Mittwoch, 29. August 2007
Wie «persönlich» meldet, will der Verband Schweizer Presse (VSP) eine «Konkurrenz» zu Google News aufbauen. Eine Konkurrenz? Zuerst hat der Blattkritiker herzlich gelacht. Dann hat er gelesen: «Wir sind der Meinung, dass Google mit seinem Newsdienst das Urheberrecht verletzt und unlauteren Wettbewerb betreibt», erklärt VSP-Präsidiumsmitglied Norbert Neininger auf Anfrage von «persoenlich.com». Der Verband befürchtet, dass vielen Lesern die Textanrisse auf news.google.ch genügen, und sie darauf verzichten, den Artikel in voller Länge auf den Newsportalen der Medienhäuser zu lesen. Unlauterer Wettbewerb? Im Gegensatz zu den Zeitungs-Websites erscheinen auf Google News keine Adwords oder Banner. Urheberrechtsverletzungen? Google News indexiert nur die ersten 200 Zeichen. Die Textanrisse könnten den Lesern genügen? Die selbe Gefahr besteht auf jeder Zeitungs-Website. Die angeführten Gründe können nicht überzeugen. Zudem existiert Google News seit einigen Jahren, und der Dienst ist kaum für das Abo-Sterben der Schweizer Zeitungen verantwortlich. Worum also geht es dem VSP wirklich? Es geht ihm ziemlich sicher ums Geld: Branchenkenner gehen davon aus, dass die Zeitungsverleger für die Verwendung ihrer Inhalte von Google finanziell entschädigt werden wollen.(...) Konfrontation würde für die Verleger bedeuten, Klage gegen den Suchmaschinenbetreiber einzureichen. (...) In Belgien hatte der Verband Copiepress geklagt, nachdem Google seinen Newsdienst in einer belgischen Version lanciert hatte. Vergangenen Februar dann verbot ein Gericht Google, auf Zeitungsartikel zu verweisen. Der Rechtsstreit in Belgien wurde im Juni beigelegt, nachdem Google auf einige Forderungen der Verleger eingegangen war. Der VSP hat nicht begriffen, wie das Internet funktioniert. Google News mag den einen oder anderen Leser verleiten, einen Artikel nicht zu lesen, weil ihn schon der Teaser langweilt. Google News bringt aber auch Links, User, die auf diese Links klicken und damit Traffic. Natürlich gilt dies nicht für alle Zeitungen. Redaktionen, die den SDA-Ticker kommentarlos kopieren, finden sich unter «und 23 ähnliche Artikel». Redaktionen, die in ihre Texte investieren, die zusätzlichen Content anbieten und sich damit erkennbar vom Rudel unterscheiden, werden von Google höher gewichtet. Sie erhalten mehr Klicks und damit mehr Traffic auf ihrer Website - was sie wiederum für die Werbekunden interessanter macht.
Trotzdem will der VSP laut «persönlich» sein Konkurrenzprojekt forcieren. Auch für den Fall, dass Google den mit Links beschenkten Zeitungen eine Entschädigung anbietet. Handelt es sich bei diesem VSP-Projekt wenigstens um eine zeitgemässe Web-Anwendung? Nein. Dem Vernehmen nach ist es eine «gemeinsame Übersichtsseite, welche die Schlagzeilen der beteiligten Zeitungstitel umfasst».
Wow. Wie wäre es mit wirklicher Innovation?
