Montag, 30. April 2007
In der Regionalausgabe des «Tages-Anzeigers» für das Zürcher Oberland lesen wir heute die Bildlegende:
Genug lang an die Füsse gefroren und Eis von der Autoscheibe gekratzt; der Sommer da. Für die Wintersatten und Sonnenhungrigen öffneten die Badis in Effretikon, Grafstal und Pfäffikon (im Bild) am Samstag ihre Tore. Wenn auch die 18 Grad im See noch nicht zu einem Schwumm einluden, der geheizte Swimmingpool lockte Schwimmflügeli wie Bikiniträger an. Und wie sagt man so schön; Sommer gut, alles gut. Erstaunlich, wie viel Nonsens man in vier Sätze einbauen kann:
«… an die Füsse gefroren» = schlechtes Deutsch. Man friert «an den Füssen» oder «hat kalte Füsse». Zudem fragen wir uns, wo der Autor den «Winter» verbracht hat? Oder hätten wir an dieser Stelle schmunzeln sollen?
«… der Sommer da» = wie wärs mit Korrekturlesen?
«zu einem Schwumm einladen» = Dialekt. Wir empfehlen: Ins Korrektorat anläuten und nachfragen, wenn man in Sachen Grammatik ins Schwümmen kommt.
«die 18 grad … einluden, der geheizte Swimmingpool lockte an» = Abstrakta als Subjekt. Ist zwar gebräuchlich (die Dürre droht; die Teuerung frisst die Renten weg; das Chaos herrscht), aber trotzdem falsch.
«… lockte Schwimmflügeli wie Bikiniträger an» = Hä? Erstens: Gemeint sind wohl BikiniträgerINNEN und nicht Männer in Damenkleidung oder jene Teile, die das Oberteil oben halten. Zweitens: Wo bleiben die Männer? Haben in Pfäffikon nur männliche Nichtschwimmer Zutritt?
«… lockte Schwimmflügeli wie Bikiniträger an» = ungleiche Ebenen. Richtig wäre: «… lockte Schwimmflügeli wie Bikinis an» oder «lockte Schwimmflügeliträger wie Bikiniträger an».
«Schwimmflügeli» = Dialekt. Wir empfehlen: siehe oben.
«… Sommer gut, alles gut» = tolles Sprichwort, das wir leider noch nie gehört haben. Aber wahrscheinlich hätten wir auch hier einfach nur schmunzeln sollen!
Zugegeben: Legenden kritisieren ist vielleicht ein bisschen kleinlich und manchmal banal. Aber: Mindestens sechs Fehler in acht Zeilen sind selbst für heutige Massstäbe vier zuviel ‚Äì und ein schönes Beispiel dafür, dass auch bei einer Qualitätszeitung wie dem «Tages-Anzeiger» zu viel Müll ungeprüft im Blatt landet.
Freitag, 27. April 2007
Dass ...
... die SVP 100 000 neue Wählerinnen und Wähler gewinnen will ...
... SVP-Nationalrätin Jasmin Hutter am 26. Mai im Beisein der beiden SVP-Bundesräte heiratet ...
... die Berner FDP-Ständeratskandidatin Dora Andres «das Gespräch mit Bäuerinnen und Bauern» sucht ...
... die Vereinigung der Unterwalliser Schaf- und Ziegenzüchter «gegen die Anwesenheit des Wolfes im Wallis» protestiert ...
... die Begriffe «Christoph Blocher» und «fleissig», «Christoph Blocher» und «glaubwürdig» sowie «Christoph Blocher» und «lustig» in unterschiedlicher Häufigkeit gegoogelt wurden ...
... das alles teilt «Facts» der Leserschaft in seiner neusten Ausgabe mit (Artikel sind online nicht frei zugänglich).
Und zwar unter dem Titel «Das Wichtigste aus Politik und Gesellschaft».
Donnerstag, 26. April 2007
Im aktuellen «Klartext» finden wir ein aufschlussreiches Interview mit «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann. Die Aussagen Spillmanns verdienen einen ausführlichen Eintrag. Vorerst beschränken wir uns auf die Beilage «Z», welche hier bereits gewürdigt wurde: Klartext: «Ticket» fiel weg, nun gibt es «Z. Die schönen Seiten» ‚Äì eine Hochglanz-Beilage, die sich für Anzeigen im Luxussegment eignet.
