Montag, 30. Juli 2007
Zwei Titel zu Todesnachrichten aus der aktuellen «heute»-Ausgabe: Das grosse Sterben blieb aus steht auf Seite 3 über einem Artikel zum Bienensterben in der Schweiz. Der Rückgang der Bienenpopulation sei «weniger dramatisch» ausgefallen als befürchtet: «Die Totalverluste sind dieses Jahr nur leicht überdurchschnittlich.»
Stattgefunden hat das grosse Sterben in China. Unwetter und Überschwemmungen haben in den letzten Tagen mindestens 652 Menschen das Leben gekostet. In der Printausgabe lesen wir über der Meldung auf Seite 5: Überschwemmung in China: Viele Tote Viele. Tatsächlich.
Sonntag, 29. Juli 2007
Wer ist der Sisyphos der Schweizer Medienblogger? Wir haben zwei Kandidaten gefunden:
Der namenlose Blogger bei «20min Schreibfehler» wälzte die grösste Zeitung der Schweiz Tag für Tag den Hang der Orthographie hoch und entdeckte in 20 Tagen mehr als 100 Schreibfehler. Zufälligerweise gab «20 Minuten» kurz nach dieser Aktion bekannt, ab dem 1. August ein Korrektorat einführen zu wollen. Denn «wo gehobelt wird, fallen Spähne». Genau.
Der «heute»-Rezensent namens «gestern» wuchtet bei «gestern im heute» die urbanste Schweizer Abendzeitung den steilen Berg des journalistischen Qualitätsanspruchs hinauf. Er würdigt unter anderem Schuhe in Testbildfarben, die Leserbriefseite und das öffentlich beweinte Verschwinden unkorrigierter Texte.
Nachdem im letzten Jahr einige Watchblogs ebenso rasch verschwunden sind, wie sie zuvor aufgetaucht waren, wünschen wir den beiden Projekten gutes Gedeihen. Arbeit werden sie zur Genüge haben.
Montag, 23. Juli 2007
Die Tamedia expandiert ins Ausland: Zusammen mit der Groupe Editpress lanciert sie Ende Jahr die erste Luxemburger Gratiszeitung. Spärliche Details gibts in der Medienmitteilung der Tamedia. Das neue Blatt heisst «L'essentiel» und wendet sich - wer hätte das gedacht - an «eine junge, urbane und kaufkräftige Leserschaft». Die beiden Verlagshäuser sind mit je 50% beteiligt.
Die Tamedia will laut Medienmitteilung ihre «Erfahrungen aus dem erfolgreichen Ausbau von 20 Minuten und 20 minutes» ins Projekt einbringen. Weshalb so zaghaft? Die Macher von «20 Minuten» bzw. «20 minutes» dürften sogar etwas Neues versuchen. Dies wäre auch im Sinn ihres Chefs. Der Blattkritiker zitiert sich ausnahmsweise selbst: «In der Schweiz kann sich Martin Kall in Sachen Publizistik nicht mehr gross profilieren. Im Ausland könnte er beweisen, dass er Zeitungen nicht nur kaufen, sondern auch machen kann.»
Allez-y!
Montag, 23. Juli 2007
Der reisserische Titel sei uns verziehen. Denn wenn das Sommerloch wieder einmal gähnende Langeweile und grossformatige Badmeisterbilder verbreitet, gibt es nicht viel zu blattkritisieren. Oder doch? In den heutigen Regionalsplits des «Tages-Anzeigers» finden wir die folgenden Kleinodien: Weiter flussaufwärts pumpt ein Mann sein gelbes Gummiboot auf. Bald wird er sich von der Sihl parallel zur Sihltalstrasse Richtung Zürich treiben lassen. Spätestens beim Kleinkraftwerk in der Sihlhüslikurve muss er aussteigen. Für die Fischtreppe ist das Boot zu breit.
