Mittwoch, 11. Mai 2011
Leider ist blattkritik.ch seit etwas mehr als zwei Jahren inaktiv. Alle Versuche, aus blattkritik.ch einen breit abgestützten Medienblog mit mehreren Autorinnen und Autoren zu machen, sind gescheitert.
Weil es wenig sinnvoll ist, meine Kommentare und Analysen unter einem Dach zu publizieren, das eine breite Plattform suggeriert, schreibe ich künftig in meinem persönlichen Blog unter stefan-schaer.ch.
Ich freue mich, wenn Sie vorbeischauen.
Donnerstag, 8. Januar 2009
Seit zirka einem Monat sammelt das Komitee «Rettet den Bund» Unterschriften und Geld. Der Petitionstext fordert, dass der Bund «im Strudel von Restrukturierungen und Sparmassnahmen nicht zerstückelt wird».
Heute hat das Komitee mit einem Communique über den aktuellen Stand informiert. Wir lesen, dass mittlerweile über 8000 Unterschriften zusammen gekommen sind, dass viel Prominenz unterschrieben hat, dass der Berner Regierungsrat bei Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino vorstellig geworden ist. So weit, so gut – und ein Leistungsausweis, der sich sehen lässt.
Aber: Wir vermissen nach wie vor einen konkreten Plan. Wie soll der «Bund» gerettet werden? Was will die Petition genau bewirken? Was haben wir unterschrieben? Wofür sollen wir Geld spenden? Auf diese Fragen geben weder das heutige Communique noch die Website eine Antwort.
Es kann dem Komitee nicht darum gehen, den «Bund» mit externen Finanzspritzen ein/zwei Jahre am Leben zu erhalten. Das wäre Zeit-, Energie- und vor allem Geldverschwendung. Denn selbst wenn «Rettet den Bund» eine grössere Summe sammeln sollte, können damit nur bestehende Löcher gestopft werden. Was der «Bund» braucht, wenn er längerfristig überleben will, ist eine wirtschaftliche Perspektive. Ohne diese sind Spenden und gutgemeinte Solidarität Makulatur.
Wer weiss, vielleicht gibt es den konkreten Plan. Im Communique lesen wir aber nur: «Seit der Weihnachtszeit ist ein Ausschuss des Komitees an der Arbeit. Er sondiert in verschiedene Richtungen, führt Gespräche und möchte auf konstruktive Weise neue Optionen ermöglichen».
Bleibt die Frage: Was soll die Geheimnistuerei? Wenn es Optionen gibt, dann gehören diese auf den Tisch. Die Diskussion um die Zukunft des «Bund» und um die längerfristige Erhaltung der Medienvielfalt darf nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden. Sie muss öffentlich geführt werden. Nur so können alle relevanten Kräfte mitreden. Nur so wird vielleicht einer breiten Öffentlichkeit bewusst, worum es geht: Um Konkurrenz, um Meinungsvielfalt, um Demokratie.
Dienstag, 16. Dezember 2008
Seit klar ist, dass der «Bund» in seiner heutigen Form spätestens Mitte 2009 aus der Zeitungslandschaft verschwindet, fegt ein Sturm der Entrüstung über Bern. Verständlich! Uns dröhnt aber der Kopf ob all dem Lob für den «Bund», all der Kritik an der «Berner Zeitung».
Eine Petition fordert «Rettet den Bund». Sie hat mittlerweile viel Prominenz vereint, viele Unterschriften gesammelt und für viel Aufsehen gesorgt. Das ist gut so und setzt ein Zeichen.
Bloss: Ist «Rettet den Bund» der richtige Ansatz?
Nein. Die Tamedia prüft zwar (offiziell) zwei Optionen, wie es in Bern weitergehen soll – wirtschaftlich sinnvoll (und das wird für die Tamedia zählen) ist aber nur eine: Die Fusion von «Bund» und «BZ». Eine «Neue Berner Zeitung» wird entstehen – und wohl auch genau so heissen (jedes bisherige helvetische Fusionsprodukt trägt den Namen seiner Region, was vor allem werbetechnisch hilfreich ist).
Die vielen harten, gegen die «BZ» gerichteten Reaktionen von «Bund»-Lesern zeigen deutlich: Will sich die Tamedia die Mehrzahl der Bund-Abonnenten für die neue Zeitung sichern, wird sie den «Bund» nicht einfach der «BZ» einverleiben können. Umgekehrt würden sich viele «BZ»-Leser mit dem manchmal elitären «Bund» schwer tun. Die «Lösung» kann also nur eine Zeitung bringen, die irgendwo dazwischen steht.
