Dienstag, 6. Februar 2007
Das Bundesgericht hat den begleiteten Suizid als Grundrecht anerkannt, neu auch für psychisch Kranke.
Der Entscheid sei ein gefährliches Signal an ältere und kranke Menschen, sagt Ruth Baumann-Hölzle im samstäglichen «Bund». Christof Forster, Autor des Interviews, lässt die Medizinethikerin ausführlich zu Wort kommen und ihre kritische Haltung darlegen.
So weit, so gut. Und trotzdem schlecht. Nicht, weil der «Bund» Ruth Baumann-Hölzle keinen Platz geben soll. Nein, der Artikel hinterlässt einen schalen Geschmack, weil der «Bund» ein Kontra-Interview als objektive Beurteilung des Bundesgerichts-Urteils zu verkaufen versucht.
Wo bleiben die Argumente der Gegenseite? Wo bleibt die Meinung all jener, die denken, dass Sterbewillige ein Recht auf Autonomie und einen gewaltfreien Tod haben?
Mit der Auswahl der interviewten Person bezieht der «Bund» Stellung, ohne dies klar zu deklarieren. Wo bleibt der Kommentar, der als solcher gekennzeichnet ist?
Mittwoch, 15. November 2006
Am vergangenen Donnerstag war nationaler Tochtertag. Sinn der «Veranstaltung» ist es, einerseits den Mädchen mit Betriebsbesuchen Einblick in typische Männerberufe zu geben, andererseits die Knaben in der Schule für gesellschaftlich-familiäre Themen zu sensibilisieren. Ein einfaches und sinnvolles Prinzip.
Ein Prinzip, das viele trotzdem nicht verstehen (wollen?). Zu ihnen gehört Rudolf Burger vom «Bund». In seinem samstäglichen «Punktum» macht er sich über den Tochtertag lustig und zeigt, dass er einfach nicht begriffen hat, um was es geht. Burger schreibt:
(…)
Das Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung hat schon im Juli mit einem Schreiben, signiert von Vorsteher Max Suter, vor solchem Tun gewarnt. Es sei «nicht im Sinn des Tochtertages», die Knaben ebenfalls in die Betriebe zu schicken. Vielmehr wurde der Lehrerschaft «ans Herz» gelegt, die «gesellschaftliche Rollenthematik mit den Knaben situationsgerecht in den Schulen zu vertiefen». Ausdrücklich wurde nachgedoppelt, die Knaben seien «nicht identisch zu behandeln», sondern mit dem Material zu unterrichten, das die Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten entwickelt habe.
Die Frage stellt sich jetzt, ob es nicht ein Fall für eine noch höhere Gleichstellungsinstanz wäre, wenn Erziehungsdirektion und Gleichstellungsbeauftragten-Konferenz explizit zur Diskriminierung von Knaben aufrufen.
(‚Ķ) Diskriminierung von Knaben? Herr Burger, es geht mit dem Tochtertag eben gerade nicht darum, den Kindern ganz allgemein einen Einblick in die Arbeitswelt zu geben, sondern darum, explizit den Mädchen so genannte Männerberufe vorzustellen und ihnen andere Rollenbilder zu vermitteln. Die Knaben sollen ihre Rollenbilder am Tochtertag ebenfalls hinterfragen ‚Äì indem ihnen in der Schule gezeigt wird, dass es auch für Männer Aufgaben in der Familie gibt (z.B. indem man Hausmänner in die Schule einlädt).
Das hat die Erziehungsdirektion im angesprochenen Brief geschrieben. Ist das so schwierig zu verstehen?
Donnerstag, 27. April 2006
49.9999 Prozent der Italiener haben Silvio Berlusconi gewaehlt. Die Weltwoche weiss warum.
Mittwoch, 29. März 2006
Zeitungen dürfen möglicherweise verletzende Karikaturen wie die Mohammed-Zeichnungen abdrucken, schreibt der Presserat in einer Stellungnahme - allerdings nur, wenn sie damit eine laufende öffentliche Auseinandersetzung dokumentieren und das Thema journalistisch analysieren und präsentieren. Die Freiheit von Satire und Karikatur sei weder an religiöse Bildverbote gebunden, noch habe sie auf besondere Empfindlichkeiten von orthodoxen Gläubigen abzustellen. Sie sei jedoch verantwortlich zu handhaben.
