Montag, 30. Oktober 2006
In der Informatik gibt es zwei wichtige Regeln. Erstens die Finger-Weg-Regel: «Verändere nie ein funktionierendes System.» Zweitens die Cablecom-Regel: «Wer erst mal ein Problem hat, wird es lange haben.»
Die Schweizer Verleger lernen in diesen Tagen und Wochen die Cablecom-Regel in aller Gründlichkeit kennen. Denn nach der ersten und zweiten Runde «Hacken» geht es heiter weiter. Möchten Sie, liebe Leser, wieder gratis den «Tages-Anzeiger» lesen? Im Weblog von benbit finden Sie die Anleitung. Oder wollen Sie, liebe Leserinnen, die gestrige «Sonntagszeitung» als als handliches PDF? Ein Kommentator hinterliess den Tipp auf unserem Blog.
Im letzten Bericht zum Thema e-Paper schrieb der Blattkritiker, die Verleger sollten ihre Texte nicht mit einer Wand aus Emmentaler schützen. Das war vielleicht zu undeutlich. Deshalb zitieren wir heute den Stillen Hasen: Nid eso, nei nei, nid eso hani gseit
Nei, nid eso, losit, nid eso, nei nei, nid eso hani gseit
Stelle
U nid lege
(...)
Dir müesst lose was i säge
Wenn is scho säge Und vorhär git's kes Znüni.
Update (2.11.06, 20:30): Nicht nur die Redaktion, auch die IT-Abteilung des «Tages-Anzeigers» liest unseren Blog. Wer den obigen Link anklickt, wird neuerdings belehrt: «Ihre URL ist ungültig. Bitte loggen Sie sich neu ein.»
Gut gemacht. Und itz ga Znüni näh!
Montag, 30. Oktober 2006
Ausgerechnet auf ihrer gestrigen Frontseite, im Titel zu einem Bildanriss, leistet sich die «NZZ am Sonntag» einen happigen Logikfehler:
Roger Federer nur ganz knapp im Basler Final Ein Spieler steht entweder ganz oder gar nicht in einem Final. «Knapp» kann höchstens das Resultat sein, sicher nicht die Person.
Donnerstag, 26. Oktober 2006
Ein Journalist, der einen Politiker interviewt, soll harte Fragen stellen, er soll die Position der Gegenseite/Gegenpartei darlegen und manchmal soll er sich hart an der Grenze zur Provokation bewegen. Aber er soll nie zum Sprachrohr der Gegenseite/Gegenpartei werden und deren Position quasi als seine eigene verkaufen.
Eine Grundregel, die Christof Forster vom «Bund» offenbar nicht kennt oder zumindest immer wieder vergisst. In seinem heutigen Interview mit SP-Präsident Hans-Jürg Fehr lesen wir reihenweise Fragen, die in einer Tageszeitung, die aus neutraler Position berichtet, nichts zu suchen haben.
Forster fragt z.B.:
Neben einem rechten gibts auch einen linken Populismus. Mit ihrem undifferenzierten Nein zur Unternehmenssteuerreform spricht die SP populistische Reflexe gegen Topmanager an. Dabei dürfte die Vorlage Staat und Wirtschaft etwas bringen.
oder
Genau hier will die Vorlage ja die Anreize ändern: Höhere Ausschüttungen führen zu mehr Investitionen und letztlich zu mehr Wachstum und Arbeitsplätzen. oder
In den linken Populismus reiht sich auch das Nein der SP zum Armeeumbau. Was gewinnt die SP damit? oder
Ihr Kalkül, Schmid werde Kompromisse in Richtung SP machen, um seine Reform zu retten, ist naiv. Er wird den Umbau vielmehr abschwächen und so der SVP entgegenkommen. oder
Die SP hat Wahlerfolge, obwohl sie wenig zu Lösungen beiträgt. Die SP wird zunehmend zur Partei der Besitzstandswahrer. oder
Die Lösungsvorschläge aus der SP-Küche sind aber oft untauglich, zum Beispiel Kosa oder die Initiative für eine Einheitskasse. Herr Forster, Ihre politischen Ansichten interessieren uns nicht. Es ist nicht an Ihnen als Interviewer, zu beurteilen, ob eine Initiative tauglich und eine Partei populistisch ist.
