Freitag, 27. März 2009
Das Komitee «Rettet den Bund» lädt zur Medienorientierung – und weckt Erwartungen. Nach wochenlangem Schweigen erhoffen sich die 13’000 Unterzeichnenden der Petition zur Rettung von Berns ältester Tageszeitung eine substanzielle Antwort darauf, wie dem «Bund» neues Leben eingehaucht werden soll. Fehlanzeige.
An der Medienorientierung erfährt die Öffentlichkeit drei Dinge:
• Erstens: Das Komitee lanciert eine Plakatkampagne mit Kuno Lauener. Slogan: Der «Bund» gehört zum Besten, was Züri West zu bieten hat.
• Zweitens: Das Komitee will mit einer Internetumfrage herausfinden, «was sich die Medienkonsumenten in Zukunft wünschen».
• Drittens: Das Komitee gründet den «Verein Berner Medienvielfalt», um «gegen das drohende Pressemonopol im Grossraum Bern zu kämpfen».
Die entscheidende Frage wird damit nicht beantwortet. Wie soll der Bund – oder die Medienvielfalt – in Bern gerettet werden? Drei Monate bevor Tamedia über Sein oder Nichtsein des «Bund» entscheidet, hat das Komitee bestenfalls wage Vorstellungen darüber, wie das Ziel erreicht werden könnte. Die abenteuerlichste: Der «Bund» soll künftig von einer neu zu gründenden Trägerschaft herausgegeben werden – als Tageszeitung, als Wochenzeitung oder als Beilage zu einem etablierten Printmedium. Nur: Wie soll ein solches Szenario finanziert werden? Das Komitee antwortet kryptisch:
• Gibt es einen Businessplan? Wir haben Kostenschätzungen gemacht.
• Gibt es potente Investoren? Berner Investoren scheuen die Öffentlichkeit.
• Gibt es Gespräche mit der NZZ? Das Huhn gackert erst, wenn es das Ei gelegt hat.
• Gibt es einen Markt für eine Wochenzeitung? Wir nehmen uns die Freiheit, das Unmögliche zu denken.
Das ist zuwenig, um die Bewegung, die das Komitee in den vergangenen Monaten ausgelöst hat, in Schwung zu halten. Um den «Bund» oder die Berner Medienvielfalt zu retten, braucht es rasch klare Szenarien, solide Finanzierungspläne und realistische Markteinschätzungen. Denn weder grosse noch kleine Geldgeber investieren in Luftschlösser.
«Mir hei e Verein» – das reicht nicht! Aber es könnte ein Anfang sein …
Samstag, 24. Januar 2009
Gegendarstellung: Ex-«Bund»-Chefredaktor Dr. Peter Zieger antwortet auf die Anschuldigungen von Ex-«Bund»-Finanzchef Urs Strobel. Dieser wirft Ziegler in der Blattkritik-Plattform vom 22. Januar 2009 vor, in seinem «Bund»-Text vom 8. Dezember 2008 mit falschen Fakten argumentiert zu haben.
"Dr. Peter Zieglers Replik: «Der Voodoo-Finanzer»" vollständig lesen
Donnerstag, 8. Januar 2009
Seit zirka einem Monat sammelt das Komitee «Rettet den Bund» Unterschriften und Geld. Der Petitionstext fordert, dass der Bund «im Strudel von Restrukturierungen und Sparmassnahmen nicht zerstückelt wird».
Heute hat das Komitee mit einem Communique über den aktuellen Stand informiert. Wir lesen, dass mittlerweile über 8000 Unterschriften zusammen gekommen sind, dass viel Prominenz unterschrieben hat, dass der Berner Regierungsrat bei Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino vorstellig geworden ist. So weit, so gut – und ein Leistungsausweis, der sich sehen lässt.
Aber: Wir vermissen nach wie vor einen konkreten Plan. Wie soll der «Bund» gerettet werden? Was will die Petition genau bewirken? Was haben wir unterschrieben? Wofür sollen wir Geld spenden? Auf diese Fragen geben weder das heutige Communique noch die Website eine Antwort.
