Samstag, 15. Dezember 2007
Ein Nachtrag zum Berner Medientag, Erstveröffentlichung im comedia-Magazin «m», 12/2007, www.comedia.ch
Der Berner Medientag unter dem Titel «Hilfe, die Zürcher kommen» hat kaum neue Erkenntnisse gebracht – weil die Zürcher nicht gekommen sind. So musste sich das Publikum in Abwesenheit sämtlicher Tamedia-Entscheidungsträger anhören, wie Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor der «Berner Zeitung», und Rudolf Burger, stellvertretender Chefredaktor des «Bund», um den heissen Brei redeten, wohl ohne mehr zu wissen als Sie und ich.
Publizist Karl Lüönd blieb es vorbehalten, pikante Aussagen zu machen. «Die Tamedia bezahlt doch nicht 300 Millionen Franken, um eine starke Marke wie den ‹Bund› zu schliessen», behauptete er. Zudem sprach er sich dafür aus, die Schweizer Medien vermehrt dem freien Markt zu überlassen – Qualität werde sich durchsetzen.
Eine krasse Fehleinschätzung. Denn eine qualitativ hoch stehende Presse ist nicht zuletzt eine vielstimmige Presse. Zudem: Wer die Veränderungen der Medienlandschaft in den letzten 20 Jahren analysiert, stellt fest, dass sich nicht Qualität, sondern wirtschaftliche Stärke durchsetzt. Wir «leiden» also nicht nur unter weniger eigenständigen Zeitungen, sondern müssen uns immer öfter mit einem inhaltlichen und sprachlichen Niveau begnügen, dass selbst minimalen Ansprüchen nicht genügt. Oberflächlichkeit ist angesagt, Zeit für fundierte Recherche bleibt den zusammengesparten Redaktionen zu selten.
Kurz: Wir haben eine beträchtliche Verschlechterung des Angebots erlebt. Was solls, könnte man sagen – Hauptsache, die vorhandenen Titel bringen Geld. Das wäre aber mehr als kurzsichtig. Demokratisch betrachtet sei das Zeitungssterben «eine politische Zeitbombe», hat SP-Nationalrat Andreas Gross einmal gesagt. Recht hat er. Eine Zeitung ist nun mal kein Wurstladen, sie hat nicht nur zu rentieren, sie hat auch zu informieren, Meinungen zu bilden, ihren Beitrag zur Demokratie zu leisten. Und damit so etwas wie Meinungsvielfalt auch im Lokalen erhalten bleibt, braucht es mehr als bloss eine Zeitung pro Stadt.
Gerade auf dem Platz Bern haben wir erlebt, wie schnell es gehen kann – und in welche Richtung es geht. Was noch in den 90er-Jahren mit «Bund», «Berner Zeitung» und «Berner Tagwacht» vorbildlich aussah, ist heute ein Trauerspiel. Nach dem absehbaren Ende für den «Bund» wird sich in Bern mit der «Berner Zeitung» jenes Produkt durchgesetzt haben, das journalistisch weniger zu bieten hat, aber wirtschaftlich stärker ist. Regional und kantonal hat die Espace Media Groupe alles gefressen, was es zu fressen gab - und ist jetzt selber von einem noch Grösseren, der Tamedia, gefressen worden. Der Hauptstadt droht somit nicht nur ein Zeitungsmonopol, es droht ein Zeitungsmonopol mit Zürcher Mantel.
Was in Bern auf lokaler Ebene als Konkurrenz bleiben wird, ist Radio DRS – mal abgesehen von ein paar publizistisch kaum ernst zu nehmenden Gratisblättern und Lokalradios. Mit anderen Worten: Die letzte wirkliche Konkurrenz im Staate Bern ist – staatlich. Die Frage sei erlaubt: Ist es nicht Zeit für eine starke staatliche Zeitung mit Lokalteilen in jeder grösseren Stadt (analog Radio DRS)? Wieso soll sich staatliche Publizistik auf elektronische Medien beschränken? Statt die Millionen der Presseförderung mit dem Giesskannenprinzip an Produkte zu vergeuden, die sowieso nicht in der Lage sind, eine publizistische Alternative zu bieten, könnte man das Geld auch in eine vielschichtige nationale Zeitung investieren. Und dafür den Rest des Medienkuchens ganz dem freien Markt überlassen.
