Mittwoch, 29. November 2006
Vor kurzem berichteten wir über «Carrousel», das aufgebohrte «Züri-Echo». Nun hat die Redaktion des «Tages-Anzeigers» das Karussell gestoppt. Und das mit ungewöhnlich deutlichen Worten: Mitteilung der Redaktion: Wegen völligen Versagens sind Ad√®le und Armand gestern fristlos entlassen worden. Ab sofort finden Sie hier Ihre besten Beiträge unkommentiert. Zur Illustration, was uns vorschwebt, werden wir in den nächsten Tagen selbst Beiträge verfassen. Machen Sie mit, und spammen Sie uns zu! Tatsächlich heisst das unkommentierte Gefäss jetzt «Bellevue Spam!». Eine unglückliche Taufe, die noch zu reden geben wird. Interessanter ist vorerst der Kündigungsgrund. Liegt es am grosszügigen Weissraum in der gestrigen «Carrousel»-Ausgabe (vgl. Bild), wie dies ein Informant suggeriert? Oder hat beim «Tages-Anzeiger» endlich die überfällige Diskussion über die Qualität der «Bellevue»-Seite stattgefunden?
Montag, 27. November 2006
Die Schweizer Qualitätszeitungen haben jetzt endlich wieder weniger Leser. Fast alle Lecks, die freien Zugriff auf verschiedene e-Paper ermöglichten, sind inzwischen abgedichtet (wir berichteten ausführlich). Bei Tamedia und NZZ AG, bei Ringier und Weltwoche können sich die Manager zurücklehnen und die Gewissheit geniessen, jeden Tag Hunderte, vielleicht auch Tausende potenzieller Leser zu verlieren. Niemand - fast niemand - wird unbefugterweise auf die kostbaren Artikel zugreifen, die zu unverschämten Stückpreisen verkauft werden. Und niemand - fast niemand - wird spannende, überraschende oder schlicht gute Artikel einer ellenlangen Empfängerliste zukommen lassen.
Ruhe und Ordnung sind wieder hergestellt. Und so können sich die Schweizer Verleger behaglich in ihren Stühlen räkeln und ihrer Maxime gedenken, die da lautet:
Wer nicht bezahlt, soll auch nicht lesen!
Wer bezahlt, erhält Zugriff auf die langsame, ruckelnde, nur mit 21-Zoll-Bildschirmen zu bedienende e-Paper-Anwendung. Wer nicht bezahlt, muss sich mit wenigen, willkürlich ausgewählten Artikeln begnügen. Die Filetstücke, die Hunderte oder Tausende zusätzlicher Surfer anziehen könnten, werden nur selten freigeschaltet - die Hoffnung, dass sich ihretwegen neue Abonnenten finden, ist aber meist vergeblich.
"Öffnet die Archive! Ein Pamphlet." vollständig lesen
Montag, 27. November 2006
Ein weiteres Abstimmungswochenende ist vorbei, unter anderem hat das Aargauer Stimmvolk mit 56 Prozent Ja-Stimmen eine Revision des Steuergesetzes gutgeheissen. Die Aargauer Zeitung betitelt dieses Resultat mit Nur knapp am Zittersieg vorbei Ein interessanter Ansatz. Verfolgen wir diese Titelphilosophie ein wenig weiter: Die Ostmilliarde wurde haarscharf nicht knapp abgelehnt. Die Familienzulagen hingegen schrammten klar daran vorbei, beinahe einer Fastniederlage zu entgehen. Quizfrage zum Schluss: Die Initiative für nur eine Fremdsprache im Kanton Zürich entging einem knappen Erdrutschsieg mit einer an Deutlichkeit schwer zu überbietenden, geringen Stimmendifferenz. Na, wieviele Prozenterl warens denn wohl?
Sonntag, 26. November 2006
Der «Stil»-Bund der «NZZ am Sonntag» gehört nicht zu den Highlights der Sonntagspresse. Doch was uns heute unter dem Titel «Gepanzerter Luxus» präsentiert wird, ist des Schlechten zuviel. Autorin Christina Hubbeling flötet zwei Seiten lang über Hummer. Aber nicht etwa konsequent-elitär («Hummer gehören einfach dazu») oder karnivorisch-kontrastiv («Wer von euch noch nie ein schnuckeliges Kälbchen verspiesen, der werfe den ersten Stein»), sondern in jenem Plauderton, den wir vom Prominentenjournalismus kennen. Und das schon beim Einstieg: Hummergerichte gehören zur gehobenen Gastronomie wie die Gezeiten zum Meer. Und man weiss auch, Hummer zu essen, ist aus moralischer Sicht ein bisschen problematisch: Wie war das noch genau mit dem Lebendigen-Leibes-ins-siedende-Wasser-geworfen-Werden?