Es kann dem Komitee nicht darum gehen, den «Bund» mit externen Finanzspritzen ein/zwei Jahre am Leben zu erhalten. Das wäre Zeit-, Energie- und vor allem Geldverschwendung. Denn selbst wenn «Rettet den Bund» eine grössere Summe sammeln sollte, können damit nur bestehende Löcher gestopft werden. Was der «Bund» braucht, wenn er längerfristig überleben will, ist eine wirtschaftliche Perspektive. Ohne diese sind Spenden und gutgemeinte Solidarität Makulatur.
Wer weiss, vielleicht gibt es den konkreten Plan. Im Communique lesen wir aber nur: «Seit der Weihnachtszeit ist ein Ausschuss des Komitees an der Arbeit. Er sondiert in verschiedene Richtungen, führt Gespräche und möchte auf konstruktive Weise neue Optionen ermöglichen».
Bleibt die Frage: Was soll die Geheimnistuerei? Wenn es Optionen gibt, dann gehören diese auf den Tisch. Die Diskussion um die Zukunft des «Bund» und um die längerfristige Erhaltung der Medienvielfalt darf nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden. Sie muss öffentlich geführt werden. Nur so können alle relevanten Kräfte mitreden. Nur so wird vielleicht einer breiten Öffentlichkeit bewusst, worum es geht: Um Konkurrenz, um Meinungsvielfalt, um Demokratie.
Dienstag, 6. Januar 2009
Wir wünschen ...
… den verbleibenden «NZZ»-Mitarbeitern viel Glück mit Albert P. Stäheli.
… «.ch» ein bezahltes Inserat.
... dem neu gestalteten «Tagi-Magi» eine lesbare Schrift.
… der «Weltwoche» ein gutes Händchen bei der Kür ihres zweiten Bundesrats.
… «SF DRS» eine Satiresendung.
… den «Annabelle»-Leserinnen, dass sie sich eines der besprochenen Produkte leisten können.
… «Bernerzeitung.ch» den Mut, eine selbst geschriebene Meldung kurz nachzulesen.
... der «SonntagsZeitung» ein Redesign des neuen Layouts.
… dem «Blick», dass er ab und zu erwidert wird.
… dem «Thuner Tagblatt» einen neuen Chefredaktor.
… «Radio DRS» jemanden, der ein DAB-Radio kauft.
… der «Basler Zeitung» und der «Neuen Luzerner Zeitung» Vorbildfunktion – wie man es in Bern nicht machen sollte.
… den Mitarbeitern des «Bund» einen anständigen Sozialplan.
… auch den Mitarbeitern der «Berner Zeitung» einen anständigen Sozialplan.
… der Espace Media Groupe passende Mieter für die frei werdenden Räume am Dammweg.
… der «Neuen Berner Zeitung» Konkurrenz.
Dienstag, 16. Dezember 2008
Seit klar ist, dass der «Bund» in seiner heutigen Form spätestens Mitte 2009 aus der Zeitungslandschaft verschwindet, fegt ein Sturm der Entrüstung über Bern. Verständlich! Uns dröhnt aber der Kopf ob all dem Lob für den «Bund», all der Kritik an der «Berner Zeitung».
Eine Petition fordert «Rettet den Bund». Sie hat mittlerweile viel Prominenz vereint, viele Unterschriften gesammelt und für viel Aufsehen gesorgt. Das ist gut so und setzt ein Zeichen.
Bloss: Ist «Rettet den Bund» der richtige Ansatz?
Nein. Die Tamedia prüft zwar (offiziell) zwei Optionen, wie es in Bern weitergehen soll – wirtschaftlich sinnvoll (und das wird für die Tamedia zählen) ist aber nur eine: Die Fusion von «Bund» und «BZ». Eine «Neue Berner Zeitung» wird entstehen – und wohl auch genau so heissen (jedes bisherige helvetische Fusionsprodukt trägt den Namen seiner Region, was vor allem werbetechnisch hilfreich ist).