Klar, die aktuelle Situation bei Radio und Fernsehen ist historisch gewachsen. Und grundsätzlich gilt: Der Staat soll nur dort eingreifen, wo der Markt versagt. Viele werden den Ruf nach einer staatlichen Zeitung deshalb als ordnungspolitischen Sündenfall abtun und argumentieren, dass auch heute neue Zeitungen lanciert würden und der Markt somit spiele. Nur: Bedeuten Gratiszeitungen Presse- und Meinungsvielfalt, tragen sie zur Diskussionskultur und Demokratie bei?
Nein. Der Medienmarkt funktioniert nur noch finanziell. Was seinen publizistischen Auftrag betrifft, versagt er mehr und mehr. Es ist Zeit, etwas für unsere demokratische Zukunft zu tun und mit einer staatlichen Zeitung Pressevielfalt herzustellen, die diesen Namen verdient.
Mittwoch, 27. Juni 2007
Die Progression, also die stärkere Besteuerung grösserer Einkommen, ist ein wesentliches Element des schweizerischen Steuersystems. So wesentlich, dass das Bundesgericht kürzlich degressive Steuern verboten hat. Es will damit die Rechtsgleichheit wahren. Ein Blick in die «NZZ» vom 23. Juni belehrt uns nun, dass die Progression soziale Ungerechtigkeiten keinesfalls beseitigt - Nein, sie schafft sie selbst! Denn der Artikel mit dem bezeichnenden Titel «Von der Ungerechtigkeit des Leistungsfähigkeitsprinzips» bricht eine Lanze für die Grossverdiener.
"Segelnde Faulenzer" vollständig lesen
Sonntag, 10. Juni 2007
Das «Sonntagsblick-Magazin» war zu Besuch bei den «Superagenten der Armee», einer Sondereinsatztruppe der Militärpolizei à la GSG 9. Mit ihren Gasmasken, Maschinenpistolen und kugelsicheren Westen sehen die «Superagenten» tatsächlich sehr ungemütlich aus. Zum Glück bewies der Textchef des «Sonntagsblicks» aber Humor. In der Online-Diashow schrieb er unter das Bild eines getarnten Soldaten: Der Tarnüberhang erinnert an ein Fasnachtsmonster aus dem Lötschental.
Mittwoch, 18. April 2007
Polemisieren ohne Wenn und Aber, ohne Sinn und Sachkenntnis, ist offensichtlich kein Privileg der «Weltwoche». «Das Edelweiss stirbt, aber die Natur wird weiterleben», überschreibt Andreas Hirstein seinen «Hintergrund»-Artikel in der jüngsten «NZZ am Sonntag» (online nicht frei zugänglich). Und sagt damit eigentlich schon alles. Hirstein nennt den zweiten Teil des UNO-Klimaberichts «viel vorsichtiger, als es die öffentlichen Kassandrarufe vermuten lassen». Er sei «alles andere als ein Untergangsszenario», auch wenn trockene und tropische Regionen, die schon heute die Armenhäuser des Planeten seien, am meisten leiden würden. Doch die Klimaerwärmung sei für diese Regionen «ein Problem unter vielen und meistens nicht das grösste.»
Wie tröstlich!
Dass der lästige Klimawandel auch die Schweiz sichtbar und spürbar trifft und treffen wird, pariert Hirstein mit einem Kunstgriff: «Offenbar gilt jede vom Menschen verursachte Veränderung der Natur als verwerflich, selbst wenn sie uns nutzt oder vielleicht gerade dann», schreibt er. Nachdem der Mensch das «biblische Gebot», sich die Erde zum Untertan zu machen, erfolgreich umgesetzt habe, habe er nun die Natur zum Gott gemacht, das aber sei «eigentlich absurd», weil unser Wohlstand auf nichts anderem beruhe als auf «gezielten Veränderungen der Natur, sei es durch die Landwirtschaft oder die Nutzung natürlicher Rohstoffe.»
Wie erhellend!
