Donnerstag, 19. April 2007
Mit den Umzügen ist es in der Schweiz so: «Die Basler» und «die Luzerner» tummeln sich an «medial überdokumentierten Fasnachten». «Die Zürcher» aber geruhen ihr Sechseläuten «als eine Mischung aus Street Parade und militärisch durchorganisiertem Trachtenumzug» zu sehen. Das lesen wir im aktuellen Editorial der «Weltwoche». Also wird es wohl so sein.
Dass sich die Fasnacht mit ihrem religiosen Hintergrund und das Sechseläuten als Grossaufmarsch der lokalen Wirtschafts- und nationalen Politprominenz nur mit viel bösem Willen zur Polemik vergleichen lassen, spielt für die «Weltwoche» eine sehr untergeordnete Rolle. Wichtig ist dem namenlosen Editorial-Verfasser, dass am Sechseläuten «die schönsten Frauen des Landes» zu bestaunen sind, die, man glaubts nicht, mit Blumen um sich schmeissen und drauflosküssen, dass es eine Freude ist. Die Fasnacht hingegen erinnert gemäss der «Weltwoche» «an volkstümliche Fernsehsendungen am Samstagabend» und ergötzt also vor allem den Pöbel (der eben diesen Sendungen regelmässig zu Rekord-Einschaltquoten verhilft; aber auch das ist egal). Am Sechseläuten wiederum «sieht man unverstellte, selige Fröhlichkeit auf Zürichs Strassen». Zugegeben: Das steht in einem argen Kontrast zu all den fasnächtlichen Griesgramen, die depressiv durch die Basler und Luzerner Gassen schlurfen und ihren «dekorierten Trash» abfeiern. Zürich aber verzichet auf Trash und Deko. Das sieht man daran, dass alle Beteiligten in ihrer Alltagskluft umherstolzieren und niemand auf die abseitige Idee verfiele, beispielsweise eine Uniform anzuziehen.
Damit nicht genug: Die «Weltwoche» weiss auch, dass sich am Sechseläuten «die interessantesten Begegnungen im Diskreten jenseits der Kameras» abspielen. Wer auch nur ein einziges Mal an einer Fasnacht war, wird der «Weltwoche» zumindest in diesem Punkt zustimmen: Zu interessanten Begegnungen kommt es während des Narrentreibens so gut wie nie. Weder vor noch hinter Kameras. Oder anders gesagt: Zu interessanten Begegnungen kommt es an der Fasnacht etwa so häufig wie zu journalistisch positiv bemerkenswerten Leistungen in der «Weltwoche».
Dienstag, 17. April 2007
Früher mochte der Blattkritiker den «Tages-Anzeiger» auch wegen seiner Textqualität. Doch seit das Seichte immer höher schwappt, ist die Lektüre zäh geworden. Simone Meier, zum Beispiel, verfasste früher täglich erstklassige Texte. Heute ist sie Kulturredaktorin und schreibt Randnotizen, die selten erhellend und noch seltener humorvoll sind. Ein Beispiel: Diesen Frühling wollte sie Eva «Back to Backofen» Herman die freie Rede verbieten. Worauf der gründlich empörte Thomas Widmer, Wanderkolumnist bei der «Weltwoche», Simone Meier das Schreiben verbieten wollte. Worauf dann eine hitzige Diskussion über die Meinungsfreiheit im Allgemeinen und ... sind Sie noch wach, liebe Leserinnen und Leser?
Doch was tut Simone Meier in der heutigen Ausgabe des «Tages-Anzeigers»? Sie drischt wieder auf Eva Herman ein, nennt sie eine «Transe im Geiste», die ihren «doppelt männlichen Nachnamen kastriert» habe, was auch heisse, dass man «dieses spinnerte schreibende Frauenzimmer», diese «Tante», «gar nicht ernst nehmen» müsse. Mit dieser Suada wird Frau Meier zweifellos ein paar Minuten Aufmerksamkeit ernten. Vielleicht zerbricht sich Thomas Widmer gerade den Kopf über seine nächste Kolumne und nimmt Frau Meiers Ball dankbar auf. Worauf sich dann wieder alle empören können: Frau Meier über Frau Herman, Herr Widmer über Frau Meier, die «Weltwoche»-Verächter über Herrn Widmer, die Neocons über die «Weltwoche»-Verächter und so weiter.