(Linkes Seeufer) Denken Sie daran, wenn Sie sich das nächste Mal parallel zur Sihltalstrasse treiben lassen: Das unter ihrem Gummiboot ist die Sihl, nicht die Limmat. Und falls sie schon vor der Sihlhüslikurve aussteigen wollen, sind Sie möglicherweise alt genug für die folgende Enthüllung: Eigentlich muss man in Zürich mindestens 18 Jahre alt sein, um in einen Klub eingelassen zu werden. Allerdings gibt es ein Lokal, das samstags Besuchern ab bereits 16 Jahren offen steht: das X-tra. Es liegt beim Limmatplatz, ist sehr beliebt und riesengross. An Wochenenden tummeln sich dort oft um die 2000 jugendliche Klubbesucher, die von überall her kommen. Das X-tra ist kein edles Lokal, deshalb muss man sich auch nicht schick anziehen. (...) Auch Mihara und Rubina, beide 16, aus Volketswil sind auf dem Weg ins X-tra. (...) Alkohol müsse nicht unbedingt sein und Drogen seien total scheisse, finden sie. Trotzdem lassen auch sie rund 50 Franken im Klub liegen, das Geld haben ihnen die Eltern gegeben oder stammt vom Lohn fürs Babysitten. (...) In einen Klub zu gehen, mache einfach Spass.
(City) Vorbildliche Jugend: Alkohol nicht unbedingt nötig und Drogen total scheisse finden, aber trotzdem für Eintritt und Himbeersirup 50 Franken im Club liegen lassen. Vielleicht reicht das Geld von Eltern und/oder Babysitten am nächsten Tag nicht mehr für den Badi-Eintritt. Dann gibts aber immer noch «Ein Platz nicht an der Sonne» (Ein Titel nicht mit Sprachgefühl): Um es kurz zu machen: Mein Lieblingsort, soweit ich den nach erst zwei Wochen in Zürich festlegen darf, ist an der Limmat, genauer gesagt auf der rechten Seite des LimmatClubs. Die Ruhe dort hat mich festgehalten. Zwar muss man sich kurz sportlich über ein abgeschlossenes Gatter schwingen, um an diese Oase der absoluten Glückseligkeit zu gelangen, aber es braucht auch nicht viel mehr als die Limmat zum Baden der Füsse und vielleicht ein gutes Buch. Wer zusätzlich etwas essen möchte, dem kann ich nur das Lokal, was an den Club angrenzt, empfehlen.
(City) Wer sich nicht von der Ruhe dort festhalten lassen will, sollte evtl. auf die Oase der absoluten Glückseligkeit verzichten und statt dem City-Split irgendein Buch, was er in der Bibliothek findet, zur Hand nehmen. Oder für die Sommerferien 2008 einen Zustellunterbruch beantragen.
Donnerstag, 19. Juli 2007
Sommerloch? Nicht bei der «WOZ». «Was gibt es Neues, Grossmutter Kall?» fragt Rachel Vogt in der heutigen Ausgabe. Und meint:
1. «Tagi kompakt» wurde beerdigt.
2. Die «Basler Zeitung» steht zuoberst auf Kalls Einkaufsliste.
3. Die Tamedia will den Schritt ins Ausland machen.
Wie wahrscheinlich sind diese Prognosen? Der Blattkritiker hat ein wenig spekuliert und lädt zu Kommentaren ein.
"Tamedia: Kaufen, beerdigen, verreisen" vollständig lesen
Montag, 16. Juli 2007
In der «Sonntagszeitung» von gestern finden wir ein gutes Beispiel für eine schlechte Reportage. «Hauptsache Kurven» handelt von zehn gutaussehenden jungen Frauen, die sich in die Löwengrube eines Formel-1-Rennens aufmachen. «Hauptsache Kurven» zeigt aber auch, wie man ein vielversprechendes Thema an die Wand fährt.