Hirsteins Schlussfolgerung:
Einigen Tier- und Pflanzenarten ist [die tiefgreifende Veränderung der Natur durch den Menschen] zum Verhängnis geworden. Doch der Natur als Ganzem haben wir nichts anhaben können. Wenn die Wissenschafter jetzt davon berichten, dass sich die Lebensräume von Tieren und Pflanzen nach Norden oder in grössere Höhen verlagern oder sich die Wachstumsperioden ins Frühjahr verschieben, dann ist das der beste Beweis dafür, dass sich die Natur auf die veränderten Bedingungen einstellt, und nicht a priori ein Grund zur Sorge. Natürlich werden einige Pflanzen und Tiere aussterben. Aber dafür werden andere nachrücken. Das Leben ist zum Glück nicht totzukriegen.
Und der gesunde Menschenverstand?
Donnerstag, 29. März 2007
Sollen Dienstwaffen weiterhin zu Hause aufbewahrt werden? Natürlich, fand der Nationalrat letzte Woche. Die paar Familienmitglieder, die jedes Jahr mit einer Ordonnanzwaffe getötet werden, könnten schliesslich auch einem Küchenmesser zum Opfer fallen. Also dürfen die Wehrmänner ihre Sturmgewehre und Pistolen auch weiterhin in den Putzschrank stellen. Schliesslich geht es hier um die Tradition und das Milizsystem und das Vertrauen in die Bürger und ... ääh ... was war noch gleich in St. Gallen?
Alle Schweizer Medien, die wir bis jetzt gelesen haben, zeigten ein besseres Gedächtnis als der Nationalrat. Deshalb werteten sie seinen Entscheid zur Heimverwahrung von Ordonnanzwaffen als verfehlt. «Es ist unsinnig, ein unnütz gewordenes System aufrechtzuerhalten», hiess es selbst im «Bund», der nicht eben als linkes Leibblat gilt. Doch wenn alle das selbe schreiben, ist das bekanntlich Mainstream. Und der Mainstream ist links. Und links ist böse. Die einzige Rettung naht wieder einmal aus der Förrlibuckstrasse. Die «Weltwoche» packt die Magnum auf den Tisch und lässt Urs Paul Engeler ran. «Alle Statistiken beweisen, dass die Dienstwaffe bei Tötungsdelikten nur eine marginale Rolle spielt, auch bei Familienmorden.», heisst es bereits im Lead. Ach so. Dann ist ja alles klar.
Nur eines fragen wir uns: Musste die Druckerei der «Weltwoche» für den Waffen-Text die alten Lettern aus dem Keller kramen? Oder lassen sich so bleischwere Abstürze auch im Fotosatz belichten?
Dienstag, 6. März 2007
Neues Spiel, neues Unglück: Viele Journalisten, die vor nicht allzu langer Zeit mit ihren Artikeln für einen Krieg gegen den Irak Stimmung gemacht haben, finden sich im Rahmen der Diskussionen um das Atomprogramm des Iran erneut an vorderster Front. Leider glänzen sie nicht durch fundierte, jetzt vorsichtige Artikel, sondern ärgern wieder mit Hetze und Kriegstreiberei. Nichts gelernt? Nichts gelernt!
"Gewissenlos" vollständig lesen
Sonntag, 4. März 2007
Die «NZZ am Sonntag» beweist ihre legendäre Kompetenz in der Umwelt- und Energiewissenschaft auch mit der heutigen Ausgabe. Nein, wir meinen nicht Andreas Hirsteins Text über die Glühlampe («Trotzdem würde ein Verbot von Glühlampen den Schweizer Energieverbrauch nur wenig verändern. Auf ein Atomkraftwerk könnte deswegen nicht verzichtet werden»). Und, nein, wir meinen auch nicht Jost auf der Maurs «Essay» über den Klimawandel («Das zeitliche Zusammentreffen von frühlingshaftem Winterwetter und Klimabericht genügt, um einen vermeintlichen Zusammenhang zu suggerieren - obwohl der Verstand einem sogleich sagt, dass Ursache und Wirkung in dem komplexen Weltklima so nahe und drastisch nicht beisammen liegen können.»). Und schon gar nicht Pascal Hollensteins Interview mit Nagra-Chef Thomas Ernst über das im Koma liegende Endlager-Projekt («Wenn das Wirtgestein für 100 000 Kubikmeter sicher ist, ist es das auch für 200 000.»).
