Vincent Bugliosi, Alt-US-Staatsanwalt, hat ein 1600 Seiten starkes
Buch zum Mord an John F. Kennedy veröffentlicht, in dem er laut eigenen Angaben sämtliche Unklarheiten ausräumt. Interessant und wichtig, dass das «Magazin» Bugliosis Werk bespricht. Bloss: Was eine spannende Auseinandersetzung mit dem Autor und der Qualität seiner Recherche sein könnte, bietet nichts dergleichen. Peter Haffners «Magazin»-
Text ist eine dumme, mit Plattitüden gespickte Abrechnung mit dem Unmenschen unserer Zeit, dem gemeinen Verschwörungstheoretiker.
Schon Haffners Lead lässt uns die Haare zu Berge stehen:
Die umfassendste Studie zum Mord an John F. Kennedy (es war Oswald) ist für Verschwörungstheoretiker hart. Aber wahr.
Die Wahrheit gepachtet zu haben, ist ein denkbar schlechter Ansatz, um so genannten Verschwörungstheoretikern zu Leibe zu rücken.
Doch es [Bugliosis Buch] ändert die Debatte; wer ernst genommen werden will, muss sich daran messen. Und dies nicht nur, wenn es um den Kennedy-Mord, sondern auch wenn es um andere angebliche Verschwörungen geht.
Interessant: Wenn Bugliosi in seinem Buch (wir habens nicht gelesen) tatsächlich beweisen sollte, dass Kennedy dem Alleintäter Oswald zum Opfer gefallen ist, hat sich also jede weitere kritische Bemerkung zu jedem anderen unklaren Ereignis erübrigt? Ein kühner Ansatz.
Wie auch immer, wir harren in Haffners Text gebannt der Besprechung von Fakten, die den Kennedy-Mord klären. Wir lesen:
Das Resultat fasziniert, von der minutiösen Nacherzählung der Ereignisse jener vier Tage im November bis zur Schilderung von Oswalds Leben, einem Verlierer, der vom verstörten Kind zum Überläufer in die Sowjetunion und schliesslich desillusionierten Paranoiker wurde.
Hätten hochrangige Verschwörer wirklich einen so unzuverlässigen Mann engagiert, um einen Jahrhundertmord zu begehen mit einem Zwölf-Dollar-Gewehr und ohne ein Fluchtauto bereitzuhalten, um ihn hernach zu beseitigen?
Erstaunlich: Nach vier Abschnitten des Lobes zitiert Haffner aus einem 1600 Seiten starken Buch eine blosse Vermutung, um die Qualität von Bugliosis Recherche zu belegen. Das ist wenig, sehr wenig. Und Haffner bleibt allgemein:
Bugliosi nimmt sich die Mühe, jede ihrer [der Verschwörungstheoretiker] Behauptungen zu zerpflücken. Was übrig bleibt, ist entweder ein Mord ohne Mörder oder eine Verschwörung ohne Verschwörer.
Bla bla bla. Statt neuen Fakten zum Kennedy-Mord (die es in Bugliosis Buch vielleicht tatsächlich gibt) widmet sich Haffner in der Folge lieber den «Fakten» zum Thema Verschwörungstheoretiker. Denn Bugliosis Buch bietet offenbar noch nie dagewesene Mittel, den gemeinen Verschwörungstheoretiker zu entlarven:
Scharfsinnig analysiert der Autor am Fall Kennedy, welcher Methoden sich Verschwörungstheoretiker bedienen. Wer ein Motiv, die Mittel und die Gelegenheit zur Tat hat, ist in ihren Augen nicht nur verdächtig, sondern auch schuldig. Wie absurd das ist, zeigt die Tatsache, dass Tausende von Einwohnern in Dallas Kennedy hassten, im Besitz einer Waffe waren und sich irgendwo entlang der Paraderoute hätten aufstellen können, um ihn zu erschiessen.
Stark!
Viele, auch Schweizer, haben im Zweiten Weltkrieg vom Mord an den Juden profitiert, ohne ihn gewollt oder unterstützt zu haben.
Aufschlussreich!
