Freitag, 28. September 2007
«Ein paar mehr Bataillone», betitelt der «Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe ein Interview mit dem amerikanischen General Dan McNeill, Oberkommandeur der Isaf-Truppen in Afghanistan. Im Interview fordert McNeill...
... ein paar mehr Batallione zu schicken, ein paar mehr Helikopter und Ressourcen, um grössere Kampfgebiete abzudecken. Anglizismen in Ehren, aber jeder halbwegs englisch sprechende Mensch sollte wissen, dass «some more» etwas anders ins Deutsche gebracht wird. Nicht nur sprachlich ist das Interview eher ein Ärgernis denn eine Erleuchtung: So darf sich McNeill ausgiebig über die «abstrusen Verlautbarungen» der Taliban zu zivilen Opfern der Kämpfe äussern. Diese seien Extremisten durch und durch. Und:
Sie enthaupten jeden, der nicht ihrer Auffassung ist. Dass ein General zu solch kriegsrethorischen Übertreibungen greift, gehört zu seinem Beruf. Zu demjenigen der befragenden Journalistin würde es gehören, diese auch eher abstruse Verlautbarung zu hinterfragen.
Freitag, 21. September 2007
Wir mussten lange warten. Gestern, kurz nach 9 Uhr wurde die erste Ausgabe der Gratiszeitung .ch dann doch noch vor der Wohnung deponiert. Nach dem ersten Durchblättern sind wir positiv überrascht. «.ch» ist tatsächlich etwas anders als die bisherigen Gratisprodukte: ruhiger und stärker nachrichtenorientiert. Nach dem genaueren Lesen hingegen sind wir etwas ernüchtert. Eine Blattkritik unter drei Aspekten.
Das Erscheinungsbild: Die Gestaltung der Front- und Rückaufschlagsseite von «.ch» ist grosszügig – so grosszügig, dass nebst den Schlagzeilen kein Platz für Anrisse bleibt. Gut ist die Idee, die Rückaufschlagseite für die Sportschlagzeilen zu nutzen, so dass die Zeitung auch von hinten nach vorne gelesen werden kann. Die Seiten im Innern kommen eher ruhig gestaltet daher, aber auch etwas langweilig: Meist wird einem Thema eine Seite gewidmet, abzüglich einer etwas breiteren Randspalte mit Kurzmeldungen oder einer Kolumne. Die Seitenköpfe strotzen vor Strichen.
Das Themenangebot: «.ch» bietet einen Schweiz-, einen Lokal- und einen Wirtschaftsteil mit vielen Eigenleistungen. Die Auslandseiten hingegen sind mit Agenturmeldungen gefüllt. Nach der klassischen Ordnung folgt vor den Sportseiten ein Sammelsurium zusätzlicher Themen: Nach Lifestyle und Kultur People und «Special» – was das genau ist, versuchen wir noch herauszufinden –, folgt das Kinoprogramm und der Veranstaltungskalender, das Fernsehprogramm, die Wetterprognosen, die Rätselseite. Irgendwo dazwischen ist eine «Boulevard»-Seite hinein gequetscht, die offenbar vorab als Auffangbecken für überzählige Nachrichten aus den tagesaktuellen Ressorts dient.
Die Artikel: Die meisten Artikel sind zwar etwas kürzer als in einer durchschnittlichen Regionalzeitung, aber länger und weniger aufgeregt als in der Gratis-Konkurrenz. Das ist offenbar Konzept. Chefredaktor Rolf Leeb will laut seinem Editorial «die Ereignisse unaufgeregt und gelassen» [sic!] geschildert haben. Erstaunt sind wir über den Frontaufmacher «Business für Kids». Die Geschichte dazu ist weder besonders originell oder aktuell noch eine besonders grosse Eigenleistung. Und sie ist bloss mit einer Notlösung illustrierbar. Dafür ist sie schlecht redigiert. Zumindest ist sie damit nicht alleine: Wir stolpern bei der Lektüre mehrmals über sprachliche und typographische Unschönheiten.