Einige Medien wie die «NZZ», der «Tages-Anzeiger», das Schweizer Fernsehen und die «Berner Zeitung» haben die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Textbeiträgen explizit abgelehnt. Andere haben eine oder mehrere der Karikaturen publiziert, so die «Weltwoche», der «Blick», «Le Temps», «24Heures», «Tribune de Gen√®ve», «La Libert√©» und die «NZZ am Sonntag». Welche dieser Zeitungen die Bedingungen erfüllt haben, hat der Presserat nicht untersucht.
Mittwoch, 15. Februar 2006
DRS3 berichtete soeben kurz über Weblogs. Blogs seien kein Massenmedium, so der Tenor des stark kommentierenden Beitrags, in dem der Zürcher Medienwissenschafter Mirco Marr ausführlich zu Wort kam.
Sind Blogs ein Massenmedium? Eine leidige Debatte, finden wir. Weblogs sind vorab eine Technik, vielleicht mit einigen Besonderheiten in der Gestaltung der Inhalte sowie in der Art der Nutzung. Und: Ein Weblog kann durchaus zum Massenmedium werden - wenn viele Leute es regelmässig nutzen. Oder liegen wir daneben?
Der Höhepunkt des Beitrags kam aber erst danach: der Kommentar der Moderatorin. Darin belegt sie stringent, weshalb es mit der Bloggerei abwärts geht: Die «Weltwoche» hat letztes Jahr zwei Blogs abgeschaltet...
Dienstag, 15. November 2005
NZZ-Sportchef Felix Reidhaar ist immer wieder für ein missratenes Sprachbild gut (siehe z.B. Eintrag von gestern). Heute allerdings bleibt dem Leser seines Texts zur Ankunft der Schweizer Fussballer in Istanbul das Lachen im Hals stecken. Reidhaar schreibt:
Wer diese Hürde doch geschafft und die Gepäckbänder guten Mutes erreicht hatte, bekam anstelle der eigenen Utensilien erst einmal balkanische Sitten und Gebräuche präsentiert.
Vorgeführt von einem Rudel ziemlich wilden, mit Legitimationskarten behängten Personals, das den Nationalcoach mit wenig schmeichelhaften Ausdrücken und Fingerzeichen bedrängte. «Balkanische Sitten und Gebräuche» sind also «wenig schmeichelhafte Ausdrücke und Fingerzeichen», vorgeführt von einem «ziemlich wilden Rudel»? Oder wie müssen wir das verstehen?
Lieber Herr Reidhaar, das ist hart an der Grenze zum Rassismus und auch nicht durch den unschönen Empfang in Istanbul zu entschuldigen.
Sonntag, 6. November 2005
In Zeiten, in denen Erdöl eigentlich gespart statt in überdimensionierten Automotoren verbrannt werden sollte, gefällt sich die Weltwoche in der Verherrlichung grosser Benzinschlucker. Auch dann, wenn Autor Ulf Poschardt in der wöchentlichen Auto-Kolumne den Verbrauch ausnahmsweise thematisiert (wie in der aktuellen Weltwoche, Nummer 44):
Man kann ihn unter 12 Litern fahren. Schuld daran ist der 5-Zylinder-Reihenmotor, der dafür nicht gerade zum Sprint einlädt. Oder wie in Nummer 43:
Diese luxuriöse Antriebskombination sorgt für heftigen Schub, sensationellen Grip und ‚Äì sehr erfreulich ‚Äì vernünftige Verbrauchswerte. Was bei den überaus sportlichen Fahrleistungen heisst: um die zehn Liter. Drunter ist, noch, unrealistisch.
«Vernünftige Verbrauchswerte»? Die Weltwoche propagiert Sprint, Schub und Grip um jeden Preis! Hat das Magazin die Zeichen der Zeit einfach nicht erkannt oder gehts mal wieder ums blosse Provozieren?
Wie auch immer: dass es «drunter» geht ‚Äì wenn auch nur in Sachen Niveau ‚Äì, beweist Ulf Poschardt Woche für Woche. Er legt seine Auto-Kolumne tiefer. So tief, dass man sich fragt, ob er seine Texte tatsächlich ernst meint oder ob das schon so etwas wie Satire sein soll.