Angeblich sollen die Tiere beim Sterben einen Pfeifton von sich geben, der durch Mark und Bein geht. Stimmt nicht. Wir haben es ausprobiert. Hummer sterben leise. Ihre Qualen teilen sie uns nicht mit. Ach, wie gut: So lange das Viech nicht pfeift, ist alles OK. Der Blattkritiker will hier keine Tierschutzdebatte vom Zaun brechen. Vielleicht hat die Dame ja einen stummen Hummer erwischt. Doch auch ein Hummer ist ein Lebewesen, und dazu eines, das bis vor den Kochtopf lebend transportiert wird. Ein Umstand, der nicht nur militanten Tierschützern eine √úberlegung wert sein sollte, sondern auch einer Qualitätszeitung. Doch für Hubbeling ist selbst das sechs- bis siebenjährige Tier vom Grund des Atlantiks letztlich ein Ding, das man bei Globus kaufen kann: «Unser» Hummer präsentiert sich farblich wie ein Geschenkpaket von Herm√®s: dunkelbraun mit Orange. Dies deutet darauf hin, dass das 600 Gramm schwere Tier aus Kanada oder den USA stammt. Wir lesen noch eine ganze Menge über Hummer. Wie sie am besten getötet und gekocht werden, welche Beilagen dazu passen und dass man sie im Restaurant - welche unerwartete Freiheit! - sogar mit der Hand festhalten darf, um sie zu zerlegen. Fazit: Hummer zu verspeisen, ist zwar moralisch ein bisschen problematisch. Und sie zu kochen, ist offenbar auch handwerklich ein bisschen problematisch. Aber wer das Handwerk wie Hubbeling an einen Koch delegiert, statt selbst Hand anzulegen, kann sich danach über ein krebsrotes Herm√®s-Geschenkpaket freuen. Und die allenfalls ein bisschen problematische Moral kommt zum Glück erst nach dem Essen.
Der Blattkritiker legt den Artikel seufzend weg. Und erinnert sich, dass Max Küng einst in bester Gonzo-Journalismus-Tradition über «Arnold» schrieb. Einen Hummer, den Küng eigenhändig tötete, kochte und verspies. Und sich und der «Magazin»-Leserschaft danach schwor, es nie wieder zu tun.
Samstag, 25. November 2006
Bekanntlich hat die «BZ» diesen Frühling die Ressorts abgeschafft, den Kulturteil atomisiert und damit die letzten paar Leser vergrätzt, die sich unter Kultur mehr vorstellen als den gelegentlichen Besuch des Gurtenfestivals (wir berichteten z. B. hier).
Im «Tages-Anzeiger» vom 23. November berichtet Jean-Martin Büttner von einem Podiumsgespräch zwischen Michael Hug von der «BZ», Daniel Landolf vom «Bund» und den Museumsdirektoren Matthias Frehner (Kunstmuseum Bern) und Reinhard Spieler (bis vor kurzem Gertsch-Museum Burgdorf). Und Hug scheint immer noch zu wissen, was seine Leser wollen:
Wenn die «Berner Zeitung» ihre Wetterseite ändert, regnet, hagelt und schneit es Proteste. Als sie im April ihren Kulturteil auflöste und den verbliebenen Rest anderswo verstaute, blieben die Reaktionen übersichtlich. Es habe, erzählt [Hug], nur gerade eine Abonnementskündigung gegeben. Oder wenigstens nur eine Kündigung, die sich explizit darauf bezog. Daraus zieht [Hug] den Schluss, das kulturell interessierte Publikum der BZ sei vernachlässigbar klein und die Kulturberichterstattung «ein absolutes Minderheitenprogramm». (...) Gleichzeitig behauptet Hug aber auch, die kulturellen Themen nähmen in der «Berner Zeitung» jetzt «rein quantitativ einen breiteren Raum ein.» Die Umordnung sei «nichts anderes als ein Ordnungsprinzip» gewesen. Was man nicht mehr wolle: Redaktoren als Experten, die ihre Themen verteidigten Redaktoren als Experten - ein Alptraum. Eine solche Haltung hat natürlich auch rein qualitative Auswirkungen. Büttner: An Stelle der Experten und Themen ist eine Kulturberichterstattung getreten, die sich gegen Nachrichten und Politik behaupten muss. Was an Kultur übrig bleibt, erscheint vornehmlich in Form von Spektakeln, fingerschnippendem People-Klatsch und Vorschauenjournalismus, der stets bejaht. Ein hartes Urteil, das in Einzelfällen auch über Büttners eigene Zeitung zu verhängen wäre. Doch wenigstens hält der «Tages-Anzeiger» einstweilen am Kulturteil fest. Eine weise Entscheidung. Denn so gut, wie Hug es wohl möchte, scheint auch die «BZ» nicht zu fahren: Die Auflösung des Kulturressorts sei eine Neuerung, gibt Michael Hug zuletzt ‚Äì und spürbar gereizt ‚Äì zurück. «Wir sehen einen Sinn darin, aber wir wissen nicht, ob es funktioniert.» Wenn nicht, «geben wir Ihnen den Kulturteil zurück». Was für ei¬≠ner das sein würde, sagt er nicht. Vermutlich kein prickelnder. Denn Experten sind ja out, oder?