Die vielen harten, gegen die «BZ» gerichteten Reaktionen von «Bund»-Lesern zeigen deutlich: Will sich die Tamedia die Mehrzahl der Bund-Abonnenten für die neue Zeitung sichern, wird sie den «Bund» nicht einfach der «BZ» einverleiben können. Umgekehrt würden sich viele «BZ»-Leser mit dem manchmal elitären «Bund» schwer tun. Die «Lösung» kann also nur eine Zeitung bringen, die irgendwo dazwischen steht.
Ob die neue Zeitung mehr «Bund» oder mehr «BZ» sein wird, ist aber sekundär. Viel wichtiger ist, dass Bern nicht nur den «Bund», sondern auch die «BZ» und somit die publizistische Vielfalt verliert. Was das bedeutet, zeigen die Beispiele Basel und Luzern mehr als deutlich.
«Rettet den Bund» greift deshalb zu kurz. Es müsste heissen: «Rettet die publizistische Vielfalt».
Dazu braucht es eine alternative Publikationsplattform, die unabhängig ist von der Tamedia. Eine zweite Tageszeitung kann es nicht sein, der Berner Markt ist dafür zu klein. Der «Bund» hat selbst in konjunkturell guten Jahren nur knapp schwarze Zahlen geschrieben. Zudem wird die Zahl der abonnierten Zeitungen weiter zurückgehen.
Die lokale publizistische Vielfalt ist also nur via Internet zu gewährleisten (siehe auch Eintrag vom 25.5.2007) – sei es in Form einer lokalen Online-Zeitung, eines offenen Forums oder wenigstens eines Watch-Blogs «Neue Berner Zeitung».
Mittwoch, 12. September 2007
Dani Landolf, Stefan Bühler, Karin Reber Ammann, Ingrid Hess, Charles Beuret, Katharina Schindler, Rudolf Gafner, Rainer Schneuwly, Yvonne Leibundgut, Susanne Wenger, Evelyne Reber-Mayr, Michael Fankhauser, Nick Lüthi, Lorenz Kummer, This Wachter – die Liste der Redaktoren, die beim «Bund» gekündigt haben, seit Artur K. Vogel die Chefredaktion übernommen hat, ist lang, sehr lang sogar.
Klar: All diese Abgänge dem neuen Chef anzulasten, wäre unfair. Die Übernahme der Espace Media Groupe durch die Tamedia hat der Stimmung beim «Bund» nicht gut getan – wer 1 und 1 zusammenzählt, weiss, dass die Tage des «Bund» gezählt sind ( 1, 2) und sucht einen neuen Job. Aber: Ein wesentlicher Faktor für viele Kündigungen langjähriger, qualifizierter Mitarbeiter scheint der neue Mann an der Spitze zu sein. Diverse Stimmen aus der «Bund»-Redaktion sprechen von Diktatur, von Bush-Doktrin («Wer nicht für mich ist, ist gegen mich»), sie sprechen davon, dass Artur K. Vogel jede Diskussion abwürgt.
Vogel praktiziert beim «Bund» also genau das Gegenteil dessen, was auf einer Zeitungsredaktion selbstverständlich sein sollte: konstruktive Auseinandersetzung, Meinungsvielfalt, Demokratie. Jüngstes Beispiel: Vogel wollte Alexander Sury, den Leiter des «Kleinen Bund», loswerden und legte ihm die Kündigung auf den Tisch. Eine Kündigung, die Vogel auf Druck von Redaktionsmitgliedern inzwischen rückgängig gemacht hat.
Ein weiterer Vorwurf, den sich Vogel gefallen lassen muss: Er tut sich offenbar immer wieder mit Ankündigungen/Versprechungen hervor, die er schliesslich nicht einhalten kann. Krassestes (öffentliches) Beispiel: Vogel kommunizierte allzu früh, die Berner Kulturagenda werde künftig in den Bund integriert. Dumm, dass die Berner Kulturinstitutionen mit dem Bundmodell eigentlich gar nicht einverstanden waren. – Resultat: die Kulturagenda liegt seit heute dem Anzeiger bei.