Freitag, 10. August 2007
Die Website des «Tages-Anzeigers» wurde überarbeitet. Aber erscheint sie tatsächlich «in neuem Kleid», wie es in einer Mitteilung heisst? Nein, findet der Blattkritiker. Viele der altmodischen Rüschchen sind ab, ein paar modische Bänder sind dazugekommen. Doch das Kleid wurde bloss umgeändert, und das Korsett der alten Site-Struktur drückt immer noch schwer auf die Lunge. Eine subjektive Übersicht:
"Die Rüschchen sind weg, das Korsett bleibt" vollständig lesen
Sonntag, 29. Juli 2007
Wer ist der Sisyphos der Schweizer Medienblogger? Wir haben zwei Kandidaten gefunden:
Der namenlose Blogger bei «20min Schreibfehler» wälzte die grösste Zeitung der Schweiz Tag für Tag den Hang der Orthographie hoch und entdeckte in 20 Tagen mehr als 100 Schreibfehler. Zufälligerweise gab «20 Minuten» kurz nach dieser Aktion bekannt, ab dem 1. August ein Korrektorat einführen zu wollen. Denn «wo gehobelt wird, fallen Spähne». Genau.
Der «heute»-Rezensent namens «gestern» wuchtet bei «gestern im heute» die urbanste Schweizer Abendzeitung den steilen Berg des journalistischen Qualitätsanspruchs hinauf. Er würdigt unter anderem Schuhe in Testbildfarben, die Leserbriefseite und das öffentlich beweinte Verschwinden unkorrigierter Texte.
Nachdem im letzten Jahr einige Watchblogs ebenso rasch verschwunden sind, wie sie zuvor aufgetaucht waren, wünschen wir den beiden Projekten gutes Gedeihen. Arbeit werden sie zur Genüge haben.
Montag, 14. Mai 2007
Das «Magazin» hat unseren Neujahrswunsch erhört und sich eine neue Website gegönnt. Eine Kurzrezension:
Wir mögen:
- das textlastige, werbefreie Screendesign, das Lesern und Suchmaschinen gleichermassen entgegenkommt
- den Vollzugriff auf alle Texte ( deshalb)
- das Archiv
- die Möglichkeit, Artikel zu kommentieren
- die «Meist Gelesen»-Liste
- die zahlreichen Verknüpfungen zwischen Artikeln, Rubriken und Autoren
Wir wünschen uns zusätzlich:
- Eine Navigation Mit Richtiger Gross Kleinschreibung
- Die Möglichkeit, Artikel zusätzlich als PDF im Original-Layout herunterzuladen (Beispiel hier)
- einen RSS-Feed mit den Themen der neusten Ausgabe
- ein Webformular statt des rührenden «Schreiben Sie uns eine E-Mail»
Ein Wort zur Technik: Die Website auf einem Wiki aufzubauen, ist ein cleverer Schachzug: Die Software ist lizenzfrei, beliebig zu erweitern und verkraftet viele Tausend User gleichzeitig. Zudem sind die Autoren nicht mehr an ein (Heim-)Büro gebunden, sondern können praktisch überall an ihren Texten arbeiten. Das - und nicht unbedingt die Möglichkeit, Leser mitschreiben zu lassen - dürfte ein weiteres Argument pro Wiki gewesen sein.
Wir sind gespannt, wie sich die neue Plattform entwickelt. Und hoffen, dass weitere Redaktionen den Schritt in die Web-Gegenwart wagen.
Mittwoch, 9. Mai 2007
Im «Klartext»-Interview wird «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann des langen und breiten zu den Printtiteln befragt. Das Web kommt nur ein einziges Mal zur Sprache, nachgehakt wird nicht: Klartext: Auf die Zürcher Wahlen hin hat «NZZ Online» eine ganze Reihe von Blogs mit allen Parteien gestartet, die stark genutzt werden. Was geschieht nach den Wahlen? Soll «NZZ Online» zum Politblog-Zentrum der Schweiz werden?