SPILLMANN: «Ticket» und «Z» haben nichts miteinander zu tun! (...) [Wir waren] überzeugt davon, dass man ein eigenständiges Magazin in diesem oberen Konsumgütersegment positionieren kann. Es war aber auch immer klar, dass es nicht einfach eine weitere PR-Postille werden darf, sondern dass wir einen eigenständigen publizistischen Beitrag leisten wollen. «Z» ist im übrigen nicht ein Produkt der «Neuen Zürcher Zeitung», sondern ein Produkt aus dem Hause NZZ, das den zwei Trägertiteln «Neue Zürcher Zeitung» und «NZZ am Sonntag» beigelegt wird. Offenbar haben wir den eigenständigen publizistischen Beitrag von «Z» bisher nicht begriffen. Wir werden die nächste Ausgabe aber gerne an Spillmanns Anspruch messen. «Z» wird in der selben «Klartext»-Ausgabe auch noch von Susan Boos besprochen (Artikel online nicht zugänglich). Sie schreibt unter anderem: Im Februar wurde das Blatt vorgestellt. Die Branche jubelte. Die Inserate der ersten drei Nummern waren schon ausgebucht. Das Magazin ist sechzig Seiten dick. Mehr Inserate kann man nicht reinpacken, weil es sonst keinen Platz mehr hat für die schmucken PR-Texte. Dicker können die NZZ-Leute «Z» auch nicht machen, weil sich sonst die richtige Zeitung nicht mehr drumherum falzen lässt. Ein Dilemma. Falls das tatsächlich wahr ist, gibt es eine Lösung: Statt ihre «Trägertitel» um die Beilagen zu falzen, könnte die «NZZ» Zeitung und Beilagen aufeinander legen. Und das Ganze in eine hübsche Plastikhülle einschweissen.
Update (27.4.2007, 10:30): Es ist wahr. Dank an Sanja für den Link.
Dienstag, 24. April 2007
In der aktuellen «NZZ am Sonntag» finden wir auch «FdH», eine neue Beilage der «Gesundheit-Sprechstunde». FdH? «Patentrezepte gegen √úbergewicht gibt es nicht. (...) Weniger, aber besser essen und sich mehr bewegen, lautet die Devise. Genau dafür steht FdH», witzelt Chefredaktorin Ingrid Schindler. Wirklich? Früher stand FdH für «Friss die Hälfte». Doch so direkt solls ja nicht werden. «FdH» will laut Schindler die Leserinnen und Leser «auf [ihrem] Weg zu einem gesunden Gewicht begleiten und verwöhnen.» Vom Verwöhnaroma haben wir nicht viel gemerkt. Das Magazinchen (übrigens ein Joint Venture von Ringier und «NZZ») serviert seinen Leserinnen und Lesern lieblos hingeklatschten Convenience-Journalismus. Und übergiesst ihn oft und gern mit der klebrigen PR-Sauce.
Ein willkürliches und besonders ärgerliches Beispiel ist die doppelseitige Werbestrecke für die Nintendo-Konsole «Wii». Wohlgemerkt: Wir haben nichts dagegen, wenn «FdH» dank seiner Kooperation mit Nintendo diese Konsole für sagenhafte 359 statt 399 Franken verkaufen kann. Aber wir haben etwas gegen die hanebüchene Art, mit der uns «FdH» seinen Wii-Bären aufbinden will. Der Haupttext argumentiert nämlich mit der Gesundheit: Wenn Sie vor Ihrem Fernseher die Bewegungen wie bei einem Tennismatch mit Aufschlag, Vorhand, Rückhand ausüben, ist das zwar noch nicht so schweisstreibend, wie wenn Sie auf dem Tennisplatz der gelben Filzkugel nachjagen. Aber es ist gesünder, als träge auf dem Sofa herumzuliegen. (...) Gesundheit Sprechstunde, immer darauf bedacht, dass Sie sich für Ihre Gesundheit bewegen, gibt Ihnen die Gelegenheit, den neuen «Stuben-Sport» zu einem Vorzugspreis zu betreiben. Jawohl. Gesunde Ernährung, viel Bewegung, weder Nikotin noch Alkohol - Details. Wer gesund leben will, braucht bloss ein Gamepad in die Hand zu nehmen. Oder wie sieht das die Medizin? Wir schalten in die Randspalte, zum «Wii-Test in der Kinderklinik»: In der Alpinen Kinderklinik in Davos therapiert Dr. Bruno Knöpfli seit vielen Jahren stationär und ambulant schwer übergewichtige Jugendliche. (...) Neuerdings steht in seiner Klinik eine Wii-Konsole. «Das Spiel motiviert eindeutig zu Bewegung», begründet Dr. Knöpfli den Versuch. (...) Er hofft, dass seine junge Patienten, die an Bluthochdruck, Diabetes, Gelenkproblemen und psychischen Beeinträchtigungen leiden, gut auf die Wii-Therapie ansprechen. Schon wenig mehr Bewegung hilft der Fitness auf die Beine. Früher brauchte es dazu noch bluddrucksenkende Medikamente, konsequente Diät, Waldspaziergänge und vielleicht eine kurze Sitzung beim Psychologen. Heute reicht das Gamen. Ist das nicht schön?