Umso unverständlicher sind Vogels Umgangston und seine internen Basteleien (Auslandchef Lorenz Kummer kündigte unter anderem deshalb, weil Vogel dem Auslandteil 80 Stellenprozente streichen wollte. Dies notabene nur zwei Monate, nachdem er eine freie Auslandstelle neu besetzt hatte), wenn man weiss, dass Vogel für sein erstes Jahr beim «Bund» mit der Espace Media Groupe Besitzstandswahrung aushandeln konnte. Das heisst, er hat vorläufig keinen wirtschaftlichen Druck, er ist nicht mit der Vorgabe angetreten, intern die Schraube anzuziehen und weiter Stellen abzubauen.
«Was sollen die Allüren, Herr Vogel», fragen sich viele. Die Antwort scheint banal: Artur K. Vogel ist offenbar einfach so. Wer hört, wie die Leute über ihn sprechen, wer seine Kommentare und Artikel im «Bund» und seit neustem im «Bund»-Blog liest, stellt fest, dass Vogel allzu gerne «poltert» und seine Schreibe gelinde gesagt «hemdsärmlig» daherkommt.
Kein Wunder also, ist Vogel «Bund»-intern mittlerweile isoliert. «So kann es nicht weitergehen», sagen viele. Was das bedeutet, bleibt abzuwarten. Pikantes Detail: Bei der Espace Media Groupe hat man offenbar von der «Bloss weg hier»-Stimmung beim «Bund» bisher nichts mitgekriegt. – Oder nichts mitkriegen wollen? Vielleicht ist man sich über die Situation durchaus im Klaren und lässt Vogel bewusst gewähren. Vielleicht lässt sich ein «Bund», der viele gute Journalisten und damit schon bald einen Teil seines Ansehens verloren hat, dereinst mit weniger Nebengeräuschen einstellen.
Mittwoch, 15. August 2007
Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Zusammen mit der «Basler Zeitung» und der «BZ» bringt der «Tages-Anzeiger» im Herbst eine vierte Pendlerzeitung heraus. Vom Abend ist nicht die Rede, also wird das noch namenlose Blatt wohl am Morgen erscheinen. Wie «Tages-Anzeiger online» berichtet, soll die neue Zeitung «in den nächsten Monaten» lanciert werden. Redaktionssitz ist Zürich, die Anzeigen sollen dagegen in Bern, Basel und Zürich an Land gezogen werden. Am interessantesten findet der Blattkritiker das Qualitätsversprechen: Die neue Zeitung soll sie sich auf relevante News konzentrieren und im Gegensatz zu den bisher hier zu Lande erscheinenden Gratisblättern längere Texte und weniger Bilder aufweisen. Zudem wird sie sich durch ein klassisches, dezentes Design auszeichnen. Erscheinen wird das neue Produkt ebenfalls im Tabloid-Format. So will das Blatt eine junge, gut gebildete und kaufkräftige Leserschaft ansprechen, die sich für die Aktualität aus ihrer Region interessiert. Zwar hat auch der «.ch»-Initiant Wigdorovits von einer «Schnellesezeitung, die Qualität bietet» gesprochen. Was er damit meint, werden wir ab September sehen. Bei Gratiszeitungen sind unsere Qualitätsansprüche inzwischen recht tief: Wir freuen uns schon, wenn die Zeitung weniger als zwei Fehler pro Seite und keinen Bericht über Paris Hilton enthält. Gibt es neben getarnter Werbung, Handy-Verlosungen, aufgekochten Agenturmeldungen und Tierbildchen auch noch redaktionelle Inhalte, sind wir schon fast zufrieden.
Donnerstag, 19. Juli 2007
Sommerloch? Nicht bei der «WOZ». «Was gibt es Neues, Grossmutter Kall?» fragt Rachel Vogt in der heutigen Ausgabe. Und meint:
1. «Tagi kompakt» wurde beerdigt.
2. Die «Basler Zeitung» steht zuoberst auf Kalls Einkaufsliste.
3. Die Tamedia will den Schritt ins Ausland machen.
Wie wahrscheinlich sind diese Prognosen? Der Blattkritiker hat ein wenig spekuliert und lädt zu Kommentaren ein.