Mittwoch, 22. November 2006
Im August berichtete der Blattkritiker letztmals über die Neuzugänge unter den Medienblogs. Werfen wir vor der grossen Advents-Hetze nochmals einen Blick in die Bloglandschaft und schreiben wir, was ist: Tim der Grosse hat einen neuen Weltwoche-Watchblog lanciert. Wir wünschen dem neuen Nachbarn viele Besucher und einen langen Atem.
Nachdem die ersten zwei «heute»-Watchblogs innert Monatsfrist eingingen, kümmert sich nun ein Satiremagazin um die Schnitzer aus der Dufourstrasse. Frank Schrillmachers jüngstes Kind startete mit viel Aufmerksamkeit und einer Kommentarschlacht. Seither ist es auf dem Blog wieder ruhiger geworden. «Und wer watched Cash daily?» fragte Nachbar Hitz Anfang Monat. Vorerst wohl niemand, meint der Blattkritiker. Denn viel mehr als eine Pendlerblog-Projektwoche gibt «Cash daily» wohl auch nicht her.
Sonntag, 19. November 2006
Der «Tages-Anzeiger» hat seine Probleme mit dem e-Paper (wir berichteten) vorerst behoben. Doch nun droht dem Webmaster an der Werdstrasse neues Ungemach. Im benbit-Weblog finden wir eine Machbarkeitsstudie zum sogenannten Cross-Site-Scripting. Damit ist es möglich, eigene Inhalte auf fremde Websites einzuspeisen. benbit zeigt dies anhand eines Jux-Artikels, den er auf tagesanzeiger.ch und blick.ch injiziert hat. Und meint dazu: Was man damit alles anstellen kann muss ich euch ja nicht sagen.
Wenn Ihr auf 10 renomierten Online-Zeitungen liest, Google wäre Konkurs, irgendwann würdet Ihr das Glauben. Mit diesen Löchern könne man an der Börse spekulieren. Es ist davon auszugehen, dass die Google Aktie zusammenbrechen würde. Ganz so weit würde der Blattkritiker nicht gehen. Er fragt sich aber ernsthaft und nicht zum ersten Mal, welche Sicherheitsdoktrin die Schweizer Medienhäuser bei ihren Web-Applikationen verfolgen. Denn das Problem ist eng mit den vorherigen e-Paper-«Hacks» verwandt: Auch ein Cross-Site-Scripting ist nur möglich, wenn vermeintliche Benutzereingaben ohne √úberprüfung akzeptiert werden. Und das Nachprüfen von Angaben gehört - zumindest im publizistischen Kerngeschäft - zu den Grundregeln.
Donnerstag, 16. November 2006
Das Synonym der Woche finden wir in der heutigen Ausgabe des «Tages-Anzeigers». Und zwar im Artikel «Die Sorgen der Imker mit den Bienen» (online nicht frei zugänglich). Im Text wird auf den Besorgnis erregenden Schwund von Bienenvölkern und damit auch Imkern hingewiesen. Der Text ist verständlich und flüssig geschrieben, für das tägliche Leben relevant (für heutige Zeitungen keine Selbstverständlichkeit) und bringt dem Leser neue Erkenntnis. So weit, so gut. Wenn sich bloss nicht in letzter Minute ein unnötiges Synonym eingeschlichen hätte! Denn über ein neues Insektizid, welches die Bienen piesackenden Milben töten soll, lesen wir:
[Ein Fachmann sagt:] «Nach zwei bis drei Jahren hat es so viel Insektizid in den Waben, dass es auch im Honig Rückstände gibt.» Das bedeutet: Auch das natürlichste aller lange haltbaren Lebensmittel wäre mit Chemikalien belastet. Nach dem dritten Lesen wird klar, dass der Honig gemeint ist. Ein klares, kurzes Wort, das auch im bekannten Sprichwort steckt: «Iss das natürlichste aller lange haltbaren Lebensmittel mein Sohn, denn es ist gut.»