Wohlverstanden: «FdH» geriert sich als Medium, nicht als Werbebeilage. Denn während Maria Wallisers zweiseitiges Plädoyer für eine Margarine immerhin mit «Publireportage» gekennzeichnet ist, fungiert der Wii-Spot als «Leserangebot.» Und die offizielle Ringier-Pressemitteilung zum Launch von «FdH» verspricht treuherzig: Weniger ist mehr: nicht als Lehrmeister, sondern als freundschaftlicher, ideenreicher und engagierter Begleiter beschäftigt sich FDH mit unseren Kilos. (...) Auf ehrliche, anregende und glaubwürdige Weise beleuchtet FDH die Themen √úbergewicht und Bewegungsmangel und zeigt natürliche Wege zu einem gesunden Gewicht und wie dieses auf Dauer gehalten werden kann. Nice try.
Wir legen «FdH» zum Altpapier, bündeln dieses und tragen es sofort in den Keller.
Das ist zwar nicht so schweisstreibend, wie das Spielen mit einer Wii. Aber es ist gesünder, als «FdH» zu lesen.
Samstag, 21. April 2007
Ermattet von den spartanischen Kampagnen aus der Förrlibuckstrasse und dem gedruckten Fernsehen aus der Werdstrasse hat der Blattkritiker für einmal zum Gratis-Wochenmagazin gegriffen. «20 Minuten week» verspricht leichte Unterhaltung für zirka drei Minuten Zugfahrt. Und zeigt mit seinen Musik- und Party-Artikelchen, wie irrelevant die Sprache geworden ist. Die schönsten Müsterchen aus der aktuellen Ausgabe: Das strahlende «Four Winds» ist bittersüss, schon fast beschwingt - und trotzdem tieftraurig
(Bright Eyes: Cassadaga) Bittersüss beschwingte Tieftraurigkeit? Das Oxymoron lebt. Zerbrechlich wie nie haucht die Japanerin ihre traurigen Texte über kilometerweit verhallende Gitarrenlandschaften und komplexe Rhythmusstrukturen
(Blonde Redhead: 23) Mit «Gitarren» und «Rhythmen» wäre die Zeile nicht voll geworden. Und noch immer klingt ihre Musik tonnenschwer und unberechenbar (...) Da bleibt sogar bei Harmoniegesängen genügend Verstörungspotenzial für Headbanger
(Konzerthinweis: Melvins) Und wie sollen das die verstörten Leser nun genau verstehen? Dass selbst primitive Headbanger von der unberechenbaren Musik überrascht werden? Dabei müsste er sich mit seiner eigenen Musik keineswegs verstecken: Denn da krakeln verzerrte Gitarren weite Landschaften voll, während Parish dazu flüstert - wie ein Wind aus einer fernen Welt
(Konzerthinweis: Jon Parish) Bei diesem Kitsch läufts uns kalt den Rücken runter - wie ein Eiswürfel aus einer fernen Welt. Und dass Gitarren krakeln, also zeichnen, können, war uns auch neu. Egal. Mit dem Bucovina Club hat es DJ Shantel weit gebracht: Nicht nur, dass er mit seinen elektronisch aufgepimpten Folklore-Klängen durch halb Europa tingelt.