"Tamedia: Kaufen, beerdigen, verreisen" vollständig lesen
Freitag, 29. Juni 2007
Wer die Berichterstattung zur Übernahme des «Bund» durch die Espace Media Groupe verfolgt, stellt fest, dass Tamedia/Espace offenbar von den Verkaufsabsichten der «NZZ» überrascht worden ist und den Deal mit gemischten Gefühlen vollzogen hat. Bleibt die Frage, wieso die «NZZ» den «Bund» so schnell loswerden wollte/musste, und wieso man bei der Tamedia/Espace derart zurückhaltend reagiert.
Wir vermuten: Der «NZZ» geht es vor allem um die Wahrung des Gesichts. Sie zieht sich in einem Moment zurück, in dem der «Bund» erstmals seit Jahren schwarze Zahlen schreibt, in dem ihr niemand vorwerfen kann, sie verlasse das sinkende Schiff und trage zum Niedergang der publizistischen Vielfalt bei. Hätte die «NZZ» vor zwei/drei Jahren den Bettel hingeschmissen, hätte sie damit das Ende des «Bund» besiegelt. Würde die «NZZ» in zwei/drei Jahren den Bettel hinschmeissen – wenn die Konjunktur vielleicht nachgelassen hat und der «Bund» wieder rote Zahlen schreibt –, käme wohl auch das dem Ende gleich.
Mit anderen Worten: Die «NZZ» hat den perfekten Moment für einen «sauberen» Abgang gewählt. Sie hat die Rolle des künftigen Buhmanns dem Erzrivalen Tamedia/Espace zugeschoben. Mehr wollte sie nach all den Jahren, in denen sie die Verluste des «Bund» mitgetragen und für dessen Fortbestand gesorgt hat, offenbar nicht mehr tun.
Was man der «NZZ» vorwerfen muss, ist ihre Strategielosigkeit. Sie hat es über all die Jahre verpasst, für den «Bund» eine Zukunftsperspektive zu entwickeln: Weder hat sie einen gemeinsamen Redaktionspool mit ihren anderen Lokalblättern aufgebaut, noch hat sie einen starken Inseratepool etabliert. Auf die Nutzung von Synergien scheint man bei der «NZZ» nicht angewiesen zu sein. Wie lange noch?
Fazit: Im Gegensatz zur Tamedia, die eine klare Vision verfolgt und sich als Nummer eins auf dem Markt der Tageszeitungen etablieren will, agiert die «NZZ» aus einer reinen Abwehrhaltung. Salopp formuliert: Am liebsten würde die «NZZ» einfach nur die «NZZ» machen. Schade, denn die «NZZ»-Gruppe ist das einzige Schweizer Verlagshaus, das der Tamedia im Lokalzeitungsgeschäft Paroli bieten könnte, nachdem sich Ringier aus dieser Sparte verabschiedet hat.
Donnerstag, 28. Juni 2007
Bern ist klein. Als der Blattkritiker gestern Abend hinter seinem Panache sass, hörte er in seinem Rücken zwei Männer tuscheln, die anscheinend bei der Espace Media Groupe arbeiten. «Schlimm», sagte der eine, «ganz schlimm. Die BZ-Journis machen sich Sorgen.» – «Das ist doch nichts Neues!», stellte der andere fest. – «Dieses Mal schon. Die von Weissenfluh [Franziska, Verlagsleiterin der Espace] erzählt rum, im Herbst, wenn die zwei neuen Gratiszeitungen lanciert werden, werde es auch für die BZ eng.» – «Die zwei neuen Gratiszeitungen? Dann weiss die von Weissenfluh offensichtlich mehr als der Kall.»
Worauf die Herren kicherten und sich der Blattkritiker fragte, was es denn da zu kichern gibt und weshalb Martin Kall beim Interview mit Francesco Benini in der «NZZ am Sonntag» nicht einfach die Wahrheit gesagt hat.