Oder wie war das noch gleich?
Mittwoch, 15. November 2006
Am vergangenen Donnerstag war nationaler Tochtertag. Sinn der «Veranstaltung» ist es, einerseits den Mädchen mit Betriebsbesuchen Einblick in typische Männerberufe zu geben, andererseits die Knaben in der Schule für gesellschaftlich-familiäre Themen zu sensibilisieren. Ein einfaches und sinnvolles Prinzip.
Ein Prinzip, das viele trotzdem nicht verstehen (wollen?). Zu ihnen gehört Rudolf Burger vom «Bund». In seinem samstäglichen «Punktum» macht er sich über den Tochtertag lustig und zeigt, dass er einfach nicht begriffen hat, um was es geht. Burger schreibt:
(…)
Das Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung hat schon im Juli mit einem Schreiben, signiert von Vorsteher Max Suter, vor solchem Tun gewarnt. Es sei «nicht im Sinn des Tochtertages», die Knaben ebenfalls in die Betriebe zu schicken. Vielmehr wurde der Lehrerschaft «ans Herz» gelegt, die «gesellschaftliche Rollenthematik mit den Knaben situationsgerecht in den Schulen zu vertiefen». Ausdrücklich wurde nachgedoppelt, die Knaben seien «nicht identisch zu behandeln», sondern mit dem Material zu unterrichten, das die Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten entwickelt habe.
Die Frage stellt sich jetzt, ob es nicht ein Fall für eine noch höhere Gleichstellungsinstanz wäre, wenn Erziehungsdirektion und Gleichstellungsbeauftragten-Konferenz explizit zur Diskriminierung von Knaben aufrufen.
(‚Ķ) Diskriminierung von Knaben? Herr Burger, es geht mit dem Tochtertag eben gerade nicht darum, den Kindern ganz allgemein einen Einblick in die Arbeitswelt zu geben, sondern darum, explizit den Mädchen so genannte Männerberufe vorzustellen und ihnen andere Rollenbilder zu vermitteln. Die Knaben sollen ihre Rollenbilder am Tochtertag ebenfalls hinterfragen ‚Äì indem ihnen in der Schule gezeigt wird, dass es auch für Männer Aufgaben in der Familie gibt (z.B. indem man Hausmänner in die Schule einlädt).
Das hat die Erziehungsdirektion im angesprochenen Brief geschrieben. Ist das so schwierig zu verstehen?
Dienstag, 14. November 2006
Den Missgriff des Tages finden wir in einem Artikel der Sportinformation (SI) zum Tennis-Masters in Shanghai:
Blake zählt trotz seiner dunklen Hautfarbe zu den «hellsten Köpfen» im Circuit. Da hat einer ein Wortspielchen versucht und bös daneben gegriffen. Die meisten Schweizer Zeitungen habens bemerkt und den Lapsus korrigiert, bei «Bund»/«BZ» hats der Satz tatsächlich bis in die Zeitung geschafft.
Montag, 13. November 2006
Corinna Freudiger studiert Germanistik, schreibt und liest. Schön für sie. Aber muss uns das interessieren? Ja, es muss wohl, weil Corinna Freudiger zur Kolumnistin des «Tages-Anzeigers» avanciert ist. Was qualifiziert die Frau dafür? Eben: Corinna Freudiger schreibt und liest. So stehts jedenfalls in der Autorenzeile, nachzulesen im heutigen City-Split (online nicht frei verfügbar).
Der Bürger-Journalismus geht um und das Kolumnenfieber grassiert. Zeitungsspalten werden zu Tagebüchern ‚Äì schliesslich gilt es, das Papier möglichst billig zu füllen. Ob die Kolumne eine neue Erkenntnis oder wenigstens gute Unterhaltung bringt, spielt dabei keine Rolle (siehe auch Eintrag vom 21. September 2006).
