Der «Tages-Anzeiger» soll eine Qualitätszeitung bleiben, wie Chefredaktor Peter Hartmeier in unregelmässigen Abständen gelobt. Doch der
ungebrochene Erfolg von «20 Minuten» scheint Hartmeier zu irritieren. Wozu noch Haute Cusine, wenn bereits jetzt eine Million Leser mit Convenience Food erreicht wird?
Das fragte sich gestern Abend auch der «Tagi»-Blattmacher. Und er entschied sich, der leichten Küche den Vorrang zu geben: Bereits auf der dritten Seite im «Zürich»-Bund finden wir heute einen weiteren Erguss von
Haymo Empl (online nicht frei zugänglich). Es geht um Nadia Brönimann, die wohl berühmteste Transsexuelle der Schweiz. Empl beweist uns bereits im Einstieg seine Fähigkeit, mit einem wichtigen, aber nicht ganz einfachen Thema überzeugend umzugehen:
Nadia wollte sich eigentlich ja «aus den Medien» zurückziehen. Nun überrascht sie mit einem neuen Buch samt Vernissage und einer illustren VIP-Gästeliste. Nadia ‚Äì wenige Stunden vor dem Event. Ein Telefonanruf. Nadia ist auf dem Weg nach Zürich. Nach fünfmaligem Klingeln nimmt Nadia ab. «Entschuldige bitte, ich habe mir eben die Haare entfernen lassen. Darf ich noch kurz hier allen Ciao sagen?»
Das Zitat ist leider repräsentativ. Nicht die «Glückspost», nicht die «Frau im Spiegel» hält der Blattkritiker in der Hand, sondern den «Tages-Anzeiger». Der Inhalt des «Artikels» ist rasch zusammengefasst: Brönimann kommt mit ihrer Rolle nur schwer zu Gange, kann nicht gut mit, aber auch nicht ohne Medien sein, hat einen Suizidversuch hinter sich und flirtet gerne mit dem Kondukteur. Und weil Haymo Empl als raunender Beschwörer des Authentischen ganze Abschnitte im O-Ton stehen lässt, erfahren wir wichtige Details, die uns eine differenzierte Einschätzung der Person Nadia Brönimann ermöglichen. Zum Beispiel Folgendes:
Nadia steht am Billettschalter. «Zürich einfach bitte, aber ohne Tram.»
Selbstverständlich arbeitet Empl auch die problematische Seite der Causa Brönimann heraus. Denn wenn Medien über ihre eigene Rolle und Wirkung berichten, ist nicht nur Transparenz, sondern auch Evidenz notwendig:
[Zitat Brönimann:] «(...) Noch immer habe ich diese innere Zerrissenheit. Traumfrau ‚Äì Transe. Medienstar ‚Äì Medienopfer. Aber ich habe mittlerweile gelernt, die Facetten des Produkts ‚ÄπNadia‚Ä∫ zu akzeptieren, und versuche, mich selbst zu finden.»
Unglaublich überraschend. Eine solche Aussage
kann gar nicht hinterfragt werden. Schon gar nicht, wenn der «Tages-Anzeiger» bei der Akzeptierung der Facetten des Produkts «Nadia» mithilft.
Aber eigentlich ist der «Tages-Anzeiger» eine Qualitätszeitung.