Dienstag, 26. Juni 2007
In der Schweizer Medienlandschaft wird zurzeit schneller liquidiert, fusioniert und neu lanciert, als Beobachter denken und tippen können. «Cash» weg, «Facts» weg, die Espace Media Groupe ein Anhängsel der Tamedia, am Horizont warten «.ch» und andere Gratisblätter – und nun noch dies: Die Freie Presse Holding AG der NZZ verkauft, offenbar aus eigenem Bestreben, ihren Anteil am «Bund». Damit liegt das Geschick des Berner Traditionsblatts fortan ganz in den Händen der Espace Media Groupe bzw. der Tamedia. Lapidare Begründung der «NZZ»: Sie will der Tamedia «die Integration des Berner Modells in ihre Gesamtstrategie ermöglichen».
Was hat der «Bund» in der Gesamtstrategie der Tamedia verloren? Wenig! Das sieht offenbar auch die Tamedia so. Auf der Website des «Tages-Anzeigers» lesen wir jedenfalls, dass Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer den Schritt der «NZZ» bedauert. Er schaffe zusätzliche Verunsicherung.
Alles deutet darauf hin, dass die Tamedia eine nationale Mantelredaktion aufbauen will, die den «Tages-Anzeiger», die «Berner Zeitung» und allenfalls die «Basler Zeitung» beliefern soll. Die Lebensversicherung für den «Bund» – die Option, dass auch die NZZ-Gruppe an der Idee einer nationalen Mantelredaktion werkelt, die ihre Lokalblätter in St. Gallen, Luzern, Bern sowie die mit ihr verbandelten Lokalblätter im Grossraum Zürich beliefern könnte – ist nun vom Tisch. Und damit wohl bald auch der «Bund». Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Tamedia neben einem nationalen Mantel eine Vollredaktion für die paar wenigen «Bund»-Leser leisten wird.
Oder denkt die Tamedia vielleicht darüber nach, «Bund» und «BZ» denselben Mantel zu verpassen und in Bern zwei unabhängige Lokalredaktionen zu betreiben? Nun: Das wäre aus publizistischer Sicht besser als gar nichts; aber ökonomisch dürfte sich das kaum rechnen. Zwei Titel in ein und dem selben Markt zu alimentieren, lohnt sich nur, wenn dadurch unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen erreicht werden können. Das setzt wohl eine Differenzierung der beiden Titel voraus, die über den Lokalteil hinausgeht.
Die Espace Media Groupe hat heute zwar mitgeteilt, das so genannte «Berner Modell» werde auch künftig «unter den gleichen wirtschaftlichen und publizistischen Kriterien» weitergeführt. Was das konkret heisst, hat Espace Media Groupe-Sprecher Christopher Wehrli laut Tages-Anzeiger gleich klargemacht: Der «Bund» muss rentieren, wenn er überleben will.
Wir gewöhnen uns deshalb schon mal an den Gedanken, dass es eher früher als später heissen wird: (B)und tschüss!
Sonntag, 24. Juni 2007
Die «NZZ am Sonntag» wird zum Branchendienst: Letzte Woche plauderte Francesco Benini mit Sacha Widgorovits über dessen neues Gratisblatt «.ch», diese Woche mit Martin Kall über «Facts», den Espace-Deal und eine neue Tamedia-Zeitung. Laut Benini, der sich auf «gut informierte Quellen» beruft, soll es sich um eine weitere Gratiszeitung handeln. Eine Abwehrmassnahme, um die Milchkuh «20 Minuten» zu schützen? Kall lässt sich noch nicht in dei Karten blicken: «NZZ»: Die wichtigste Ertragsquelle von Tamedia, «20 Minuten», wird mit dem Start des neuen Gratisblatts «.ch» unter Druck kommen. Kall: Da bin ich gelassen. Wir erhöhen die Auflage von «20 Minuten». Und ich denke, dass die Regionalblätter eine neue Gratiszeitung stärker bemerken werden. Die Regionalzeitungen müssen von liebgewonnenen Gewohnheiten Abschied nehmen und verstärkt kooperieren, ohne die lokalen Wurzeln zu verlieren. Was wohl heisst: Das Lokale dürfen sie noch machen, den Mantel kriegen sie von uns (oder von der «NZZ»). Vieles wird in diesem Interview angesprochen, wenig konkretisiert. Gut gelaunt und sehr locker präsentiert sich Martin Kall. Was uns vermuten lässt, dass die neue Zeitung erstens eine Gratiszeitung ist und zweitens am Abend erscheinen wird. Denn aus Sicht der Tamedia ergibt es keinen Sinn, «20 Minuten» und den «Tages-Anzeiger» mit einer weiteren Gratis-Morgenzeitung zu kannibalisieren. Am Abend ist aber noch Platz vorhanden, gerade aus werberischer Sicht: Eine Inseratekombi mit «20 Minuten» und dem neuen Titel wäre für Inserenten einiges attraktiver als Ringiers Paket mit «Blick» und «heute».
