Samstag, 15. Dezember 2007
Ein Nachtrag zum Berner Medientag, Erstveröffentlichung im comedia-Magazin «m», 12/2007, www.comedia.ch
Der Berner Medientag unter dem Titel «Hilfe, die Zürcher kommen» hat kaum neue Erkenntnisse gebracht – weil die Zürcher nicht gekommen sind. So musste sich das Publikum in Abwesenheit sämtlicher Tamedia-Entscheidungsträger anhören, wie Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor der «Berner Zeitung», und Rudolf Burger, stellvertretender Chefredaktor des «Bund», um den heissen Brei redeten, wohl ohne mehr zu wissen als Sie und ich.
Publizist Karl Lüönd blieb es vorbehalten, pikante Aussagen zu machen. «Die Tamedia bezahlt doch nicht 300 Millionen Franken, um eine starke Marke wie den ‹Bund› zu schliessen», behauptete er. Zudem sprach er sich dafür aus, die Schweizer Medien vermehrt dem freien Markt zu überlassen – Qualität werde sich durchsetzen.
Eine krasse Fehleinschätzung. Denn eine qualitativ hoch stehende Presse ist nicht zuletzt eine vielstimmige Presse. Zudem: Wer die Veränderungen der Medienlandschaft in den letzten 20 Jahren analysiert, stellt fest, dass sich nicht Qualität, sondern wirtschaftliche Stärke durchsetzt. Wir «leiden» also nicht nur unter weniger eigenständigen Zeitungen, sondern müssen uns immer öfter mit einem inhaltlichen und sprachlichen Niveau begnügen, dass selbst minimalen Ansprüchen nicht genügt. Oberflächlichkeit ist angesagt, Zeit für fundierte Recherche bleibt den zusammengesparten Redaktionen zu selten.
Kurz: Wir haben eine beträchtliche Verschlechterung des Angebots erlebt. Was solls, könnte man sagen – Hauptsache, die vorhandenen Titel bringen Geld. Das wäre aber mehr als kurzsichtig. Demokratisch betrachtet sei das Zeitungssterben «eine politische Zeitbombe», hat SP-Nationalrat Andreas Gross einmal gesagt. Recht hat er. Eine Zeitung ist nun mal kein Wurstladen, sie hat nicht nur zu rentieren, sie hat auch zu informieren, Meinungen zu bilden, ihren Beitrag zur Demokratie zu leisten. Und damit so etwas wie Meinungsvielfalt auch im Lokalen erhalten bleibt, braucht es mehr als bloss eine Zeitung pro Stadt.
Gerade auf dem Platz Bern haben wir erlebt, wie schnell es gehen kann – und in welche Richtung es geht. Was noch in den 90er-Jahren mit «Bund», «Berner Zeitung» und «Berner Tagwacht» vorbildlich aussah, ist heute ein Trauerspiel. Nach dem absehbaren Ende für den «Bund» wird sich in Bern mit der «Berner Zeitung» jenes Produkt durchgesetzt haben, das journalistisch weniger zu bieten hat, aber wirtschaftlich stärker ist. Regional und kantonal hat die Espace Media Groupe alles gefressen, was es zu fressen gab - und ist jetzt selber von einem noch Grösseren, der Tamedia, gefressen worden. Der Hauptstadt droht somit nicht nur ein Zeitungsmonopol, es droht ein Zeitungsmonopol mit Zürcher Mantel.
Was in Bern auf lokaler Ebene als Konkurrenz bleiben wird, ist Radio DRS – mal abgesehen von ein paar publizistisch kaum ernst zu nehmenden Gratisblättern und Lokalradios. Mit anderen Worten: Die letzte wirkliche Konkurrenz im Staate Bern ist – staatlich. Die Frage sei erlaubt: Ist es nicht Zeit für eine starke staatliche Zeitung mit Lokalteilen in jeder grösseren Stadt (analog Radio DRS)? Wieso soll sich staatliche Publizistik auf elektronische Medien beschränken? Statt die Millionen der Presseförderung mit dem Giesskannenprinzip an Produkte zu vergeuden, die sowieso nicht in der Lage sind, eine publizistische Alternative zu bieten, könnte man das Geld auch in eine vielschichtige nationale Zeitung investieren. Und dafür den Rest des Medienkuchens ganz dem freien Markt überlassen.