Ob die neue Zeitung mehr «Bund» oder mehr «BZ» sein wird, ist aber sekundär. Viel wichtiger ist, dass Bern nicht nur den «Bund», sondern auch die «BZ» und somit die publizistische Vielfalt verliert. Was das bedeutet, zeigen die Beispiele Basel und Luzern mehr als deutlich.
«Rettet den Bund» greift deshalb zu kurz. Es müsste heissen: «Rettet die publizistische Vielfalt».
Dazu braucht es eine alternative Publikationsplattform, die unabhängig ist von der Tamedia. Eine zweite Tageszeitung kann es nicht sein, der Berner Markt ist dafür zu klein. Der «Bund» hat selbst in konjunkturell guten Jahren nur knapp schwarze Zahlen geschrieben. Zudem wird die Zahl der abonnierten Zeitungen weiter zurückgehen.
Die lokale publizistische Vielfalt ist also nur via Internet zu gewährleisten (siehe auch Eintrag vom 25.5.2007) – sei es in Form einer lokalen Online-Zeitung, eines offenen Forums oder wenigstens eines Watch-Blogs «Neue Berner Zeitung».
Samstag, 15. Dezember 2007
Ein Nachtrag zum Berner Medientag, Erstveröffentlichung im comedia-Magazin «m», 12/2007, www.comedia.ch
Der Berner Medientag unter dem Titel «Hilfe, die Zürcher kommen» hat kaum neue Erkenntnisse gebracht – weil die Zürcher nicht gekommen sind. So musste sich das Publikum in Abwesenheit sämtlicher Tamedia-Entscheidungsträger anhören, wie Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor der «Berner Zeitung», und Rudolf Burger, stellvertretender Chefredaktor des «Bund», um den heissen Brei redeten, wohl ohne mehr zu wissen als Sie und ich.
Publizist Karl Lüönd blieb es vorbehalten, pikante Aussagen zu machen. «Die Tamedia bezahlt doch nicht 300 Millionen Franken, um eine starke Marke wie den ‹Bund› zu schliessen», behauptete er. Zudem sprach er sich dafür aus, die Schweizer Medien vermehrt dem freien Markt zu überlassen – Qualität werde sich durchsetzen.
Eine krasse Fehleinschätzung. Denn eine qualitativ hoch stehende Presse ist nicht zuletzt eine vielstimmige Presse. Zudem: Wer die Veränderungen der Medienlandschaft in den letzten 20 Jahren analysiert, stellt fest, dass sich nicht Qualität, sondern wirtschaftliche Stärke durchsetzt. Wir «leiden» also nicht nur unter weniger eigenständigen Zeitungen, sondern müssen uns immer öfter mit einem inhaltlichen und sprachlichen Niveau begnügen, dass selbst minimalen Ansprüchen nicht genügt. Oberflächlichkeit ist angesagt, Zeit für fundierte Recherche bleibt den zusammengesparten Redaktionen zu selten.
Kurz: Wir haben eine beträchtliche Verschlechterung des Angebots erlebt. Was solls, könnte man sagen – Hauptsache, die vorhandenen Titel bringen Geld. Das wäre aber mehr als kurzsichtig. Demokratisch betrachtet sei das Zeitungssterben «eine politische Zeitbombe», hat SP-Nationalrat Andreas Gross einmal gesagt. Recht hat er. Eine Zeitung ist nun mal kein Wurstladen, sie hat nicht nur zu rentieren, sie hat auch zu informieren, Meinungen zu bilden, ihren Beitrag zur Demokratie zu leisten. Und damit so etwas wie Meinungsvielfalt auch im Lokalen erhalten bleibt, braucht es mehr als bloss eine Zeitung pro Stadt.
Gerade auf dem Platz Bern haben wir erlebt, wie schnell es gehen kann – und in welche Richtung es geht. Was noch in den 90er-Jahren mit «Bund», «Berner Zeitung» und «Berner Tagwacht» vorbildlich aussah, ist heute ein Trauerspiel. Nach dem absehbaren Ende für den «Bund» wird sich in Bern mit der «Berner Zeitung» jenes Produkt durchgesetzt haben, das journalistisch weniger zu bieten hat, aber wirtschaftlich stärker ist. Regional und kantonal hat die Espace Media Groupe alles gefressen, was es zu fressen gab - und ist jetzt selber von einem noch Grösseren, der Tamedia, gefressen worden. Der Hauptstadt droht somit nicht nur ein Zeitungsmonopol, es droht ein Zeitungsmonopol mit Zürcher Mantel.
