Samstag, 30. Juni 2007
All die Jahre haben wir Grönemeyer gehört, lange war er das Mass aller Dinge, auch als wir dachten, Musik ist Musik, nur wenn sie laut ist.
Jetzt hat ihn Urs Mannhart besucht, für den «Bund», im Stade de Suisse. Wir erhoffen uns ein Stück vom Himmel. Denn wenn Mannhart schreibt, dann beginnt die Sprache zu tanzen, dann wollen wir es nur noch so, nur noch so.
Wir lesen «Auf dem Grund seiner Natur» und lachen, wenn es nicht zum weinen reicht. So schlimm? So schlimm! Wir werfen einen Blick zurück und fragen: Mannhart, was soll das?
Ist er nicht wohl, hier in dem Lokal? Fühlt sich der Literaturpreisträger als Fisch im Netz? Dort und hier ist sein Text einfach kompliziert. Und fragwürdig. Wieso? Weil Mannhart Mannhart näher steht als Grönemeyer – mein Konzert. Jetzt oder nie ein paar Beispiele:
Herbert. Es entzückt zu sehen, wie unmodisch elegant sich der Erfolgssänger kleidet, in welch radikal schludriger Konfektion er auftritt, um hinternschwenkend und hüftkreisend ein mit Anleihen bei geläufiger Strassenerotik nobilitiertes Stargehabe zu zelebrieren, das jeden anderen Menschen in Peinlichkeit ersaufen lassen würde. Mancher sagt schon hier, besser du gehst jetzt. Total egal.
Es stehen aber auch viele in völliger Ruhe, die dunklen Zeilen hinter uneinsehbar nachdenklicher Stirn, stehen bewegungs- und knochenlos wie an der Bushaltestelle, einer jener Stätten, wo immer wieder unbewusst das Stehen am Rand der Totengrube geübt wird. Das ist viel zu viel. Zieh deinen Weg, denken wir. Oder halt mich, wenn ich lese:
Überhaupt die Perspektive der Journalisten: Pult an Pult, tribünenartig über dem gemeinen Volk und auf Augenhöhe mit dem Geschehen sitzen sie in Souveränität, gestützt von der innenarchitektonischen Grundsituation der Gerichtsverhandlung. Rechtsgrundlage ist die eigene Meinung, beeinflusst von Tageshoroskop und grundsätzlichen Weltdafürhaltungen. Einige Journalisten halten sich am Kugelschreiber fest, andere arrangieren sich mit dem Grimm, mit dem sie zu kritisieren geneigt sind. Selbstmitleid. Verflucht, es tut weh. Doch wir sind unterwegs:
Anstelle des versenkten Tintenfasses finden sich eine Steckdose und zwei Buchsen: Ich habe Anschluss an ein Atomkraftwerk und an alle Telefone dieser Welt. Über der Schreibfläche schwebt eine Lampe, die auf der Rückseite mit «Lampe» angeschrieben ist, ein fieser Test für verunsicherte Journalisten. Alles in allem ist dieses Pult ein sorgfältig abgeschirmtes Rechteck; ich habe freie Sicht auf die Wirklichkeit, die strenge Form der Kabine hilft, während des Konzerts im rechtwinkligen Format der Zeitung zu denken. Ich wills nicht. Vergiss es, lass es. Aber es hat uns erwischt:
Es mag kein rechtwinkliger Gedanke sein, aber ich stelle mir auch vor, dass ich gerne einmal mit Herbert in einem Lift stecken bleiben möchte. Nicht einfach, weil er bestimmt eigenwillig artikulierte Lebensweisheiten zum Besten geben würde, sondern auch und vor allem, weil ich ihm zutraue, die Störung mit einem ungemein banalen Kniff von der Kabineninnenseite her zu beheben. Männer! Manchmal wie Kinder an der Macht. Fragt nicht, was das soll. Weiter geht’s, wir sind wieder soweit:
Egal, ob das Lied nach Assugrin oder nach Aspirin klingt, egal, ob er musikalisch Rezepte verteilt an Gemütsrheumatiker und Verstandespatienten, ob er seine Endsilben auf Paartherapeuten oder auf Therapiepaare reimt, er steht stets auf dem Grund seiner Natur, er ist sehr Herbert.