Wir meinen Roland Wengenmayrs Artikel im «Wissen»-Bund mit dem Titel «Nuklearer Albtraum». Halt! Wer hat «Mühleberg» gerufen? Das ist unverschämt und zudem falsch. Denn Wengenmayr geht auf die wahre nukleare Bedrohung der Schweizer Idylle ein: Schmutzige Bomben. Jawohl, schmutzige Bomben. Feinsinnig illustriert mit dem beliebten Drei-Zonen-Modell (sofortiger Tod in drei Varianten), das über die Stadt Zürich gelegt wird. Damit wäre wohl ein für allemal klar, wer unsere Salatköpfe bedroht: Nicht die friedlich korrodierenden Schweizer AKW sind es, sondern die schmutzigen Bomben, die selbstverständlich von jedermann unbemerkt in einem unauffälligen Koffer irgendwo am Bellevue ...
Bei so grossem Strahlenrisiko hilft nur eines: Glühbirnen brennen lassen (das neue AKW brauchen wir sowieso) und dann raus in die Natur. So lange der vermeintliche Zusammenhang zwischen Treibhauseffekt und Klimaerwärmung die Gletscher noch nicht restlos abgeschmolzen hat und die Betonwände in Beznau und Gösgen und Mühleberg und Leibstadt noch halten, können wir gerade so gut draussen nach Luft schnappen.
Dienstag, 27. Februar 2007
Am 11. März stimmen die Zürcherinnen und Zürcher über ein städtisches Glasfasernetz für 200 Millionen Franken ab. Die EWZ, das städtische Elektrizitätswerk, möchte dieses Netz vor allem für Private und KMU aufbauen. Denn die bestehenden Glasfasern, die seit Jahren unter den Trottoirs liegen, sind nur für Grossfirmen nutzbar. Und wenn es nach der Swisscom und ihren Mitbewerbern geht, muss sich daran auch nichts ändern.
So hängt halt der grosse Rest der Internetnutzer noch auf Jahre hinaus am Kupferdraht. Na und? Soll man sich deshalb etwa aufregen? «In Zürich ist die Glasfaser bereits vorhanden, wo sie gebraucht und nachgefragt wird», belehrt uns Larissa Bieler in der «NZZ am Sonntag.» Und doppelt nach: Seit 1998 wurde die Schweizer Telekombranche schrittweise liberalisiert und entstaatlicht. Mit ihren Glasfaser-Plänen geht die Stadt Zürich nun genau in die gegenteilige Richtung. Begründet wird dieser Schritt unter anderem mit angeblich fehlendem Wettbewerb. Zur Erinnerung: Der «angeblich» fehlende Wettbewerb wird von einer Handvoll Firmen bestritten, deren Geschäftsgebaren etwas problematisch ist. Die Swisscom zum Beispiel macht wegen ihrer unziemlichen Preispolitik regelmässig Schlagzeilen. Zwei aktuellen Beispiele aus diesem Monat: Die Swisscom wurde von der Wettbewerbskommission zu einer Busse von 333 Millionen Franken verknurrt, weil sie ihre marktbeherrschende Stellung im Mobilfunk ausgenützt hat. Und auch bei der √úbertragung von Festnetznummern hat sie laut Bundesgericht unrechtmässig hohe Preise verlangt und muss der Cablecom einen einstelligen Millionenbetrag zurückerstatten. Und wenn wir schon bei der Cablecom sind: Diese musste nach einer Intervention des Preisüberwachers ihre Abo-Gebühr für das digitale Fernsehen von 25 auf 6 Franken senken und ihre Set-Top-Box für 150 statt 495 Franken verkaufen. Erstaunlich, welche Rabatte möglich sind, wenn Väterchen Staat auf den Tisch klopft. Die beiden anderen Mitbewerber Sunrise und Colt sind bis jetzt nicht negativ aufgefallen. Aber auch nicht positiv: Zusammen mit Swisscom und Cablecom fahren sie die Nein-Kampagne.