Trotz aller Mängel: «.ch» bietet ein umfassendes Themenspektrum, eine etwas ausführlichere Berichterstattung als die anderen Gratiszeitungen, meist wohltuend unaufgeregten Journalismus und genügend Service. Mit dieser Mischung dürfte die neue Gratiszeitung in den etablierten Verlagen noch zu reden geben.
Donnerstag, 16. August 2007
«Drahtloses Internet strahlt stärker als Handys», titelte der «Tages-Anzeiger» am Montag. «Die deutsche Regierung rät ihren Bürgern, sicherheitshalber auf einen drahtlosen Internetzugang zu verzichten», steht im Lead. Und weiter: «Die Schweizer Behörden sehen keinen Grund für eine derartige Empfehlung.» Das ist, was von diesem Artikel in Erinnerung bleibt.
Der Blattkritiker hat mit Interesse weitergelesen. Rät die deutsche Regierung wirklich von Wireless Lan ab? Nur bedingt, wie er bereits im ersten Abschnitt erfährt:
Dass die Funksignale zwischen Computer und Antenne gefährlich sind, wird nach heutigem Wissensstand verneint - von der Weltgesundheitsorganisation, vom Bundesamt für Gesundheit und von der deutschen Regierung. In einer Stellungnahme rate die deutsche Regierung aber dazu, «die persönliche Strahlenexposition durch hochfrequente elektromagnetische Felder so gering wie möglich zu halten, das heisst herkömmliche Kabelverbindungen zu bevorzugen».
Die Schweizer Behörden sehen offenbar keinen Grund für eine solche Empfehlung. Im Kasten neben dem Text sowie im Internet steht: Das WLAN nur einschalten, wenn es gebraucht wird.
Den Laptop während der WLAN-Verbindung nicht am Körper halten.
Den Access Point möglichst einen Meter entfernt von lang besetzten Arbeits-, Aufenthalts- oder Ruheplätzen installieren. Das ist alles. Liebe «Tages-Anzeiger»-Macher, wenn man im Artikel relativiert, was man im Lead schreibt, könnte man auch gleich auf den irreführenden Titel verzichten. Ein Handy oder ein Drahtlostelefon strahlt nämlich – zumindest während des Telefonats – viel stärker als das WLAN-Gerät.
Montag, 30. Juli 2007
Zwei Titel zu Todesnachrichten aus der aktuellen «heute»-Ausgabe: Das grosse Sterben blieb aus steht auf Seite 3 über einem Artikel zum Bienensterben in der Schweiz. Der Rückgang der Bienenpopulation sei «weniger dramatisch» ausgefallen als befürchtet: «Die Totalverluste sind dieses Jahr nur leicht überdurchschnittlich.»
Stattgefunden hat das grosse Sterben in China. Unwetter und Überschwemmungen haben in den letzten Tagen mindestens 652 Menschen das Leben gekostet. In der Printausgabe lesen wir über der Meldung auf Seite 5: Überschwemmung in China: Viele Tote Viele. Tatsächlich.
Montag, 23. Juli 2007
Der reisserische Titel sei uns verziehen. Denn wenn das Sommerloch wieder einmal gähnende Langeweile und grossformatige Badmeisterbilder verbreitet, gibt es nicht viel zu blattkritisieren. Oder doch? In den heutigen Regionalsplits des «Tages-Anzeigers» finden wir die folgenden Kleinodien: Weiter flussaufwärts pumpt ein Mann sein gelbes Gummiboot auf. Bald wird er sich von der Sihl parallel zur Sihltalstrasse Richtung Zürich treiben lassen. Spätestens beim Kleinkraftwerk in der Sihlhüslikurve muss er aussteigen. Für die Fischtreppe ist das Boot zu breit.
