Servire et disparaître – an diese altbernische Devise hielt ich mich bei und seit meinem Rücktritt als Chefredaktor des «Bund». Als ich vor einigen Wochen mein Schweigen brach – Schweigen nicht zuletzt aus Loyalität gegenüber meinem Verleger, seiner Familie sowie der Zeitung selber –, so tat ich das aus und in Sorge über die Zukunft der Presse auf dem «Medienplatz Bern» (Stadt/Region/Kanton/Espace). Ich plädierte für eine mit Bedacht vorbereitete Fusion von «Bund» und «BZ», abgesichert durch ein klares Bekenntnis des neuen Verlegers zu einer qualitativ überzeugenden Publizistik. Ich plädierte für eine moderne, inhaltsstarke Zeitung mit dem Titel «Der Bund». Für eine grosse Zeitung (im Sinne von «great»), auf die Bern stolz sein könne und die den Standort Bern/Espace innerhalb des schweizerischen Polit- und Medienkonzerts kraftvoll vertreten würde.
Natürlich bin ich sehr für
«Rettet-den-Bund», aber bitte mit einer wirtschaftlich soliden, durch innovative Nutzung der Synergien mit «Tages-Anzeiger» etc. echt erfolgversprechenden und Investitionen in die Zukunft ermöglichenden Vorwärts-Strategie. Ich halte nix von einer wirtschaftsfremden, zwei-blatt-romantischen Heimatschutzübung.
In meinen Ausführungen soll ich nun, wie einem «Blattkritik»-Beitrag des ehemaligen Finanzchefs des «Bund» (1984–1993) zu entnehmen ist, fehlerhafte Behauptungen gemacht sowie «Auflage- und Cashflow-Entwicklung massiv geschönt» haben. So ein Quatsch! Und eine Beleidigung! Der Beitrag offenbart geradezu beispielhaft, was ich in meinem Artikel («Bund» vom 8. Dezember 2008) als einen zentralen Aspekt des «Elends des ‹Bund›» bezeichnet hatte: die Absenz eines professionellen Managements, die Absenz professioneller Verlagsstrukturen. Man gestatte mir, die acht vorgebrachten Punkte des ehemaligen so genannten Finanzchefs U.S. kurz zu widerlegen.
Punkt 1: Beraten und begleitet von soliden Finanz- sowie Merger- und Akquisitions-Spezialisten, wäre es dem Verleger in den 70er Jahren durchaus möglich gewesen, kleinere oder ein grösseres unter den Berner Blättern zu erwerben. Wie man das mit null oder wenig eigenem Geld, dafür mit kluger Diplomatie und strategischer Weitsicht konnte, hat Charles von Graffenried vorgemacht.
Punkt 2: Die Publicitas hat trotz des Verlegers Abhängigkeit von der «P» weder a) den finanziell selbstmörderischen Bau eines eigenen «Bund»-Druckzentrums noch b) die Einsetzung unfähiger Manager verhindert. Fatal.
Punkt 3: Die Budgets waren derart merkwürdig (um es diplomatisch auszudrücken), dass ich deren Neuaufgliederung verlangte, um den Redaktionsaufwand exakt kontrollieren zu können. Was dann auch geschah. Meine Forderung wurde von einem beigezogenen externen Finanzexperten unterstützt, der dann auch den Verkauf an Ringier betreute und dessen Kommentar über die vorgefundenen Verhältnisse ich Autor U.S. erspare.
Punkt 4: Ich habe die Auflage-Entwicklung mitnichten «beschönigt». Wir hatten, wie ich schrieb, eine Auflage von rund 65’000 Zeitungen. Das bestätigt auch der Autor. Zudem erzielten wir 1992 den mit 18,8% unter allen Schweizer Zeitungen höchsten Zuwachs im Lesermarkt. Des Autors nicht nachvollziehbares Spiel mit Prozentzahlen hat wohl damit zu tun, dass er den Abo-Markt mit dem Leser-Markt verwechselt. Womit wir wieder bei Teil b) von Punkt 2 wären.
Punkt 5: Der gute Mann weiss schlicht nicht, was «Lesermarketing» ist, bedeutet, kann. Dito Teil b) von Punkt 2.
Punkt 6: Das von mir initiierte und vom Verleger mit Verve mitgetragene Projekt einer gemeinsamen Zeitung von «Bund», «Bieler Tagblatt», «Thuner Tagblatt», «Solothurner Zeitung» (mit dem «Bund» als Leader-Titel) wurde von einem eigens eingestellten Projektleiter gemanaged, seines Zeichens sehr erfolgreicher ehemaliger Geschäftsführer eines Medienunternehmens, promovierter Nationalökonom, erfahren in Fusions-Management. Was hätte da ein Buchhalter wie U.S. sollen? Zudem hätte er als Geheimnisträger ein Grossrisiko dargestellt, um gleich ein weiteres Problem auf den Tisch zu legen.
Punkt 7: Angesichts der bedenklichen Finanzsituation habe ich meine Pflicht sowohl innerhalb der Geschäftsleitung als auch im vertraulichen Gespräch mit Verleger und Verlegerfamilie getan: Ich sagte das, was keiner zuvor so direkt zu sagen gewagt hatte, nämlich: dass das Unternehmen praktisch pleite ist und folglich eine strategische ausgerichtete Lösung finden müsse, dringendst, subito. Andersherum: Die Probleme des «Bund» konnten nicht mehr operativ, sondern nur noch strategisch gelöst werden, ergo kämpfte ich gegen des Finanzchefs operativen Wahnsinn, Redaktion und Zeitung zu Tode zu sparen.
Punkt 8: Zur Cashflow-Entwicklung des «Bund» habe ich mich in meinem Artikel nicht geäussert, und das aus einem plausiblen Grund: des sogenannten Finanzchefs Cashflow-Zahlen sind Voodoo-Zahlen. Siehe Punkt 3 sowie, einmal mehr, Teil b) von Punkt 2.
Für weitergehende Informationen wende man sich vertrauensvoll an Herrn Dr. Heinz Locher, ehemaliger Verwaltungsrat der Bund Verlags AG (und ehemaliger Sitzleiter der Schweizerischen Treuhandgesellschaft in Bern).