Der Stand der Dinge? Es ist genug, mehr geht leider nicht. Der Schädel brummt – Flugzeuge im Kopf.
Freitag, 29. Juni 2007
Wer die Berichterstattung zur Übernahme des «Bund» durch die Espace Media Groupe verfolgt, stellt fest, dass Tamedia/Espace offenbar von den Verkaufsabsichten der «NZZ» überrascht worden ist und den Deal mit gemischten Gefühlen vollzogen hat. Bleibt die Frage, wieso die «NZZ» den «Bund» so schnell loswerden wollte/musste, und wieso man bei der Tamedia/Espace derart zurückhaltend reagiert.
Wir vermuten: Der «NZZ» geht es vor allem um die Wahrung des Gesichts. Sie zieht sich in einem Moment zurück, in dem der «Bund» erstmals seit Jahren schwarze Zahlen schreibt, in dem ihr niemand vorwerfen kann, sie verlasse das sinkende Schiff und trage zum Niedergang der publizistischen Vielfalt bei. Hätte die «NZZ» vor zwei/drei Jahren den Bettel hingeschmissen, hätte sie damit das Ende des «Bund» besiegelt. Würde die «NZZ» in zwei/drei Jahren den Bettel hinschmeissen – wenn die Konjunktur vielleicht nachgelassen hat und der «Bund» wieder rote Zahlen schreibt –, käme wohl auch das dem Ende gleich.
Mit anderen Worten: Die «NZZ» hat den perfekten Moment für einen «sauberen» Abgang gewählt. Sie hat die Rolle des künftigen Buhmanns dem Erzrivalen Tamedia/Espace zugeschoben. Mehr wollte sie nach all den Jahren, in denen sie die Verluste des «Bund» mitgetragen und für dessen Fortbestand gesorgt hat, offenbar nicht mehr tun.
Was man der «NZZ» vorwerfen muss, ist ihre Strategielosigkeit. Sie hat es über all die Jahre verpasst, für den «Bund» eine Zukunftsperspektive zu entwickeln: Weder hat sie einen gemeinsamen Redaktionspool mit ihren anderen Lokalblättern aufgebaut, noch hat sie einen starken Inseratepool etabliert. Auf die Nutzung von Synergien scheint man bei der «NZZ» nicht angewiesen zu sein. Wie lange noch?
Fazit: Im Gegensatz zur Tamedia, die eine klare Vision verfolgt und sich als Nummer eins auf dem Markt der Tageszeitungen etablieren will, agiert die «NZZ» aus einer reinen Abwehrhaltung. Salopp formuliert: Am liebsten würde die «NZZ» einfach nur die «NZZ» machen. Schade, denn die «NZZ»-Gruppe ist das einzige Schweizer Verlagshaus, das der Tamedia im Lokalzeitungsgeschäft Paroli bieten könnte, nachdem sich Ringier aus dieser Sparte verabschiedet hat.
Donnerstag, 28. Juni 2007
Bern ist klein. Als der Blattkritiker gestern Abend hinter seinem Panache sass, hörte er in seinem Rücken zwei Männer tuscheln, die anscheinend bei der Espace Media Groupe arbeiten. «Schlimm», sagte der eine, «ganz schlimm. Die BZ-Journis machen sich Sorgen.» – «Das ist doch nichts Neues!», stellte der andere fest. – «Dieses Mal schon. Die von Weissenfluh [Franziska, Verlagsleiterin der Espace] erzählt rum, im Herbst, wenn die zwei neuen Gratiszeitungen lanciert werden, werde es auch für die BZ eng.» – «Die zwei neuen Gratiszeitungen? Dann weiss die von Weissenfluh offensichtlich mehr als der Kall.»
Worauf die Herren kicherten und sich der Blattkritiker fragte, was es denn da zu kichern gibt und weshalb Martin Kall beim Interview mit Francesco Benini in der «NZZ am Sonntag» nicht einfach die Wahrheit gesagt hat.