Was in Bern auf lokaler Ebene als Konkurrenz bleiben wird, ist Radio DRS – mal abgesehen von ein paar publizistisch kaum ernst zu nehmenden Gratisblättern und Lokalradios. Mit anderen Worten: Die letzte wirkliche Konkurrenz im Staate Bern ist – staatlich. Die Frage sei erlaubt: Ist es nicht Zeit für eine starke staatliche Zeitung mit Lokalteilen in jeder grösseren Stadt (analog Radio DRS)? Wieso soll sich staatliche Publizistik auf elektronische Medien beschränken? Statt die Millionen der Presseförderung mit dem Giesskannenprinzip an Produkte zu vergeuden, die sowieso nicht in der Lage sind, eine publizistische Alternative zu bieten, könnte man das Geld auch in eine vielschichtige nationale Zeitung investieren. Und dafür den Rest des Medienkuchens ganz dem freien Markt überlassen.
Klar, die aktuelle Situation bei Radio und Fernsehen ist historisch gewachsen. Und grundsätzlich gilt: Der Staat soll nur dort eingreifen, wo der Markt versagt. Viele werden den Ruf nach einer staatlichen Zeitung deshalb als ordnungspolitischen Sündenfall abtun und argumentieren, dass auch heute neue Zeitungen lanciert würden und der Markt somit spiele. Nur: Bedeuten Gratiszeitungen Presse- und Meinungsvielfalt, tragen sie zur Diskussionskultur und Demokratie bei?
Nein. Der Medienmarkt funktioniert nur noch finanziell. Was seinen publizistischen Auftrag betrifft, versagt er mehr und mehr. Es ist Zeit, etwas für unsere demokratische Zukunft zu tun und mit einer staatlichen Zeitung Pressevielfalt herzustellen, die diesen Namen verdient.
Mittwoch, 12. September 2007
Dani Landolf, Stefan Bühler, Karin Reber Ammann, Ingrid Hess, Charles Beuret, Katharina Schindler, Rudolf Gafner, Rainer Schneuwly, Yvonne Leibundgut, Susanne Wenger, Evelyne Reber-Mayr, Michael Fankhauser, Nick Lüthi, Lorenz Kummer, This Wachter – die Liste der Redaktoren, die beim «Bund» gekündigt haben, seit Artur K. Vogel die Chefredaktion übernommen hat, ist lang, sehr lang sogar.
Klar: All diese Abgänge dem neuen Chef anzulasten, wäre unfair. Die Übernahme der Espace Media Groupe durch die Tamedia hat der Stimmung beim «Bund» nicht gut getan – wer 1 und 1 zusammenzählt, weiss, dass die Tage des «Bund» gezählt sind ( 1, 2) und sucht einen neuen Job. Aber: Ein wesentlicher Faktor für viele Kündigungen langjähriger, qualifizierter Mitarbeiter scheint der neue Mann an der Spitze zu sein. Diverse Stimmen aus der «Bund»-Redaktion sprechen von Diktatur, von Bush-Doktrin («Wer nicht für mich ist, ist gegen mich»), sie sprechen davon, dass Artur K. Vogel jede Diskussion abwürgt.
Vogel praktiziert beim «Bund» also genau das Gegenteil dessen, was auf einer Zeitungsredaktion selbstverständlich sein sollte: konstruktive Auseinandersetzung, Meinungsvielfalt, Demokratie. Jüngstes Beispiel: Vogel wollte Alexander Sury, den Leiter des «Kleinen Bund», loswerden und legte ihm die Kündigung auf den Tisch. Eine Kündigung, die Vogel auf Druck von Redaktionsmitgliedern inzwischen rückgängig gemacht hat.
Ein weiterer Vorwurf, den sich Vogel gefallen lassen muss: Er tut sich offenbar immer wieder mit Ankündigungen/Versprechungen hervor, die er schliesslich nicht einhalten kann. Krassestes (öffentliches) Beispiel: Vogel kommunizierte allzu früh, die Berner Kulturagenda werde künftig in den Bund integriert. Dumm, dass die Berner Kulturinstitutionen mit dem Bundmodell eigentlich gar nicht einverstanden waren. – Resultat: die Kulturagenda liegt seit heute dem Anzeiger bei.
Umso unverständlicher sind Vogels Umgangston und seine internen Basteleien (Auslandchef Lorenz Kummer kündigte unter anderem deshalb, weil Vogel dem Auslandteil 80 Stellenprozente streichen wollte. Dies notabene nur zwei Monate, nachdem er eine freie Auslandstelle neu besetzt hatte), wenn man weiss, dass Vogel für sein erstes Jahr beim «Bund» mit der Espace Media Groupe Besitzstandswahrung aushandeln konnte. Das heisst, er hat vorläufig keinen wirtschaftlichen Druck, er ist nicht mit der Vorgabe angetreten, intern die Schraube anzuziehen und weiter Stellen abzubauen.