"Gegen die Wand" vollständig lesen
Sonntag, 15. Juli 2007
In der «NZZ am Sonntag» finden wir heute eine spannende Mitteilung: Abnehmen mit eBalance
Eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Zürich hat mittels einer Online-Befragung von 480 Teilnehmern des Gewichtsreduktionsprogramms eBalance.ch ergeben, dass die Nutzer im Schnitt rund 5 Kilogramm verlieren. Hochgerechnet auf die 20 000 Mitglieder, bedeutet dies, dass dank eBalance.ch in der Schweiz rund 100 Tonnen Übergewicht abgespeckt wurden. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung lobt eBalance.ch in ihrem neuen Buch «Gesund abnehmen». Und bei einem Langzeit-Vergleichstest der Zeitschrift «Gesundheitstipp» von K-Tipp hatte die Testperson, die mit eBalance.ch gegen Weight-Watcher-, Reductil- oder Xenical-Kandidaten antrat, mit Abstand den grössten Erfolg: eine Gewichtsreduktion von 12 Kilogramm seit Januar dieses Jahres. (cde.) Und jetzt zur Preisfrage: Wo und wie wurde dieser Text platziert?
A) Im «Schweiz»-Bund als Hausmitteilung?
B) Im Editorial?
C) Im «Stil»-Bund?
Alles falsch. Der Text steht im «Wissen»-Bund zusammen mit zwei anderen Kurztexten unter dem Titel «Neues aus der Wissenschaft». Damit das Lesen nicht zu schwer fällt, hat die Redaktion ein inhaltliches Gewichtreduktionsprogramm durchgezogen. Denn «eBalance» ist bekanntlich ein «Projekt» der «NZZ Neue Medien».
Die «NZZ am Sonntag» berichtet über ein «NZZ»-Projekt und vergisst vor lauter Freude über dessen gutes Abschneiden den Disclaimer. Das soll in den besten Häusern vorkommen. Wir fragen uns trotzdem: Ist das jetzt noch eine abgespeckte Hausmitteilung oder schon gewichtsreduzierte PR?
Montag, 9. Juli 2007
In der «Solothurner Zeitung» vom 7. Juli schreibt Astrid Bucher Klartext: Am Grenchner Uhrencup gehts nicht nur um Fussball. Er lebt auch von den wichtigen Personen, die ihre Dienstleistungen sponsern. Im VIP-Zelt treffen sie diese [sic!] und andere, um sich verwöhnen zu lassen. Und in dieses VIP-Zelt gelangt nur, wer einen «Goldpass» besitzt, wie wir gleich zwei Mal lesen. Kein Wunder, denn die «wichtigen Personen» möchten unter sich bleiben: Gigi Oeri, Oliver Kreuzer und Co. lassen sich die exklusiven Häppchen zwischen und nach den Matches auf der Zunge zergehen. Sascha Ruefer düst von einer Ecke in die andere und interviewt dazwischen noch Sportchef Oliver Kreuzer vom Team Red Bull Salzburg. Das liest sich beeindruckend. Schade nur, dass die Fotos gegen diese A-Prominenz ein wenig abfallen. Denn in der grosszügigen Bildstrecke finden wir weder den herumdüsenden Sascha Ruefer noch die Häppchen auf der Zunge zergehen lassenden Gigi Oeri und Co. noch den ebenfalls erwähnten Urs Saladin (Vize-Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes, «lässt sich an der Bar verwöhnen»). Dafür sehen wir unter anderem: VIPs Marc Pfister und Martina Möller, Advokaturbüro Fivaz,George und Marolf
Grenchner Promis Barbara und Boris Banga (Stadtpräsident)
Unter Freunden Eddy Schneiter, Beat Schmid und Markus Graf, CEO Swiss Prime Site (Hauptsponsor). Am besten gefällt uns aber das Bild einer gutgelaunten Tischgesellschaft: Gerüstebauer Der Tisch 60 gehört den Freunden und Mitarbeitern von Roth Gerüste, die am Uhrencup für den Tribünenbau verantwortlich zeichnen. Was uns zeigt: Text und Bild dürfen ruhig mal ein wenig auseinanderklaffen. Denn beim Grenchner Uhrencup gehts nicht nur um die wichtigen Personen, die ihre Dienstleistungen sponsern. Sondern auch um Fussball.