Wie gesagt, Fragen dürfen hart sein, müssen aber neutral, das heisst fragend und nicht behauptend, formuliert werden. Gute Beispiele dafür, wies gemacht wird, finden wir in Forsters Text auch. Z.B.:
Die SP redet gerne von Steuergerechtigkeit. Ist es gerecht, wenn die Gewinne von Unternehmen doppelt besteuert werden?
oder
Das wäre doch ein guter Moment für Leuenberger, um aufzuhören? Oder dient er als Platzhalter, um Blocher oder Schmid als Chef des Verkehrsdepartements zu verhindern?
Mittwoch, 25. Oktober 2006
Roger Köppel scheint trotz seiner Doppelfunktion als «Weltwoche»-Chefredaktor und Verleger noch nicht ganz ausgelastet zu sein. Der «Tages-Anzeiger» berichtet in seiner gestrigen Ausgabe, dass Köppel nun auch noch das Amt des Textchefs stemmen will (Artikel online nicht frei zugänglich): (..) Nur wenigen ist es vergönnt, derart brillante Titel, Leads und Bildlegenden zu schreiben, wie Ingolf Gillmann. Das hindert Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor der «Weltwoche», aber nicht daran, sich von seinem Textchef zu trennen. Zu gross ist offenbar der Spardruck, den sich der neue Besitzer des Blatts selbst auferlegt. «Ich bedaure sehr, dass ich mich auf Grund einer Umstrukturierung von Ingolf Gillmann, den ich sehr schätze, trennen musste», sagt Köppel. Jetzt mache er Titel und Leads selbst. (is.) Ein mutiger Schritt. Erstens ist Gillmanns Dienstflughöhe nicht ganz einfach zu erreichen. Zweitens sind Titel und Leads für Abverkäufe zentral. Und drittens ist buchstabengenaues Texten die Königsdisziplin der Werbung. Wir warten gespannt auf die neue «Weltwoche» des Köppel-Köppel-Köppel-Triumvirats. Und werden das vom Chef veredelte Blatt gerne in unser Schlagzeilen-Ranking aufnehmen (vgl. Folgen 1 und 2 zur «NZZ»).
Dienstag, 24. Oktober 2006
Fassen wir zusammen: Die elektronischen Ausgaben von «NZZ» (Wochen- wie Sonntagsausgabe), «Tages-Anzeiger», «Facts», «Sonntagszeitung» und «Weltwoche» sind frei zugänglich ( √úbersicht). Und wird eine Lücke geschlossen, findet die Konföderation der Schweizer Blogger meist gleich eine neue. Bevor sich der Blattkritiker mit den möglichen Auswirkungen dieser neuen Offenheit beschäftigt, will er auf einen Punkt hinweisen, der in der bisherigen Debatte zu kurz kam. Es geht um die mangelhafte Sicherheit der e-Paper-Applikationen. Denn von «Knacken» oder gar «Hacken» im strengen Sinn kann keine Rede sein. Eher schon wäre das Wort «URL-Manipulation» angezeigt: In allen bisher bekannt gewordenen Fällen genügte das Abändern der Adresszeile ( URL) im Browser. Zum Beispiel, indem das Datum der Demo-Ausgabe mit dem aktuellen Datum ersetzt wurde («Tages-Anzeiger», «Facts»). Oder indem der vermeintliche Zugriffsschutz durch das Aufrufen der Druck- bzw. PDA-Version umgangen wurde (Weltwoche). Die bisher bekannt gewordenen Lücken lassen sich wie folgt zusammenfassen:
1. Die leckenden e-Paper werden über Parameter in der Adresszeile gesteuert. Ohne gewissenhafte Absicherung ist dieses Vorgehen fahrlässig.