Klar, die aktuelle Situation bei Radio und Fernsehen ist historisch gewachsen. Und grundsätzlich gilt: Der Staat soll nur dort eingreifen, wo der Markt versagt. Viele werden den Ruf nach einer staatlichen Zeitung deshalb als ordnungspolitischen Sündenfall abtun und argumentieren, dass auch heute neue Zeitungen lanciert würden und der Markt somit spiele. Nur: Bedeuten Gratiszeitungen Presse- und Meinungsvielfalt, tragen sie zur Diskussionskultur und Demokratie bei?
Nein. Der Medienmarkt funktioniert nur noch finanziell. Was seinen publizistischen Auftrag betrifft, versagt er mehr und mehr. Es ist Zeit, etwas für unsere demokratische Zukunft zu tun und mit einer staatlichen Zeitung Pressevielfalt herzustellen, die diesen Namen verdient.
Freitag, 28. September 2007
«Ein paar mehr Bataillone», betitelt der «Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe ein Interview mit dem amerikanischen General Dan McNeill, Oberkommandeur der Isaf-Truppen in Afghanistan. Im Interview fordert McNeill...
... ein paar mehr Batallione zu schicken, ein paar mehr Helikopter und Ressourcen, um grössere Kampfgebiete abzudecken. Anglizismen in Ehren, aber jeder halbwegs englisch sprechende Mensch sollte wissen, dass «some more» etwas anders ins Deutsche gebracht wird. Nicht nur sprachlich ist das Interview eher ein Ärgernis denn eine Erleuchtung: So darf sich McNeill ausgiebig über die «abstrusen Verlautbarungen» der Taliban zu zivilen Opfern der Kämpfe äussern. Diese seien Extremisten durch und durch. Und:
Sie enthaupten jeden, der nicht ihrer Auffassung ist. Dass ein General zu solch kriegsrethorischen Übertreibungen greift, gehört zu seinem Beruf. Zu demjenigen der befragenden Journalistin würde es gehören, diese auch eher abstruse Verlautbarung zu hinterfragen.
Freitag, 21. September 2007
Wir mussten lange warten. Gestern, kurz nach 9 Uhr wurde die erste Ausgabe der Gratiszeitung .ch dann doch noch vor der Wohnung deponiert. Nach dem ersten Durchblättern sind wir positiv überrascht. «.ch» ist tatsächlich etwas anders als die bisherigen Gratisprodukte: ruhiger und stärker nachrichtenorientiert. Nach dem genaueren Lesen hingegen sind wir etwas ernüchtert. Eine Blattkritik unter drei Aspekten.
Das Erscheinungsbild: Die Gestaltung der Front- und Rückaufschlagsseite von «.ch» ist grosszügig – so grosszügig, dass nebst den Schlagzeilen kein Platz für Anrisse bleibt. Gut ist die Idee, die Rückaufschlagseite für die Sportschlagzeilen zu nutzen, so dass die Zeitung auch von hinten nach vorne gelesen werden kann. Die Seiten im Innern kommen eher ruhig gestaltet daher, aber auch etwas langweilig: Meist wird einem Thema eine Seite gewidmet, abzüglich einer etwas breiteren Randspalte mit Kurzmeldungen oder einer Kolumne. Die Seitenköpfe strotzen vor Strichen.
Das Themenangebot: «.ch» bietet einen Schweiz-, einen Lokal- und einen Wirtschaftsteil mit vielen Eigenleistungen. Die Auslandseiten hingegen sind mit Agenturmeldungen gefüllt. Nach der klassischen Ordnung folgt vor den Sportseiten ein Sammelsurium zusätzlicher Themen: Nach Lifestyle und Kultur People und «Special» – was das genau ist, versuchen wir noch herauszufinden –, folgt das Kinoprogramm und der Veranstaltungskalender, das Fernsehprogramm, die Wetterprognosen, die Rätselseite. Irgendwo dazwischen ist eine «Boulevard»-Seite hinein gequetscht, die offenbar vorab als Auffangbecken für überzählige Nachrichten aus den tagesaktuellen Ressorts dient.