Gefährlich ists aber so oder so: Für allzu viele geschundene Männerseelen dürften Poschardts Sprüche Balsam sein. Allzu viele dürften ernst nehmen, was der Autor schreibt und sich auch so überlegen fühlen wollen wie Ulf Poschardt in seinem BMW M5 (Weltwoche Nr. 39):
Johlend geniesst man das Vorbeifliegen der andern Verkehrsteilnehmer und eine fast jenseitige √úberlegenheit, die Souveränität verschafft, ohne sie vordergründig kommunizieren zu müssen. Brrr, da sträuben sich die Nackenhaare. Wie klein und bedeutungslos muss man(n) sich fühlen, um beim √úberholen eine «jenseitige √úberlegenheit» zu spüren?
Zugegeben, das war jetzt auch eine Plattitüde ‚Äì und erst noch viel weniger schön formuliert, als es Poschardt tut. Also lassen wir das. Richtig schlimm werden die Kolumnen nämlich vor allem dann, wenn Poschardt Politisches einbaut. So zum Beispiel, wenn er in der selben Kolumne über seine Teilnahme an einer ZDF-Talkshow berichtet. Er schreibt:
Vielleicht war es das Adrenalin der Anfahrt (mit viel Autobahn), die mich präziser und schärfer artikulieren liess. Die Freiheit des Einzelnen muss unerbittlich gegen das Mittelmass der Gleichheitsseligen verteidigt werden. «Das Mittelmass der Gleichheitsseligen»? Brrrr zum zweiten. Das sind Sätze, die das Blut gefrieren lassen. Hören wir da so etwas wie Herrenmenschen-Töne heraus?
Auch wenn wirs nicht wahrhaben wollen ‚Äì wahrscheinlich haben wir richtig gehört. Denn der Clou folgt sogleich:
Nach dem Showdown liess ich mich in die Schalensitze des M5 fallen wie in die Arme einer geliebten Frau. √úbernimmt Rot-Rot-Grün die Macht, wird dieses Auto inneres Exil der Leistungseliten oder das Fahrzeug ihrer Flucht. Brrrr zum dritten. Und schade, dass Rot-Rot-Grün die Macht nicht übernommen hat. Denn dann wäre die Leistungselite √† la Poschardt jetzt auf der Flucht ‚Äì mit welchem Auto auch immer.
Freitag, 4. November 2005
Michael S. Malone, Ex-Chefredaktor von Forbes ASAP, sieht ein neues Medienzeitalter anbrechen:
Let me make a prediction. Five years from now, the blogosphere will have developed into a powerful economic engine that has all but driven newspapers into oblivion, has morphed (thanks to cell phone cameras) into a video medium that challenges television news, and has created a whole new group of major companies and media superstars. Billions of dollars will be made by those prescient enough to either get on board or invest in these companies. At this point, the industry will then undergo its first shakeout, with the loss of perhaps several million blogs — though the overall industry will continue to grow at a steady pace. And, at about that moment, Forbes will announce that the blogosphere is the Next Big Thing for investors.
Dienstag, 25. Oktober 2005
Ernährung und √úbergewicht ‚Äì ein Dauerthema, das derzeit quasi Hochkonjunktur erlebt und in aller Leute Munde ist. Klar, dass die Medien deshalb wiederkäuen, verbraten, aufwärmen und neu anrichten.
Zu Wort meldet sich auch ein alter Bekannter, Udo Pollmer, seines Zeichens Lebensmitteltechniker, Ernährungsexperte und immer für eine Provokation gut. Ganze drei Seiten widmet die aktuelle «Weltwoche» seinen knackig zu lesenden Häppchen über die Ursachen des √úbergewichts.
Der News-hungrige Leser setzt sich angesichts des bekannten Autors erwartungsfroh zu Tisch, hofft auf ein Menü an neuen Erkenntnissen ‚Äì und wird enttäuscht. Pollmer verkauft, geschickt verpackt, alte Zöpfe, neu aufgebacken: Hormone haben einen Einfluss auf die Futterverwertung; Trauer und Stress führen, ob nun direkt über die vermehrte Ausschüttung von Cortisol oder indirekt über die erhöhte Kalorienzufuhr, zu √úbergewicht; glückliche Kinder sind schlanker als unglückliche. Nichts, was wir nicht schon gekannt und probiert hätten. Weder Vorspeise, noch Hauptgang, noch Dessert bringen eine Delikatesse.
Das wäre im Prinzip nicht weiter tragisch. Es bleibt aber ein fahler Nachgeschmack. Ungesund wirds nämlich dann, wenn Texte wie der vorliegende den zu √úbergewicht neigenden Leserinnen und Lesern beiläufig jede Menge Zutaten liefern, mit denen sie sich ihre Rechtfertigungen für das √úbermass an Pfunden zusammenbrauen können. Pollmer schreibt, salopp zusammengefasst: Diät und Sport bringen nichts, also lass es lieber, nimm ruhig zu, wenn es dir schlecht geht, das ist ok und völlig normal, also kümmere dich nicht drum, iss einfach «normal» und beachte, auf was dein Körper Lust hat.