Mittwoch, 27. Juni 2007
Wozu in die Ferne schweifen? Das Gute liegt «heute» so nah: Zürcher Szenis in der «Gallery of Idiots» ist unter «Kunst» abgelegt. Hunde werden menschlicher Texter werden fahrlässiger. Alinghi vom Wind verblasen Produzent vom Dialekt mitgeschleikt. Wieso wird Haut beim Sonnen braun? Wieso weiss das niemand? Mofafahrer von Keule attackiert Wer hat sie frei herumlaufen lassen?
Mittwoch, 27. Juni 2007
Die Progression, also die stärkere Besteuerung grösserer Einkommen, ist ein wesentliches Element des schweizerischen Steuersystems. So wesentlich, dass das Bundesgericht kürzlich degressive Steuern verboten hat. Es will damit die Rechtsgleichheit wahren. Ein Blick in die «NZZ» vom 23. Juni belehrt uns nun, dass die Progression soziale Ungerechtigkeiten keinesfalls beseitigt - Nein, sie schafft sie selbst! Denn der Artikel mit dem bezeichnenden Titel «Von der Ungerechtigkeit des Leistungsfähigkeitsprinzips» bricht eine Lanze für die Grossverdiener.
"Segelnde Faulenzer" vollständig lesen
Dienstag, 26. Juni 2007
In der Schweizer Medienlandschaft wird zurzeit schneller liquidiert, fusioniert und neu lanciert, als Beobachter denken und tippen können. «Cash» weg, «Facts» weg, die Espace Media Groupe ein Anhängsel der Tamedia, am Horizont warten «.ch» und andere Gratisblätter – und nun noch dies: Die Freie Presse Holding AG der NZZ verkauft, offenbar aus eigenem Bestreben, ihren Anteil am «Bund». Damit liegt das Geschick des Berner Traditionsblatts fortan ganz in den Händen der Espace Media Groupe bzw. der Tamedia. Lapidare Begründung der «NZZ»: Sie will der Tamedia «die Integration des Berner Modells in ihre Gesamtstrategie ermöglichen».
Was hat der «Bund» in der Gesamtstrategie der Tamedia verloren? Wenig! Das sieht offenbar auch die Tamedia so. Auf der Website des «Tages-Anzeigers» lesen wir jedenfalls, dass Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer den Schritt der «NZZ» bedauert. Er schaffe zusätzliche Verunsicherung.
Alles deutet darauf hin, dass die Tamedia eine nationale Mantelredaktion aufbauen will, die den «Tages-Anzeiger», die «Berner Zeitung» und allenfalls die «Basler Zeitung» beliefern soll. Die Lebensversicherung für den «Bund» – die Option, dass auch die NZZ-Gruppe an der Idee einer nationalen Mantelredaktion werkelt, die ihre Lokalblätter in St. Gallen, Luzern, Bern sowie die mit ihr verbandelten Lokalblätter im Grossraum Zürich beliefern könnte – ist nun vom Tisch. Und damit wohl bald auch der «Bund». Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Tamedia neben einem nationalen Mantel eine Vollredaktion für die paar wenigen «Bund»-Leser leisten wird.
Oder denkt die Tamedia vielleicht darüber nach, «Bund» und «BZ» denselben Mantel zu verpassen und in Bern zwei unabhängige Lokalredaktionen zu betreiben? Nun: Das wäre aus publizistischer Sicht besser als gar nichts; aber ökonomisch dürfte sich das kaum rechnen. Zwei Titel in ein und dem selben Markt zu alimentieren, lohnt sich nur, wenn dadurch unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen erreicht werden können. Das setzt wohl eine Differenzierung der beiden Titel voraus, die über den Lokalteil hinausgeht.
Die Espace Media Groupe hat heute zwar mitgeteilt, das so genannte «Berner Modell» werde auch künftig «unter den gleichen wirtschaftlichen und publizistischen Kriterien» weitergeführt. Was das konkret heisst, hat Espace Media Groupe-Sprecher Christopher Wehrli laut Tages-Anzeiger gleich klargemacht: Der «Bund» muss rentieren, wenn er überleben will.