Die Artikel: Die meisten Artikel sind zwar etwas kürzer als in einer durchschnittlichen Regionalzeitung, aber länger und weniger aufgeregt als in der Gratis-Konkurrenz. Das ist offenbar Konzept. Chefredaktor Rolf Leeb will laut seinem Editorial «die Ereignisse unaufgeregt und gelassen» [sic!] geschildert haben. Erstaunt sind wir über den Frontaufmacher «Business für Kids». Die Geschichte dazu ist weder besonders originell oder aktuell noch eine besonders grosse Eigenleistung. Und sie ist bloss mit einer Notlösung illustrierbar. Dafür ist sie schlecht redigiert. Zumindest ist sie damit nicht alleine: Wir stolpern bei der Lektüre mehrmals über sprachliche und typographische Unschönheiten.
Trotz aller Mängel: «.ch» bietet ein umfassendes Themenspektrum, eine etwas ausführlichere Berichterstattung als die anderen Gratiszeitungen, meist wohltuend unaufgeregten Journalismus und genügend Service. Mit dieser Mischung dürfte die neue Gratiszeitung in den etablierten Verlagen noch zu reden geben.
Mittwoch, 29. August 2007
Wie «persönlich» meldet, will der Verband Schweizer Presse (VSP) eine «Konkurrenz» zu Google News aufbauen. Eine Konkurrenz? Zuerst hat der Blattkritiker herzlich gelacht. Dann hat er gelesen: «Wir sind der Meinung, dass Google mit seinem Newsdienst das Urheberrecht verletzt und unlauteren Wettbewerb betreibt», erklärt VSP-Präsidiumsmitglied Norbert Neininger auf Anfrage von «persoenlich.com». Der Verband befürchtet, dass vielen Lesern die Textanrisse auf news.google.ch genügen, und sie darauf verzichten, den Artikel in voller Länge auf den Newsportalen der Medienhäuser zu lesen. Unlauterer Wettbewerb? Im Gegensatz zu den Zeitungs-Websites erscheinen auf Google News keine Adwords oder Banner. Urheberrechtsverletzungen? Google News indexiert nur die ersten 200 Zeichen. Die Textanrisse könnten den Lesern genügen? Die selbe Gefahr besteht auf jeder Zeitungs-Website. Die angeführten Gründe können nicht überzeugen. Zudem existiert Google News seit einigen Jahren, und der Dienst ist kaum für das Abo-Sterben der Schweizer Zeitungen verantwortlich. Worum also geht es dem VSP wirklich? Es geht ihm ziemlich sicher ums Geld: Branchenkenner gehen davon aus, dass die Zeitungsverleger für die Verwendung ihrer Inhalte von Google finanziell entschädigt werden wollen.(...) Konfrontation würde für die Verleger bedeuten, Klage gegen den Suchmaschinenbetreiber einzureichen. (...) In Belgien hatte der Verband Copiepress geklagt, nachdem Google seinen Newsdienst in einer belgischen Version lanciert hatte. Vergangenen Februar dann verbot ein Gericht Google, auf Zeitungsartikel zu verweisen. Der Rechtsstreit in Belgien wurde im Juni beigelegt, nachdem Google auf einige Forderungen der Verleger eingegangen war. Der VSP hat nicht begriffen, wie das Internet funktioniert. Google News mag den einen oder anderen Leser verleiten, einen Artikel nicht zu lesen, weil ihn schon der Teaser langweilt. Google News bringt aber auch Links, User, die auf diese Links klicken und damit Traffic. Natürlich gilt dies nicht für alle Zeitungen. Redaktionen, die den SDA-Ticker kommentarlos kopieren, finden sich unter «und 23 ähnliche Artikel». Redaktionen, die in ihre Texte investieren, die zusätzlichen Content anbieten und sich damit erkennbar vom Rudel unterscheiden, werden von Google höher gewichtet. Sie erhalten mehr Klicks und damit mehr Traffic auf ihrer Website - was sie wiederum für die Werbekunden interessanter macht.
