Die «NZZ am Sonntag» bringt in ihrer gestrigen Ausgabe ein Interview mit
James D. Watson, Mitentdecker der Doppelhelix und Nobelpreisträger (online nicht frei zugänglich). Watson wird bald sein drittes Buch publizieren, und er hat sieben Thesen für den wissenschaftlichen Erfolg veröffentlicht, die von der NZZ brav in einem Kästchen abgedruckt werden.
Ein Nobelpreisträger gehört nun wahrlich zur oberen Liga der Interviewkandidaten: Die Chance, dass er ein spannender Mensch ist oder wenigstens etwas Spannendes erzählen kann, ist wesentlich höher als bei einem Fussball- oder Filmstar. Entsprechend motiviert hat sich der Blattkritiker ans Lesen gemacht. Wie aber führt Andr√© Behr sein Interview? Indem er Watson vor allem zu seinen Thesen befragt. Nicht der Reihe nach, sondern ganz vertrackt, in zufälliger Reihenfolge. Das tönt dann ungefähr so:
In Regel 5 empfehlen Sie, niemals der Hellste im Raum zu sein. (...)
Ihre Regel 2 lautet: Arbeite mit Besessenheit auf dein Ziel hin. Hatten Sie auch diesen Hang schon als Knabe, wie das schnelle Gehen? (...)
Warum soll man sich laut Regel 4 als junger Forscher auf Fragen beschränken, die innert weniger Jahre Aussicht auf eine Lösung haben? (...)
Ihre 7. Regel für wissenschaftlichen Erfolg lautet, man solle sich stets jemanden bereithalten, der einem hilft, wenn ein anderer das Rennen macht. Hatten Sie dabei an Ihre Frau gedacht? (...)
Natürlich äussert Watson dann seine Meinung zu diesen provokanten Fragen. Er erzählt uns auch, dass er unbedingt einmal gegen Roger Federer spielen möchte und dass ihn die Biologie nach wie vor fasziniert. Aha.
Der Blattkritiker behauptet nicht, dass ein gutes Interview etwas Einfaches ist. Er könnte auch nicht aus dem Stand die fünf wichtigsten Fragen aufzählen, die man Watson stellen müsste. Es gibt allerdings Themen, die auch in Kreisen ohne Bio-Masterabschluss diskutiert werden. Zum Beispiel die zunehmende Verschmelzung der Biologie mit der Chemie oder die immer problematischere Stellung der Wissenschaft (vgl. z. B. den
Steigflug des Kreationismus in Kenia oder die
Einschränkung einfachster Chemie-Versuche in US-Schullabors wegen angeblicher Terrorgefahr). Oder die Chancen und Risiken des 2003 abgeschlossenen
Human Genome Project. Oder den ganz banalen Alltagsbezug
suspekter Reiskartons.
Nichts davon. Ausgerechnet im «Wissen»-Bund der Sonntagstante, der sonst mit guten Artikeln glänzt, driftet das Gespräch ins Persönliche, Beliebige, Marginale. Eine enttäuschende Leistung. Wir wünschen uns und auch Dr. Watson, dass er das nächste Mal etwas gründlicher und ergiebiger befragt wird. Am Besten von einem Nachfahren Sherlock Holmes'.
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