Freitag, 6. Juli 2007
Am 10. Juni ist im Berner Freibad Weyermannshaus ein 14-jähriger Schüler ertrunken. Ein tragischer Unfall, bei dem laut dem vorgestern veröffentlichten Polizeibericht Drittverschulden ausgeschlossen werden kann.
In der «Berner Zeitung» lesen wir dazu gestern (Text online nicht erhältlich) den Titel:
«Das Opfer war ein Fussballtalent» Aha. Ist das im Zusammenhang mit dem Polizeibericht wichtig, fragen wir uns. Natürlich nicht! Aber was solls, denn der folgende Text von Jürg Spori setzt nicht auf Information, sondern auf pietätlosen Boulevard und Spekulationen:
«Wir sind alle sehr traurig», sagt Trainer Mario Aurigemma. Er sei ein sehr liebenswürdiger Junge gewesen. Und er lobt ihn: «Er war ein Supertalent, das die Balltechnik bereits hervorragend beherrschte.» Der Trainer ist überzeugt: «Mit noch etwas ‹Schleifen› hätte er bald den Sprung in die U-15-Mannschaft von YB geschafft.» Und: «Wir alle im Klub haben immer gesagt, der wird eines Tages so gut wie der französische Internationale Claude Makelele spielen.» Doch mit dem Unfall im «Weyerli» ging die Karriere des jungen Fussballspielers jäh zu Ende. «Es ist jammerschade, dass dieses junge Talent so grauenvoll ertrinken musste», sagt der Bümplizer Coiffeur Mario Minerva, der an der Keltenstrasse seinen «Immagine»-Salon betreibt. Müssen wir daraus schliessen, dass der Tod eines unsportlichen Teenagers weniger traurig gewesen wäre? Und: Weshalb verirrt sich der Spruch eines Bümplizer Coiffeurs in diesen Text?
Deshalb:
Nicht nur bei Coiffeur Minerva, sondern in den Läden und Beizen in ganz Bümpliz und Bethlehem rätseln die Menschen über den Tod von Makelele. Dazu gehören auch die verschiedensten Gerüchte über die Todesursache. Unklar ist das Drama auch für eine junge Mutter, die zur Zeit des Unglücks mit ihren Kindern in der Nähe war. Sie will gesehen haben, wie kurz bevor Makelele geborgen wurde ein Bademeister mit dem Velo gemütlich davongefahren ist.
Nach ihren Beobachtungen stellt sie sich Fragen über Fragen: Warum hat der Bademeister den Jungen nicht gesehen, wenn er auf dem erhöhten Aussichtsposten war? Warum hat der Bademeister noch die Überhose ausgezogen, bevor er ins Wasser gesprungen ist? Stand der Bademeister rauchend unter einem Baum, anstatt auf dem Aussichtsposten die Badenden im Auge zu behalten? Unklar ist auch für die Jungs aus dem Umfeld von Makelele, warum das Drama passieren konnte. Ivica, ein Freund von Makelele, will wissen, dass unter den Kumpels eine Wette abgeschlossen wurde, wer am längsten unter Wasser bleiben kann. Tatsächlich: Fragen über Fragen. Oder besser gesagt: Gerüchte über Gerüchte. Leider fehlen in Sporis Text Klarstellungen und Antworten: Was sagt der betroffene Bademeister, was die Badeanstalt zu den Anschuldigungen? Geht der Polizeibericht auf die Gerüchte ein? Gibt es noch andere Zeugen, die Merkwürdiges beobachtet haben?
Keine Ahnung. Aber wichtig ist ja erstens, dass der Junge ein Fussballtalent war. Und zweitens, dass man bei der «BZ» wann immer möglich versucht, aus Nichts eine dicke Boulevard-Story zu machen.
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