Trotzdem will der VSP laut «persönlich» sein Konkurrenzprojekt forcieren. Auch für den Fall, dass Google den mit Links beschenkten Zeitungen eine Entschädigung anbietet. Handelt es sich bei diesem VSP-Projekt wenigstens um eine zeitgemässe Web-Anwendung? Nein. Dem Vernehmen nach ist es eine «gemeinsame Übersichtsseite, welche die Schlagzeilen der beteiligten Zeitungstitel umfasst».
Wow. Wie wäre es mit wirklicher Innovation?
Sonntag, 26. August 2007
Wenn man die «NZZ am Sonntag» im Allgemeinen und den «Stil»-Bund im Besonderen liest, kann man nicht umhin, eine auffallende Frequenz des Wörtchen «man» zu bemerken. Man kann sich daran stossen, weil man im Journalismus früher Ross und Reiter zu nennen pflegte und «man» ein Indiz für handwerkliche Faulheit oder mangelnden Durchblick sein kann. Man kann sich daran freuen, weil man «man» für ein besonders gelungenes Emblem des stilbewussten Kollektivs hält, dem man natürlich selbst angehört. Natürlich kann man auch darüber hinwegsehen. Unabhängig von der Einstellung, die man zur Verwendung von «man» pflegt, bemerkt man in der heutigen Ausgabe aber eine Aussage, die man als höchst verwirrend bezeichnen muss. In einem Artikelchen über ein griechisches Hotel liest man nämlich die folgenden Sätze:
(...) freier Blick aufs Meer und den Weg, der an den 2,5 Kilometer langen Hausstrand führt. Hier legen die Schnellboote ab. Wenn man sie nicht besitzt, kann man sie mieten. Unterhalb der Terrasse liegt auch der Ort, wo man sich abends amüsiert: die Bar.
Wer beim Namen der Besitzer des Resorts, Riefenstahl, kurz zusammenzuckt, liegt richtig. Ja, auf verschlungenen Pfaden ist man mit jener Leni Riefenstahl verwandt. Mehr erfährt man nicht. Der Hang zum ästhetischen Arrangement ist jedenfalls auch im «Danai» augenfällig. Man (Gast) mietet Schnellboote, wenn man (Gast) sie nicht schon besitzt, man (Hotelier) ist mit der Riefenstahl verwandt, aber man (Gast) erfährt von man (Hotelier) nicht mehr darüber. Man (Gast? Hotelier? Beide?) ist nicht mehr bloss ein beliebiges Raunen, man (wer denn jetzt?) ist zugleich Gast und Hotelier, mit der Riefenstahl verwandt und nicht verwandt, man ist eine multiple Persönlichkeit.
Bei der «NZZ am Sonntag» scheint man sich vor lauter Verliebtheit in die eigenen Stilblüten ein wenig verrannt zu haben. Oder täuscht man sich da?
Donnerstag, 16. August 2007
«Drahtloses Internet strahlt stärker als Handys», titelte der «Tages-Anzeiger» am Montag. «Die deutsche Regierung rät ihren Bürgern, sicherheitshalber auf einen drahtlosen Internetzugang zu verzichten», steht im Lead. Und weiter: «Die Schweizer Behörden sehen keinen Grund für eine derartige Empfehlung.» Das ist, was von diesem Artikel in Erinnerung bleibt.
Der Blattkritiker hat mit Interesse weitergelesen. Rät die deutsche Regierung wirklich von Wireless Lan ab? Nur bedingt, wie er bereits im ersten Abschnitt erfährt:
Dass die Funksignale zwischen Computer und Antenne gefährlich sind, wird nach heutigem Wissensstand verneint - von der Weltgesundheitsorganisation, vom Bundesamt für Gesundheit und von der deutschen Regierung. In einer Stellungnahme rate die deutsche Regierung aber dazu, «die persönliche Strahlenexposition durch hochfrequente elektromagnetische Felder so gering wie möglich zu halten, das heisst herkömmliche Kabelverbindungen zu bevorzugen».