2. An Stelle einer soliden Benutzer-Identifikation über die ganze Anwendung ist bzw. war lediglich eine Zutrittskontrolle vorhanden. Wer sich korrekt einloggte oder mit der richtigen URL einstieg, galt als berechtigt.
3. Im Fall des «Tages-Anzeiger» wurde die Verzeichnisstruktur des Webservers ohne Not offen angezeigt ( Directory indexing). Dadurch war es problemlos möglich, sich von Ausgabe zu Ausgabe durchzuhangeln und nebenbei auch die Struktur der Anwendung zu erfahren.
Dass diese Löcher irgendwann entdeckt werden, war anzunehmen. Viel mehr erstaunt uns, dass die teuer eingekauften Applikationen elementare Programmier-Regeln ausser Acht lassen. Denn wenn die Schweizer Verleger auf der Kostenpflicht ihrer Inhalte bestehen und für e-Paper-Abos zum Teil fürstliche Entschädigungen verlangen, sollten sie die so wertvollen Texte nicht mit einer Wand aus Emmentaler schützen.
Freitag, 20. Oktober 2006
Der lateinische Schmerzensruf («Auch du, meine Tante!») ist angebracht. Denn nun hat der neue Volkssport des e-Paper-Knackens auch die alte Tante erreicht: Die Online-Ausgabe der «NZZ» ist mit sorgfältiger Quelltext-Analyse frei zugänglich, wie «Peter's Insider Blog» berichtet. Im Gegensatz zu anderen Blogs ist beim «Proof of concept» noch etwas händische Arbeit gefordert. Doch wer schon einmal den HTML-Code einer Website betrachtet hat, ohne gleich in Ohnmacht zu fallen, dürfte relativ rasch zum Ziel kommen.
Der Blattkritiker wies vor zwei Tagen darauf hin, dass «NZZglobal» und «FACTS» die gleiche Plattform verwenden wie der «Tages-Anzeiger». Bei selbigem scheint man die Schoten inzwischen dicht gemacht zu haben. Jedenfalls führen die in verschiedenen Blogs publizierten Links nur mehr zu Fehlerseiten.
Wir möchten der «NZZ» - durchaus ohne Häme - raten, sich für die richtigen Tipps an die Kollegen von der Werdstrasse zu wenden. Denn die inhaltliche wie auch die technische Problematik bei e-Papers lässt sich wohl nur noch mit einer gemeinsamen Strategie lösen. Mehr dazu in einem separaten Beitrag.
Mittwoch, 18. Oktober 2006
Roger Köppel ist zurück bei der «Weltwoche». Und liefert uns gleich einen Text, der jenen, die den Mann von Welt bei der «Welt» nicht gelesen haben, zeigt: Der Köppel von heute ist der Köppel von damals ‚Äì im Westen nichts Neues.
In seinem Antrittskommentar ‚Äì oder was auch immer die Schreibe auf Seite 3 sein soll ‚Äì erzählt Köppel aus der «Weltwoche»-Vergangenheit und repetiert peinliche Lobhudeleien. Darüber, wie er das Blatt künftig positionieren will und wie er seine spezielle Rolle als Chefredaktor und Verleger in corpore sieht, schreibt er kein Wort. Nach drei Spalten wissen wir genau so viel, wie wir schon nach Titel und Lead gewusst haben. Nämlich:
Schreiben, was ist
Die ehrenvolle Tradition dieser Zeitung bleibt eine Verpflichtung. Gegen den Flachsinn der Moden bemüht sich das Blatt, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Klar: Wer schreibt, was ist, braucht kein Programm, braucht keine Rechtfertigung ‚Äì er schreibt einfach, was ist, und hat damit immer Recht.