SPILLMANN: Ich habe Freude an «nzzvotum» (...). Wir möchten gerne in diese Richtung weitergehen. Mein Anspruch dabei ist: Wir wollen die Besten sein. Denn das Unternehmen hat den Ruf zu verteidigen, in einem bestimmten Qualitätssegment die besten Produkte herzustellen. Es geht um unsere Publizistik, um Inhalt. (...) In diese Richtung weitergehen? Diesen Vorsatz finden wir bedenklich. Denn in welche Richtung ist die NZZ mit ihren Blogs bisher gegangen? In eine eher unpassende: Sie lässt andere schreiben. Auf «NZZ Campus» bloggen Studentinnen, Studenten und ein Headhunter. Auf «NZZ Votum» bloggten Vertreter der Zürcher Parteien. Und auf dem «eBalance-Blog», das auf einer eigenen Domain läuft, aber trotzdem das «NZZ Online»-Logo führt, bloggt Heinrich von Grünigen über das Abnehmen.
Produkte ... Publizistik ... Inhalte ...
Vermissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, in dieser Aufzählung etwas? Wir auch: Wo zum Web 2.0 bleiben die Blogs der «NZZ»-Redaktion? Wo schreiben all die Musikkenner, Theaterliebhaberinnen und Gastrokritiker? Wo schreiben die Technikredaktoren, Bildungsspezialisten und Kulturhistorikerinnen? Sie bleiben aufs Papier beschränkt - auch wenn sich die Blogs mit verhältnismässig geringem Aufwand füllen liessen. Wenige Medienhäuser pflegen die kurze Form so bewusst wie die «NZZ». Wenige Medienhäuser können auf einen so grossen Fundus von Copy-Paste-tauglichen Kurztexten zurückgreifen. Und noch weniger Medienhäuser wären derart prädestiniert, um die Schiene der Zweitverwertung zu befahren.
Natürlich ist eine solche Copy-Paste-Stragie nicht das Gelbe vom Ei, sondern nur eine Vorstufe zum dezidierten Schreiben für das Web. Sie wäre aber ein wesentlicher Fortschritt gegenüber der jetzigen Haltung, die nur disparate Artikel aufs Webportal durchsickern lässt und das Bloggen outsourct. Denn so lange auf einer Website bloss ein «NZZ»-Logo prangt, die Autorinnen und Autoren aber nicht der «NZZ»-Redaktion angehören, drückt man sich an der Falkenstrasse um die Kernkompetenz. Und die heisst Schreiben, auch im Web.
Samstag, 16. Dezember 2006
Morgen ist erst der dritte Advent. Doch die Schweizer Verleger verteilen bereits jetzt Weihnachtsgeschenke. Ihre mässig erfolgreichen e-Paper sind wieder einmal frei zugänglich. Viel Vergnügen bei der Lektüre von «Tages-Anzeiger», «Facts» und «Sonntagszeitung». Falls die Schweizer Blogger zwischen Mailänderlibacken und Einkaufsrummel noch ein paar Minuten Zeit finden, «hackt» vielleicht noch jemand rasch die «NZZ»?
«√ñffnet die Archive!» sagen wir bloss.
Donnerstag, 14. Dezember 2006
Das Pendlerblog, als Rookie of the year bei den Swiss Blog Awards und Mitgründer von swissblogpress nicht eben eine Nischenpublikation, stellt den Betrieb ein. Nach knapp zwei Jahren "20-Minuten" haben Hund Basil und der unmündige Leser ihr Projekt abrupt beendet. Wir bedauern diesen Entscheid. Doch als berufstätige und teilzeitbloggende Nachbarn im Geiste können wir ihn gut verstehen. Medienjournalismus ist nicht nur spannend, sondern auch anstrengend, vor allem bei der Konzentration auf einen einzigen Titel. Denn nach der x-ten Wiederholung wird die Kritik nicht nur für die Blogleser, sondern auch für die Autoren zur Routine. In dieser Situation haben die Pendlerblogger mehrfach Neues versucht (eine heute-Woche, eine Feel-Good-Woche, eine Inseratekampagne). Und schliesslich haben sie sich fürs Aufhören entschieden. Was uns bleibt, ist eine Würdigung ihrer Arbeit.