Das scheinen Details zu sein. «Der Staatsbetrieb könnte mit seinem Markteintritt Wettbewerb und Innovationen abwürgen», schreibt Larissa Bieler weiter. Und erheitert uns damit: Der «Wettbewerb» ähnelt doch eher einem Oligopol, der Marktaufteilung unter wenigen Anbietern. Und dass ein modernes Glasfasernetz die «Innovation» mittels Kupferkabel bedrohen soll, scheint auch eher unwahrscheinlich. Oder was meinen die Herren Provider-Blogger dazu?
Der ideale Markt oder auch bloss der funktionierende Markt, dessen unsichtbare Hand dann auch noch alles zum Besten wendet, sieht entschieden anders aus. Im Fall des freien Wettbewerbs im Allgemeinen und der Zürcher Netzpolitik im Besonderen müssten sogar die Freisinnigen eine staatliche Intervention begrüssen. Und das tun sie auch: Die Stadtzürcher FDP steht geschlossen hinter dem EWZ-Projekt - zum grossen √Ñrger der «NZZ am Sonntag». «In Leserbriefen und Internet-Foren wird nun gerätselt, warum sich ausgerechnet der Freisinn für mehr Staat einsetze - Schulter an Schulter mit der SP, den Grünen, der EVP und der Alternativen Liste», schreibt Larissa Bieler.
Ausgerechnet der Freisinn? Weshalb denn bloss? Wer mehr über die «strange alliance» wissen will, sollte einen Blick in den heutigen «Tages-Anzeiger» werfen. «[Der freisinnige Zürcher Stadtrat Andres Türler] hat offensichtlich die Delegierten der Stadtpartei mit seinen Arugmenten überzeugt,» sagt Doris Fiala, Präsidentin der Stadtzürcher FDP, in einem Kurzinterview. Und fügt an, dass Ruedi Noser, der unter anderem in der «NZZ» gegen das geplante EWZ-Netz wetterte, «im Telecombereich tätig» sei und sich «vermutlich deshalb als Unternehmer gegen das Glasfasernetz» wehre und nicht etwa «aus ordnungspolitischen √úberlegungen.»
Es ist eine kleine Ironie der Lokalgeschichte, dass der Hausputz bei der FDP mittlerweile im «Tages-Anzeiger» veranstaltet wird und nicht mehr in der «NZZ». Aber wenigstens spielt der Wettbewerb bei den Printmedien.
Sonntag, 4. Februar 2007
«Es ist eine Zumutung, nach bald 40 Jahren die «Fuditätsch-Affäre» noch einmal aufzuwärmen, zumal strafrechtlich gar nichts dran war ‚Ķ» Das ist nicht die Antwort von Hans W. Kopp auf eine Frage von «Weltwoche»-Interviewer Alex Baur, sondern eine «Frage», die eben dieser Interviewer Kopp stellte.
Die von der «Weltwoche» lancierte Reinwaschung von Kopp & Kopp geht in die zweite Phase. In der letzten Ausgabe durfte Elisabeth Kopp im Gespräch mit Baur ihre Sicht der darlegen (siehe Eintrag vom 30. Januar). Und nun wird auch ihrem Gatten das Wiedereingliederungsprogramm Baur'scher Prägung zuteil ( «12 Fragen» an Hans W. Kopp, Artikel online nicht erhältlich).
Unwidersprochen darf die ehedem «eidg. dipl. Unperson» (Baur über Kopp) mit dem «riesigen Bekanntenkreis - zivil, militärisch, kulturell» behaupten, er und seine Frau hätten «nicht die geringste Chance» gehabt, «unsere Sicht einzubringen, weil uns niemand zuhören mochte»; die Frage, wieso nach all dem Gedruckse und Geflunkere und Gelüge von Elisabeth Kopp weder ihr noch ihrem Angetrauten jemand zuhören wollte, hat sich Hans W. Kopp offenbar nie gestellt.
Jetzt hört jemand zu. Mehr noch: Ein «Starreporter» notiert fern von jedem kritischen Ansatz, was Kopps ihm erzählen. Er stützt ihre Verschwörungstheorien nach Kräften. Und liefert bei Bedarf zustimmende Stichworte, die das Weiterreden erleichtern.
