotomien auseinanderzudriften scheint, bleibt der Roman das Feld, jene notorisch zu unterwandern. Das Merkmal ästhetischen Mehrwerts ist genau das Gegenteil all der Erklärungen, mit denen wir uns zu Recht, wenn auch vergeblich über den Tag bringen: Ambivalenz und Komplexität. Dann müsste man aber erst recht eindeutig und klar schreiben.
Freitag, 8. September 2006
Den Fehlschlag des Tages liefert uns heute die «Berner Zeitung». Zum Bild auf der Titelseite schreibt ein überforderter Blattmacher die Legende:
Ungleiches Duo vor traumhafter Kulisse: BZ-Sportredaktor und Hobbygolfer Adrian Ruch (links) beobachtet den Ball der Proette Michelle Wie.
Erstens: Michelle Wie hat ihren Ball in der Hand, während der BZ-Sportredaktor in eine ganz andere Richtung schaut ‚Äì von «den Ball beobachten» kann also keine Rede sein.
Zweitens: Selbst wenn man den Ball in Wies Hand übersieht und sich dieser tatsächlich in Bewegung befinden würde ‚Äì Ruch richtet seinen Blick ganz offensichtlich geradeaus oder sogar nach oben, er kann also einen auf dem Puttinggreen rollenden Ball nicht wirklich sehen.
Drittens: Man kann einen Ball nur dann «beobachten», wenn dieser sich bewegt, das heisst, man kann die Flugbahn des Balls beobachten oder beobachten, wie der Ball rollt. Den Ball an sich kann man nur anschauen oder betrachten.
Freitag, 8. September 2006
Nach der sprachlichen Würdigung der neuen Zimmermann-Kolumne (online nicht frei zugänglich) kann sich der Blattkritiker nun auch noch deren Inhalt zuwenden. Das Management Summary für unsere eiligen Leserinnen und Leser: Journalisten sind selbstverliebt, berichten am Liebsten über ihresgleichen, kommentieren den kleinsten personalpolitischen Pups bei der Konkurrenz mit Häme und benötigen zum √úberleben «einen unablässigen Nachschub von Klatsch und Tratsch aus der eigenen Sippe.» Zu diesem Zweck abonnieren sie eine der «drei Zeitschriften für die 10'000 Medienschaffenden der Schweiz» und surfen fleissig im Netz: Die beiden Homepages persoenlich.com und kleinreport.ch liefern dazu im Tagesrhythmus alle Gerüchte, Halbwahrheiten und Fakten aus dieser kleinen Welt (...) Dazu kommen ein Dutzend Medienblogs wie blattkritik.ch, Pendlerblog.ch und medienspiegel.ch, welche die Akteure der Medienbranche intensiv begleiten. Nichts gegen «persönlich», nichts gegen den «Kleinreport». Aber Mediennews und Medienjournalismus sind nicht ganz das selbe. Die «intensive Begleitung» der «Akteure» ist in der Regel eine Kritik und damit das Gegenteil einer weichgespülten «Vorname Nachname stellt sich neuer Herausforderung»-Meldung. Keines der drei Blogs, auch nicht das unsere, widmet sich dem personenbezogenen Klatsch. Wir dürfen deshalb bekanntgeben, dass bei uns weder Hassmails noch Fruchtkörbe von Schweizer Medienschaffenden eingehen.
Donnerstag, 7. September 2006
In der aktuellen «Weltwoche»-Kolumne von Kurt Wehpunkt Zimmermann kriegen die selbstverliebten Journalisten ihr Fett ab (online nicht frei zugänglich). Eine Detailbesprechung folgt morgen Freitag. Einstweilen würdigt der Blattkritiker den unnachahmlichen Zimmermannschen Stil, der in folgendem Satz kumuliert:
Viele Medienhypes und Medienflops der Vergangenheit sind [durch die Verbandelung der Medienleute untereinander] zu erklären, etwa die unsäglichen kollektiven Treibjagden und Lemmingwanderungen der jüngsten Zeit. Die innengerichtete Nabelschau verklebt häufig den Blick über das publizistische Spiegelkabinett hinaus. Wow! Wenn das keine virtuose Katachrese ist!
Beginnen wir mit der Nabelschau. Sie ist per Definition ichbezogen und kann deshalb gar nicht «aussengerichtet» sein. Es sei denn, es stünde ein Nabelpiercing zur Debatte.
Dann der verklebte Blick, ein klarer Bildbruch. Richtig wäre ein getrübter Blick. Egal. Nur wenige Nabelpiercings sind wirklich ansprechend.
Und als Schlussbouquet noch der Blick über das Spiegelkabinett hinaus. Waren Sie, geneigte Leserinnen und Leser, schon einmal in einem Spiegelkabinett? Ja? Dann wissen Sie, was an diesem Bild nicht stimmt. Ein Spiegelkabinett ist ein geschlossener Raum. Um darüber hinausschauen zu können, müsste man erst den Spiegel an der Decke durchbrechen. Das aber tönt nach wirklicher Arbeit. Und erklärt vielleicht, weshalb die Piercingrezensenten den Aufwand scheuen.
Donnerstag, 7. September 2006
Wir schätzen den «Klein Report». Er bringt zuverlässig Nachrichten aus der Medien- und Kommunikationsbranche direkt in unsere elektronischen Briefkästen. Bei der Nachlese stolperten wir aber über die Meldung «David Beckham ist der älteste Mann der Welt»:
[...] Dort [in einer Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur] hiess es dann weiter, «die Ehefrau des englischen Fussballstars David Beckham (319) erwarte ihr viertes Kind...» Nun ist auch dem Klein Report die Tastatur eines Computers (und früher der Schreibmaschine) nicht unbekannt, so dass es kein Geheimnis ist, wie es zur unfassbaren Alterung des offenbar bald vierfachen Vaters gekommen ist. Aber manchmal stellt sich die Frage, ob auch bei der SDA die Existenz des Korrekturprogramms im Word bekannt ist (kleiner Tipp, liebe Kolleginnen und Kollegen: Oben unter «Extras» hats die Rubrik «Rechtschreibung und Grammatik»). Wir waren etwas erstaunt und haben uns einige Fragen gestellt: Schreibt und korrigiert man bei der Schweizerischen Depeschenagentur tatsächlich mit dem Textverarbeitungsprogramm Word? Hätte die Rechtschreibeprüfung wirklich festgestellt, dass David Beckham jünger sein muss? Und sollten sich Nachrichtenschreiber nicht besser zuerst etwas in Satire üben, bevor sie sich öffentlich in Satire üben?
|
 |
 |
 |
|
Neuste Kommentare
News, die unsere Medien intere ssieren dürften. Wer wei [...]
Das artet ja langsam aus.
Peter Zieglers Replik zum BUND ! Meine (einmalige/ei [...]
Ich finde, @Leumund hat es drü ben bei Twitter hervorra [...]
Eine Gegendarstellung ohne Red aktionsschwanz? … dass i [...]