Die Schweizer Behörden sehen offenbar keinen Grund für eine solche Empfehlung. Im Kasten neben dem Text sowie im Internet steht: Das WLAN nur einschalten, wenn es gebraucht wird.
Den Laptop während der WLAN-Verbindung nicht am Körper halten.
Den Access Point möglichst einen Meter entfernt von lang besetzten Arbeits-, Aufenthalts- oder Ruheplätzen installieren. Das ist alles. Liebe «Tages-Anzeiger»-Macher, wenn man im Artikel relativiert, was man im Lead schreibt, könnte man auch gleich auf den irreführenden Titel verzichten. Ein Handy oder ein Drahtlostelefon strahlt nämlich – zumindest während des Telefonats – viel stärker als das WLAN-Gerät.
Freitag, 10. August 2007
Die Website des «Tages-Anzeigers» wurde überarbeitet. Aber erscheint sie tatsächlich «in neuem Kleid», wie es in einer Mitteilung heisst? Nein, findet der Blattkritiker. Viele der altmodischen Rüschchen sind ab, ein paar modische Bänder sind dazugekommen. Doch das Kleid wurde bloss umgeändert, und das Korsett der alten Site-Struktur drückt immer noch schwer auf die Lunge. Eine subjektive Übersicht:
"Die Rüschchen sind weg, das Korsett bleibt" vollständig lesen
Montag, 30. Juli 2007
Zwei Titel zu Todesnachrichten aus der aktuellen «heute»-Ausgabe: Das grosse Sterben blieb aus steht auf Seite 3 über einem Artikel zum Bienensterben in der Schweiz. Der Rückgang der Bienenpopulation sei «weniger dramatisch» ausgefallen als befürchtet: «Die Totalverluste sind dieses Jahr nur leicht überdurchschnittlich.»
Stattgefunden hat das grosse Sterben in China. Unwetter und Überschwemmungen haben in den letzten Tagen mindestens 652 Menschen das Leben gekostet. In der Printausgabe lesen wir über der Meldung auf Seite 5: Überschwemmung in China: Viele Tote Viele. Tatsächlich.
Sonntag, 29. Juli 2007
Wer ist der Sisyphos der Schweizer Medienblogger? Wir haben zwei Kandidaten gefunden:
Der namenlose Blogger bei «20min Schreibfehler» wälzte die grösste Zeitung der Schweiz Tag für Tag den Hang der Orthographie hoch und entdeckte in 20 Tagen mehr als 100 Schreibfehler. Zufälligerweise gab «20 Minuten» kurz nach dieser Aktion bekannt, ab dem 1. August ein Korrektorat einführen zu wollen. Denn «wo gehobelt wird, fallen Spähne». Genau.
Der «heute»-Rezensent namens «gestern» wuchtet bei «gestern im heute» die urbanste Schweizer Abendzeitung den steilen Berg des journalistischen Qualitätsanspruchs hinauf. Er würdigt unter anderem Schuhe in Testbildfarben, die Leserbriefseite und das öffentlich beweinte Verschwinden unkorrigierter Texte.
Nachdem im letzten Jahr einige Watchblogs ebenso rasch verschwunden sind, wie sie zuvor aufgetaucht waren, wünschen wir den beiden Projekten gutes Gedeihen. Arbeit werden sie zur Genüge haben.
Montag, 23. Juli 2007
Die Tamedia expandiert ins Ausland: Zusammen mit der Groupe Editpress lanciert sie Ende Jahr die erste Luxemburger Gratiszeitung. Spärliche Details gibts in der Medienmitteilung der Tamedia. Das neue Blatt heisst «L'essentiel» und wendet sich - wer hätte das gedacht - an «eine junge, urbane und kaufkräftige Leserschaft». Die beiden Verlagshäuser sind mit je 50% beteiligt.
Die Tamedia will laut Medienmitteilung ihre «Erfahrungen aus dem erfolgreichen Ausbau von 20 Minuten und 20 minutes» ins Projekt einbringen. Weshalb so zaghaft? Die Macher von «20 Minuten» bzw. «20 minutes» dürften sogar etwas Neues versuchen. Dies wäre auch im Sinn ihres Chefs. Der Blattkritiker zitiert sich ausnahmsweise selbst: «In der Schweiz kann sich Martin Kall in Sachen Publizistik nicht mehr gross profilieren. Im Ausland könnte er beweisen, dass er Zeitungen nicht nur kaufen, sondern auch machen kann.»
