Mit der «Plattform» bietet Blattkritik.ch ausgewählten Gastautoren die Möglichkeit zur Medienkritik. Heute erklärt Rolf Marti, ehemaliger Verlagsleiter «Berner Tagwacht»/«Die Hauptstadt», weshalb es für die Tamedia keinen wirtschaftlichen Grund gibt, den «Bund» am Leben zu erhalten.
Das nahe «Bund»-Ende weckt Emotionen. Und romantische Erwartungen. Zum Beispiel jene, die Tamedia müsse in Bern die Medienvielfalt retten. Muss sie nicht. Ein verantwortungsvoll handelndes Unternehmen hat primär die Pflicht, anständig Geld zu verdienen (im doppelten Wortsinn). Nur so lassen sich nachhaltig Arbeitsplätze sichern.
Unter diesen Vorzeichen hat ein Medienprodukt dann eine Existenzberechtigung, wenn es entweder rentiert oder für das Gesamtunternehmen von strategischer Bedeutung ist (vgl. Lokalfernsehen, Internet). Der «Bund» tut weder das eine, noch ist er – seit der Übernahme durch die Espace Media Groupe – das andere. Im Detail:
• Seit 1996 hat der «Bund» gemäss der Tamedia Verluste in der Höhe von über 30 Millionen Franken erwirtschaftet. Die Löcher wurden von Ringier, der NZZ, der Publicitas und schliesslich der Espace Media Groupe gestopft. Ohne Erfolg. Eine Zeitung, die aber selbst in konjunkturell guten Zeiten kein Fett ansetzt, stirbt in der Rezession an Magersucht. So gesehen ist der «Bund» seit langem klinisch tot.
• Dass der «Bund» noch lebt, hat strategische Gründe. Ringier, NZZ und Publicitas wollten im nationalen Inseratemarkt dem Gespann Tamedia/Espace Media Groupe (die sich schon vor ihrem Zusammenschluss die Rechte an der «Berner Zeitung» teilten und heute gemeinsam mit der «Basler Zeitung» einen Inseratepool bilden) Paroli bieten. Für die nationalen Inserenten brauchten Erstgenannte auch im Grossraum Bern einen Werbeträger. Darin dürfte der tiefere Grund liegen, weshalb der «Bund» so lange künstlich beatmet wurde.
Ringier und NZZ hatten zwar richtig gedacht, konnten aber aus ihrem strategischen Schritt nach Bern kein Kapital schlagen. Schlicht deshalb, weil ihnen eine verlegerische Vision für den «Bund» und ihre anderen Lokalblätter fehlte (vgl.
«Wer zu spät vom hohen Ross steigt»). Weil aber Verlagshäuser – genau wie Hersteller von Zahnbürsten, Bügelbrettern oder Wurstwaren – letztlich Geld verdienen müssen, muss sich jede Investition irgendwann bezahlt machen. Jene beim «Bund» tat es nicht. Es blieb nur der Verkauf an die Espace Media Groupe.
Damit war die Lebensversicherung des «Bund» weg. Denn mit der «Berner Zeitung» verfügten die Tamedia und die Espace Media Groupe bereits über den auflagestärksten Titel im Grossraum Bern. An der «Berner Zeitung» kommt kein nationaler Inserent vorbei – egal, ob der «Bund» ein paar Tausend Exemplare zur Gesamtauflage beisteuert oder nicht.
Für die Tamedia gibt es keinen Grund, den «Bund» weiter am Leben zu erhalten. Wer dies fordert, verlangt von einem Unternehmen, dass es wider die ökonomische Vernunft handelt. Und letztlich geht es um Ökonomie, nicht um Publizistik. Das sind die Fakten, vor denen Medienromantiker gerne die Augen verschliessen. Nochmals: Es ist nicht die Aufgabe der Tamedia, die Berner Medienvielfalt zu retten. Wer Medienvielfalt fordert, muss dafür einen Markt finden – oder sie selber berappen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie kann in Bern die Meinungsvielfalt auch ohne «Bund» längerfristig gesichert werden? Darüber sollten wir nachdenken!