So finden wir mittlerweile nicht nur in Provinzblättern sondern auch im «Tages-Anzeiger» Texte von jungen Studierenden, die doch tatsächlich selber schreiben und lesen können. Das tönt dann so:
(…)
Die Welt will etwas verkaufen.
Und sie meint, mit Zucker drumherum gehts besser. Auch die Gelfrisur gestern meint das. Sie verkauft die Rettung der Welt. Bewaffnet ist sie mit Fakten und Fotos, vom Tropenwald, von
hungerkranken Kindern, von heimatlosen Sumpftieren. Sie sagt: «Hoi, wie gahts», duzt ihre Opfer und ist eine Charmeoffensive mit zu viel Rahm. Ich bin jetzt dort Mitglied.
Weil ich ihr nicht länger zuhören mochte.
(‚Ķ) Und wir mögen nicht länger weiterlesen.
Sonntag, 12. November 2006
Näher zum Leser! Dieses redaktionelle Mantra zeigt sich nun auch auf der «Bellevue»-Seite des «Tages-Anzeigers.» In der rechten Randspalte finden wir neu «Carrousel»:
Liebe Leserin, lieber Leser, hier können Sie Ihre Gedanken im Kreis drehen lassen. Das Thema: Zürich. Was bewegt die Stadt? Haben Sie Wünsche? Sich geärgert im Kino, gelangweilt im Museum? Wir erinnern uns: Ein ähnliches Gefäss namens «Züri-Echo» gibt es im «Tagblatt der Stadt Zürich». Das «Tagblatt» aber wird auf Ende November zum Wochenblatt geschrumpft. Inoffizieller Hauptgrund: Der neue Stadt-Split des «Tages-Anzeigers» verträgt keine tägliche Konkurrenz.
Für «Carrousel», das aufgebohrte «Züri-Echo», sind nun auch MMS-Beiträge willkommen. Honorar gibt es keines, doch die Leser als Reporter machen auch gratis mit. Die Themen in der gestrigen Ausgabe: Amateurfunker-Kürzel, freie Tramsitzplätze, die mediale Dominanz der Tamedia und schliesslich eine √ñV-Reprise (eine Leserin berichtet von einer Tramreise mit einem Büsi im Katzenkorb - user generated Katzencontent at its best).
Der Blattkritiker findet das Karussell nett, aber nicht aufregend. Eine Zeitung von der Grösse und mit dem Führungsanspruch eines «Tages-Anzeigers» sollte sich mehr einfallen lassen, um die Leser ans Blatt zu binden. Zum Beispiel eine Online-Blattkritik, wie sie das Magazin «Neon» seit längerem anbietet. Oder eine Kommentarfunktion für Online-Artikel, die für Chefredaktor Peter Hartmeier anscheinend neu ist («Das ist ein gute Anregung. Ich gehe davon aus, dass wir dies ebenfalls einführen werden.»). Oder endlich offene Archive.
Sonntag, 12. November 2006
Es ist keine vier Wochen her, da hat uns Roger Köppel in seinem Antrittskommentar versprochen, die «Weltwoche» werde unter seiner Leitung «schreiben, was ist». Leider müssen wir einmal mehr feststellen: Wir wären froh, wenn sich die «Weltwoche» wenigstens ein klein wenig an die Fakten halten würde.
Ein Unterfangen allerdings, das mit Mitarbeitern wie Hanspeter Born schwierig zu realisieren ist. Was dieser Woche für Woche von sich gibt, ist häufig nicht nur falsch, es ist oft – bewusst? – irreführend. Und es ist hin und wieder an der Grenze zum Rassismus. Borns jüngster Pro-Bush- und Pro-Irakkrieg-Artikel liefert Beispiele für die Vorwürfe.
Vorwurf 1: Bewusste Irreführung. Zur Einstimmung Borns Lead zum Text unter dem Titel «Irak ist nicht Vietnam»:
US-Präsident George W. Bush hat den Sieg über Saddam zu früh ausgerufen. Trotz des anschwellenden Chaos in Mesopotamien ist der Feldzug weder ein militärisches Fiasko noch ein geostrategischer Fehlentscheid. So weit, so schlecht. Das Problem ist nicht, was Hanspeter Born denkt, sondern mit was für «Fakten» er seine Position untermauert:
Erinnern wir uns, wieso Bush in den Krieg zog. Der 11. September 2001 überzeugte den zuvor eher isolationistisch gesinnten Präsidenten von der Notwendigkeit, den Kampf präventiv zum Gegner zu tragen. Aufgrund der ihm von der CIA gelieferten Erkenntnisse nahm er an, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besass. Er musste damit rechnen, dass der Tyrann, der zwei blutige Kriege angefangen, Terroristen unterstützt und Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt hatte, die vermuteten Massenvernichtungswaffen benutzen oder sie Gruppen wie al-Qaida zuspielen könnte. Deshalb beschloss Bush, Saddam zu stürzen und seine Kriegsmaschinerie unschädlich zu machen.