Während sich Köppel im Lead mit der Verwendung des Worts «bemüht» noch um ein klein wenig Relativität bemüht, kommt ihm diese im Laufe des Texts gänzlich abhanden. Seine Sätze werden selbstherrlicher, seine Ansichten absoluter. Und dann, wenn Köppel vom reinen Erzählen aus vergangenen Tagen zur Analyse dessen übergeht, was die «Weltwoche» heute so aussergewöhnlich macht, wird der Text ungeniessbar. Zum Beispiel, wenn der Meister der Provokation schreibt:
Der historische Exkurs soll keine Missverständnisse auslösen. Der Krieg ist längst vorbei. Europa hat die Waffen abgegeben. Die Zeiten haben sich verändert, aber die Weltwoche ist ein Ort der unabhängigen, der unbequemen Reflexion geblieben, eine Weltschau und ein Forum der distanzierten, punktgenauen Debatte. Der Krieg mag in Europa vorbei sein, in anderen Teilen der Welt aber ist er in vollem Gang. Die «Weltwoche» beteiligt sich mit ihrer unkritischen US-Freundlichkeit, mit ihrem zum Teil offenen Anti-Islamismus ganz bewusst am Feldzug des Westens gegen den Nahen Osten ‚Äì und dies selten in «distanziertem» Ton.
Wer wie wir denkt, dass der «Weltwoche» ein bisschen weniger rechte These und ein bisschen mehr unbequeme Reflexion nicht schaden könnte, dem sei noch einmal mit aller Deutlichkeit gesagt:
Journalistisch steht das Blatt in bewährten Traditionen. Es fühlt sich dem publizistischen Realismus verpflichtet: Schreiben, was ist. Hier vermissen wir ein «bemüht» schmerzlich. Köppel vergisst, dass Wirklichkeit nicht absolut, Wahrnehmung subjektiv und somit «schreiben, was ist» ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Ein bisschen später bemüht Köppel das so wichtige «bemüht» zwar wieder. Aber nützen tut es nichts mehr:
Die Weltwoche hat sich immer darum bemüht, die Dinge so darzustellen, wie sie wirklich sind, jenseits der Schlachtordnungen, in der Mitte des Geschehens, aber immer über der Sache, durchaus engagiert und meistens gut gelaunt. Es spielt keine Rolle, woher die Kritik kommt, von welcher Seite der Applaus. Entscheidend bleibt der Drang zur eigenen Agenda. Wenn Köppel schreibt, die «Weltwoche» habe einen Drang zur eigenen Agenda und stehe über der Sache, dann können wir nur den Kopf schütteln und sagen: weiterlesen. Denn der Höhepunkt kommt zum Schluss:
Aus dem Journalistischen ergibt sich das Politische. Die Weltwoche wurde gegründet im Geist des bürgerlichen Liberalismus von einem Mann aus dem Luzerner Patriziat. Aber anders als die Neue Zürcher Zeitung war sie nie Parteiblatt oder Hoforgan des Establishments. Sie blieb unangepasst, nonkonformistisch, vielstimmig. Sie steht bis heute für die besten Werte dieses Landes: Skepsis gegenüber Utopien, den Verheissungen des Staates, der Politik und der Parteien; Sympathie für unternehmerische Leistungen, die aus eigener Kraft zustande kommen. An diesem Kompass orientiert sich die Weltwoche nach wie vor. Erstens gehört Köppel zu einer Minderheit, wenn sich für ihn aus dem Journalistischen das politisch (Stock)Konservative ergibt ‚Äì laut Umfragen gilt für die meisten Schreibenden nämlich genau das Gegenteil. Zweitens war die «Weltwoche» vielleicht früher kein Hoforgan ‚Äì heute aber zeigt sie alle Symptome eines Parteiblatts.
Und drittens: Wenn die «Weltwoche» für die besten Werte des Landes steht, dann gute Nacht Schweiz.
