Im aktuellen «Magazin» finden wir einen etwas verworrenen Artikel namens
«Senioren an die Arbeit». Der Text erschien ursprünglich bei «Foreign Affairs» (
Gekürzte Online-Version). Mit zahlreichen Vergleichen zwischen Westeuropa und Amerika wird uns darin nahegelegt, dass sich unser Wohlstand nicht halten lassen wird - es sei denn, die älteren Arbeitnehmer verzichteten auf die Frühpensionierung und arbeiteten mindestens bis zum regulären AHV-Alter. Oder noch etwas länger.
Mit vielen Zahlen und komplizierten Sätzen wird uns ein neoliberales Liedchen vorgesungen, das wir normalerweise auf der «Weltwoche»-Bühne hören. Ein Beispiel: «Im Rahmen einer umfassenden Rationalisierung des westeuropäischen Arbeitsmarkts wäre es auch vernünftig, zu einem Rentensystem zu kommen, das eine höhere Eigenbeteiligung bei der Altersversorgung vorsieht.» Auf Deutsch: Die Arbeitnehmer sollen gefälligst mehr in ihre Pensionskasse einzahlen. Aber diese ungewohnten Töne sollen uns nicht stören - schliesslich darf uns nicht nur die «Weltwoche» sagen, wie die Welt auszusehen hätte. Was uns aber sehr wohl stört, ist der Schluss dieses Artikels:
Die medizinische Versorgung verschlingt schon jetzt einen Grossteil der gesellschaftlichen Kosten in Westeuropa. (...) Die verbreitete Sorge, die medizinische Versorgung sei bald nicht mehr finanzierbar, ist jedoch unangebracht. In Wirtschaften, die in erster Linie auf menschlichen Ressourcen und Humankapital basieren, müssen die Aufwendungen im Gesundheitswesen als Investition und unter dem Aspekt des ökonomischen Werts der Gesundheit betrachtet werden. Der Gesundheitssektor und die medizinische Forschung sollten als Stützen einer Wirtschaft gesehen werden, die zunehmend auf eine gesunde Erwerbsbevölkerung angewiesen ist. Westeuropa muss auch weiter in diesen Bereich investieren, wenn es seinen Vorteil nicht einbüssen will.
Wir werden also trotz der ungünstigen Demografie überleben - aber nur, falls wir weiterhin fröhlich Geld ins Gesundheitswesen stecken. Dies sollen wir aber mit einem Lächeln tun, denn schliesslich sind die Ausgaben als Investitionen zu betrachten. Mehr noch: Wenn wir
nicht investieren, werden wir unsere wirtschaftlichen Vorteile einbüssen. Bitte? Wer sind nochmals die Autoren?
Nicholas Eberstadt ist Professor für Politische √ñkonomie am American Enterprise Institute in Washington und Senior Adviser des National Bureau of Asian Research
Tönt beeindruckend und unverdächtig. Und der Co-Autor?
Hans Groth ist Mitglied der Geschäftsleitung von Pfizer-Switzerland AG und Pfizer Global Health Fellow.
Jäso! Ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Der Autor wird genannt, und Pfizer wird von allen Leserinnen und Lesern auf Anhieb als einer der grössten Pharmakonzerne erkannt. Oder? Wie dem auch sei,
Pfizer Schweiz hätte sicher gute Argumente für Groths Lobbying bereit. Zum Beispiel dieses: Werbekampagnen im redaktionellen Teil müssen als Investition betrachtet werden. Und die Konzerne müssen weiter in diesen Bereich investieren, wenn sie ihren Vorteil nicht einbüssen wollen.