Zu dumm allerdings, wenn der Körper nach Schokolade schreit oder sich nach fettigen Sossen und Big Macs verzehrt. Anstatt x-mal Gegessenes aufzuwärmen und √úbergewichtigen ihre Ausreden auf dem Silbertablett zu präsentieren, würden Pollmer und die «Weltwoche» besser daran tun, verständlich zu machen, dass das Symptom √úbergewicht nicht gesund ist und es gilt, die Ursachen zu bekämpfen ‚Äì sei es mittels Bewegung, «besserer» Ernährung oder Besuchen beim Psychiater.
Mittwoch, 12. Oktober 2005
«Viele trinken bis zur Ohnmacht», titelt die BZ heute im Regionalteil. Im Text liest man:
Markus Bürgi, Therapeut und Mediensprecher an der Suchtklinik Südhang in Kirchlindach, sagt: «Der Trend zeigt einen Graben auf: Die einen trinken kaum Alkohol, dafür greifen die anderen exzessiv zur Flasche und trinken bis zur Ohnmacht.» Das sind Rauschtrinker, die «schnell und möglichst viel» reinschütten. Oft seien diese Jungen ‚Äì immer öfters auch Mädchen ‚Äì dann «Siebesieche» in der Clique, sagt die diplomierte Sozialarbeiterin Gisela Steinmann. Sie ist Mitautorin einer Diplomarbeit, welche die Trinkkultur der Jugendlichen beleuchtet. Rauschtrinken werde bewundert, was den Betroffenen Selbstbestätigung gebe, «aber auch für volle Notfallaufnahmen der Spitäler sorgt», weiss Markus Bürgi. Hmm, schlimm dieses Rauschtrinken, denkt der Leser ‚Äì schlimm, dass die Trinker dafür von ihren Alterskameraden bewundert werden.
Wer weiterblättert, landet schliesslich im BZ-Sport. Da gehts ums Irland-Spiel von heute abend und um eine «wilde Reisegruppe» auf der Suche nach Tickets. Keine Frage: Die sechs jungen Berner, die Dublin unsicher machen, sind echte Kerle. Denn:
Sie haben dicke Ringe unter den Augen. Geschlafen haben sie kaum. Sie kommen direkt von einem Pub hierher, in die Lobby des Hotels Herbert Park. Schnell wird klar, die Jungs haben ein Problem. Nein, nicht das Saufen, sondern die beschränkte Zahl von Tickets. Erst zwei haben sie erstanden. Was tun?
«Um die zwei Karten unter uns zu verteilen, werden wir ein Wettsaufen veranstalten», sagt Andreas. Das nennt sich eine pragmatische Lösung. Wettsaufen statt Ausjassen! Der Nachwuchs weiss sich halt mit spannenderen Spielen zu helfen als unsereins. Und weiter im Text:
Am Nachmittag ziehen die sechs fussballverrückten Berner durch Dublin. Um vier Uhr hocken sie an einer Bar ‚Äì und trinken Bier. Schon wieder?! Hmm, schlimm dieses Rauschtrinken, denkt der Leser ‚Äì schlimm, dass die Trinker dafür von BZ-Sportjournalisten bewundert werden.
Montag, 10. Oktober 2005
Ex-US-Vizepräsident Al Gore sieht Amerikas Demokratie in Gefahr. In seiner Rede «The Thread to American Democracy» beschreibt er den Niedergang der US-Medien und befürchtet eine direkte Bedrohung der Demokratie. Und, Gore bricht eine Lanze fürs Internet: «We must ensure that the Internet remains open and accessible to all citizens without any limitation on the ability of individuals to choose the content they wish regardless of the Internet service provider they use to connect to the Worldwide Web. We cannot take this future for granted. We must be prepared to fight for it because some of the same forces of corporate consolidation and control that have distorted the television marketplace have an interest in controlling the Internet marketplace as well. Far too much is at stake to ever allow that to happen. We must ensure by all means possible that this medium of democracy's future develops in the mold of the open and free marketplace of ideas that our Founders knew was essential to the health and survival of freedom.» Zu lesen ist Al Gores Rede hier.
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