(Linkes Seeufer) Denken Sie daran, wenn Sie sich das nächste Mal parallel zur Sihltalstrasse treiben lassen: Das unter ihrem Gummiboot ist die Sihl, nicht die Limmat. Und falls sie schon vor der Sihlhüslikurve aussteigen wollen, sind Sie möglicherweise alt genug für die folgende Enthüllung: Eigentlich muss man in Zürich mindestens 18 Jahre alt sein, um in einen Klub eingelassen zu werden. Allerdings gibt es ein Lokal, das samstags Besuchern ab bereits 16 Jahren offen steht: das X-tra. Es liegt beim Limmatplatz, ist sehr beliebt und riesengross. An Wochenenden tummeln sich dort oft um die 2000 jugendliche Klubbesucher, die von überall her kommen. Das X-tra ist kein edles Lokal, deshalb muss man sich auch nicht schick anziehen. (...) Auch Mihara und Rubina, beide 16, aus Volketswil sind auf dem Weg ins X-tra. (...) Alkohol müsse nicht unbedingt sein und Drogen seien total scheisse, finden sie. Trotzdem lassen auch sie rund 50 Franken im Klub liegen, das Geld haben ihnen die Eltern gegeben oder stammt vom Lohn fürs Babysitten. (...) In einen Klub zu gehen, mache einfach Spass.
(City) Vorbildliche Jugend: Alkohol nicht unbedingt nötig und Drogen total scheisse finden, aber trotzdem für Eintritt und Himbeersirup 50 Franken im Club liegen lassen. Vielleicht reicht das Geld von Eltern und/oder Babysitten am nächsten Tag nicht mehr für den Badi-Eintritt. Dann gibts aber immer noch «Ein Platz nicht an der Sonne» (Ein Titel nicht mit Sprachgefühl): Um es kurz zu machen: Mein Lieblingsort, soweit ich den nach erst zwei Wochen in Zürich festlegen darf, ist an der Limmat, genauer gesagt auf der rechten Seite des LimmatClubs. Die Ruhe dort hat mich festgehalten. Zwar muss man sich kurz sportlich über ein abgeschlossenes Gatter schwingen, um an diese Oase der absoluten Glückseligkeit zu gelangen, aber es braucht auch nicht viel mehr als die Limmat zum Baden der Füsse und vielleicht ein gutes Buch. Wer zusätzlich etwas essen möchte, dem kann ich nur das Lokal, was an den Club angrenzt, empfehlen.
(City) Wer sich nicht von der Ruhe dort festhalten lassen will, sollte evtl. auf die Oase der absoluten Glückseligkeit verzichten und statt dem City-Split irgendein Buch, was er in der Bibliothek findet, zur Hand nehmen. Oder für die Sommerferien 2008 einen Zustellunterbruch beantragen.
Montag, 16. Juli 2007
In der «Sonntagszeitung» von gestern finden wir ein gutes Beispiel für eine schlechte Reportage. «Hauptsache Kurven» handelt von zehn gutaussehenden jungen Frauen, die sich in die Löwengrube eines Formel-1-Rennens aufmachen. «Hauptsache Kurven» zeigt aber auch, wie man ein vielversprechendes Thema an die Wand fährt.
"Gegen die Wand" vollständig lesen
Montag, 9. Juli 2007
In der «Solothurner Zeitung» vom 7. Juli schreibt Astrid Bucher Klartext: Am Grenchner Uhrencup gehts nicht nur um Fussball. Er lebt auch von den wichtigen Personen, die ihre Dienstleistungen sponsern. Im VIP-Zelt treffen sie diese [sic!] und andere, um sich verwöhnen zu lassen. Und in dieses VIP-Zelt gelangt nur, wer einen «Goldpass» besitzt, wie wir gleich zwei Mal lesen. Kein Wunder, denn die «wichtigen Personen» möchten unter sich bleiben: Gigi Oeri, Oliver Kreuzer und Co. lassen sich die exklusiven Häppchen zwischen und nach den Matches auf der Zunge zergehen. Sascha Ruefer düst von einer Ecke in die andere und interviewt dazwischen noch Sportchef Oliver Kreuzer vom Team Red Bull Salzburg. Das liest sich beeindruckend. Schade nur, dass die Fotos gegen diese A-Prominenz ein wenig abfallen. Denn in der grosszügigen Bildstrecke finden wir weder den herumdüsenden Sascha Ruefer noch die Häppchen auf der Zunge zergehen lassenden Gigi Oeri und Co. noch den ebenfalls erwähnten Urs Saladin (Vize-Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes, «lässt sich an der Bar verwöhnen»). Dafür sehen wir unter anderem: VIPs Marc Pfister und Martina Möller, Advokaturbüro Fivaz,George und Marolf
Grenchner Promis Barbara und Boris Banga (Stadtpräsident)
Unter Freunden Eddy Schneiter, Beat Schmid und Markus Graf, CEO Swiss Prime Site (Hauptsponsor). Am besten gefällt uns aber das Bild einer gutgelaunten Tischgesellschaft: Gerüstebauer Der Tisch 60 gehört den Freunden und Mitarbeitern von Roth Gerüste, die am Uhrencup für den Tribünenbau verantwortlich zeichnen. Was uns zeigt: Text und Bild dürfen ruhig mal ein wenig auseinanderklaffen. Denn beim Grenchner Uhrencup gehts nicht nur um die wichtigen Personen, die ihre Dienstleistungen sponsern. Sondern auch um Fussball.