Ist das spannend? Nicht die Bohne. Deshalb wünscht sich der Blattkritiker, dass der «Tages-Anzeiger» erstens das Korrektorat wieder einführt und zweitens Frau Meier die Gelegenheit zur langen Form gibt. Er ist überzeugt, dass sie mehr und Besseres zu sagen hat als diesen postfeministischen Empörungs-Aufguss.
Sonntag, 10. Dezember 2006
In der «NZZ» vom 8. Dezember berichtet Roman Bucheli vom Robert-Walser-Symposium «Ferne Nähe» an der Universität Zürich. Wir beschränken unsere Würdigung auf einen einzigen Satz: Daraus ergab sich in Zschokkes √úberlegungen das drastische Bild des labyrinthischen, vielfach zersplitterten Ichs, dessen innere Zerreissprobe sich in die harmlos scheinenden, aber unter ihrer Gedankenfülle auseinanderbrechenden Sätze ausstülpte, was sich wiederum ganz zwanglos mit Brigitte Kronauers Darlegungen überkreuzte. Spätestens nach dem dritten erfolglosen Leseversuch überkreuzt sich die Syntax des Satzes ganz zwanglos mit der Verwirrung. Der Blattkritiker legt die «NZZ» weg und greift zum unverdünnten Walser. Dieser schreibt in seinem Artikel «Vom Zeitungslesen», der im Prosaband «Feuer» erschienen ist: Wie oft wirft man die knisternden [Zeitungs-] Blätter halb ausgelesen, ja kaum recht angelesen, zur Seite, in der Meinung, nichts in ihnen für Geist und Gefühl antreffen zu können, und doch schlummern die schönsten und tiefsten Dinge darin. Ein willkürliches Beispiel, gewiss. Aber für einen auseinanderbrechenden, von sich ausstülpenden Ich-Fragmenten besetzten Satz ganz schön verständlich.
Samstag, 25. November 2006
Bekanntlich hat die «BZ» diesen Frühling die Ressorts abgeschafft, den Kulturteil atomisiert und damit die letzten paar Leser vergrätzt, die sich unter Kultur mehr vorstellen als den gelegentlichen Besuch des Gurtenfestivals (wir berichteten z. B. hier).
Im «Tages-Anzeiger» vom 23. November berichtet Jean-Martin Büttner von einem Podiumsgespräch zwischen Michael Hug von der «BZ», Daniel Landolf vom «Bund» und den Museumsdirektoren Matthias Frehner (Kunstmuseum Bern) und Reinhard Spieler (bis vor kurzem Gertsch-Museum Burgdorf). Und Hug scheint immer noch zu wissen, was seine Leser wollen:
Wenn die «Berner Zeitung» ihre Wetterseite ändert, regnet, hagelt und schneit es Proteste. Als sie im April ihren Kulturteil auflöste und den verbliebenen Rest anderswo verstaute, blieben die Reaktionen übersichtlich. Es habe, erzählt [Hug], nur gerade eine Abonnementskündigung gegeben. Oder wenigstens nur eine Kündigung, die sich explizit darauf bezog. Daraus zieht [Hug] den Schluss, das kulturell interessierte Publikum der BZ sei vernachlässigbar klein und die Kulturberichterstattung «ein absolutes Minderheitenprogramm». (...) Gleichzeitig behauptet Hug aber auch, die kulturellen Themen nähmen in der «Berner Zeitung» jetzt «rein quantitativ einen breiteren Raum ein.» Die Umordnung sei «nichts anderes als ein Ordnungsprinzip» gewesen. Was man nicht mehr wolle: Redaktoren als Experten, die ihre Themen verteidigten Redaktoren als Experten - ein Alptraum. Eine solche Haltung hat natürlich auch rein qualitative Auswirkungen. Büttner: An Stelle der Experten und Themen ist eine Kulturberichterstattung getreten, die sich gegen Nachrichten und Politik behaupten muss. Was an Kultur übrig bleibt, erscheint vornehmlich in Form von Spektakeln, fingerschnippendem People-Klatsch und Vorschauenjournalismus, der stets bejaht. Ein hartes Urteil, das in Einzelfällen auch über Büttners eigene Zeitung zu verhängen wäre. Doch wenigstens hält der «Tages-Anzeiger» einstweilen am Kulturteil fest. Eine weise Entscheidung. Denn so gut, wie Hug es wohl möchte, scheint auch die «BZ» nicht zu fahren: Die Auflösung des Kulturressorts sei eine Neuerung, gibt Michael Hug zuletzt ‚Äì und spürbar gereizt ‚Äì zurück. «Wir sehen einen Sinn darin, aber wir wissen nicht, ob es funktioniert.» Wenn nicht, «geben wir Ihnen den Kulturteil zurück». Was für ei¬≠ner das sein würde, sagt er nicht. Vermutlich kein prickelnder. Denn Experten sind ja out, oder?