(Party-Hinweis: Bucovina Club) Er sorgt beim Journalisten auch noch gleich für den Ausfall des Sprachzentrums. Einmal mehr bietet die Polyparty einen allumfassenden Rundumschlag in Sachen Nightlife
Party-Hinweis: Polyparty)). Einmal mehr schockiert uns «20 Minuten» mit einem allumfassenden Rundumschlag in Sachen Schludersprache. Seit seinem 14. Lebensjahr perfektioniert er seine Skills an den Plattenspielern und ist gleichzeitig verantwortlich für einige der grössten Hits der Szene
(Party-Hinweis: 15 Jahre Ram Records) Plattenspieler-Skills? Wir raten: Platte auflegen, MK II einschalten, Tonarm aufsetzen. Und vielleicht noch den Crossfader am Mischpult bedienen?
Unser Fazit? Der alte «20 Minuten»-Slogan stimmt. Es heisst «Intensiver leben», nicht «Intensiver lesen».
Donnerstag, 19. April 2007
Mit den Umzügen ist es in der Schweiz so: «Die Basler» und «die Luzerner» tummeln sich an «medial überdokumentierten Fasnachten». «Die Zürcher» aber geruhen ihr Sechseläuten «als eine Mischung aus Street Parade und militärisch durchorganisiertem Trachtenumzug» zu sehen. Das lesen wir im aktuellen Editorial der «Weltwoche». Also wird es wohl so sein.
Dass sich die Fasnacht mit ihrem religiosen Hintergrund und das Sechseläuten als Grossaufmarsch der lokalen Wirtschafts- und nationalen Politprominenz nur mit viel bösem Willen zur Polemik vergleichen lassen, spielt für die «Weltwoche» eine sehr untergeordnete Rolle. Wichtig ist dem namenlosen Editorial-Verfasser, dass am Sechseläuten «die schönsten Frauen des Landes» zu bestaunen sind, die, man glaubts nicht, mit Blumen um sich schmeissen und drauflosküssen, dass es eine Freude ist. Die Fasnacht hingegen erinnert gemäss der «Weltwoche» «an volkstümliche Fernsehsendungen am Samstagabend» und ergötzt also vor allem den Pöbel (der eben diesen Sendungen regelmässig zu Rekord-Einschaltquoten verhilft; aber auch das ist egal). Am Sechseläuten wiederum «sieht man unverstellte, selige Fröhlichkeit auf Zürichs Strassen». Zugegeben: Das steht in einem argen Kontrast zu all den fasnächtlichen Griesgramen, die depressiv durch die Basler und Luzerner Gassen schlurfen und ihren «dekorierten Trash» abfeiern. Zürich aber verzichet auf Trash und Deko. Das sieht man daran, dass alle Beteiligten in ihrer Alltagskluft umherstolzieren und niemand auf die abseitige Idee verfiele, beispielsweise eine Uniform anzuziehen.
Damit nicht genug: Die «Weltwoche» weiss auch, dass sich am Sechseläuten «die interessantesten Begegnungen im Diskreten jenseits der Kameras» abspielen. Wer auch nur ein einziges Mal an einer Fasnacht war, wird der «Weltwoche» zumindest in diesem Punkt zustimmen: Zu interessanten Begegnungen kommt es während des Narrentreibens so gut wie nie. Weder vor noch hinter Kameras. Oder anders gesagt: Zu interessanten Begegnungen kommt es an der Fasnacht etwa so häufig wie zu journalistisch positiv bemerkenswerten Leistungen in der «Weltwoche».
Mittwoch, 18. April 2007
Polemisieren ohne Wenn und Aber, ohne Sinn und Sachkenntnis, ist offensichtlich kein Privileg der «Weltwoche». «Das Edelweiss stirbt, aber die Natur wird weiterleben», überschreibt Andreas Hirstein seinen «Hintergrund»-Artikel in der jüngsten «NZZ am Sonntag» (online nicht frei zugänglich). Und sagt damit eigentlich schon alles. Hirstein nennt den zweiten Teil des UNO-Klimaberichts «viel vorsichtiger, als es die öffentlichen Kassandrarufe vermuten lassen». Er sei «alles andere als ein Untergangsszenario», auch wenn trockene und tropische Regionen, die schon heute die Armenhäuser des Planeten seien, am meisten leiden würden. Doch die Klimaerwärmung sei für diese Regionen «ein Problem unter vielen und meistens nicht das grösste.»
Wie tröstlich!