Das Pendlerblog hat Pionierarbeit geleistet. Dank ihm weiss eine grosse Zahl der Schweizer Internetnutzer seit 2005, dass ein Watchblog keine dunkle Sonnenbrille, sondern ein Begleitmedium ist. Nach der anfänglichen Begeisterung traten bald auch meckernde Kommentatoren auf den Plan. Für ihre Kritik an Publireportagen, Bildunterschriften, Statistiken und dergleichen steckten der Hund und der Leser oft Haue ein. Zu Unrecht, finden wir. Denn die Pendlerblogger haben erreicht, dass auch die Konsumenten der Gratispresse ein klein wenig kritischer geworden sind: Nicht alles, was in der Zeitung steht, muss wichtig sein, nicht alles, was die Zeitung schreibt, muss die ganze Wahrheit sein. Und die immer noch gerne zitierte Unabhängigkeit der Presse leidet ganz schön unter dem Druck der Anzeigenkunden. Ein Gemeinplatz? Vielleicht. Doch was für Publizisten und Journalisten zu den Binsenweisheiten gehört, hat dank dem Pendlerblog auch eine breitere √ñffentlichkeit gefunden.
Eignete sich das Rezensionsobjekt überhaupt für die Kritik? Wir meinen: Ja. Ungeachtet des ewigen Kokettierens mit dem "Blick" war der Entscheid für "20 Minuten" richtig. Denn die grösste Zeitung der Schweiz hat die heterogenste Leserschaft, die man sich denken kann. Das institutionalisierte Phänomen "20 Minuten" funktioniert quer durch alle Bildungs-, Einkommens- und Interessensschichten. Und so verdient es auch mehr Aufmerksamkeit, mehr kritische Begleitung und mehr externes Qualitätsmanagement als jeder andere Schweizer Titel.
Update (16.12.06, 12.15): Rainer Stadler überschreibt seinen gestrigen «NZZ»-Artikel zum Ende des Pendlerblogs zufälligerweise ebenfalls mit «Ausgependelt» und meint: «Im Internet gibt es zweifellos originelle Akteure, aber als Einzeltäter fehlt ihnen der lange Atem.» Deshalb bloggen wir hier als Kollektivtäter.
Montag, 27. November 2006
Die Schweizer Qualitätszeitungen haben jetzt endlich wieder weniger Leser. Fast alle Lecks, die freien Zugriff auf verschiedene e-Paper ermöglichten, sind inzwischen abgedichtet (wir berichteten ausführlich). Bei Tamedia und NZZ AG, bei Ringier und Weltwoche können sich die Manager zurücklehnen und die Gewissheit geniessen, jeden Tag Hunderte, vielleicht auch Tausende potenzieller Leser zu verlieren. Niemand - fast niemand - wird unbefugterweise auf die kostbaren Artikel zugreifen, die zu unverschämten Stückpreisen verkauft werden. Und niemand - fast niemand - wird spannende, überraschende oder schlicht gute Artikel einer ellenlangen Empfängerliste zukommen lassen.
Ruhe und Ordnung sind wieder hergestellt. Und so können sich die Schweizer Verleger behaglich in ihren Stühlen räkeln und ihrer Maxime gedenken, die da lautet:
Wer nicht bezahlt, soll auch nicht lesen!
Wer bezahlt, erhält Zugriff auf die langsame, ruckelnde, nur mit 21-Zoll-Bildschirmen zu bedienende e-Paper-Anwendung. Wer nicht bezahlt, muss sich mit wenigen, willkürlich ausgewählten Artikeln begnügen. Die Filetstücke, die Hunderte oder Tausende zusätzlicher Surfer anziehen könnten, werden nur selten freigeschaltet - die Hoffnung, dass sich ihretwegen neue Abonnenten finden, ist aber meist vergeblich.