Mittwoch, 18. Oktober 2006
Der kostenlose und unbeschränkte elektronische Zugriff auf Zeitungsartikel ist Schweizer Medienhäusern ein Graus. Beim Medienspiegel ist regelmässig über die Anstrengungen der Verleger zu lesen, ihren Lesern endlich die teuren E-Papers anzudienen. Dieser Tage sind die gewünschten Leser endlich da - nur bezahlt haben sie nicht.
Denn in den letzten Tagen haben sich verschiedene Blogger zu einer Machbarkeitsstudie in «Open Access» entschieden. Den Anfang machte die Medienlese mit ihrem Bericht «Durch die Hintertür». Das geschilderte Leck im «Weltwoche»-Archiv wurde zwar nach kurzer Zeit abgedichtet. Doch der Zugriff auf beliebige Artikel war durch ein simples Umschreiben der Adresszeile im Browser möglich. Es ist also wohl nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Möglichkeit gefunden wird.
Noch nichts Neues gibt es von der «Sonntagszeitung», deren Webmaster nach dem «Medienlese»-Tipp vermutlich immer noch am Kalfatern ist. Noch etwas hektischer dürfte es an der Werdstrasse heute werden, nachdem ausgerechnet eine Bündnerin den «e-Tagesanzeiger» geknackt hat. Ein pikanter Hack, weil auch «FACTS» und «NZZ global» die gleiche Plattform verwenden.
«Weltwoche», «Sonntagszeitung» und «Tages-Anzeiger» sind repräsentative Beispiele für den Sicherheitsstand der Schweizer e-Paper. So rühmt sich etwa Blogger «ric» vom «Online Marketing Blog», die für ihn relevanten Titel samt und sonders gratis zu lesen.
In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die teuer eingekauften Applikationen in nützlicher Frist abzudichten sind. Sonst stünde tatsächlich der ganze Content frei auf dem Netz. Und ausser den Lesern will das schliesslich niemand.
Update (18.10.06, 21:50): Mittlerweile auch die von einigen Bloggern erwähnten, aber nicht publizierten Logins zu «Netzwoche» und «FACTS» ins Netz gestellt werden. Hoffen wir, dass aus dem neuen Volkssport «e-Paper Hacking» nicht bloss ein grosses Stopfen von Sicherheitslücken, sondern auch eine Diskussion über den (Un-)Sinn von Zugangsbeschränkungen und deren Durchsetzung erwächst.
Dienstag, 17. Oktober 2006
Vielleicht steht in der Redaktion des Hamburger Abendblattes noch ein Lexikon aus alten Kaiserzeiten. Oder es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass mittlerweile selbst die Nachrichtenagentur AFP bei Wikipedia abschreibt. Diese Vermutung äussert der Blattkritiker nach der Lektüre des einladend betitelten Artikels «Im Wildpark knutscht der Elch» (online frei zugänglich). Denn der geographische, um nicht zu sagen politische Patzer ist im Jahre 16 nach dem deutsch-polnischen Grenzvertrag doch eher peinlich:
In freier Wildbahn leben die Elche in Finnland, Norwegen, Schweden, Ostpreu√üen und in den östlich davon gelegenen Gebieten. Jüngst wurden einzelne Exemplare auch in den brandenburgischen Wäldern und in Bayern entdeckt. Seit 1945 wären statt Ostpreussen die Begriffe «Polen» bzw. «Königsburg» angebracht. Ein Glück, dass der Fehler bloss im Ressort Zoologie geschah.

