Wie geht es in einem hochpreisigen Schweizer Internat zu und her? Wie «normal» oder abgehoben sind die von ihren Eltern für 70'000 Franken pro Jahr entsorgten Teenager? Was denken, was fühlen sie? Wie lebt es sich am Gegenpol des öffentlichen Bildungssystems, das mit dem «Fall Seebach» wieder zum Thema wurde?
Wer Antworten auf diese Fragen sucht, wird das aktuelle «Magazin» vergeblich lesen. Erwin Kochs Text
«Nacherziehung auf dem Rosenberg» (Volltext) ist keine Reportage, sondern eine Schwindel erzeugende Collage von Eindrücken, Quelltexten, Gerüchten, Interviewfragmenten und Betrachtungen zum Lauf der Dinge im
Institut auf dem Rosenberg. Und das tönt zum Beispiel so:
Es ist Morgen auf dem Rosenberg, windig und finster. Aus dem Ulrichshof am Höhenweg 58, CH 9000 St. Gallen, strahlt Jugendstil, ein chinesischer Diener glättet weisses Tuch über dunkles Holz und trägt dann Tassen auf, Teller, Besteck, Marmelade, Butterhörnchen für 268 Schülerinnen und Schüler, Croissants am Dienstag, Brötchen am Mittwoch, Wurst am Donnerstag, es ist halb sieben, Regen schlägt die letzten Blätter von Linden, von Eichen, November 2006. An der Fassade klebt falscher Wein, Efeu bis unter die Fenster, und in den Vorplatz ist ein Schild gepasst, glänzendes Messing, The Walk of Fame: Prof. Mario J. Molina, Student at the Institut auf dem Rosenberg 1956/57, Joint Winner of the Nobel Prize for Chemistry 1995.
Und so geht es bis zum Schlusspunkt weiter. Koch montiert Sätzchen des Direktors, Auszüge aus der Hausordnung und Schüleranekdoten. Er beschreibt das Morgenessen, sammelt Blitzlichter aus dem Unterricht und on-dits aus der Stadt. Eine Vielzahl von Informationen prasselt auf die Leserschaft nieder, doch sie kann sich kaum ein Bild machen. Wer beim Englisch-Zertifikat
TOEFL genügend Punkte schiesst, darf den hauseigenen Bentley für einen Tag ausleihen. Und wer Probleme hat, kann sie lösen oder auch nicht. Es gibt Schüler, die sich per Taxi einen Kebab aus der Stadt bringen lassen, wenn ihnen das Essen missfiel, Schülerinnen, die in ihrem deutschen Kaff die Wichtigste waren und jetzt lernen müssen, dass es auch noch andere Hackordnungen gibt. All das und noch vieles mehr erzählt uns Koch atemlos, unfiltriert, unsortiert:
Wind zieht über den Hügel am besseren Rand der Stadt St. Gallen, kalter Regen, rosa Gartenzaun, rosa Schirme, es ist halb zehn Uhr am Vormittag. Sechs Knaben und zwei Mädchen sitzen im Englischunterricht an alten steifen Tischen mit Tintenfass, rechts das Handy, links das Behältnis für Lippenstift und Puder, dazwischen das Lehrbuch, der Caran d‚ÄôAche Ecridor XS, an der Wand, unter Glas, hängen alte Briefe an das Institut auf dem Rosenberg, abgeschickt in Tokio, Bogot√°, Rio de Janeiro, Elisabethville, Belgisch Kongo. Ein Jüngling, nun in Jeans und Pullover, trinkt sein Red Bull leer, einer, die Initialen auf den Manschettenknöpfen, hält sich an «Newsweek», das Mädchen mit dem slawisch anmutenden Gesicht zieht den tiefen Ausschnitt tiefer, zupft an den √Ñrmeln die weissen Rüschen in Form.
Kein Zweifel, der Reporter hat vieles gesehen. Doch er hat sich nicht entschliessen können, irgendeines der zahllosen angetönten Themen - Schulgebühren, prominente Sprösslinge, Akzeptanz in der Stadt, Nutzen der strengen Pädagogik und der Geldstrafen, schulischer (Miss-)Erfolg, aufgemotzte Herr-Knecht-Verhältnisse, amouröse Verstrickungen, Gruppendruck, Menüs, Kleiderordnung, Curriculum, Anstandsregeln und viele, viele mehr - konsequent zu verfolgen. Der Text wird zum Videoclip: Rasch wechselnde Einstellungen, Samples und Loops (die Hausordnung ist ein Favorit), harte Schnitte und Szenenwechsel, das ganze unterlegt mit einem nervösen Puls. Doch beim virtuosen Mixen vergisst Videojockey Koch zweierlei: Den roten Faden und die sogenannt Direktbetroffenen, d. h. die Zöglinge.
So wird die Leserin, der Leser, zunehmend ungeduldig: Wann kommt unter der Fülle von Details eine Geschichte zum Vorschein? Wann kommen in dieser Textmelange endlich die höheren Töchter zu Wort? Wann dürfen sich die abgebildeten adretten Herren (der Anzug ist obligatorisch) zu Wort melden? Denn die - gelungenen - Fotos von Helmut Wachter zeigen nicht nur den Direktor, sondern durchaus auch die Jugendlichen. Von diesen hören wir aber keinen einzigen Pieps. Stehen sie unter Redeverbot? Oder hatte Koch bloss keine Lust, reiche Pubertierende zu befragen? Wir wissen es nicht. Doch wenn die Abgebildeten nicht einmal zu Wort kommen, wären vielleicht ein paar Bilder der alten Briefe, rosa Schirme und Caran d'Ache Ecridor XS sinnvoller.
Was der «NZZ am Sonntag» recht ist (vgl.
«Aromat und Kokain. Eine Beinahe-Reportage»), scheint dem «Magazin» billig zu sein: Reportagen, die an der Oberfläche bleiben, Reportagen, die nicht so sehr Bericht-Erstattung sind als vielmehr launige Stimmungswolken. Die abgebildeten Personen reichen als Staffage, zu Wort kommen sie nicht. Der Reporter muss sich nicht mehr auf die Menschen einlassen. Es reicht, wenn er über sie schreibt.
Das ist schade. Denn ob die Hölle der Pubertät weniger schlimm ist, wenn man zwischendurch mal Bentley fahren darf, hätte uns wirklich interessiert.