Dass der lästige Klimawandel auch die Schweiz sichtbar und spürbar trifft und treffen wird, pariert Hirstein mit einem Kunstgriff: «Offenbar gilt jede vom Menschen verursachte Veränderung der Natur als verwerflich, selbst wenn sie uns nutzt oder vielleicht gerade dann», schreibt er. Nachdem der Mensch das «biblische Gebot», sich die Erde zum Untertan zu machen, erfolgreich umgesetzt habe, habe er nun die Natur zum Gott gemacht, das aber sei «eigentlich absurd», weil unser Wohlstand auf nichts anderem beruhe als auf «gezielten Veränderungen der Natur, sei es durch die Landwirtschaft oder die Nutzung natürlicher Rohstoffe.»
Wie erhellend!
Hirsteins Schlussfolgerung:
Einigen Tier- und Pflanzenarten ist [die tiefgreifende Veränderung der Natur durch den Menschen] zum Verhängnis geworden. Doch der Natur als Ganzem haben wir nichts anhaben können. Wenn die Wissenschafter jetzt davon berichten, dass sich die Lebensräume von Tieren und Pflanzen nach Norden oder in grössere Höhen verlagern oder sich die Wachstumsperioden ins Frühjahr verschieben, dann ist das der beste Beweis dafür, dass sich die Natur auf die veränderten Bedingungen einstellt, und nicht a priori ein Grund zur Sorge. Natürlich werden einige Pflanzen und Tiere aussterben. Aber dafür werden andere nachrücken. Das Leben ist zum Glück nicht totzukriegen.
Und der gesunde Menschenverstand?
Dienstag, 17. April 2007
Früher mochte der Blattkritiker den «Tages-Anzeiger» auch wegen seiner Textqualität. Doch seit das Seichte immer höher schwappt, ist die Lektüre zäh geworden. Simone Meier, zum Beispiel, verfasste früher täglich erstklassige Texte. Heute ist sie Kulturredaktorin und schreibt Randnotizen, die selten erhellend und noch seltener humorvoll sind. Ein Beispiel: Diesen Frühling wollte sie Eva «Back to Backofen» Herman die freie Rede verbieten. Worauf der gründlich empörte Thomas Widmer, Wanderkolumnist bei der «Weltwoche», Simone Meier das Schreiben verbieten wollte. Worauf dann eine hitzige Diskussion über die Meinungsfreiheit im Allgemeinen und ... sind Sie noch wach, liebe Leserinnen und Leser?
Doch was tut Simone Meier in der heutigen Ausgabe des «Tages-Anzeigers»? Sie drischt wieder auf Eva Herman ein, nennt sie eine «Transe im Geiste», die ihren «doppelt männlichen Nachnamen kastriert» habe, was auch heisse, dass man «dieses spinnerte schreibende Frauenzimmer», diese «Tante», «gar nicht ernst nehmen» müsse. Mit dieser Suada wird Frau Meier zweifellos ein paar Minuten Aufmerksamkeit ernten. Vielleicht zerbricht sich Thomas Widmer gerade den Kopf über seine nächste Kolumne und nimmt Frau Meiers Ball dankbar auf. Worauf sich dann wieder alle empören können: Frau Meier über Frau Herman, Herr Widmer über Frau Meier, die «Weltwoche»-Verächter über Herrn Widmer, die Neocons über die «Weltwoche»-Verächter und so weiter.
Ist das spannend? Nicht die Bohne. Deshalb wünscht sich der Blattkritiker, dass der «Tages-Anzeiger» erstens das Korrektorat wieder einführt und zweitens Frau Meier die Gelegenheit zur langen Form gibt. Er ist überzeugt, dass sie mehr und Besseres zu sagen hat als diesen postfeministischen Empörungs-Aufguss.
Montag, 16. April 2007
Am 9. März hat Heinz Däpp mit einem «Schnappschuss» zur «Weltwoche» bei Blattkritik.ch den Einstand gegeben. In seiner jüngsten Mediensatire beobachtet er Ferdi Fertigmacher, Journalist bei einer grossen Berner Zeitung, auf seiner Hexenjagd gegen die Berner Stadtschreiberin Iréne Maeder Marsili. Viel Vergnügen.
Donnerstag, 12. April 2007
In der gestrigen Ausgabe berichtete «heute» über Franco Cavallis Rücktritt. Eigentlich wollte Claudia Marinka ja die Berner SP-Nationalrätin Evi Allemann fragen, was sie von Cavallis Abgang hält. Das Textchen mit Allemanns Kurzporträt war geschrieben, die Infobox im Layout. Dann hatte Frau Allemann plötzlich keine Zeit mehr. Oder keine Lust. Die «heute»-Produzenten beliessen die Allemann-Box aber in alter Treue. Gut zu wissen, dass Medienpräsenz bei Ringier auch ohne konkretes Statement möglich ist.