Freitag, 6. Juli 2007
Am 10. Juni ist im Berner Freibad Weyermannshaus ein 14-jähriger Schüler ertrunken. Ein tragischer Unfall, bei dem laut dem vorgestern veröffentlichten Polizeibericht Drittverschulden ausgeschlossen werden kann.
In der «Berner Zeitung» lesen wir dazu gestern (Text online nicht erhältlich) den Titel:
«Das Opfer war ein Fussballtalent» Aha. Ist das im Zusammenhang mit dem Polizeibericht wichtig, fragen wir uns. Natürlich nicht! Aber was solls, denn der folgende Text von Jürg Spori setzt nicht auf Information, sondern auf pietätlosen Boulevard und Spekulationen:
«Wir sind alle sehr traurig», sagt Trainer Mario Aurigemma. Er sei ein sehr liebenswürdiger Junge gewesen. Und er lobt ihn: «Er war ein Supertalent, das die Balltechnik bereits hervorragend beherrschte.» Der Trainer ist überzeugt: «Mit noch etwas ‹Schleifen› hätte er bald den Sprung in die U-15-Mannschaft von YB geschafft.» Und: «Wir alle im Klub haben immer gesagt, der wird eines Tages so gut wie der französische Internationale Claude Makelele spielen.» Doch mit dem Unfall im «Weyerli» ging die Karriere des jungen Fussballspielers jäh zu Ende. «Es ist jammerschade, dass dieses junge Talent so grauenvoll ertrinken musste», sagt der Bümplizer Coiffeur Mario Minerva, der an der Keltenstrasse seinen «Immagine»-Salon betreibt. Müssen wir daraus schliessen, dass der Tod eines unsportlichen Teenagers weniger traurig gewesen wäre? Und: Weshalb verirrt sich der Spruch eines Bümplizer Coiffeurs in diesen Text?
Deshalb:
Nicht nur bei Coiffeur Minerva, sondern in den Läden und Beizen in ganz Bümpliz und Bethlehem rätseln die Menschen über den Tod von Makelele. Dazu gehören auch die verschiedensten Gerüchte über die Todesursache. Unklar ist das Drama auch für eine junge Mutter, die zur Zeit des Unglücks mit ihren Kindern in der Nähe war. Sie will gesehen haben, wie kurz bevor Makelele geborgen wurde ein Bademeister mit dem Velo gemütlich davongefahren ist.
