Die Website des «Tages-Anzeigers» wurde überarbeitet. Aber erscheint sie tatsächlich «in neuem Kleid», wie es in einer
Mitteilung heisst? Nein, findet der Blattkritiker. Viele der altmodischen Rüschchen sind ab, ein paar modische Bänder sind dazugekommen. Doch das Kleid wurde bloss umgeändert, und das Korsett der alten Site-Struktur drückt immer noch schwer auf die Lunge. Eine subjektive Übersicht:
Neu
· Auf der Startseite wie auch jeder Rubrikseite steht die wichtigste Story zuoberst und wird grosszügig aufgemacht: Grösserere Überschrift, grösseres Bild, mehr Links. Eine angenehme Abwechslung zum uniformen Layout der Konkurrenz.
· Auf den Rubrikseiten laufen die Artikelanrisse über die ganze Breite der Hauptspalte (Beispiel:
Ausland). Grafisch etwas lieblos, aber vielleicht wirds noch besser
· Der Kulturbund wird
grosszügig eingebunden, die Texte sind nach Unterrubriken gegliedert (z.B. Bücher, Kino oder Bühne). Schön, dass die Kultur online nicht länger vernachlässigt wird.
· Längere Artikel werden bereits im Anriss mit dem vollen Autorennamen gezeichnet – besser als Kürzel, aber inkonsequent gehandhabt.
· Die rechten Seitenleiste war bereits in der alten Version überladen (vgl. Screenshots). Jetzt ist sie komplett dem Chaos anheimgefallen: Wetterprognosen, «Frage des Tages», Börsendaten, Werbebännerchen, Blog-Ticker, Züritipp-Empfehlungen und ein disparater Hinweis auf den «SMS-Dienst» des «Tages-Anzeigers» drängen sich ohne erkennbare Abgrenzung über- und untereinander.
Gleichbleibend
· Die starre Channel-Leiste in der Kopfnavigation blieb bestehen, die einzelnen Kanäle werden immer noch unterschiedlich eingefärbt («Digital» ist lila, «Auto» rot, «Wissen» grün).
· Die Zuordnung von Layoutelementen zu Inhalten wird immer noch unterschiedlich gehandhabt. So werden z.B. die «Dossiers» ähnlich behandelt wie Diashows oder gar einzelne Artikel.
· Die auf Artikelseiten eingespielten Adwords sind nach wie vor Glückssache. Aktuelles Beispiel: Zu einem Artikel über
verschärfte US-Einreisebestimmungen liefert Google vier Anzeigen zu Sonnenergie, klimafreundlicher Politik, Anlageberatung und einem Hypnose-Seminar.
Eindruck
· Die Aufmachung der Rubriken ist grosszügiger geworden, die gefühlte Artikelzahl hat sich aber nicht erhöht. Die Angst vor frei zugänglichen Texten scheint noch nicht überwunden zu sein.
· Links werden höchst inkonsequent ausgezeichnet. Der Blattkritiker hat mindestens vier Varianten gefunden: Blauen, normal gesetzten Text. Blauen, fett gesetzten Text. Schwarzen, regulären, nur durch Cursor-Kontakt als Link erkenntlichen Text. Schwarzen, fett und gross gesetzten, ebenfalls nur durch Maus-Kontakt kenntlichen Text.
· Im oberen Drittel der Startseite werden die Akzentfarben rot und blau
nicht sehr sparsam verwendet, in den unteren zwei Dritteln jedoch häufig und auch sinnvoll eingesetzt. Es scheint, als sei der Grafiker mit dem bottom-up-Ansatz nicht ganz fertig geworden.
· Metainformationen (z.B. Autoren- oder Updatevermerke in grauer Schrift) werden sehr inkonsequent verwendet. Mehr wäre hier mehr: Einheitliche Meta-Zeilen würden wenig Platz beanspruchen, aber den Gesamteindruck verbessern.
· Das Layout wird entweder flexibel gehandhabt oder konnte wegen der Hektik der Umstellung noch nicht konsequent durchgezogen werden. Unterschiedliche Bildbreiten (und vor allem –qualitäten) und eine allgemeine Lockerheit (mal werden Anrisse mit Bildern ergänzt, mal nicht, mal steht ein Layoutelement für ein Dossier, mal nicht) können entweder die Folge des Aufschalt-Stresses sein. Oder aber sie sind eine bewusste Gegenstimme zum normierten, repetitiven Layout der Online-Konkurrenz, insbesondere der «NZZ»
· Altlasten wie die Kopfgrafiken oder die farbig abgesetzten Channels verbieten, von einem «Relaunch» oder einem «neuen» Kleid zu sprechen. Der Blattkritiker vermutet, dass sich das Redesign-Team nicht zu weit aus dem Fenster lehnen wollte oder durfte. Das wäre verständlich. Aber weshalb wurde nicht wenigstens der Seitenkopf neu interpretiert?
· Die grosszügigere Aufmachung macht die Seiten länger und damit schwieriger zu erfassen. Auch auf grossen Bildschirmen ist konzentriertes Lesen (und Scrollen) notwendig. Die Informationsdichte steigt, die Übersichtlichkeit sinkt. Gut möglich, dass ähnlich erboste Reaktionen eingehen wie beim Relaunch von «NZZ online».
Fazit
Die Überarbeitung war fällig, wurde aber nicht abgeschlossen. Stattdessen ist sie ist in bester schweizerischer Tradition zu einem Kompromiss geworden: Das Design wurde erneuert, aber nicht umfassend. Die Übersichtlichkeit wurde verbessert, aber nicht konsequent. Alte Grafikelemente wurden entsorgt, aber nicht immer.
Wichtiger als das Optische ist aber das Inhaltliche. Und dort hat sich auf den ersten Blick nicht viel verändert: Artikel können nicht kommentiert werden, die Einbindung von Blogs oder externen Quellen wird uneinheitlich gelöst, die Anzahl frei zugänglicher Texte ist nach wie vor unbefriedigend. Es fragt sich, ob diese Anpassung bloss ein Versuchsballon ist. Oder ob die notwendige Überarbeitung gerade auch der Struktur und der Technik an internen Widerständen scheitert. Res Strehle, seit einem knappen halben Jahr
in der Chefredaktion und dort für den Online-Bereich zuständig, scheint sich noch nicht durchgesetzt zu haben. Leider.
Update (10.8.2007, 16:05): Die Website ist offenkundig ein «work in progress». Einige der vom Blattkritiker bemäkelten Punkte wurden oder werden im laufenden Betrieb geändert, die Metamorphose ist also noch nicht abgeschlossen. Die Grafik wird vermutlich im Lauf der nächsten Tage vereinheitlicht. Aber wie sieht es wohl mit zusätzlichen Inhalten aus?
Zwei Screenshots: Alte Version (oben, aus dem Google-Cache), neue Version.