«Leider hat sich gezeigt, dass die wirtschaftlichen Perspektiven des Titels zu wenig tragfähig sind», steht in Uli Rubners «Facts»-Todesanzeige, die auch der Blattkritiker erhalten hat. Im Klartext: Wir haben einfach nicht genug Geld verdient. Die Gründe dafür beschreibt Constantin Seibt, der hartnäckigste Beobachter des Swissair-Prozesses, im «Tages-Anzeiger» von gestern (online nicht frei zugänglich). In seinem Artikel über das «Facts»-Grounding schildert Seibt das kurze Leben und lange Sterben von «Facts», dem «Kind ohne Seele» und ortet das Hauptproblem in einem «Geburtsfehler»:
Das Problem Mitte der Neunzigerjahre war, dass der Verlag kein gutes Gefäss für Farbanzeigen hatte, und dies, als die Wirtschaft zu boomen begann. [«Facts»] entstand quasi als Lösung des Farbanzeigenproblems: nach dem Vorbild der österreichischen «News»: vorne Politik, hinten softe Stoffe. (...) Dies sollte das Problem von «Facts» werden: Es war ein Marketingprodukt, geboren ohne klaren Auftrag – und dies paradoxerweise in einem Markt, der viel zu klein war: Bei den hohen Kosten eines Nachrichtenmagazins für Recherche, Bilder, Technik brauchte man in der Schweiz eine fantastische Leserzahl, fantastisch viele Anzeigen, fantastisch viele Nachrichten.
Zur unglücklichen Konzeption des «Retortenkindes» gesellten sich die geplatzte Dotcom-Blase und die Konkurrenz:
Der Anzeigenmarkt brach zusammen von den 2000 Werbeseiten für «Facts» allein blieben nun für «Weltwoche», «Cash» und «Facts» zusammen 2000. Die Leser schwanden. Obwohl «Facts» mehr Leute pro Kopf erreichte als der «Spiegel» in Deutschland, hätte man fast die Hälfte mehr gebraucht. Und schliesslich verschwanden nicht nur die Anzeigen, sondern auch auch die Nachrichten endgültig Richtung Wochenende – spätestens, als mit der «NZZ am Sonntag» das dritte Sonntagsblatt erschien. Sonntagszeitungen funktionieren im Kern als effiziente Petzmaschinen: Dutzende von Leuten werden nach Indiskretionen abtelefoniert oder von Indiskreten angerufen. Sie liessen «Facts» nichts an Skandälchen übrig.
Eine strukturelle Fehlkonstruktion, schwindende Anzeigen und dazu die wachsende Konkurrenz - ein Alptraum. Auch für die Redaktion, wie Seibt schreibt:
Im Verborgenen dahinter kämpften die Journalisten – ohne jede Chance. «Facts» machte von Anfang bis zum Ende konstant hervorragenden Journalismus, oft versteckt von Häppchen, Thesen, Softstoffen, Kästen. Doch während in den Neunzigern «Facts»-Journalisten in der Branche zwar gehasst, aber gelesen wurden, blieb das späte «Facts» in der Branche anrüchig, aber unsichtbar: Wurden Artikel von ihm in der Tagespresse aufgenommen, galten sie als Primeur des abschreibenden Blattes. In der Falle zwischen verzweifelt nötiger Reputation und verzweifelt nötiger Aufregung kämpften die «Facts»-Leute einen tapferen, vergeblichen Kampf: Es war das unterschätzteste Blatt des Landes.
Und vielleicht auch ein Bauernopfer für Martin Kalls neue Pläne, die wir hier in Kürze besprechen. Bleiben Sie dran.