Wir gewöhnen uns deshalb schon mal an den Gedanken, dass es eher früher als später heissen wird: (B)und tschüss!
Montag, 25. Juni 2007
Was macht eine Moderatorin eigentlich, wenn einer eigentlich fast nur "eigentlich" sagt? Sie versucht geflissentlich darüber hinweg zu hören; schliesslich spricht der Gesprächspartner ja eigentlich Französisch. Doch dann hat es sie doch noch erwischt (Tonbeispiel 1, 2 und 3). Trotzdem: Susanne Brunner hat sich gut gewehrt, eigentlich.
Sonntag, 24. Juni 2007
Die «NZZ am Sonntag» wird zum Branchendienst: Letzte Woche plauderte Francesco Benini mit Sacha Widgorovits über dessen neues Gratisblatt «.ch», diese Woche mit Martin Kall über «Facts», den Espace-Deal und eine neue Tamedia-Zeitung. Laut Benini, der sich auf «gut informierte Quellen» beruft, soll es sich um eine weitere Gratiszeitung handeln. Eine Abwehrmassnahme, um die Milchkuh «20 Minuten» zu schützen? Kall lässt sich noch nicht in dei Karten blicken: «NZZ»: Die wichtigste Ertragsquelle von Tamedia, «20 Minuten», wird mit dem Start des neuen Gratisblatts «.ch» unter Druck kommen. Kall: Da bin ich gelassen. Wir erhöhen die Auflage von «20 Minuten». Und ich denke, dass die Regionalblätter eine neue Gratiszeitung stärker bemerken werden. Die Regionalzeitungen müssen von liebgewonnenen Gewohnheiten Abschied nehmen und verstärkt kooperieren, ohne die lokalen Wurzeln zu verlieren. Was wohl heisst: Das Lokale dürfen sie noch machen, den Mantel kriegen sie von uns (oder von der «NZZ»). Vieles wird in diesem Interview angesprochen, wenig konkretisiert. Gut gelaunt und sehr locker präsentiert sich Martin Kall. Was uns vermuten lässt, dass die neue Zeitung erstens eine Gratiszeitung ist und zweitens am Abend erscheinen wird. Denn aus Sicht der Tamedia ergibt es keinen Sinn, «20 Minuten» und den «Tages-Anzeiger» mit einer weiteren Gratis-Morgenzeitung zu kannibalisieren. Am Abend ist aber noch Platz vorhanden, gerade aus werberischer Sicht: Eine Inseratekombi mit «20 Minuten» und dem neuen Titel wäre für Inserenten einiges attraktiver als Ringiers Paket mit «Blick» und «heute».
Lassen wir uns überraschen, was der Herbst bringt. Falls Martin Kall für sein Projekt noch einen Namen sucht, hätten wir einen Vorschlag, der auch zur «Facts»-Einstellung passt: «Feierabend».
Freitag, 22. Juni 2007
Die neue Gratiszeitung «.ch» wirft ihren Schatten voraus: Tamedia fährt die Auflage von «20 Minuten» um satte 25 Prozent hoch. Bis im Herbst soll die Deutschweizer Auflage 550'000 Exemplare stark sein, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Damit die vielen zusätzlichen Zeitungen an die Frau gebracht werden können, werden Doppelboxen nötig (und wohl auch ein paar Dutzend neue Mitarbeiter bei «Rail Clean», der Reinigungsfirma der SBB). Nett ist die offizielle Begründung für das Auflagenwachstum: Hauptgrund für die vom Verwaltungsrat beschlossene Steigerung der Auflage von 431’000 auf neu über eine halbe Million Exemplare sei der anhaltende Erfolg, teilte die Tamedia heute mit. Wers glaubt, bezahlt ein Qualitätszeitungs-Abonnement.
Update (23. Juni, 11:50): Auch der Presseverein hat sich über die Medienmitteilung amüsiert und schreibt vom «Säbelrasseln in der Billig-Ecke».
