Mit der «Plattform» bietet Blattkritik.ch ausgewählten Gastautoren die Möglichkeit zur Medienkritik. Heute analysiert Rolf Marti, ehemaliger Verlagsleiter «Berner Tagwacht»/«Die Hauptstadt», den Niedergang des «Bund».
Das Bund-Ende naht. Schuld daran sind nicht die von Graffenrieds und Supinos, die Gratiszeitungen oder das Internet. Der Niedergang ist primär hausgemacht – eine Folge verlegerischer Fantasielosigkeit und redaktioneller Überheblichkeit.
Zur Erinnerung: Der Bund war einst die auflagenstärkste Zeitung im Kanton, ein Blatt mit Renommee und nationaler Ausstrahlung. Für Verleger und Pferdenarr Werner Hans Stuber und seine Truppe Grund genug, auf dem hohen Ross zu sitzen und die Zügel schleifen zu lassen. Während Stuber die Medienkonstellation auf dem Platz Bern für unverrückbar hielt, erkannte Charles von Graffenried die Zeichen der Zeit: In Zukunft würde pro Wirtschaftsraum nur eine Zeitung überleben. Nicht die beste, sondern die auflagenstärkste. Rund um das muffige Berner Tagblatt arrondierte er das mediale Terrain, schmolz Titel um Titel zur mächtigen Berner Zeitung zusammen und leitete Werbefranken um Werbefranken in seinen Futtertrog.
Was tat der Bund? Er reagierte – nur leider zu spät. Als die Idee der Aarebogenzeitung (Thuner Tagblatt, Der Bund, Bieler Tagblatt, Solothurner Zeitung) endlich geboren war, lahmte das vermeintliche Zugpferd bereits bedenklich. Der Bund war zu schwach, um in diesem Gespann eine führende Rolle zu übernehmen und gleichzeitig zu stolz, diese einem andern abzutreten. Es kam, wie es kommen musste: 1992 war der Futtertrog leer.
Als weisser Ritter sprang Ringier in die Bresche und verhinderte fürs Erste, dass von Graffenried den Bund in seinen Stall führte. Ringier hatte zwar Geld, aber keine Strategie. Er unternahm nicht einmal den Versuch, beim Bund die Zügel herumzureissen. Drei Jahre später sollte es die Neue Zürcher Zeitung richten. Ausgerechnet! Die alte Tante, die heute selber auf das Know-how altgedienter BZ-Strategen angewiesen ist, hatte ausser einem Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus nichts zu bieten – was bestenfalls dazu geeignet war, der Selbstgefälligkeit einiger Bund-Redaktoren zu schmeicheln (vgl.
Artikel Peter Ziegler, Bund vom 8.12.08).
Dabei hätte es eine erfolgversprechende Strategie gegeben: einen gemeinsamen Mantel oder Redaktionspool für die Lokalzeitungen im Einflussbereich der NZZ (Der Bund, St. Galler Tagblatt, Neue Luzerner Zeitung u.a.). Doch nichts von alledem: Die NZZ ritt den Bund planlos Richtung Abgrund. Angesichts der Lethargie der Eigentümer wirkten das engagierte Bemühen der Bund-Verlagsleute, in ihrem begrenzten Einflussbereich das Mögliche für die Rettung zu tun, schon fast bemitleidenswert.
2004 stieg auch die NZZ aus dem Sattel. Von Graffenried und seine Espace Media Groupe (Berner Zeitung) übernahmen den Bund – wohl eher aus Sentimentalität denn aus unternehmerischer Überzeugung, und weil von Graffenried sein Bekenntnis zur Berner Medienvielfalt einlösen wollte. Doch spätestens mit der Übernahme der Espace Media Groupe durch Tamedia musste jedem klar sein, dass der abgehalfterte Bund nur noch ein Gnadenbrot erhalten würde.
Man merke: Wer zu spät vom hohen Ross steigt, den bestraft der Markt. Und: Journalistische Qualität allein ist keine Überlebensgarantie. Ein Jammer, aber wahr!