(Dank für den Hinweis an Simon)
Mittwoch, 11. April 2007
Nicht nur die Blattkritiker haben im Moment zu wenig Zeit, sondern auch die Kioskaushang-Texter der Tamedia. Wie sonst ist es zu erklären, dass die vier wichtigsten Schlagzeilen des «Tages-Anzeigers» heute so wild durcheinanderpurzelten? Arbeitsmarkt kommt in Schwung
Second Life - einmal drin und nie wieder heisst es auf der linken Seite, Stadt schliesst WC-Haus am Zweierplatz
Neues Restaurant im ehemaligen Franziskaner auf der rechten. Sapperlot! Vom real anziehenden Arbeitsmarkt zur virtuellen Welt («Second was?») und vom WC-Haus ins neue Restaurant - so geht es nicht. Sondern so:
Arbeitsmarkt kommt in Schwung
Neues Restaurant im ehemaligen Franziskaner um den Zusammenhang zwischen Makro- und Mikroökonomie endlich klar zu machen. Und daneben: Einmal drin - dann nie wieder
Stadt schliesst WC-Haus am Zweierplatz was gut zur kompromisslosen Qualitätspolitik der «Züri WC - sauber und zum Glück nicht weit» passen würde.
Aber das sind Details.
Sonntag, 8. April 2007
Im Kanton Solothurn liefern sich die alteingesessene «Solothurner Zeitung» und das 2001 gegründete «Solothurner Tagblatt» täglich einen Kampf um die Gunst der Leser. Primeurs sind dabei Pflicht. Wer eine Geschichte verpasst, schreckt bisweilen nicht davor zurück, sich ungeniert beim Nebenbuhler zu bedienen. Beispiel gefällig? Bitte sehr:
Am 31. März berichtete Ursula Grütter im «Solothurner Tagblatt» darüber, dass in der Region Thal zwei neue Schulleiter gewählt worden seien. Eine Woche später, am 7. April, setzte Patrick Furrer die Leserschaft der «Solothurner Zeitung» über diese für die Region nicht unwesentliche Personalie ins Bild - ohne Quellenangabe, ohne Eigenrecherche und ohne Zusatzinformationen, dafür mit einem ziemlich unverkrampften Verhältnis zum geistigen Eigentum anderer Leute (die Artikel sind online nicht erhältlich).
«Solothurner Tagblatt»: «(...) die laufenden Arbeitsverträge mussten gekündigt werden.»
«Solothurner Zeitung»: «(...) müssen die laufenden Arbeitsverträge gekündigt werden.»
«Solothurner Tagblatt»: «Der gebürtige Mümsliswiler lebt zur Zeit in Chur. Er wird mit seiner Frau und den drei Kindern wieder ins Thal zügeln.»
«Solothurner Zeitung»: «Der gebürtige Mümsliswiler Urs Ackermann lebt derzeit in Chur. (Er) wird mit seiner Familie wieder ins Thal ziehen.»
«Solothurner Tagblatt»: «Als ausgebildeter Primarlehrer und Biologe unterrichtete er davor in verschiedenen Stufen der Volksschule im Kanton Solothurn.»
«Solothurner Zeitung»: «Der ausgebildete Primarlehrer sowie Biologe (...) unterrichtete im Kanton Solothurn an der Volksschule.»
«Solothurner Tagblatt»: «Er wird zu 85 Stellenprozenten als Gesamtschulleiter tätig sein und 4 Lektionen pro Woche unterrichten.»
«Solothurner Zeitung»: «Der 42-Jährige wird wöchentlich 4 Lektionen unterrichten und zu 85 Prozent als Gesamtschulleiter tätig sein.»
«Solothurner Tagblatt»: «Die Lehrerschaft wird vom Zweckverband zu gleichen Konditionen neu angestellt.»
«Solothurner Zeitung»: «Auch die Lehrerschaft wird zu gleichen Konditionen wieder angestellt.»
«Solothurner Tagblatt»: «Mittelfristig strebt der Zweckverband laut Präsident Alois Christ eine Lösung mit zwei Standorten an.»
«Solothurner Zeitung»: «Gemäss Alois Christ, Präsident der Kreisschule Thal, will der Verband mittelfristig eine Lösung mit zwei Standorten erreichen.»