Allez-y!
Montag, 23. Juli 2007
Der reisserische Titel sei uns verziehen. Denn wenn das Sommerloch wieder einmal gähnende Langeweile und grossformatige Badmeisterbilder verbreitet, gibt es nicht viel zu blattkritisieren. Oder doch? In den heutigen Regionalsplits des «Tages-Anzeigers» finden wir die folgenden Kleinodien: Weiter flussaufwärts pumpt ein Mann sein gelbes Gummiboot auf. Bald wird er sich von der Sihl parallel zur Sihltalstrasse Richtung Zürich treiben lassen. Spätestens beim Kleinkraftwerk in der Sihlhüslikurve muss er aussteigen. Für die Fischtreppe ist das Boot zu breit.
(Linkes Seeufer) Denken Sie daran, wenn Sie sich das nächste Mal parallel zur Sihltalstrasse treiben lassen: Das unter ihrem Gummiboot ist die Sihl, nicht die Limmat. Und falls sie schon vor der Sihlhüslikurve aussteigen wollen, sind Sie möglicherweise alt genug für die folgende Enthüllung: Eigentlich muss man in Zürich mindestens 18 Jahre alt sein, um in einen Klub eingelassen zu werden. Allerdings gibt es ein Lokal, das samstags Besuchern ab bereits 16 Jahren offen steht: das X-tra. Es liegt beim Limmatplatz, ist sehr beliebt und riesengross. An Wochenenden tummeln sich dort oft um die 2000 jugendliche Klubbesucher, die von überall her kommen. Das X-tra ist kein edles Lokal, deshalb muss man sich auch nicht schick anziehen. (...) Auch Mihara und Rubina, beide 16, aus Volketswil sind auf dem Weg ins X-tra. (...) Alkohol müsse nicht unbedingt sein und Drogen seien total scheisse, finden sie. Trotzdem lassen auch sie rund 50 Franken im Klub liegen, das Geld haben ihnen die Eltern gegeben oder stammt vom Lohn fürs Babysitten. (...) In einen Klub zu gehen, mache einfach Spass.
(City) Vorbildliche Jugend: Alkohol nicht unbedingt nötig und Drogen total scheisse finden, aber trotzdem für Eintritt und Himbeersirup 50 Franken im Club liegen lassen. Vielleicht reicht das Geld von Eltern und/oder Babysitten am nächsten Tag nicht mehr für den Badi-Eintritt. Dann gibts aber immer noch «Ein Platz nicht an der Sonne» (Ein Titel nicht mit Sprachgefühl): Um es kurz zu machen: Mein Lieblingsort, soweit ich den nach erst zwei Wochen in Zürich festlegen darf, ist an der Limmat, genauer gesagt auf der rechten Seite des LimmatClubs. Die Ruhe dort hat mich festgehalten. Zwar muss man sich kurz sportlich über ein abgeschlossenes Gatter schwingen, um an diese Oase der absoluten Glückseligkeit zu gelangen, aber es braucht auch nicht viel mehr als die Limmat zum Baden der Füsse und vielleicht ein gutes Buch. Wer zusätzlich etwas essen möchte, dem kann ich nur das Lokal, was an den Club angrenzt, empfehlen.
(City) Wer sich nicht von der Ruhe dort festhalten lassen will, sollte evtl. auf die Oase der absoluten Glückseligkeit verzichten und statt dem City-Split irgendein Buch, was er in der Bibliothek findet, zur Hand nehmen. Oder für die Sommerferien 2008 einen Zustellunterbruch beantragen.
Montag, 16. Juli 2007
In der «Sonntagszeitung» von gestern finden wir ein gutes Beispiel für eine schlechte Reportage. «Hauptsache Kurven» handelt von zehn gutaussehenden jungen Frauen, die sich in die Löwengrube eines Formel-1-Rennens aufmachen. «Hauptsache Kurven» zeigt aber auch, wie man ein vielversprechendes Thema an die Wand fährt.