«Was sollen die Allüren, Herr Vogel», fragen sich viele. Die Antwort scheint banal: Artur K. Vogel ist offenbar einfach so. Wer hört, wie die Leute über ihn sprechen, wer seine Kommentare und Artikel im «Bund» und seit neustem im «Bund»-Blog liest, stellt fest, dass Vogel allzu gerne «poltert» und seine Schreibe gelinde gesagt «hemdsärmlig» daherkommt.
Kein Wunder also, ist Vogel «Bund»-intern mittlerweile isoliert. «So kann es nicht weitergehen», sagen viele. Was das bedeutet, bleibt abzuwarten. Pikantes Detail: Bei der Espace Media Groupe hat man offenbar von der «Bloss weg hier»-Stimmung beim «Bund» bisher nichts mitgekriegt. – Oder nichts mitkriegen wollen? Vielleicht ist man sich über die Situation durchaus im Klaren und lässt Vogel bewusst gewähren. Vielleicht lässt sich ein «Bund», der viele gute Journalisten und damit schon bald einen Teil seines Ansehens verloren hat, dereinst mit weniger Nebengeräuschen einstellen.
Freitag, 6. Juli 2007
Am 10. Juni ist im Berner Freibad Weyermannshaus ein 14-jähriger Schüler ertrunken. Ein tragischer Unfall, bei dem laut dem vorgestern veröffentlichten Polizeibericht Drittverschulden ausgeschlossen werden kann.
In der «Berner Zeitung» lesen wir dazu gestern (Text online nicht erhältlich) den Titel:
«Das Opfer war ein Fussballtalent» Aha. Ist das im Zusammenhang mit dem Polizeibericht wichtig, fragen wir uns. Natürlich nicht! Aber was solls, denn der folgende Text von Jürg Spori setzt nicht auf Information, sondern auf pietätlosen Boulevard und Spekulationen:
«Wir sind alle sehr traurig», sagt Trainer Mario Aurigemma. Er sei ein sehr liebenswürdiger Junge gewesen. Und er lobt ihn: «Er war ein Supertalent, das die Balltechnik bereits hervorragend beherrschte.» Der Trainer ist überzeugt: «Mit noch etwas ‹Schleifen› hätte er bald den Sprung in die U-15-Mannschaft von YB geschafft.» Und: «Wir alle im Klub haben immer gesagt, der wird eines Tages so gut wie der französische Internationale Claude Makelele spielen.» Doch mit dem Unfall im «Weyerli» ging die Karriere des jungen Fussballspielers jäh zu Ende. «Es ist jammerschade, dass dieses junge Talent so grauenvoll ertrinken musste», sagt der Bümplizer Coiffeur Mario Minerva, der an der Keltenstrasse seinen «Immagine»-Salon betreibt. Müssen wir daraus schliessen, dass der Tod eines unsportlichen Teenagers weniger traurig gewesen wäre? Und: Weshalb verirrt sich der Spruch eines Bümplizer Coiffeurs in diesen Text?
Deshalb:
Nicht nur bei Coiffeur Minerva, sondern in den Läden und Beizen in ganz Bümpliz und Bethlehem rätseln die Menschen über den Tod von Makelele. Dazu gehören auch die verschiedensten Gerüchte über die Todesursache. Unklar ist das Drama auch für eine junge Mutter, die zur Zeit des Unglücks mit ihren Kindern in der Nähe war. Sie will gesehen haben, wie kurz bevor Makelele geborgen wurde ein Bademeister mit dem Velo gemütlich davongefahren ist.
Nach ihren Beobachtungen stellt sie sich Fragen über Fragen: Warum hat der Bademeister den Jungen nicht gesehen, wenn er auf dem erhöhten Aussichtsposten war? Warum hat der Bademeister noch die Überhose ausgezogen, bevor er ins Wasser gesprungen ist? Stand der Bademeister rauchend unter einem Baum, anstatt auf dem Aussichtsposten die Badenden im Auge zu behalten? Unklar ist auch für die Jungs aus dem Umfeld von Makelele, warum das Drama passieren konnte. Ivica, ein Freund von Makelele, will wissen, dass unter den Kumpels eine Wette abgeschlossen wurde, wer am längsten unter Wasser bleiben kann. Tatsächlich: Fragen über Fragen. Oder besser gesagt: Gerüchte über Gerüchte. Leider fehlen in Sporis Text Klarstellungen und Antworten: Was sagt der betroffene Bademeister, was die Badeanstalt zu den Anschuldigungen? Geht der Polizeibericht auf die Gerüchte ein? Gibt es noch andere Zeugen, die Merkwürdiges beobachtet haben?