Typisch für Verschwörungstheorien ist auch die falsche Folgerung, dass wenn A mit B bekannt ist und B mit C, auch A mit C verbunden ist. Die Chance, dass zwei zufällig ausgewählte Amerikaner einander kennen, ergab eine Studie des Massachussetts Institute of Technology, beträgt 1:200 000. Schaltet man jedoch zwei Personen dazwischen, deren jede einem der beiden bekannt ist, steht die Chance, dass sie miteinander in Verbindung stehen, bereits 50:50. Dass ich mit jemandem befreundet bin, der die Schweizer Bundespräsidentin kennt, muss weder heissen, dass ich sie kenne noch, dass ich ihre Haltung teile, selbst wenn mein Freund das tut.
Faszinierend! Und, man stelle sich vor:
Verschwörungstheoretiker gehen von Unstimmigkeiten und Widersprüchen aus, die sich in der Untersuchung eines Ereignisses finden, und nehmen sie als Beleg dafür, dass jemand die Wahrheit verschleiern will.
Unfassbar!
Was uns zum Grund bringt, weshalb Verschwörungstheorien so populär sind. Es sind Erzählungen, die Sinn stiften. Sie haben einen Anfang, ein Ende und eine Moral und sorgen so für Ordnung in der Welt. Sie stellen das ästhetische Gleichgewicht wieder her – der Gedanke, dass ein so bedeutender Mann wie Kennedy von einem 24-jährigen Wirrkopf aus der Welt geschafft wurde, ist so schwer zu ertragen wie die Feststellung, unser Leben habe keinen Sinn.
Stimmt, der Gedanke, dass Kennedy einem Irren zum Opfer gefallen ist, hat uns jahrelang schlaflose Nächte bereitet. Mit der Vorstellung, ein «harmloses» Geheimdienst-/Militär/CIA- oder Regierungs-Komplott könnte Kennedy getötet haben, lässt sich definitiv viel einfacher leben. Im Ernst: Unsinniger gehts nicht mehr.
Aber gibt es denn nicht Verschwörungen? Natürlich gibt es sie.
(...)
Doch die Komplotte sind aufgeflogen, und das ist es, was einen bei Verschwörungstheorien misstrauisch machen sollte.
Demnach sind Verschwörungen nur dann Verschwörungen, wenn sie auffliegen. Was waren sie vorher? Und warum fliegen sie auf? – Vielleicht weil jemand hinterfragt, recherchiert, untersucht? – Vielleicht weil jemand ein «Verschwörungstheoretiker» ist?
Fazit: Wer eine Buchrezension schreibt, sollte das Buch gelesen haben. Und er sollte – vor allem bei einem Fachbuch von historischer Dimension – die Quellen geprüft sowie neue Erkenntnisse mit alten verglichen haben.
All das hat Haffner bleiben lassen. Denn das hätte Zeit gebraucht und Interesse vorausgesetzt. Einfacher als eine echte Auseinandersetzung mit einem Thema ist immer die Denunziation Andersdenkender. Darin scheint Haffner ein Meister zu sein:
Es gehört zur Ironie der Sache, dass Verschwörungstheoretiker dabei genau das Verhalten an den Tag legen, das sie angeblichen Verschwörern unterschieben. Sie bilden eine geschlossene Gesellschaft, die an sich selbst genug hat und sich von der Aussenwelt abschirmt, um die Logik ihrer schönen Thesen nicht zu gefährden. Sie verweigern sich dem Zugeständnis, dass das wirkliche Leben komplexer und widersprüchlicher ist als die Theorie, die sie sich davon machen. Der vollkommenen Kompetenz, die sie dem Feind unterstellen, suchen sie ebenbürtig zu sein, indem sie nichts unerklärt lassen: Je konsistenter die Theorie, desto höher ihr Ansehen.
Keine weiteren Fragen, Herr Haffner. Aber eine Bemerkung: Auch das Leben eines Journalisten ist komplexer, als sich ein Buch zu kaufen, den Rückentext zu lesen, ein bisschen zu googeln und sich schliesslich den Frust von der Seele zu schreiben.