"Gegen die Wand" vollständig lesen
Sonntag, 15. Juli 2007
In der «NZZ am Sonntag» finden wir heute eine spannende Mitteilung: Abnehmen mit eBalance
Eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Zürich hat mittels einer Online-Befragung von 480 Teilnehmern des Gewichtsreduktionsprogramms eBalance.ch ergeben, dass die Nutzer im Schnitt rund 5 Kilogramm verlieren. Hochgerechnet auf die 20 000 Mitglieder, bedeutet dies, dass dank eBalance.ch in der Schweiz rund 100 Tonnen Übergewicht abgespeckt wurden. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung lobt eBalance.ch in ihrem neuen Buch «Gesund abnehmen». Und bei einem Langzeit-Vergleichstest der Zeitschrift «Gesundheitstipp» von K-Tipp hatte die Testperson, die mit eBalance.ch gegen Weight-Watcher-, Reductil- oder Xenical-Kandidaten antrat, mit Abstand den grössten Erfolg: eine Gewichtsreduktion von 12 Kilogramm seit Januar dieses Jahres. (cde.) Und jetzt zur Preisfrage: Wo und wie wurde dieser Text platziert?
A) Im «Schweiz»-Bund als Hausmitteilung?
B) Im Editorial?
C) Im «Stil»-Bund?
Alles falsch. Der Text steht im «Wissen»-Bund zusammen mit zwei anderen Kurztexten unter dem Titel «Neues aus der Wissenschaft». Damit das Lesen nicht zu schwer fällt, hat die Redaktion ein inhaltliches Gewichtreduktionsprogramm durchgezogen. Denn «eBalance» ist bekanntlich ein «Projekt» der «NZZ Neue Medien».
Die «NZZ am Sonntag» berichtet über ein «NZZ»-Projekt und vergisst vor lauter Freude über dessen gutes Abschneiden den Disclaimer. Das soll in den besten Häusern vorkommen. Wir fragen uns trotzdem: Ist das jetzt noch eine abgespeckte Hausmitteilung oder schon gewichtsreduzierte PR?
Montag, 9. Juli 2007
In der «Solothurner Zeitung» vom 7. Juli schreibt Astrid Bucher Klartext: Am Grenchner Uhrencup gehts nicht nur um Fussball. Er lebt auch von den wichtigen Personen, die ihre Dienstleistungen sponsern. Im VIP-Zelt treffen sie diese [sic!] und andere, um sich verwöhnen zu lassen. Und in dieses VIP-Zelt gelangt nur, wer einen «Goldpass» besitzt, wie wir gleich zwei Mal lesen. Kein Wunder, denn die «wichtigen Personen» möchten unter sich bleiben: Gigi Oeri, Oliver Kreuzer und Co. lassen sich die exklusiven Häppchen zwischen und nach den Matches auf der Zunge zergehen. Sascha Ruefer düst von einer Ecke in die andere und interviewt dazwischen noch Sportchef Oliver Kreuzer vom Team Red Bull Salzburg. Das liest sich beeindruckend. Schade nur, dass die Fotos gegen diese A-Prominenz ein wenig abfallen. Denn in der grosszügigen Bildstrecke finden wir weder den herumdüsenden Sascha Ruefer noch die Häppchen auf der Zunge zergehen lassenden Gigi Oeri und Co. noch den ebenfalls erwähnten Urs Saladin (Vize-Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes, «lässt sich an der Bar verwöhnen»). Dafür sehen wir unter anderem: VIPs Marc Pfister und Martina Möller, Advokaturbüro Fivaz,George und Marolf
Grenchner Promis Barbara und Boris Banga (Stadtpräsident)
Unter Freunden Eddy Schneiter, Beat Schmid und Markus Graf, CEO Swiss Prime Site (Hauptsponsor). Am besten gefällt uns aber das Bild einer gutgelaunten Tischgesellschaft: Gerüstebauer Der Tisch 60 gehört den Freunden und Mitarbeitern von Roth Gerüste, die am Uhrencup für den Tribünenbau verantwortlich zeichnen. Was uns zeigt: Text und Bild dürfen ruhig mal ein wenig auseinanderklaffen. Denn beim Grenchner Uhrencup gehts nicht nur um die wichtigen Personen, die ihre Dienstleistungen sponsern. Sondern auch um Fussball.