Der Journalist als Psychologe: Einem Paar, das sich mit läppischen 202‚Äô396 Franken Bundesratsrente pro Jahr und spärlichen Einkünften aus Anwaltsmandaten durchschlagen muss, ist die «Weltwoche»-Therapie zu gönnen. Wir fürchten allerdings, dass die Behandlung der wenig Einsicht zeigenden Patienten Kopp noch nicht abgeschlossen ist. Was folgt nächste Woche? «Jetzt rede ich»?
Dienstag, 30. Januar 2007
Achtzehn Jahre nach ihrem Rücktritt ist Elisabeth Kopp wieder da - wenn auch nur auf der Leinwand: Der Film «Elisabeth Kopp - Eine Winterreise» versucht, etwas mehr (subjektives) Licht in den Fall Kopp zu bringen. Die Reaktionen der Wochenpresse sind unterschiedlich. «Facts» widmet der gefallenen Bundesrätin die «Carte blanche». Catherine Duttweiler, Autorin von «Kopp und Kopp» (Weltwoche-ABC-Verlag, antiquarisch oder in Bibliotheken erhältlich), meint: Es ist Elisabeth Kopp menschlich wie politisch zu gönnen, dass sie nach Jahren des Vergessens eine Imagekorrektur anbringen kann: Sie war als Bundesrätin weder brillant noch visionär, doch sie hat ihre Aufgabe genauso gut erfüllt wie das Gros ihrer männlichen Kollegen (...). Dennoch gilt es bei der Würdigung [von Kopps Rücktritt] zu berücksichtigen, dass die Magistratin keineswegs wegen eines «ganz kurzen Telefons» an ihren Gatten zurücktreten musste - in einer Affäre, in welcher die Gerichte später weder den Geldwäschereiverdacht noch eine Amtsgeheimnisverletzung schlüssig nachweisen konnten. Elisabeth Kopp musste zurücktreten, weil sie zusammen mit ihrem Gatten das berüchtigte Telefonat über Wochen hinweg bestritten hatte. Mit diesem nüchternen Text ist der Kopp-Film für «Facts» besprochen. Eine angemessene Berichterstattung, wie der Blattkritiker meint. Die «Weltwoche» richtet dagegen mit der grossen Kelle an.
"Ein Koppstand" vollständig lesen
Montag, 22. Januar 2007
Braucht es den Swissair-Prozess? Aber sicher, vielleicht, bloss nicht: Beim «Tages-Anzeiger» findet man ihn sinnvoll, bei der «Weltwoche» überflüssig, und bei der «NZZ am Sonntag» auch. Doch während uns Roger Köppel nur in seinem Editorial auf Vergeben trimmte, trägt die hippe Schwester der «NZZ» einiges dicker auf. Drei zu eins fürs Schonprogramm, lautet der interne Totomat.
"Swissair-Prozess: Dummheiten, Schutzbehauptungen und schwule Avancen" vollständig lesen
Samstag, 20. Januar 2007
Die amtlichen Schnüffler können dem technischen Fortschritt nicht mehr folgen. Telefone, die über das Internet geführt werden, könnten nicht mehr abgehört werden, beklagt sich Roger Schneeberger, Generalsekretär der Polizei- und Justizdirektoren, in einem Bericht der sda, der sich auf eine Meldung von Radio DRS abstützt.
Die «Aargauer Zeitung» leidet anscheinend mit. Denn ihren Artikel überschreibt sie mit «Gravierende Mängel bei der Telefonüberwachung».
Der Titel als Kommentar: Wann sind diese Zeiten wohl endlich vorbei?
Donnerstag, 11. Januar 2007
Das Bezirksgericht Bülach braucht die Akten über die ehemaligen Swissair-Verantwortlichen am 16. Januar gar nicht auszupacken. Und all die «Prozessbeobachter, Schaulustigen, Geschädigten und Journalisten» können sich den Weg in die Bülacher Stadthalle schenken. Diese Ansicht vertritt «Weltwoche»-Chef Roger Köppel in seinem Kommentar zum bevorstehenden «Schauprozess». Wird hier die Arbeit der Justiz bewertet, bevor sie überhaupt begonnen hat? Nicht doch. Er wolle «dem Verfahren nicht vorgreifen», teilt uns Köppel am Anfang seines Exkurses mit. Und greift dann munter vor: Die Swissair ging nur deshalb zugrunde, «weil die falschen Leute mit falschen Rezepten am Werk waren», weiss Köppel. Ungesetzliche Machenschaften der Swissair-Manager und -Verwaltungsräte schliesst er zum Vornherein aus. Zur Erinnerung: Die Klageschrift des Bezirksgerichts Bülach erwähnt unter anderem ungetreue Geschäftsbesorgung, Misswirtschaft und Bevorzugung einzelner Gläubiger. Für Köppel haben die Angeklagten allenfalls «geschummelt». Das alles sei zwar «traurig, aber kein Fall für die Gerichte.»