(Lizenzfreies Bild, Quelle: Wikipedia)
Sonntag, 15. Oktober 2006
Unerreichbarkeit ist der neue Luxus. Dies meint auch Jost Auf der Maur, der uns in der heutigen «NZZ am Sonntag» seine Gedanken mitteilt. «Keinen Blackberry zu haben, muss man sich erst leisten können». Mit dem Titel ist sein Artikel auch bereits zusammengefasst. Auffällig, weil an die «Bellevue»-Seite des «Tages-Anzeigers» erinnernd, ist aber der Schlusspurt: Aber es wartet Trost: Eines Tages werden wir alle, alle unerreichbar sein. Klar, ist ja unsere einzige grosse Gewissheit. (...) Und der Preis dafür, es sei beklagt, ist hoch. (...) Dort müssen wir anständig sein, immerdar. Und dort redet nur, wer gefragt wird. Aber gefragt werden wir erst vor dem winzigen Schalter werden, der sich weit, weit vorn befindet und an dem das Ticket ins Paradies abzuholen gibt. Wo wir unter Nennung des Namens alle unsere Liebesdienste aufzählen dürfen. Soll eine Art Rabatt geben. Aber wir müssen realistisch bleiben. Denn die Kolonne vor dem winzigen Schalter ist lang, unendlich lang. Alle tausend Meter oder so soll ein Fernrohr installiert sein, durch das die Anstehenden gegen Bezahlung eines Batzens einen kurzen Blick auf den unglaublich weit entfernten Schalter tun und sehen können: Ja, der ist tatsächlich offen, ganz normal in Betrieb. Doch bis man selber an die Reihe kommt, mein Gott, das dauert. Eine halbe Ewigkeit, sagt man. (...) Dies in der selben Zeitung, die sich mit stolzgeschwellter Brust ihrer «Klassiker der Weltliteratur» rühmt («In kompakter Form zusammengefasst»). Vielleicht lässt die «NZZ am Sonntag» dereinst auch ihre eigenen Artikel in kompakter Form zusammenfassen. In diesem Fall würde wohl ein Satz genügen: Ruhe haben wir erst, wenn wir tot sind. Oder so.
Samstag, 14. Oktober 2006
Der britische Generalstabschef Richard Dannatt fordert den Abzug der Truppen aus dem Irak, wo diese weder willkommen noch nützlich seien. Unter dem Titel «Die Angst vor der Wahrheit» lesen wir dazu im gestrigen «Bund» einen Kommentar von Auslandchef Lorenz Kummer. Er beginnt mit:
Wer will, weiss es schon lange: Die von den USA geführten Koalitionstruppen sind drauf und dran, den Krieg in Irak zu verlieren und die zu Beginn der Invasion gesteckten Ziele zu verfehlen. Damals sprach man von der Stabilisierung und Befriedung des Landes, gefolgt vom Aufbau demokratischer Strukturen. Das neue, freie Irak sollte danach ausstrahlen auf die ganze, mehrheitlich von Despoten beherrschte Region des Mittleren Osten und dieser als Vorbild auf dem Weg zu mehr Demokratie dienen. Tatsächlich ‚Äì wer will, weiss es schon lange: Im Irak ist es nie um Demokratie und den Kampf gegen den Terrorismus gegangen, sondern ums √ñl und um Geostrategie. SF DRS hat kürzlich in einem Dokumentarfilm gezeigt, wie skrupellos die Herren Cheney, Bush und Rumsfeld die Fakten zurechtbogen, das eigene Volk und die UNO belogen, um im Irak einmarschieren zu können. Es braucht schon eine gehörige Portion Naivität, um zu glauben, all das sei nur passiert, weil Cheney, Bush und Rumsfeld dem Nahen Osten die Demokratie bringen wollten.
Lorenz Kummer bringt die nötige Naivität offenbar mit. Er schreibt:
Stur klammern sie sich [Bush und Blair] an ihren Dogmen fest, fabulieren von positiven Entwicklungen und wollen nicht wahrhaben, dass ihr Projekt, Irak zu demokratisieren, gescheitert ist.
