Die Schweizer Qualitätszeitungen haben jetzt endlich wieder weniger Leser. Fast alle Lecks, die freien Zugriff auf verschiedene e-Paper ermöglichten, sind inzwischen abgedichtet (wir berichteten
ausführlich). Bei Tamedia und NZZ AG, bei Ringier und Weltwoche können sich die Manager zurücklehnen und die Gewissheit geniessen, jeden Tag Hunderte, vielleicht auch Tausende potenzieller Leser zu verlieren. Niemand - fast niemand - wird unbefugterweise auf die kostbaren Artikel zugreifen, die zu unverschämten Stückpreisen verkauft werden. Und niemand - fast niemand - wird spannende, überraschende oder schlicht gute Artikel einer ellenlangen Empfängerliste zukommen lassen.
Ruhe und Ordnung sind wieder hergestellt. Und so können sich die Schweizer Verleger behaglich in ihren Stühlen räkeln und ihrer Maxime gedenken, die da lautet:
Wer nicht bezahlt, soll auch nicht lesen!
Wer bezahlt, erhält Zugriff auf die langsame, ruckelnde, nur mit 21-Zoll-Bildschirmen zu bedienende e-Paper-Anwendung. Wer nicht bezahlt, muss sich mit wenigen, willkürlich ausgewählten Artikeln begnügen. Die Filetstücke, die Hunderte oder Tausende zusätzlicher Surfer anziehen könnten, werden nur selten freigeschaltet - die Hoffnung, dass sich ihretwegen neue Abonnenten finden, ist aber meist vergeblich.
Traffic is king
Die Schweizer e-Paper können sich nicht entscheiden: Mal stellen sie den Primeur online, mal bloss Verkehrsunfälle. Und so schlafen die Schweizer Medienhäuser weiter den Schlaf der Ignoranten. Denn die Währung des Internets heisst Traffic, und die
Konversion von Nichtlesern zu Lesern läuft heute über das Netz. Ein Beispiel: Wenn der Blattkritiker feststellt, dass eine Zeitung auf dem Internet mit ihren Texten geizt, hat er keinen Grund, diese Zeitung zu lesen. Wenn er aber von einem Bekannten, der diese Zeitung liest und schätzt, immer wieder Links zu hervorragenden Artikeln erhält, wird er sich früher oder später überlegen, diese Zeitung zu kaufen. Oder sie gleich zu abonnieren. Ein gutes Beispiel ist die
ZEIT. Ein mediokres Beispiel ist der
Spiegel. Ein schlechtes Beispiel ist die
NZZ.
Lesergewinnung ist das eine, Geld ist das andere. Denn Traffic bringt Besucher, und Besucher bringen Werbeeinnahmen. Je mehr Traffic und hinführende Links eine Website aufweist, desto interessanter wird sie. Und zwar nicht nur für Suchmaschinen (die wiederum neue Leser zuführen), sondern auch für Mediaagenturen und Werbekunden. Die
Reichweite, das alte Lieblingswort aller Werbetreibenden, lässt sich in den wenigsten Fällen so gut messen wie im Internet. Und das mögliche Interesse eines Surfers an einem Flohhalsband, einer Rechtsschutzversicherung oder einem Autostaubsauger lässt sich nie genauer eruieren, als wenn dieser Surfer seine Suchbegriffe selbst in Google eintippt. Was auch heisst, dass ihn ein entsprechendes Inserat neben einem guten Zeitungsartikel über Hunde, Haftpflicht oder Honda kaum stören dürfte.
Mehr Geld
Es gibt also kaum einen besseren Weg, Werbung an den Mann zu bringen. Werbung, die für einmal
genau passt,
exakt nachweisbar ist und deshalb auch Einnahmen bringt. Werbung, die für einen freien Zugriff gerne in Kauf genommen werden dürfte. Doch das Traumpaar «Zufriedener Leser - zufriedener Werbekunde» interessiert die Schweizer Medienhäuser nicht. Das Copyright-Zeichen in der Fusszeile ist ihnen wichtiger als eine gesunde wirtschaftliche Basis.
Aber genau diese Basis fehlt der seriösen Presse. Die Gratisblättchen sind im Aufwind, die Qualitätstitel darben und umarmen in ihrer Verzweiflung immer ungenierter die Seichtheit und die Buntheit. Die Verlagsmanager überlegen sich seit Jahren, wie sie ihre Zeitungen von den volatilen Stelleninseraten abkoppeln und mit langfristigen Einnahmen stützen können. Durch den Verkauf von
Büchern,
Fotoalben oder Hula-Hoop-Ringen? Durch die «Partnerschaft» mit
Immobilienmaklern,
Diät-Experten und
Partnervermittlern? Oder – bhüetis der Himmel – etwa indem sie sich mit dem profilieren, was sie einst einzigartig machte? Nämlich mit ihren Texten?
Mehr Mut!
Der Blattkritiker meint: Es wäre höchste Zeit. Eine Zeitung interessiert ihn nicht wegen ihrer vorzüglichen Beziehungen zu Schuhverkäufern, CD-Lieferanten oder Diätexperten. Sie interessiert ihn, weil sie - hoffentlich! - ihren Anspruch einlöst und ihn über das Weltgeschehen informiert. Weil sie ihn zwischendurch aufrüttelt, ihm ein Bein stellt und seine vermeintlichen Gewissheiten erschüttert. Weil sie also eine Zeitung ist, die ihrem Namen gerecht wird.
Der Blattkritiker wünscht sich Zeitungen, die ihre Auffassung von Qualitätsjournalismus nicht auf populäre Forderungen wie «Mehr Geschichten» oder «Mehr Lokales» beschränken, sondern sich mutig und selbstbewusst verkaufen. Und zwar nicht über die Hintertür der Publireportagen, «Partnerschaften» und kiloschweren Werbebeilagen. Sondern indem sie ihre Hauptleistung, ihre Texte nämlich,
in die Freiheit des Internets entlassen. Um damit ihren Bekanntheitsgrad zu steigern, neue Leser und Abonnenten zu gewinnen - und erst noch Geld zu verdienen (falls sie es denn nötig haben).
Und so schliessen wir mit einer Forderung, deren Rhetorik den ergrauten Verlagsmanagern noch vertraut sein dürfte:
Nieder mit den Logins - freie Sicht aufs Textmeer!