Lassen wir uns überraschen, was der Herbst bringt. Falls Martin Kall für sein Projekt noch einen Namen sucht, hätten wir einen Vorschlag, der auch zur «Facts»-Einstellung passt: «Feierabend».
Mittwoch, 20. Juni 2007
«Leider hat sich gezeigt, dass die wirtschaftlichen Perspektiven des Titels zu wenig tragfähig sind», steht in Uli Rubners «Facts»-Todesanzeige, die auch der Blattkritiker erhalten hat. Im Klartext: Wir haben einfach nicht genug Geld verdient. Die Gründe dafür beschreibt Constantin Seibt, der hartnäckigste Beobachter des Swissair-Prozesses, im «Tages-Anzeiger» von gestern (online nicht frei zugänglich). In seinem Artikel über das «Facts»-Grounding schildert Seibt das kurze Leben und lange Sterben von «Facts», dem «Kind ohne Seele» und ortet das Hauptproblem in einem «Geburtsfehler»: Das Problem Mitte der Neunzigerjahre war, dass der Verlag kein gutes Gefäss für Farbanzeigen hatte, und dies, als die Wirtschaft zu boomen begann. [«Facts»] entstand quasi als Lösung des Farbanzeigenproblems: nach dem Vorbild der österreichischen «News»: vorne Politik, hinten softe Stoffe. (...) Dies sollte das Problem von «Facts» werden: Es war ein Marketingprodukt, geboren ohne klaren Auftrag – und dies paradoxerweise in einem Markt, der viel zu klein war: Bei den hohen Kosten eines Nachrichtenmagazins für Recherche, Bilder, Technik brauchte man in der Schweiz eine fantastische Leserzahl, fantastisch viele Anzeigen, fantastisch viele Nachrichten. Zur unglücklichen Konzeption des «Retortenkindes» gesellten sich die geplatzte Dotcom-Blase und die Konkurrenz: Der Anzeigenmarkt brach zusammen von den 2000 Werbeseiten für «Facts» allein blieben nun für «Weltwoche», «Cash» und «Facts» zusammen 2000. Die Leser schwanden. Obwohl «Facts» mehr Leute pro Kopf erreichte als der «Spiegel» in Deutschland, hätte man fast die Hälfte mehr gebraucht. Und schliesslich verschwanden nicht nur die Anzeigen, sondern auch auch die Nachrichten endgültig Richtung Wochenende – spätestens, als mit der «NZZ am Sonntag» das dritte Sonntagsblatt erschien. Sonntagszeitungen funktionieren im Kern als effiziente Petzmaschinen: Dutzende von Leuten werden nach Indiskretionen abtelefoniert oder von Indiskreten angerufen. Sie liessen «Facts» nichts an Skandälchen übrig. Eine strukturelle Fehlkonstruktion, schwindende Anzeigen und dazu die wachsende Konkurrenz - ein Alptraum. Auch für die Redaktion, wie Seibt schreibt: Im Verborgenen dahinter kämpften die Journalisten – ohne jede Chance. «Facts» machte von Anfang bis zum Ende konstant hervorragenden Journalismus, oft versteckt von Häppchen, Thesen, Softstoffen, Kästen. Doch während in den Neunzigern «Facts»-Journalisten in der Branche zwar gehasst, aber gelesen wurden, blieb das späte «Facts» in der Branche anrüchig, aber unsichtbar: Wurden Artikel von ihm in der Tagespresse aufgenommen, galten sie als Primeur des abschreibenden Blattes. In der Falle zwischen verzweifelt nötiger Reputation und verzweifelt nötiger Aufregung kämpften die «Facts»-Leute einen tapferen, vergeblichen Kampf: Es war das unterschätzteste Blatt des Landes. Und vielleicht auch ein Bauernopfer für Martin Kalls neue Pläne, die wir hier in Kürze besprechen. Bleiben Sie dran.