Spätestens an dieser Stelle können wir nur noch den Kopf schütteln. Ausser Bush und Blair entziehen sich offensichtlich auch Journalisten wie Lorenz Kummer der Wahrheit. Journalisten wie Kummer halten die Mär vom Kampf gegen den Terror und von hehren Demokratiezielen hinter egoistischen Angriffskriegen aufrecht. Journalisten wie Kummer sind dafür verantwortlich, dass viele Leute immer noch nicht richtig darüber informiert sind, um was es im Irak tatsächlich geht. Journalisten wie Kummer sind somit in den USA und England dafür mitverantwortlich, dass nicht genug Widerstand gegen die Regierungen entsteht.
Lorenz Kummer beschliesst seinen Kommentar mit:
Der US-Journalist Bob Woodward hat die Lage in seinem jüngsten Buch gut auf den Punkt gebracht: Das Weisse Haus habe den Bezug zur Realität verloren ‚Äì eine äusserst düstere Perspektive für Iraks Bevölkerung, welche die Konsequenzen dieses Geisteszustands auszubaden hat. Um den Bezug zur Realität wieder zu finden, würde es im Fall von Lorenz Kummer vielleicht helfen, wenn er in der gestrigen «Bund»-Ausgabe einfach eine Seite nach vorne blättert. Dort findet sich ein starkes Interview von Theodora Peter mit Adolfo P√©rez Esquivel, dem argentinischen Friedensnobelpreisträger von 1980. Darin lesen wir:
Es gibt eine Entwicklung, die mir sehr zu denken gibt: Vor wenigen Wochen war ich in den USA unterwegs, wo ich wunderbare Leute traf. Doch den Menschen dort wird derart viel Angst vor dem Terrorismus eingeflösst, dass sie ihre Freiheit zu verlieren drohen und sich vor lauter Schrecken selbst blockieren. Angst paralysiert und versklavt. Auch das ist eine Form von Gewalt. Ich möchte meinen Enkeln nicht eine Welt voller verängstigter und versklavter Menschen hinterlassen. Genau darum gehts, um die Verbreitung von Angst und Schrecken. Mit anderen Worten: Wenn es im Irak und anderswo drunter und drüber geht, wenn der internationale Terrorismus stärker und stärker wird, ist das im Interesse der Herren Bush und Blair. Nur so können sie ihren absurden Krieg gegen den Terror weiterhin rechtfertigen, nur so können sie in den USA Gesetze wie zum Beispiel den «Military Commission Act» durchsetzen, der einen klaren Bruch mit der Verfassung bringt ( Link, Link).
Warum haben Sie Angst vor der Wahrheit, Herr Kummer?
Donnerstag, 12. Oktober 2006
Die «Zeit» sucht dieser Tage neue Mitarbeiter als «Campus-Reporter» und fordert Interessierte auf: Verfassen Sie für uns kurze Berichte, Analysen und Kritiken aus Ihrer Region. Helfen Sie mit, unser ehrenamtliches Reporter-Netz zu knüpfen. Mit den ehrenamtlichen, d. h. ohne Bezahlung arbeitenden Textlieferanten will sich die «Zeit»-Redaktion einen alten Traum erfüllen: Studenten vor Ort berichten vom Leben im Hörsaal und auf dem Campus und sind damit ganz nah dran. Ganz nah dran, gewiss. Wer stundenlang vor dem Bildschirm hängt, um seine Gratis-Texte zu redigieren, wird sich sicher freuen, am neuen Projekt «ZEIT Campus» teilzuhaben. Ob mit solchen Blog-Efforts tatsächlich neue Leser gewonnen werden können ist derweil offen. Die «NZZ»-Plattform «Studium und Karriere», über welche Martin Hitz vor einiger Zeit berichtete, zeichnet sich seit Wochen durch eine allgemeine und konsistente Absenz von Blog-Kommentaren aus - nicht eben ein Zeichen für zahlreiches Publikum oder grosse Resonanz. Dafür dürften die Schweizer Studi-Blogger von der alten Tante wenigstens ein Honorar kriegen. Oder?