Nach ihren Beobachtungen stellt sie sich Fragen über Fragen: Warum hat der Bademeister den Jungen nicht gesehen, wenn er auf dem erhöhten Aussichtsposten war? Warum hat der Bademeister noch die Überhose ausgezogen, bevor er ins Wasser gesprungen ist? Stand der Bademeister rauchend unter einem Baum, anstatt auf dem Aussichtsposten die Badenden im Auge zu behalten? Unklar ist auch für die Jungs aus dem Umfeld von Makelele, warum das Drama passieren konnte. Ivica, ein Freund von Makelele, will wissen, dass unter den Kumpels eine Wette abgeschlossen wurde, wer am längsten unter Wasser bleiben kann. Tatsächlich: Fragen über Fragen. Oder besser gesagt: Gerüchte über Gerüchte. Leider fehlen in Sporis Text Klarstellungen und Antworten: Was sagt der betroffene Bademeister, was die Badeanstalt zu den Anschuldigungen? Geht der Polizeibericht auf die Gerüchte ein? Gibt es noch andere Zeugen, die Merkwürdiges beobachtet haben?
Keine Ahnung. Aber wichtig ist ja erstens, dass der Junge ein Fussballtalent war. Und zweitens, dass man bei der «BZ» wann immer möglich versucht, aus Nichts eine dicke Boulevard-Story zu machen.
Samstag, 30. Juni 2007
All die Jahre haben wir Grönemeyer gehört, lange war er das Mass aller Dinge, auch als wir dachten, Musik ist Musik, nur wenn sie laut ist.
Jetzt hat ihn Urs Mannhart besucht, für den «Bund», im Stade de Suisse. Wir erhoffen uns ein Stück vom Himmel. Denn wenn Mannhart schreibt, dann beginnt die Sprache zu tanzen, dann wollen wir es nur noch so, nur noch so.
Wir lesen «Auf dem Grund seiner Natur» und lachen, wenn es nicht zum weinen reicht. So schlimm? So schlimm! Wir werfen einen Blick zurück und fragen: Mannhart, was soll das?
Ist er nicht wohl, hier in dem Lokal? Fühlt sich der Literaturpreisträger als Fisch im Netz? Dort und hier ist sein Text einfach kompliziert. Und fragwürdig. Wieso? Weil Mannhart Mannhart näher steht als Grönemeyer – mein Konzert. Jetzt oder nie ein paar Beispiele:
Herbert. Es entzückt zu sehen, wie unmodisch elegant sich der Erfolgssänger kleidet, in welch radikal schludriger Konfektion er auftritt, um hinternschwenkend und hüftkreisend ein mit Anleihen bei geläufiger Strassenerotik nobilitiertes Stargehabe zu zelebrieren, das jeden anderen Menschen in Peinlichkeit ersaufen lassen würde. Mancher sagt schon hier, besser du gehst jetzt. Total egal.
Es stehen aber auch viele in völliger Ruhe, die dunklen Zeilen hinter uneinsehbar nachdenklicher Stirn, stehen bewegungs- und knochenlos wie an der Bushaltestelle, einer jener Stätten, wo immer wieder unbewusst das Stehen am Rand der Totengrube geübt wird. Das ist viel zu viel. Zieh deinen Weg, denken wir. Oder halt mich, wenn ich lese:
Überhaupt die Perspektive der Journalisten: Pult an Pult, tribünenartig über dem gemeinen Volk und auf Augenhöhe mit dem Geschehen sitzen sie in Souveränität, gestützt von der innenarchitektonischen Grundsituation der Gerichtsverhandlung. Rechtsgrundlage ist die eigene Meinung, beeinflusst von Tageshoroskop und grundsätzlichen Weltdafürhaltungen. Einige Journalisten halten sich am Kugelschreiber fest, andere arrangieren sich mit dem Grimm, mit dem sie zu kritisieren geneigt sind. Selbstmitleid. Verflucht, es tut weh. Doch wir sind unterwegs:
Anstelle des versenkten Tintenfasses finden sich eine Steckdose und zwei Buchsen: Ich habe Anschluss an ein Atomkraftwerk und an alle Telefone dieser Welt. Über der Schreibfläche schwebt eine Lampe, die auf der Rückseite mit «Lampe» angeschrieben ist, ein fieser Test für verunsicherte Journalisten. Alles in allem ist dieses Pult ein sorgfältig abgeschirmtes Rechteck; ich habe freie Sicht auf die Wirklichkeit, die strenge Form der Kabine hilft, während des Konzerts im rechtwinkligen Format der Zeitung zu denken. Ich wills nicht. Vergiss es, lass es. Aber es hat uns erwischt:
Es mag kein rechtwinkliger Gedanke sein, aber ich stelle mir auch vor, dass ich gerne einmal mit Herbert in einem Lift stecken bleiben möchte. Nicht einfach, weil er bestimmt eigenwillig artikulierte Lebensweisheiten zum Besten geben würde, sondern auch und vor allem, weil ich ihm zutraue, die Störung mit einem ungemein banalen Kniff von der Kabineninnenseite her zu beheben. Männer! Manchmal wie Kinder an der Macht. Fragt nicht, was das soll. Weiter geht’s, wir sind wieder soweit:
Egal, ob das Lied nach Assugrin oder nach Aspirin klingt, egal, ob er musikalisch Rezepte verteilt an Gemütsrheumatiker und Verstandespatienten, ob er seine Endsilben auf Paartherapeuten oder auf Therapiepaare reimt, er steht stets auf dem Grund seiner Natur, er ist sehr Herbert.
