Sommerloch? Nicht bei der «WOZ».
«Was gibt es Neues, Grossmutter Kall?» fragt Rachel Vogt in der heutigen Ausgabe. Und meint:
1. «Tagi kompakt» wurde beerdigt.
2. Die «Basler Zeitung» steht zuoberst auf Kalls Einkaufsliste.
3. Die Tamedia will den Schritt ins Ausland machen.
Wie wahrscheinlich sind diese Prognosen? Der Blattkritiker hat ein wenig spekuliert und lädt zu Kommentaren ein.
«Basler Zeitung»: Eine Frage der Zeit
Die «Basler Zeitung» wird wohl früher oder später dran glauben müssen. Denn die Manager an der Werdstrasse sind für das Einkaufen bekannt, nicht für das Lancieren. Und aus betriebswirtschaftlicher Sicht passt die «Basler Zeitung» hervorragend ins Portfolio der Tamedia. Für das Dreigespann «Tages-Anzeiger»-«BZ»-«Basler Zeitung» würden sich die geplanten Tamedia-Investitionen in Mantelredaktion und Onlineauftritt erst richtig lohnen. Für einen «Tages-Anzeiger», der seinen Mantel en passant für «BZ» oder «Bund» verwertet, eher nicht.
Auch die Anzeigenkunden dürften sich freuen. Eine gesamtschweizerische Anzeigenkombi im Dreieck Zürich-Bern-Basel würde ihnen das Leben noch einfacher machen. Bereits jetzt profitieren sie vom
Streit zwischen der Tamedia und der Publigroupe: Wer die Publigroupe links liegenlässt und seine Anzeigen direkt bei der Tamedia bucht, erhält einen Rabatt. Wenn sich zu diesem finanziellen Anreiz noch eine bequeme Lösung à la «Drei Städte - eine Buchung» gesellt, dürfte es für die Publimedia enger werden.
Luxemburg: Warum nicht?
In der Schweiz lässt sich die Konkurrenz mit den erwähnten Anzeigen-Deals oder Übernahmen nur noch bedingt triezen. Der Markt dürfte zum grössten Teil konsolidiert sein. Edipresse, Tamedia, «NZZ», «Aargauer Zeitung» und die «Südostschweiz» haben sich den Kuchen aufgeteilt. Die Lancierung von «.ch» wird die Konzentration der Tageszeitungen höchstens noch beschleunigen. Mit dem Ende von «Facts» und «Cash» scheint der Wochenzeitungsmarkt abgeschrieben zu sein. Und auch am Wochenende wirds mit der Sonntagsausgabe der «Aargauer Zeitung» nur noch enger. Was gibt es in der Schweiz also noch zu holen? Nicht mehr viel. Der Gang ins Ausland liegt für die Tamedia nahe, schon nur wegen der dynamischeren Märkte. Zwar spöttelt man in der Werdstrasse gerne über Ringiers Schweizer Käseblättchen. Gleichzeitig schielt man neidisch auf die zahllosen Projekte, die Ringier im Ausland nicht nur lanciert, sondern auch mit Erfolg weiterzieht. Fazit: In der Schweiz kann sich Martin Kall in Sachen Publizistik nicht mehr gross profilieren. Im Ausland könnte er beweisen, dass er Zeitungen nicht nur kaufen, sondern auch machen kann.
«Tagi kompakt»: Der Zombie aus der Werdstrasse
Wenn wir schon beim Zeitungsmachen sind, ist es an der Zeit, uns einem Phantom zu widmen. Denn immer wieder geistert der «Tagi kompakt» durch die Spalten und Blogs. Was wir uns darunter vorzustellen hätten, wurde noch nie erklärt. Denn was den «Tages-Anzeiger» zum «Tages-Anzeiger» macht, sind jene Texte, die eben gerade nicht kompakt sind: Reportagen, Analysen, Hintergründe und längere Artikel, die konzentriertes Lesen verlangen. Auch Kompaktes steckt im «Tages-Anzeiger», doch handelt es sich dabei selten um ernstzunehmende Stoffe: Kurzmeldungen, Nanokolümnchen und die «Bellevue»-Ausreisser.
Um aus dem «Tages-Anzeiger» einen «Tagi kompakt» zu machen, müssten also die guten Texte gekürzt werden, und zwar ohne Qualitätseinbussen. Das bedingt nicht nur Manpower, sondern auch Erfahrung – und die teure Konsequenz wäre ein Gratiszeitungsredaktion auf Qualitätszeitungsniveau.
Doch was würde der «Tagi kompakt» der Tamedia bringen? Vermutlich einen guten Erfolg in der Deutschweiz und eine Katastrophe im Kanton Zürich. Der Preisunterschied zwischen «Tagi kompakt» und «Tages-Anzeiger» dürfte selbst langmütigen Abonnenten auffallen. Mit Rachel Vogts Worten: «Wer würde den «Tages-Anzeiger» noch kaufen, wenn man gratis eine Best-of-Version bekäme?».
Vielleicht sind diese Überlegungen müssig. Laut Vogt ist der «Tagi kompakt» nämlich definitiv gestorben. Tatsächlich? Wir sind nicht ganz sicher. Wenn Martin Kall im Herbst eine neue Zeitung lanciert, wird es sich kaum um eine Qualitätszeitung handeln (vgl. dazu
«Auf Kall und Fall»). Eine komplett neue Redaktion aufzubauen, die sich über den SDA-Ticker beugt und noch ein paar Füllstoffe ins Blatt setzt, wird aber nicht genügen, um gegen «.ch» und «heute» anzutreten. «Tagi kompakt» bleibt für uns ein Untoter, bis ihm Kall den Eichenpfahl ins Herz hämmert.