"Öffnet die Archive! Ein Pamphlet." vollständig lesen
Mittwoch, 22. November 2006
Im August berichtete der Blattkritiker letztmals über die Neuzugänge unter den Medienblogs. Werfen wir vor der grossen Advents-Hetze nochmals einen Blick in die Bloglandschaft und schreiben wir, was ist: Tim der Grosse hat einen neuen Weltwoche-Watchblog lanciert. Wir wünschen dem neuen Nachbarn viele Besucher und einen langen Atem.
Nachdem die ersten zwei «heute»-Watchblogs innert Monatsfrist eingingen, kümmert sich nun ein Satiremagazin um die Schnitzer aus der Dufourstrasse. Frank Schrillmachers jüngstes Kind startete mit viel Aufmerksamkeit und einer Kommentarschlacht. Seither ist es auf dem Blog wieder ruhiger geworden. «Und wer watched Cash daily?» fragte Nachbar Hitz Anfang Monat. Vorerst wohl niemand, meint der Blattkritiker. Denn viel mehr als eine Pendlerblog-Projektwoche gibt «Cash daily» wohl auch nicht her.
Sonntag, 19. November 2006
Der «Tages-Anzeiger» hat seine Probleme mit dem e-Paper (wir berichteten) vorerst behoben. Doch nun droht dem Webmaster an der Werdstrasse neues Ungemach. Im benbit-Weblog finden wir eine Machbarkeitsstudie zum sogenannten Cross-Site-Scripting. Damit ist es möglich, eigene Inhalte auf fremde Websites einzuspeisen. benbit zeigt dies anhand eines Jux-Artikels, den er auf tagesanzeiger.ch und blick.ch injiziert hat. Und meint dazu: Was man damit alles anstellen kann muss ich euch ja nicht sagen.
Wenn Ihr auf 10 renomierten Online-Zeitungen liest, Google wäre Konkurs, irgendwann würdet Ihr das Glauben. Mit diesen Löchern könne man an der Börse spekulieren. Es ist davon auszugehen, dass die Google Aktie zusammenbrechen würde. Ganz so weit würde der Blattkritiker nicht gehen. Er fragt sich aber ernsthaft und nicht zum ersten Mal, welche Sicherheitsdoktrin die Schweizer Medienhäuser bei ihren Web-Applikationen verfolgen. Denn das Problem ist eng mit den vorherigen e-Paper-«Hacks» verwandt: Auch ein Cross-Site-Scripting ist nur möglich, wenn vermeintliche Benutzereingaben ohne √úberprüfung akzeptiert werden. Und das Nachprüfen von Angaben gehört - zumindest im publizistischen Kerngeschäft - zu den Grundregeln.
Dienstag, 7. November 2006
Gerne würde der Blattkritiker hier über die neuen Regionalsplits des «Tages-Anzeigers» berichten. Und das wäre theoretisch auch kein Problem. Immerhin sagte Peter Hartmeier letzte Woche im «Tagi-Talk»: Die Abonnenten des Tages-Anzeigers können online auf e-Paper alle Regionalausgaben lesen. Aus logistischen Gründen können innerhalb der einzelnen Gebiete ausschliesslich die zu diesen Gebieten gehörenden Regionalausgaben auf Papier verteilt werden. Schön wärs. Die e-Paper-Anwendung des «Tages-Anzeigers» springt auch bei manueller Datumswahl hartnäckig auf den 4. November zurück. Bis zur Rezension des berühmten sechsten Bundes bitten wir unsere Leserschaft deshalb um etwas Geduld. Und singen so lange das Loblied der Zellstoff-Zeitung: Wer auf sie zugreift, kann sie auch lesen.
Montag, 30. Oktober 2006
In der Informatik gibt es zwei wichtige Regeln. Erstens die Finger-Weg-Regel: «Verändere nie ein funktionierendes System.» Zweitens die Cablecom-Regel: «Wer erst mal ein Problem hat, wird es lange haben.»