Donnerstag, 21. Juni 2007
Vincent Bugliosi, Alt-US-Staatsanwalt, hat ein 1600 Seiten starkes Buch zum Mord an John F. Kennedy veröffentlicht, in dem er laut eigenen Angaben sämtliche Unklarheiten ausräumt. Interessant und wichtig, dass das «Magazin» Bugliosis Werk bespricht. Bloss: Was eine spannende Auseinandersetzung mit dem Autor und der Qualität seiner Recherche sein könnte, bietet nichts dergleichen. Peter Haffners «Magazin»- Text ist eine dumme, mit Plattitüden gespickte Abrechnung mit dem Unmenschen unserer Zeit, dem gemeinen Verschwörungstheoretiker.
"Haffners Abrechnung" vollständig lesen
Donnerstag, 21. Juni 2007
Unter dem Titel «Raiffeisen schweisst zusammen» berichtete die «Berner Rundschau» gestern über die Wiedereröffnung einer Bankfiliale in Wiedisbach (Artikel online nicht zugänglich). Der Lead dieser Jubelarie ist Gold wert: Mit dem grosszügigen Kundenbereich, modernsten Selbstbedienungsgeräten und einer zeitgemässen Innenarchitektur demonstriert die umgebaute Raiffeisenbank gleichzeitig Offenheit und Nähe. Und die «Berner Rundschau» demonstrierte gleichzeitig ihre Werbe- und IT-Kompetenz. Copy-Paste aus der Medienmitteilung kann auch nicht jeder!
(Danke für den Hinweis an Sandra)
Mittwoch, 20. Juni 2007
«Leider hat sich gezeigt, dass die wirtschaftlichen Perspektiven des Titels zu wenig tragfähig sind», steht in Uli Rubners «Facts»-Todesanzeige, die auch der Blattkritiker erhalten hat. Im Klartext: Wir haben einfach nicht genug Geld verdient. Die Gründe dafür beschreibt Constantin Seibt, der hartnäckigste Beobachter des Swissair-Prozesses, im «Tages-Anzeiger» von gestern (online nicht frei zugänglich). In seinem Artikel über das «Facts»-Grounding schildert Seibt das kurze Leben und lange Sterben von «Facts», dem «Kind ohne Seele» und ortet das Hauptproblem in einem «Geburtsfehler»: Das Problem Mitte der Neunzigerjahre war, dass der Verlag kein gutes Gefäss für Farbanzeigen hatte, und dies, als die Wirtschaft zu boomen begann. [«Facts»] entstand quasi als Lösung des Farbanzeigenproblems: nach dem Vorbild der österreichischen «News»: vorne Politik, hinten softe Stoffe. (...) Dies sollte das Problem von «Facts» werden: Es war ein Marketingprodukt, geboren ohne klaren Auftrag – und dies paradoxerweise in einem Markt, der viel zu klein war: Bei den hohen Kosten eines Nachrichtenmagazins für Recherche, Bilder, Technik brauchte man in der Schweiz eine fantastische Leserzahl, fantastisch viele Anzeigen, fantastisch viele Nachrichten. Zur unglücklichen Konzeption des «Retortenkindes» gesellten sich die geplatzte Dotcom-Blase und die Konkurrenz: Der Anzeigenmarkt brach zusammen von den 2000 Werbeseiten für «Facts» allein blieben nun für «Weltwoche», «Cash» und «Facts» zusammen 2000. Die Leser schwanden. Obwohl «Facts» mehr Leute pro Kopf erreichte als der «Spiegel» in Deutschland, hätte man fast die Hälfte mehr gebraucht. Und schliesslich verschwanden nicht nur die Anzeigen, sondern auch auch die Nachrichten endgültig Richtung Wochenende – spätestens, als mit der «NZZ am Sonntag» das dritte Sonntagsblatt erschien. Sonntagszeitungen funktionieren im Kern als effiziente Petzmaschinen: Dutzende von Leuten werden nach Indiskretionen abtelefoniert oder von Indiskreten angerufen. Sie liessen «Facts» nichts an Skandälchen übrig. Eine strukturelle Fehlkonstruktion, schwindende Anzeigen und dazu die wachsende Konkurrenz - ein Alptraum. Auch für die Redaktion, wie Seibt schreibt: Im Verborgenen dahinter kämpften die Journalisten – ohne jede Chance. «Facts» machte von Anfang bis zum Ende konstant hervorragenden Journalismus, oft versteckt von Häppchen, Thesen, Softstoffen, Kästen. Doch während in den Neunzigern «Facts»-Journalisten in der Branche zwar gehasst, aber gelesen wurden, blieb das späte «Facts» in der Branche anrüchig, aber unsichtbar: Wurden Artikel von ihm in der Tagespresse aufgenommen, galten sie als Primeur des abschreibenden Blattes. In der Falle zwischen verzweifelt nötiger Reputation und verzweifelt nötiger Aufregung kämpften die «Facts»-Leute einen tapferen, vergeblichen Kampf: Es war das unterschätzteste Blatt des Landes. Und vielleicht auch ein Bauernopfer für Martin Kalls neue Pläne, die wir hier in Kürze besprechen. Bleiben Sie dran.