Freitag, 6. Juli 2007
Am 10. Juni ist im Berner Freibad Weyermannshaus ein 14-jähriger Schüler ertrunken. Ein tragischer Unfall, bei dem laut dem vorgestern veröffentlichten Polizeibericht Drittverschulden ausgeschlossen werden kann.
In der «Berner Zeitung» lesen wir dazu gestern (Text online nicht erhältlich) den Titel:
«Das Opfer war ein Fussballtalent» Aha. Ist das im Zusammenhang mit dem Polizeibericht wichtig, fragen wir uns. Natürlich nicht! Aber was solls, denn der folgende Text von Jürg Spori setzt nicht auf Information, sondern auf pietätlosen Boulevard und Spekulationen:
«Wir sind alle sehr traurig», sagt Trainer Mario Aurigemma. Er sei ein sehr liebenswürdiger Junge gewesen. Und er lobt ihn: «Er war ein Supertalent, das die Balltechnik bereits hervorragend beherrschte.» Der Trainer ist überzeugt: «Mit noch etwas ‹Schleifen› hätte er bald den Sprung in die U-15-Mannschaft von YB geschafft.» Und: «Wir alle im Klub haben immer gesagt, der wird eines Tages so gut wie der französische Internationale Claude Makelele spielen.» Doch mit dem Unfall im «Weyerli» ging die Karriere des jungen Fussballspielers jäh zu Ende. «Es ist jammerschade, dass dieses junge Talent so grauenvoll ertrinken musste», sagt der Bümplizer Coiffeur Mario Minerva, der an der Keltenstrasse seinen «Immagine»-Salon betreibt. Müssen wir daraus schliessen, dass der Tod eines unsportlichen Teenagers weniger traurig gewesen wäre? Und: Weshalb verirrt sich der Spruch eines Bümplizer Coiffeurs in diesen Text?
Deshalb:
Nicht nur bei Coiffeur Minerva, sondern in den Läden und Beizen in ganz Bümpliz und Bethlehem rätseln die Menschen über den Tod von Makelele. Dazu gehören auch die verschiedensten Gerüchte über die Todesursache. Unklar ist das Drama auch für eine junge Mutter, die zur Zeit des Unglücks mit ihren Kindern in der Nähe war. Sie will gesehen haben, wie kurz bevor Makelele geborgen wurde ein Bademeister mit dem Velo gemütlich davongefahren ist.
Nach ihren Beobachtungen stellt sie sich Fragen über Fragen: Warum hat der Bademeister den Jungen nicht gesehen, wenn er auf dem erhöhten Aussichtsposten war? Warum hat der Bademeister noch die Überhose ausgezogen, bevor er ins Wasser gesprungen ist? Stand der Bademeister rauchend unter einem Baum, anstatt auf dem Aussichtsposten die Badenden im Auge zu behalten? Unklar ist auch für die Jungs aus dem Umfeld von Makelele, warum das Drama passieren konnte. Ivica, ein Freund von Makelele, will wissen, dass unter den Kumpels eine Wette abgeschlossen wurde, wer am längsten unter Wasser bleiben kann. Tatsächlich: Fragen über Fragen. Oder besser gesagt: Gerüchte über Gerüchte. Leider fehlen in Sporis Text Klarstellungen und Antworten: Was sagt der betroffene Bademeister, was die Badeanstalt zu den Anschuldigungen? Geht der Polizeibericht auf die Gerüchte ein? Gibt es noch andere Zeugen, die Merkwürdiges beobachtet haben?
Keine Ahnung. Aber wichtig ist ja erstens, dass der Junge ein Fussballtalent war. Und zweitens, dass man bei der «BZ» wann immer möglich versucht, aus Nichts eine dicke Boulevard-Story zu machen.
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