Der Stand der Dinge? Es ist genug, mehr geht leider nicht. Der Schädel brummt – Flugzeuge im Kopf.
Mittwoch, 27. Juni 2007
Wozu in die Ferne schweifen? Das Gute liegt «heute» so nah: Zürcher Szenis in der «Gallery of Idiots» ist unter «Kunst» abgelegt. Hunde werden menschlicher Texter werden fahrlässiger. Alinghi vom Wind verblasen Produzent vom Dialekt mitgeschleikt. Wieso wird Haut beim Sonnen braun? Wieso weiss das niemand? Mofafahrer von Keule attackiert Wer hat sie frei herumlaufen lassen?
Donnerstag, 21. Juni 2007
Vincent Bugliosi, Alt-US-Staatsanwalt, hat ein 1600 Seiten starkes Buch zum Mord an John F. Kennedy veröffentlicht, in dem er laut eigenen Angaben sämtliche Unklarheiten ausräumt. Interessant und wichtig, dass das «Magazin» Bugliosis Werk bespricht. Bloss: Was eine spannende Auseinandersetzung mit dem Autor und der Qualität seiner Recherche sein könnte, bietet nichts dergleichen. Peter Haffners «Magazin»- Text ist eine dumme, mit Plattitüden gespickte Abrechnung mit dem Unmenschen unserer Zeit, dem gemeinen Verschwörungstheoretiker.
"Haffners Abrechnung" vollständig lesen
Donnerstag, 21. Juni 2007
Unter dem Titel «Raiffeisen schweisst zusammen» berichtete die «Berner Rundschau» gestern über die Wiedereröffnung einer Bankfiliale in Wiedisbach (Artikel online nicht zugänglich). Der Lead dieser Jubelarie ist Gold wert: Mit dem grosszügigen Kundenbereich, modernsten Selbstbedienungsgeräten und einer zeitgemässen Innenarchitektur demonstriert die umgebaute Raiffeisenbank gleichzeitig Offenheit und Nähe. Und die «Berner Rundschau» demonstrierte gleichzeitig ihre Werbe- und IT-Kompetenz. Copy-Paste aus der Medienmitteilung kann auch nicht jeder!
(Danke für den Hinweis an Sandra)
Mittwoch, 20. Juni 2007
Heute erfreut uns nicht die «NZZ» mit ihren Headlines, sondern der «Tages-Anzeiger»-Split für das linke Seeufer. Wir beginnen unsere Tour mit der Gemeindepolitik: Der Gemeinderat von Schönenberg prüft Massnahmen gegen jugendliche Abfallsünder Das besitzt wahre «NZZ»-Qualität: Auch wer nur die Überschriften liest, ist vollständig informiert. Doch es geht auch poetischer: Alt und matt und mit Fehlern sind die Scheiben, die Fritz Maurer sammelt Ungewohnt und frisch und mit Grammatik ist diese Headline über Fritz Maurer, den Sammler mundgeblasener Scheiben, synästhetisch dagegen die Kulturkritik aus Richterswil: Theater in der alten Seidenzwirnerei, wo es nach Maschinen riecht Und Freude in der Abschlussredaktion, wo es nach Computern riecht und Titel wie dieser entstehen: Immer mehr junge Erwachsene werden vom Sozialen Netz Horgen aufgefangen Immer mehr Schlagzeilen erreichen Überlänge. Trotzdem gilt das Wort eines hoffnungsvollen Jungunternehmers aus dem Bezirk Horgen, der bei «Start up» mitgemacht und es mit seinem Credo in die Schlagzeile geschafft hat: «Man darf niemals aufgeben, niemals!»