Die Invasion hat dieses Ziel erreicht. Saddam wartet im Gefängnis auf die Hinrichtung. Sein Militär-, Partei- und Geheimdienstapparat sind zerschlagen, seine Infrastrukturen zum Bau von Atom-, Chemie- und bakteriologischen Waffen zerstört. Entweder glaubt Hanspeter Born als letzter Mensch auf Erden an das Märchen von den Massenvernichtungswaffen oder er führt bewusst in die Irre. Wir vermuten letzteres. Dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen besessen und seit Jahren über keine Anlagen für deren Produktion mehr verfügt hat, ist mittlerweile sogar in den USA ein akzeptierter Fakt (siehe Charles Duelfer-Report und 1, 2, 3, 4, 5) und sollte auch zur «Weltwoche» durchgedrungen sein.
Ein weiteres Beispiel:
Die Aufständischen im Irak werden von Syrien aus heimlich mit Selbstmordattentätern und vom Iran mit Sprengstoff und Waffen beliefert. Eine Behauptung, die Born wie immer mit nichts belegt. Eine Behauptung, die vielleicht sogar dazu dient, mögliche kommende Gewaltakte gegen die erwähnten Länder vorbeugend zu rechtfertigen.
Vorwurf 2: Rassismus. Hanspeter Born lässt uns in seinen Texten immer wieder spüren, dass Mensch nicht gleich Mensch ist. Ein gutes Beispiel finden wir im aktuellen Artikel:
Für die Vereinigten Staaten und den Westen ist es ein Vorteil, dass der Kampf um Bagdad (und Kabul) den totalitären Islamismus in den eigenen Regionen bindet. Bush und seine Republikaner weisen auf jeden Fall darauf hin, dass seit 9/11 kein einziger Anschlag der islamistischen Fanatiker in den Vereinigten Staaten mehr erfolgt ist. Wollen Sie uns damit sagen, dass 655'000 Tote (bis jetzt) im Irak besser sind, als (möglicherweise) 1000 Tote in den USA? Das ist rassistisch, Herr Born, denn es heisst nichts Anderes als: Ein westliches Leben zählt mehr als ein nahöstliches. Ganz abgesehen davon, dass die Zahl islamistischer Fanatiker um ein Vielfaches kleiner wäre, hätte es die Waffengänge in Afghanistan und im Irak nicht gegeben. Der Irakkrieg hat, nach Ansicht von 16 US-Geheimdiensten (Link 1, 2), die Gefahr von Anschlägen in den USA und Europa wesentlich erhöht.
Verstösst Hanspeter Born mit seiner Kriegstreiberei, seinen Lügen und seinen menschenverachtenden Texten gegen die journalistische Ethik und ist somit ein Fall für den Presserat? Wir meinen: Ja.
Freitag, 10. November 2006
Das Foul der Woche finden wir in der gestrigen «Berner Zeitung» im Kasten zu einem Artikel über die Fussball-Alternativliga. Da steht:
Traktor Biel: Zweisprachiges Team, zusammengewürfelt aus Künstlern, Musikern, Lehrern, Asylanten und anderen Freaks.
Dienstag, 7. November 2006
Gerne würde der Blattkritiker hier über die neuen Regionalsplits des «Tages-Anzeigers» berichten. Und das wäre theoretisch auch kein Problem. Immerhin sagte Peter Hartmeier letzte Woche im «Tagi-Talk»: Die Abonnenten des Tages-Anzeigers können online auf e-Paper alle Regionalausgaben lesen. Aus logistischen Gründen können innerhalb der einzelnen Gebiete ausschliesslich die zu diesen Gebieten gehörenden Regionalausgaben auf Papier verteilt werden. Schön wärs. Die e-Paper-Anwendung des «Tages-Anzeigers» springt auch bei manueller Datumswahl hartnäckig auf den 4. November zurück. Bis zur Rezension des berühmten sechsten Bundes bitten wir unsere Leserschaft deshalb um etwas Geduld. Und singen so lange das Loblied der Zellstoff-Zeitung: Wer auf sie zugreift, kann sie auch lesen.
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