Sonntag, 17. Juni 2007
In der «NZZ am Sonntag» berichtet Francesco Benini über Sacha Wigdorovits «dritte Schweizer Gratiszeitung». Das von Gerüchten umrankte Projekt wird damit erstmals greifbar, und der Artikel ist zufälligerweise sogar online zugänglich. Die wichtigsten Punkte:
- Das neue Blatt heisst «.ch», also «Punkt Zeha». - Die Erstausgabe erscheint am 19. September - Die Startauflage beträgt 425'000 Exemplare. - Die Zeitung erscheint von Montag bis Freitag jeweils morgens im Gebiet Zürich, Basel, Bern, Luzern und St. Gallen. - 70 Prozent der Auflage sollen mit Hilfe der DMC direkt an die Haushalte geliefert werden - 30 Prozent verteilen sich auf ÖV-Stationen und Kolporteure. - Im Zürcher Hauptbüro arbeiten 38 Journalisten, in den Aussenstationen 17 weitere.
Die Hauszustellung wird noch zu reden geben. Ein guter Schachzug ist sie alleweil, auch wenn nicht alle «.ch»-Bezüger «20 Minuten» automatisch den Rücken kehren. Die Tamedia wird ihre «20 Minuten»-Boxen mindestens einmal nachfüllen müssen, und Ringier muss sich fragen, wie aktuell «heute» von gestern noch ist, wenn am Morgen zwei aktuelle Gratiszeitungen zur Verfügung stehen.
Doch für diese Spekulationen bleibt noch viel Zeit. Interessant finden wir im Moment vor allem Widgorovits' Qualitätsanspruch: Wigdorovits will «.ch» höher positionieren als «20 Minuten». Er sagt zu diesem Thema, «20 Minuten» sei ein Boulevardblatt, das vom Medienunternehmen Tamedia gegen den «Blick» gerichtet werde. «.ch» solle eine Schnelllesezeitung werden, die Qualität biete. Qualität in einer Gratiszeitung? Das wäre nun wirklich ein beachtlicher Marktvorteil. Falls die «.ch»-Redaktion ihr Versprechen tatsächlich einlöst, können wir uns auf einen spannenden Herbst freuen.
Mittwoch, 6. Juni 2007
Am 25. Juni erscheint der «Spiegel» mit einem einmaligen Schweizer Split, wie «persönlich» berichtet. Die von der «NZZ am Sonntag» vermutete Zusammenarbeit mit «Facts» dürfte sich damit erledigt haben.
«Spiegel»-Sprecherin Ute Miszewski spricht von einer «sorgfältigen Auswertung» dieses Versuchsballons. Ist der Split also nur eine erweiterte Art der Marktforschung? Wohl kaum. Auch der «Spiegel»-Verlag wird festgestellt haben, dass auf dem Schweizer Wochenzeitungsmarkt eine grosse Lücke klafft. Es fehlt nämlich ein mehrheitsfähiges Magazin, das für seine Verleger auch rentiert. Denn vom Ideal einer Zeitung, die eine breite Leserschaft findet und auch Geld abwirft, sind die beiden Schweizer Titel weit entfernt. Die «Weltwoche» motzt und trotzt, hat aber immer noch keine gloriosen Abo-Zugänge gemeldet. «Facts» wurde letztes Jahr renoviert, schreibt aber immer noch keine schwarzen Zahlen.
Eine frische Brise aus dem Norden kann aus Lesersicht nicht schaden. Der Blattkritiker freut sich deshalb auf den Schweizer «Spiegel». Selbst wenn er wirklich nur ein Versuchsballon sein sollte.
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