Samstag, 16. Juni 2007
Ein walisischer Handy-Verkäufer rührte mit seinem TV-Auftritt in der Casting-Show «Britain's Got Talent» die ganze Welt zu Tränen. 20minuten.ch hat herausgefunden, was die Moderatoren der Sendung und der Sänger verschweigen: Paul ist ein ausgebildeter Opern-Profi. So beginnt der Artikel von Gabriel Brönnimann in «20 Minuten». Eine knackige Geschichte: Der vermeintliche Handy-Verkäufer, der ganze Arenen zu Tränen rührt, ist ausgebildeter Opernsänger. Was Paul tat, bevor er Handyverkäufer wurde - darüber verlieren die Moderatoren der Sendung sowie der neue Star kein Wort. 20minuten.ch hat recherchiert - und Erstaunliches herausgefunden: Paul Potts ist nicht «ein Stück Kohle, dass sich in einen Diamanten verwandelt», wie das die Jurorin Amanda Holden nach seinem Auftritt sagte (...) Paul Potts ist ausgebildeter Opern-Profi. (...) Auch kann er auf eine erfolgreiche Karriere als Sänger zurückblicken. Und die Recherche von «20 Minuten»? Als Quellen werden Paul Potts Myspace-Seite sowie die Websites der Bath Opera und von «Britain's Got Talent» genannt. «Blattkritik» hat nachrecherchiert - und Erstaunliches herausgefunden: Paul Potts Opernkarriere ist im Netz gut dokumentiert. Die englische Wikipedia würdigt ihn mit einem ausführlichen Eintrag, der auch auf seine Vergangenheit als Opernsänger eingeht. Zur musikalischen Biographie heisst es trocken: Recently there has been some controversy as to the 'undiscovered talent' of Mr. Potts as he has sung with the Royal Philharmonic and had planned to tour with them. So viel zum Primeur.
Aber eines möchten wir doch festhalten: Der oft gehörte Vorwurf, dass Online-Journalisten immer aus der Wikipedia abschreiben, ist in diesem Fall offensichtlich haltlos.
(Dank für den Hinweis an Patrick)
Montag, 4. Juni 2007
√úber Sinn und Unsinn von Kürzeln zur Artikelzeichnung kann man geteilter Meinung sein. Gelegentlich treibt der Blätterwald aber Kürzelblüten, die nur noch grotesk anmuten ‚Äì so im Winterthurer Stadtblatt. Die kleine Wochenzeitschrift kann mit einer prominenten Kolumnistenschar aufwarten, doch seit neuestem werden die Artikel zwar mit dem Foto des Autors, nicht aber mit dessen Namen publiziert. kl, rir und jz wundern sich, der Leser blättert irritiert weiter.
Zudem werden Artikel anonym publiziert... Anonym? Nein, wer den (lesenswerten) Erlebnisbericht eines WK-Soldaten fertiggelesen hat, kommt nach einigem Rätseln dahinter, dass sich im Glossar von Militärkürzeln ein bsh versteckt hat, bei dem es sich nicht um einen Armeebegriff handelt.
Der Sinn der Namensverstümmelungen? Das Stadtblatt wird dadurch nach eigenem Bekunden noch ruhiger und lesefreundlicher. Doch wer empfindet es als ruhiges Leseerlebnis, wenn stets zwischen Artikeln und Impressum geblättert werden muss? Wohl die wenigsten. Deshalb droht dem Stadtblatt am ehesten die Ruhe des Altpapierstapels.
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