Für wen dann? Für Sepp Moser?
Donnerstag, 4. Januar 2007
Nach der Rückkehr aus Berlin führt Roger Köppel das Inlandressort seiner «Weltwoche» wieder an der kurzen Leine. Seither sind in der «Weltwoche» regelmässig bizzare argumentative Verenkungen zu lesen, wenn Bundesrat Blocher Thema ist. «Strategischer Rückzug» lautet der Titel des neusten Beispiels. Starpolitjournalist Urs Paul Engelers Analyse wird auf der Titelseite mit einem forschen Satz angekündigt: «Blocher sollte zurücktreten».
Ein strategischer Rückzug ist es vor allem für die «Weltwoche»: Köppel ahnt, dass die publizistische Nähe zu Blocher und der SVP dem Blatt schaden. Deshalb muss Engeler zum Lieblingsbundesrat Distanz markieren, was in einer akrobatischen Analyse mündet. Blocher sei ein Spielball und in der Defensive, schreibt Engeler über jenen Politiker, der seit seiner Wahl die Regierung dominiert. Blocher gebe den radikalen Reformer, den Klartexter und den kollegialen Bundesrat zugleich, spiele etwas Staatsmann und ein wenig Wahllokomotive für die SVP. Das führe dazu, so Engeler weiter, dass Blocher unfrei und unglaubwürdig wirke. Blocher solle deshalb zurücktreten, für den Nationalrat kandidieren und sich nach der Wahl ins Parlament wieder in den Bundesrat wählen lassen. So könne Blocher als freier Bürger um sein Amt kämpfen, um wieder ein Entweder-oder zu provozieren, damit «das Feuer, das die Wahlen 2003 zum ultimativen Kampf um die Ausrichtung der Finanz-, Wirtschafts- und Aussenpolitik gemacht hat», nicht erlösche.
Denn, und jetzt kommts, bei der kommenden Wahl stelle sich die Frage: Christoph Blocher oder die Koalititon der Illusionäre? Bürgerliche Politik der Beschränkung oder erneute Ausuferung des Staates? Stärkung der Schweiz oder Flucht in supranationale Gebilde? Womit Engeler schön brav wieder auf die Linie des SVP-Wahlargumentariums eingeschwenkt hat.
Scheinheiliger hat sich noch keiner von einer Wahlempfehlung distanziert. Braucht der Nationalzirkus Knie für die neue Saison vielleicht noch eine Akrobatik-Nummer?
Freitag, 29. Dezember 2006
Wenn der vielbeschäftigte Kurt Fluri, Stadtpräsident von Solothurn, Nationalrat und vierfacher Vater, endlich einmal Zeit für ein Interview findet, könnte man ihm viele Fragen stellen. Zum Beispiel die folgenden:
Wieso ist die verkehrsfreie Shoppingmeile jeden Tag rund um die Uhr mit Autos zugeparkt?
Wie lange können Dealer in der Bahnhofunterführung noch unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen?
Warum ist es in dieser Stadt nicht möglich, für Randständige innert nützlicher Frist eine neue Anlaufstelle zu schaffen?
Wie lange kann und will Solothurn noch von oder mit seinem verstaubten Barockstadt-Image leben?
Wieso wirkt in Solothurn alles so hinterwäldlerisch und provinziell? Doch Wolfgang Wagmann, der nur sehr mässig regierungskritische Leiter des Stadtressorts der Solothurner Zeitung, denkt nicht daran, «seinem» Stapi die Festtageslaune zu vermiesen. Sein Jahresbilanz-Interview mit Fluri liest sich wie ein Gefälligkeitgutachten.
"Fragen Sie nicht!" vollständig lesen
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