Keine Ahnung. Aber wichtig ist ja erstens, dass der Junge ein Fussballtalent war. Und zweitens, dass man bei der «BZ» wann immer möglich versucht, aus Nichts eine dicke Boulevard-Story zu machen.
Samstag, 30. Juni 2007
All die Jahre haben wir Grönemeyer gehört, lange war er das Mass aller Dinge, auch als wir dachten, Musik ist Musik, nur wenn sie laut ist.
Jetzt hat ihn Urs Mannhart besucht, für den «Bund», im Stade de Suisse. Wir erhoffen uns ein Stück vom Himmel. Denn wenn Mannhart schreibt, dann beginnt die Sprache zu tanzen, dann wollen wir es nur noch so, nur noch so.
Wir lesen «Auf dem Grund seiner Natur» und lachen, wenn es nicht zum weinen reicht. So schlimm? So schlimm! Wir werfen einen Blick zurück und fragen: Mannhart, was soll das?
Ist er nicht wohl, hier in dem Lokal? Fühlt sich der Literaturpreisträger als Fisch im Netz? Dort und hier ist sein Text einfach kompliziert. Und fragwürdig. Wieso? Weil Mannhart Mannhart näher steht als Grönemeyer – mein Konzert. Jetzt oder nie ein paar Beispiele:
Herbert. Es entzückt zu sehen, wie unmodisch elegant sich der Erfolgssänger kleidet, in welch radikal schludriger Konfektion er auftritt, um hinternschwenkend und hüftkreisend ein mit Anleihen bei geläufiger Strassenerotik nobilitiertes Stargehabe zu zelebrieren, das jeden anderen Menschen in Peinlichkeit ersaufen lassen würde. Mancher sagt schon hier, besser du gehst jetzt. Total egal.
Es stehen aber auch viele in völliger Ruhe, die dunklen Zeilen hinter uneinsehbar nachdenklicher Stirn, stehen bewegungs- und knochenlos wie an der Bushaltestelle, einer jener Stätten, wo immer wieder unbewusst das Stehen am Rand der Totengrube geübt wird. Das ist viel zu viel. Zieh deinen Weg, denken wir. Oder halt mich, wenn ich lese:
Überhaupt die Perspektive der Journalisten: Pult an Pult, tribünenartig über dem gemeinen Volk und auf Augenhöhe mit dem Geschehen sitzen sie in Souveränität, gestützt von der innenarchitektonischen Grundsituation der Gerichtsverhandlung. Rechtsgrundlage ist die eigene Meinung, beeinflusst von Tageshoroskop und grundsätzlichen Weltdafürhaltungen. Einige Journalisten halten sich am Kugelschreiber fest, andere arrangieren sich mit dem Grimm, mit dem sie zu kritisieren geneigt sind. Selbstmitleid. Verflucht, es tut weh. Doch wir sind unterwegs:
Anstelle des versenkten Tintenfasses finden sich eine Steckdose und zwei Buchsen: Ich habe Anschluss an ein Atomkraftwerk und an alle Telefone dieser Welt. Über der Schreibfläche schwebt eine Lampe, die auf der Rückseite mit «Lampe» angeschrieben ist, ein fieser Test für verunsicherte Journalisten. Alles in allem ist dieses Pult ein sorgfältig abgeschirmtes Rechteck; ich habe freie Sicht auf die Wirklichkeit, die strenge Form der Kabine hilft, während des Konzerts im rechtwinkligen Format der Zeitung zu denken. Ich wills nicht. Vergiss es, lass es. Aber es hat uns erwischt:
Es mag kein rechtwinkliger Gedanke sein, aber ich stelle mir auch vor, dass ich gerne einmal mit Herbert in einem Lift stecken bleiben möchte. Nicht einfach, weil er bestimmt eigenwillig artikulierte Lebensweisheiten zum Besten geben würde, sondern auch und vor allem, weil ich ihm zutraue, die Störung mit einem ungemein banalen Kniff von der Kabineninnenseite her zu beheben. Männer! Manchmal wie Kinder an der Macht. Fragt nicht, was das soll. Weiter geht’s, wir sind wieder soweit:
Egal, ob das Lied nach Assugrin oder nach Aspirin klingt, egal, ob er musikalisch Rezepte verteilt an Gemütsrheumatiker und Verstandespatienten, ob er seine Endsilben auf Paartherapeuten oder auf Therapiepaare reimt, er steht stets auf dem Grund seiner Natur, er ist sehr Herbert.
Der Stand der Dinge? Es ist genug, mehr geht leider nicht. Der Schädel brummt – Flugzeuge im Kopf.