Die Schweizer Verleger lernen in diesen Tagen und Wochen die Cablecom-Regel in aller Gründlichkeit kennen. Denn nach der ersten und zweiten Runde «Hacken» geht es heiter weiter. Möchten Sie, liebe Leser, wieder gratis den «Tages-Anzeiger» lesen? Im Weblog von benbit finden Sie die Anleitung. Oder wollen Sie, liebe Leserinnen, die gestrige «Sonntagszeitung» als als handliches PDF? Ein Kommentator hinterliess den Tipp auf unserem Blog.
Im letzten Bericht zum Thema e-Paper schrieb der Blattkritiker, die Verleger sollten ihre Texte nicht mit einer Wand aus Emmentaler schützen. Das war vielleicht zu undeutlich. Deshalb zitieren wir heute den Stillen Hasen: Nid eso, nei nei, nid eso hani gseit
Nei, nid eso, losit, nid eso, nei nei, nid eso hani gseit
Stelle
U nid lege
(...)
Dir müesst lose was i säge
Wenn is scho säge Und vorhär git's kes Znüni.
Update (2.11.06, 20:30): Nicht nur die Redaktion, auch die IT-Abteilung des «Tages-Anzeigers» liest unseren Blog. Wer den obigen Link anklickt, wird neuerdings belehrt: «Ihre URL ist ungültig. Bitte loggen Sie sich neu ein.»
Gut gemacht. Und itz ga Znüni näh!
Dienstag, 24. Oktober 2006
Fassen wir zusammen: Die elektronischen Ausgaben von «NZZ» (Wochen- wie Sonntagsausgabe), «Tages-Anzeiger», «Facts», «Sonntagszeitung» und «Weltwoche» sind frei zugänglich ( √úbersicht). Und wird eine Lücke geschlossen, findet die Konföderation der Schweizer Blogger meist gleich eine neue. Bevor sich der Blattkritiker mit den möglichen Auswirkungen dieser neuen Offenheit beschäftigt, will er auf einen Punkt hinweisen, der in der bisherigen Debatte zu kurz kam. Es geht um die mangelhafte Sicherheit der e-Paper-Applikationen. Denn von «Knacken» oder gar «Hacken» im strengen Sinn kann keine Rede sein. Eher schon wäre das Wort «URL-Manipulation» angezeigt: In allen bisher bekannt gewordenen Fällen genügte das Abändern der Adresszeile ( URL) im Browser. Zum Beispiel, indem das Datum der Demo-Ausgabe mit dem aktuellen Datum ersetzt wurde («Tages-Anzeiger», «Facts»). Oder indem der vermeintliche Zugriffsschutz durch das Aufrufen der Druck- bzw. PDA-Version umgangen wurde (Weltwoche). Die bisher bekannt gewordenen Lücken lassen sich wie folgt zusammenfassen:
1. Die leckenden e-Paper werden über Parameter in der Adresszeile gesteuert. Ohne gewissenhafte Absicherung ist dieses Vorgehen fahrlässig.
2. An Stelle einer soliden Benutzer-Identifikation über die ganze Anwendung ist bzw. war lediglich eine Zutrittskontrolle vorhanden. Wer sich korrekt einloggte oder mit der richtigen URL einstieg, galt als berechtigt.
3. Im Fall des «Tages-Anzeiger» wurde die Verzeichnisstruktur des Webservers ohne Not offen angezeigt ( Directory indexing). Dadurch war es problemlos möglich, sich von Ausgabe zu Ausgabe durchzuhangeln und nebenbei auch die Struktur der Anwendung zu erfahren.
Dass diese Löcher irgendwann entdeckt werden, war anzunehmen. Viel mehr erstaunt uns, dass die teuer eingekauften Applikationen elementare Programmier-Regeln ausser Acht lassen. Denn wenn die Schweizer Verleger auf der Kostenpflicht ihrer Inhalte bestehen und für e-Paper-Abos zum Teil fürstliche Entschädigungen verlangen, sollten sie die so wertvollen Texte nicht mit einer Wand aus Emmentaler schützen.