Samstag, 7. Oktober 2006
Seit einem Jahr berichten wir hier vom Abenteuer Zeitunglesen. Wir kommentieren bedenkliche Kommentare, kritisieren schlampige Recherche oder übertriebenes Eigenlob, bemängeln unpassende Fotos und schiefe Sprachbilder.
Im Schnitt besuchen täglich rund 80 User unsere Website, Tendenz steigend. An Lesern mangelt es also nicht. Wohl aber an Autoren. Zur Zeit stemmen wir den Blog zu dritt. Als Berufstätige und reine Teilzeit-Blogger wünschen wir uns darum Verstärkung. Zusammen mit neuen Kolleginnen und Kollegen wollen wir den Blog jeden Tag aktualisieren können und eine breitere Abdeckung erreichen.
Deshalb unser Aufruf: Macht mit! Gefragt sind kritische Leser und Journalisten, die ihrer Meinung mit spitzer Feder Ausdruck geben wollen. Eine Mitarbeit ist auch unter einem Pseudonym möglich. Wer Interesse hat, meldet sich über info@blattkritik.ch, idealerweise gleich mit einem ersten Text.
Wir freuen uns auf deine Mitarbeit.
Mittwoch, 4. Oktober 2006
Heute erscheint die 100. Ausgabe des innovativen Printprodukts «heute». Heute gewährt uns die Redaktion dieses Printprodukts einmal mehr einen bescheidenen ganzseitigen Blick hinter die Kulissen. Und heute räumt sie selbstkritisch ein: Zwischen kurzfristig anberaumten Sitzungen, hektisch klingelndem Telefon und dem Beantworten von Leserbriefen kann es schon passieren, dass ein «for» statt «vor» durch die Korrektur rutscht. (...) Rate dummer Fehler: 2,7 (täglich, leider) Eine optimistische Schätzung. In der heutigen Zürcher Ausgabe ist - als willkürliches Beispiel - von der Vogelgrippe-Prävention die Rede:
Die Stadt Zürich hat 2,4 Millionen Masken für den Fall einer Grippe-Pandemie bestellt. Ausschliesslich für das städtische Personal. (...) Die Flies-Masken reichen für 100 Tage. Ob Fliegen-Masken besser schützen als ein Vlies-Masken? Genug der Erbsenzählerei. Für «heute» ists gut («Sooooo guet!» würde Fredi Hinz sagen).
Deshalb ein positivistisches Schlusswort aus dem offiziellen Weblog: Die Redaktion arbeitet mittlerweile routiniert. Die Absatzzahlen sind sehr erfreulich. Die potentiellen Anzeigenkunden sehen das Projekt ‚Äûheute‚Äú positiv. Das bestätigen uns auch die verschiedenen Blattkritiker, die wir in den letzten Wochen eingeladen haben. Ehrlich: Wir warens nicht.
Montag, 2. Oktober 2006
Heute lesen wir im «Bund» auf Seite 5 die Bildlegende:
Präsident Bush mit Frau Laura und Condoleezza Rice ‚Äì beide Frauen sind über seine Politik manchmal beunruhigt. Na also, wenn sogar Laura Bush und Condoleezza Rice ab und zu an George W. Bushs Politik zweifeln, dann besteht Hoffnung, denken wir und machen uns gespannt auf die Suche nach mehr Information. Doch im gesamten Text, einem Dreispalter über das neue Buch von US-Journalist Bob Woodward, finden wir nichts zur versprochenen Beunruhigung der Damen Bush und Rice. Im Gegenteil, da wird gewitzelt:
Bush beharre darauf, keine Soldaten abzuziehen ‚Äì sogar «wenn Laura und unser Hund Barney die Einzigen sind, die mich unterstützen». Wir findens nicht weiter beunruhigend, dass Laura Bush und Condoleezza Rice also doch nicht beunruhigt sind. Beunruhigend ist aber, dass ein «Bund»-Auslandredaktor zu einem Bild, das überhaupt nicht zum Text passt, eine Legende schreibt, die noch viel weniger zum Text passt.
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