Freitag, 29. Juni 2007
Wer die Berichterstattung zur Übernahme des «Bund» durch die Espace Media Groupe verfolgt, stellt fest, dass Tamedia/Espace offenbar von den Verkaufsabsichten der «NZZ» überrascht worden ist und den Deal mit gemischten Gefühlen vollzogen hat. Bleibt die Frage, wieso die «NZZ» den «Bund» so schnell loswerden wollte/musste, und wieso man bei der Tamedia/Espace derart zurückhaltend reagiert.
Wir vermuten: Der «NZZ» geht es vor allem um die Wahrung des Gesichts. Sie zieht sich in einem Moment zurück, in dem der «Bund» erstmals seit Jahren schwarze Zahlen schreibt, in dem ihr niemand vorwerfen kann, sie verlasse das sinkende Schiff und trage zum Niedergang der publizistischen Vielfalt bei. Hätte die «NZZ» vor zwei/drei Jahren den Bettel hingeschmissen, hätte sie damit das Ende des «Bund» besiegelt. Würde die «NZZ» in zwei/drei Jahren den Bettel hinschmeissen – wenn die Konjunktur vielleicht nachgelassen hat und der «Bund» wieder rote Zahlen schreibt –, käme wohl auch das dem Ende gleich.
Mit anderen Worten: Die «NZZ» hat den perfekten Moment für einen «sauberen» Abgang gewählt. Sie hat die Rolle des künftigen Buhmanns dem Erzrivalen Tamedia/Espace zugeschoben. Mehr wollte sie nach all den Jahren, in denen sie die Verluste des «Bund» mitgetragen und für dessen Fortbestand gesorgt hat, offenbar nicht mehr tun.
Was man der «NZZ» vorwerfen muss, ist ihre Strategielosigkeit. Sie hat es über all die Jahre verpasst, für den «Bund» eine Zukunftsperspektive zu entwickeln: Weder hat sie einen gemeinsamen Redaktionspool mit ihren anderen Lokalblättern aufgebaut, noch hat sie einen starken Inseratepool etabliert. Auf die Nutzung von Synergien scheint man bei der «NZZ» nicht angewiesen zu sein. Wie lange noch?
Fazit: Im Gegensatz zur Tamedia, die eine klare Vision verfolgt und sich als Nummer eins auf dem Markt der Tageszeitungen etablieren will, agiert die «NZZ» aus einer reinen Abwehrhaltung. Salopp formuliert: Am liebsten würde die «NZZ» einfach nur die «NZZ» machen. Schade, denn die «NZZ»-Gruppe ist das einzige Schweizer Verlagshaus, das der Tamedia im Lokalzeitungsgeschäft Paroli bieten könnte, nachdem sich Ringier aus dieser Sparte verabschiedet hat.
Donnerstag, 28. Juni 2007
Bern ist klein. Als der Blattkritiker gestern Abend hinter seinem Panache sass, hörte er in seinem Rücken zwei Männer tuscheln, die anscheinend bei der Espace Media Groupe arbeiten. «Schlimm», sagte der eine, «ganz schlimm. Die BZ-Journis machen sich Sorgen.» – «Das ist doch nichts Neues!», stellte der andere fest. – «Dieses Mal schon. Die von Weissenfluh [Franziska, Verlagsleiterin der Espace] erzählt rum, im Herbst, wenn die zwei neuen Gratiszeitungen lanciert werden, werde es auch für die BZ eng.» – «Die zwei neuen Gratiszeitungen? Dann weiss die von Weissenfluh offensichtlich mehr als der Kall.»
Worauf die Herren kicherten und sich der Blattkritiker fragte, was es denn da zu kichern gibt und weshalb Martin Kall beim Interview mit Francesco Benini in der «NZZ am Sonntag» nicht einfach die Wahrheit gesagt hat.
Dienstag, 26. Juni 2007
In der Schweizer Medienlandschaft wird zurzeit schneller liquidiert, fusioniert und neu lanciert, als Beobachter denken und tippen können. «Cash» weg, «Facts» weg, die Espace Media Groupe ein Anhängsel der Tamedia, am Horizont warten «.ch» und andere Gratisblätter – und nun noch dies: Die Freie Presse Holding AG der NZZ verkauft, offenbar aus eigenem Bestreben, ihren Anteil am «Bund». Damit liegt das Geschick des Berner Traditionsblatts fortan ganz in den Händen der Espace Media Groupe bzw. der Tamedia. Lapidare Begründung der «NZZ»: Sie will der Tamedia «die Integration des Berner Modells in ihre Gesamtstrategie ermöglichen».