«Solothurner Tagblatt»: «Im Dünnerntal exisitert das Schulleitungssystem sei Längerem, mit Egli als Amtsinhaber.»
«Solothurner Zeitung»: «Er war bereits Amtsinhaber in der Schulleitung des Dünnerntals. Dort existiert das Geleitete System nämlich seit längerem.»
Fazit: Patrick Furrer von der «Solothurner Zeitung» hat die Prüfung im Fach «Bericht erstatten» wegen schamlosen Abschreibens nicht bestanden.
Mittwoch, 4. April 2007
Den Titel der Woche finden wir heute in der «Solothurner Zeitung»: «Neulenker sollen trocken bleiben» titelt sie auf der Front. Wie lange Neulenker warten müssen, bis sie sich betrunken ans Steuer setzen dürfen, bleibt offen.
Montag, 2. April 2007
Eines der bekanntesten Sujets des deutschen Comic-Zeichners Uli Stein ist ein Pinguin mit einem «Dagegen»-Schild. Was viele nicht wissen: Das ist Roger Köppel.
Seit Köppel das Ruder bei der «Weltwoche» übernommen hat, gilt wieder die Doktrin seiner ersten Herrschaftsperiode: Wenn sich die interessierte, kritische √ñffentlichkeit eine Meinung gebildet hat, ist die Weltwoche diametral dagegen. Zur Erinnerung einige Müsterchen aus früheren Tagen: Der Irakkrieg ist gut, Bush ist gut, die SVP soll, nein muss man wählen. Dieses Muster ‚Äì 180 Grad gegen den «Mainstream» - lässt sich in der Ausgabe dieser Woche besonders schön erkennen:
"Dagegen!" vollständig lesen
Sonntag, 1. April 2007
In der heutigen Ausgabe der humanistischen Bildungsbeilage «Sie und Er» finden wir einen weiteren Text von Frank A. Meyer. Es ist «ein Plädoyer für die Zeitung»: Der Journalist (...) modelliert, was er wiedergibt, beschreibt und erzählt. Er ist der Skulpteur, der Bildner der Wirklichkeit - er bildet.
Das freilich ist ein sehr hoher Anspruch. Er setzt beim Journalisten selbst Bildung voraus, also mehrdimensionales Wissen. Und er setzt die Leidenschaft voraus für immer weitere, immer tiefere Bildung. Einverstanden. Der hohe Anspruch setzt auch Sprache voraus. Nicht den E-Mail-Jargon, nicht das SMS-Neu-Sprech, nicht das Esperanto grenzenloser Internet-Chats. Nein, Sprache, die sich an der Literatur übt: an der Heiterkeit Goethes, der Klarheit Fontanes, der Knappheit Hemingways, auch an der architektonisch ziselierten Prosa Frischs, der kosmischen Fabulierlust Dürrenmatts, der lakonischen Poesie Bichsels, der barocken Zärtlichkeit Hürlimanns oder der aufklärerischen Eindringlichkeit Muschgs. Auch damit ist der Blattkritiker einverstanden. Er fragt sich aber, ob die Werke von Hemingway, Hürlimann und Muschg den Lesern von «Sie und Er» ebenso präsent sind wie Frank A. Meyer. Oder ob dessen Plädoyer für sprachlich hochstehenden Journalismus in der «NZZ am Sonntag» nicht viel besser aufgehoben wäre. Denn möglicherweise schätzt die Leserschaft von «Sie und Er» eher die kosmisch ziselierte Lakonie einer Ashana Amtsfeld. Diese beginnt ihren Artikel über Jennifer Lopez mit den folgenden Sätzen: Sie ist die unbestrittene Latina-Queen. Als Konkurrentin Shakira in Kolumbien noch Bauchtanz übte, war ihr Po der berühmteste, teuerste und einflussreichste der Welt, der in der US-Busen-Kultur einschlug wie eine südamerikanische Bombe. Fontane und Shakira, Hochkultur und US-Busen-Kultur, aufklärerische Eindringlichkeit und postmoderne Unverkrampftheit. Und das in nur zwölf Magazinseiten Entfernung. Chapeau - schöner lässt sich das Konzept des «intelligenten Boulevards» wirklich nicht umsetzen.
Update (2.4.07, 18:30): Frank A. Meyers Text ist im «heute»-Papierkorb online und integral zugänglich.
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