Freitag, 20. Oktober 2006
Der lateinische Schmerzensruf («Auch du, meine Tante!») ist angebracht. Denn nun hat der neue Volkssport des e-Paper-Knackens auch die alte Tante erreicht: Die Online-Ausgabe der «NZZ» ist mit sorgfältiger Quelltext-Analyse frei zugänglich, wie «Peter's Insider Blog» berichtet. Im Gegensatz zu anderen Blogs ist beim «Proof of concept» noch etwas händische Arbeit gefordert. Doch wer schon einmal den HTML-Code einer Website betrachtet hat, ohne gleich in Ohnmacht zu fallen, dürfte relativ rasch zum Ziel kommen.
Der Blattkritiker wies vor zwei Tagen darauf hin, dass «NZZglobal» und «FACTS» die gleiche Plattform verwenden wie der «Tages-Anzeiger». Bei selbigem scheint man die Schoten inzwischen dicht gemacht zu haben. Jedenfalls führen die in verschiedenen Blogs publizierten Links nur mehr zu Fehlerseiten.
Wir möchten der «NZZ» - durchaus ohne Häme - raten, sich für die richtigen Tipps an die Kollegen von der Werdstrasse zu wenden. Denn die inhaltliche wie auch die technische Problematik bei e-Papers lässt sich wohl nur noch mit einer gemeinsamen Strategie lösen. Mehr dazu in einem separaten Beitrag.
Mittwoch, 18. Oktober 2006
Der kostenlose und unbeschränkte elektronische Zugriff auf Zeitungsartikel ist Schweizer Medienhäusern ein Graus. Beim Medienspiegel ist regelmässig über die Anstrengungen der Verleger zu lesen, ihren Lesern endlich die teuren E-Papers anzudienen. Dieser Tage sind die gewünschten Leser endlich da - nur bezahlt haben sie nicht.
Denn in den letzten Tagen haben sich verschiedene Blogger zu einer Machbarkeitsstudie in «Open Access» entschieden. Den Anfang machte die Medienlese mit ihrem Bericht «Durch die Hintertür». Das geschilderte Leck im «Weltwoche»-Archiv wurde zwar nach kurzer Zeit abgedichtet. Doch der Zugriff auf beliebige Artikel war durch ein simples Umschreiben der Adresszeile im Browser möglich. Es ist also wohl nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Möglichkeit gefunden wird.
Noch nichts Neues gibt es von der «Sonntagszeitung», deren Webmaster nach dem «Medienlese»-Tipp vermutlich immer noch am Kalfatern ist. Noch etwas hektischer dürfte es an der Werdstrasse heute werden, nachdem ausgerechnet eine Bündnerin den «e-Tagesanzeiger» geknackt hat. Ein pikanter Hack, weil auch «FACTS» und «NZZ global» die gleiche Plattform verwenden.
«Weltwoche», «Sonntagszeitung» und «Tages-Anzeiger» sind repräsentative Beispiele für den Sicherheitsstand der Schweizer e-Paper. So rühmt sich etwa Blogger «ric» vom «Online Marketing Blog», die für ihn relevanten Titel samt und sonders gratis zu lesen.
In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die teuer eingekauften Applikationen in nützlicher Frist abzudichten sind. Sonst stünde tatsächlich der ganze Content frei auf dem Netz. Und ausser den Lesern will das schliesslich niemand.
Update (18.10.06, 21:50): Mittlerweile auch die von einigen Bloggern erwähnten, aber nicht publizierten Logins zu «Netzwoche» und «FACTS» ins Netz gestellt werden. Hoffen wir, dass aus dem neuen Volkssport «e-Paper Hacking» nicht bloss ein grosses Stopfen von Sicherheitslücken, sondern auch eine Diskussion über den (Un-)Sinn von Zugangsbeschränkungen und deren Durchsetzung erwächst.
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