Was hat der «Bund» in der Gesamtstrategie der Tamedia verloren? Wenig! Das sieht offenbar auch die Tamedia so. Auf der Website des «Tages-Anzeigers» lesen wir jedenfalls, dass Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer den Schritt der «NZZ» bedauert. Er schaffe zusätzliche Verunsicherung.
Alles deutet darauf hin, dass die Tamedia eine nationale Mantelredaktion aufbauen will, die den «Tages-Anzeiger», die «Berner Zeitung» und allenfalls die «Basler Zeitung» beliefern soll. Die Lebensversicherung für den «Bund» – die Option, dass auch die NZZ-Gruppe an der Idee einer nationalen Mantelredaktion werkelt, die ihre Lokalblätter in St. Gallen, Luzern, Bern sowie die mit ihr verbandelten Lokalblätter im Grossraum Zürich beliefern könnte – ist nun vom Tisch. Und damit wohl bald auch der «Bund». Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Tamedia neben einem nationalen Mantel eine Vollredaktion für die paar wenigen «Bund»-Leser leisten wird.
Oder denkt die Tamedia vielleicht darüber nach, «Bund» und «BZ» denselben Mantel zu verpassen und in Bern zwei unabhängige Lokalredaktionen zu betreiben? Nun: Das wäre aus publizistischer Sicht besser als gar nichts; aber ökonomisch dürfte sich das kaum rechnen. Zwei Titel in ein und dem selben Markt zu alimentieren, lohnt sich nur, wenn dadurch unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen erreicht werden können. Das setzt wohl eine Differenzierung der beiden Titel voraus, die über den Lokalteil hinausgeht.
Die Espace Media Groupe hat heute zwar mitgeteilt, das so genannte «Berner Modell» werde auch künftig «unter den gleichen wirtschaftlichen und publizistischen Kriterien» weitergeführt. Was das konkret heisst, hat Espace Media Groupe-Sprecher Christopher Wehrli laut Tages-Anzeiger gleich klargemacht: Der «Bund» muss rentieren, wenn er überleben will.
Wir gewöhnen uns deshalb schon mal an den Gedanken, dass es eher früher als später heissen wird: (B)und tschüss!
Donnerstag, 21. Juni 2007
Vincent Bugliosi, Alt-US-Staatsanwalt, hat ein 1600 Seiten starkes Buch zum Mord an John F. Kennedy veröffentlicht, in dem er laut eigenen Angaben sämtliche Unklarheiten ausräumt. Interessant und wichtig, dass das «Magazin» Bugliosis Werk bespricht. Bloss: Was eine spannende Auseinandersetzung mit dem Autor und der Qualität seiner Recherche sein könnte, bietet nichts dergleichen. Peter Haffners «Magazin»- Text ist eine dumme, mit Plattitüden gespickte Abrechnung mit dem Unmenschen unserer Zeit, dem gemeinen Verschwörungstheoretiker.
"Haffners Abrechnung" vollständig lesen
Donnerstag, 21. Juni 2007
Unter dem Titel «Raiffeisen schweisst zusammen» berichtete die «Berner Rundschau» gestern über die Wiedereröffnung einer Bankfiliale in Wiedisbach (Artikel online nicht zugänglich). Der Lead dieser Jubelarie ist Gold wert: Mit dem grosszügigen Kundenbereich, modernsten Selbstbedienungsgeräten und einer zeitgemässen Innenarchitektur demonstriert die umgebaute Raiffeisenbank gleichzeitig Offenheit und Nähe. Und die «Berner Rundschau» demonstrierte gleichzeitig ihre Werbe- und IT-Kompetenz. Copy-Paste aus der Medienmitteilung kann auch nicht jeder!
(Danke für den Hinweis an Sandra)
Freitag, 25. Mai 2007
Charles von Graffenried, dessen Credo es lange Zeit war, die Zürcher Verlagshäuser vom Platz Bern fernzuhalten, holt sich mit der Tamedia den ehemaligen «Feind» ins Haus. Don Quijchote hat also aufgegeben – über das Weshalb kann nur spekuliert werden.
Wie bei Übernahmen üblich, ist die Rede von der Lancierung neuer Produkte, von der Nutzung von Synergien, vom gemeinsamen Antreten in härter werdenden Zeiten. Ob die Espace Media Groupe längerfristig allein tatsächlich nicht überleben könnte, wie von Graffenried behauptet, ist schwer zu beurteilen. Sicher ist: Es gibt keinen aktuellen Anlass, jetzt an Tamedia zu verkaufen. Die Espace Media Groupe ist eines der profitabelsten Medienunternehmen der Schweiz. Die Wirtschaft boomt, so dass laut Espace sogar der «Bund» auf dem Weg der Besserung ist.