Mittwoch, 20. Juni 2007
Der Patient lag seit Jahren auf der Intensivstation, jetzt stellt die Tamedia die Maschinen ab: «Facts» erscheint am 28. Juni zum letzten Mal. Den ausführlichen Nekrolog liefern wir nach. Fürs Erste verweisen wir auf das phrasendreschende Communiqué der Tamedia und den langen Artikel auf der «Tages-Anzeiger»-Website. Kommentare sind willkommen - gerade auch von «Facts»-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Mittwoch, 20. Juni 2007
Heute erfreut uns nicht die «NZZ» mit ihren Headlines, sondern der «Tages-Anzeiger»-Split für das linke Seeufer. Wir beginnen unsere Tour mit der Gemeindepolitik: Der Gemeinderat von Schönenberg prüft Massnahmen gegen jugendliche Abfallsünder Das besitzt wahre «NZZ»-Qualität: Auch wer nur die Überschriften liest, ist vollständig informiert. Doch es geht auch poetischer: Alt und matt und mit Fehlern sind die Scheiben, die Fritz Maurer sammelt Ungewohnt und frisch und mit Grammatik ist diese Headline über Fritz Maurer, den Sammler mundgeblasener Scheiben, synästhetisch dagegen die Kulturkritik aus Richterswil: Theater in der alten Seidenzwirnerei, wo es nach Maschinen riecht Und Freude in der Abschlussredaktion, wo es nach Computern riecht und Titel wie dieser entstehen: Immer mehr junge Erwachsene werden vom Sozialen Netz Horgen aufgefangen Immer mehr Schlagzeilen erreichen Überlänge. Trotzdem gilt das Wort eines hoffnungsvollen Jungunternehmers aus dem Bezirk Horgen, der bei «Start up» mitgemacht und es mit seinem Credo in die Schlagzeile geschafft hat: «Man darf niemals aufgeben, niemals!»
Montag, 18. Juni 2007
Wenn es um Zahlen geht, wird bei «heute» geklotzt, nicht gekleckert. Eine Million von 82 Millionen Deutschen führt zum Beispiel zum Titel «Deutsche sind netzsüchtig». Und auch heute hat «heute» wieder grosszügig aufgerundet. Der hauseigene Wettbewerb für ein Fotoshooting wird uns nämlich mit folgendem Titel angepriesen: Alle wollen ans Elite-Fotoshooting Alle? Alle Zürcherinnen? Alle «heute»-Leserinnen? Alle Schweizerinnen? Alle Frauen auf der ganzen Welt? Gespannt lesen wir den Lead: ZÜRICH. Seit Freitag können sich Nachwuchsmodels bei uns für ein Elite-Modellook-Shooting melden. Bislang haben das schon 100 Mädchen und ein Knabe getan. Das sind beeindruckende Zahlen. Wir wollen deshalb «heute» nicht wegen seiner masslosen Rundungstoleranz rügen, sondern für den unweigerlichen Folgeartikel über den verirrten Mann schon mal einen knackigen Titel vorschlagen: Einer gegen alle Denn das alle genau 100 sind, haben wir uns jetzt gemerkt.
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