Was die Tamedia-Übernahme für den Platz Bern und das Berner Modell bedeutet, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist die Aussicht des «Bund», als Komplettzeitung weiter zu bestehen, nicht besser geworden. Zwar soll der «Bund» dem Vernehmen nach dieses Jahr erstmals seit langem schwarze Zahlen schreiben. Es ist jedoch zu befürchten, dass die nächste kleine Konjunktur-Baisse dem Blatt in seiner heutigen Form den Rest gibt. Denn sowohl strategisch wie ökonomisch ist der «Bund» uninteressant. Das war schon für die Espace Media Groupe so und gilt umso mehr für Tamedia. Das bisherige Überleben des «Bund» ist deshalb wohl einzig dem persönlichen Engagement von Charles von Graffenried zu verdanken.
Vielleicht werden, wenigstens in nächster Zeit, die immer vertrackteren Besitzverhältnisse den «Bund» retten: Die Espace kontrolliert «nur» 40 Prozent und nimmt die verlegerische Verantwortung war, 20 Prozent gehören der Publigroupe, die restlichen 40 Prozent und die publizistische Aufsicht liegen bei der NZZ-Gruppe. Mit anderen Worten: Die Espace Media Groupe wird sich auch mit der Tamedia im Rücken nicht einfach über NZZ-Gruppe/Publigroupe hinwegsetzen können (so hoffen wir wenigstens). Verlegerische Überlegungen gehen allerdings oft über publizistische: Das zeigt das Beispiel der zusammengelegten Sportressorts von «Bund» und «BZ».
Wie geht es auf dem Platz Bern weiter? Wir sehen vier langfristige Optionen:
1. Gäng wie gäng. Dies muss als am wenigsten realistisch betrachtet werden, weil Tamedia und Espace dazu nicht hätten fusionieren müssen.
2. Berner Kopfblätter: Die «BZ» wird zum Kopfblatt des «Tages-Anzeigers», der «Bund» wird in einen Mantel der «NZZ»-Regionalmedien (St.Gallen, Luzern, Bern) eingebunden. Letzteres steht schon seit Jahren zur Diskussionen und, man kann es nicht anders sagen, ist von der NZZ-Gruppe schlicht «verlaueret» worden. Denn damit hätte die Integration des «Bund» in die Espace Media Groupe verhindert und die publizistische Vielfalt auf dem Platz Bern längerfristig gesichert werden können.
3. Tamedia-Dreieck: Tamedia wartet solange zu, bis sie auch die Basler Zeitung Medien übernommen hat und produziert im Dreieck Zürich-Basel-Bern einen nationalen Mantel. Was das für den «Bund» bedeuten würde, ist unklar.
4. Worstcase: Der «Bund» wird eingestellt, einige Redaktoren «wechseln» in die «BZ» (analog Sportressort).
Was passiert, wenn der «Bund» tatsächlich stirbt? Gerüchte besagen, dass in diesem Fall in Bern eine unabhängige Online-Zeitung entstehen soll, die die lokale publizistische Vielfalt erhalten würde. Wie realistisch ist ein solches Projekt? Wir wissen es nicht. Billig wäre es auf keinen Fall. Die Milchbüechlirechnung: 3 Redaktoren und 1 Inserateakquisiteur verursachen allein schon rund 300'000 Franken Lohnkosten pro Jahr. Mit den Aufwendungen für Werbung, Büros, Transportmittel, Kommunikation, Computer usw. beläuft sich das Budget schnell einmal auf eine halbe Million Franken.
Eine lokale Online-Zeitung als Alternative zur «BZ»? Teuer, aber nicht unmöglich. Deshalb: Freiwillige vor!
Freitag, 11. Mai 2007
In der Mittwochsausgabe der «Berner Zeitung» findet sich auf der «Freiburg»-Seite ein Text über ein Hanf-Strafverfahren, den wir auch nach dem dritten Mal lesen nicht verstehen.
Wir fragen uns, wer da wohl in die Tasten gehauen hat - oder wer diesen Text redigiert hat. Unterzeichnet ist der Artikel mit VSHF. Ein Kürzel aus vier Buchstaben? Sehr speziell! Hmm, VSHF? Ach ja, richtig: VSHF = Verein Schweizer Hanffreunde.
Donnerstag, 10. Mai 2007
Wir lesen sie allzu oft, Zeitungstexte, die in einem unerträglichen pseudo-literarischen Ton daherkommen, dabei aber nicht einmal journalistischen Mindestansprüchen genügen. Ein krasses Beispiel finden wir im «Bund»-Kulturteil vom Montag. Der Text mit dem Titel «Zweifel unter dem Kirchendach» toppt alles, was wir bisher in Sachen Kulturtexten gesehen haben.
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