Mittwoch, 4. Oktober 2006
Heute erscheint die 100. Ausgabe des innovativen Printprodukts «heute». Heute gewährt uns die Redaktion dieses Printprodukts einmal mehr einen bescheidenen ganzseitigen Blick hinter die Kulissen. Und heute räumt sie selbstkritisch ein: Zwischen kurzfristig anberaumten Sitzungen, hektisch klingelndem Telefon und dem Beantworten von Leserbriefen kann es schon passieren, dass ein «for» statt «vor» durch die Korrektur rutscht. (...) Rate dummer Fehler: 2,7 (täglich, leider) Eine optimistische Schätzung. In der heutigen Zürcher Ausgabe ist - als willkürliches Beispiel - von der Vogelgrippe-Prävention die Rede:
Die Stadt Zürich hat 2,4 Millionen Masken für den Fall einer Grippe-Pandemie bestellt. Ausschliesslich für das städtische Personal. (...) Die Flies-Masken reichen für 100 Tage. Ob Fliegen-Masken besser schützen als ein Vlies-Masken? Genug der Erbsenzählerei. Für «heute» ists gut («Sooooo guet!» würde Fredi Hinz sagen).
Deshalb ein positivistisches Schlusswort aus dem offiziellen Weblog: Die Redaktion arbeitet mittlerweile routiniert. Die Absatzzahlen sind sehr erfreulich. Die potentiellen Anzeigenkunden sehen das Projekt ‚Äûheute‚Äú positiv. Das bestätigen uns auch die verschiedenen Blattkritiker, die wir in den letzten Wochen eingeladen haben. Ehrlich: Wir warens nicht.
Sonntag, 10. September 2006
9/11 ist der Schwerpunkt der «NZZ»-Wochenendausgabe. Wer sich durch die zahlreichen Artikel zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Attentate endlich ins Feuilleton durchgekämpft hat, liest dort einen kruden Titel: Der Angriff der Vergangenheit auf die übrigen Zeit
Der 11. September war auch ein Attentat auf die literarische Phantasie. Das dürfte etwas übertrieben sein. Die literarische Phantasie ist immateriell und damit vor Ermordung sicher. Und sie widmet sich zum guten Glück auch noch anderen Themen als «The Two Towers».
Der Blattkritiker goutiert die Schlagzeile nicht. Und auch nicht den darunter stehende Artikel von Andrea Köhler (ausnahmsweise sogar frei zugänglich). Zu viele schiefe Bilder vergällen ihm das Lesevergnügen. Zum Beispiel das folgende: Die tagespolitischen Einschlüsse [in Ian Mc Ewans Buch «Saturday»], die dem fiktiven Geschehen als mattes Räsonnement aufgepfropft sind, rauben der Literatur die ansteckende Dimension, die uns zum Buch greifen lässt statt zur Zeitung. Doch seit die Zukunft ins Präsens stürzte und Terroristen an den Texten mitschreiben, hängt die Sprache vieler Schriftsteller den Ereignissen merkwürdig hinterher Mit der «Zukunft» sind anscheinend die WTC-Türme gemeint (Köhler: «Eine vertikal ausgerichtete Perspektive, die am Himmel Mass nahm»). Das Bild ist trotzdem falsch. Die Zukunft hat im Präsens nichts verloren: Sie geschieht nicht, sondern wird geschehen. So hängt dann die Sprache der Logik merkwürdig hinterher. Und dann erst die mitschreibenden Terroristen! Greifen sie tatsächlich den Herren Mc Ewan, Amis oder Updike in die Tastatur? A propos:
Was Updike, ein in der Wolle gewaschener Protestant und subtiler Erzähler, im Kopf seines islamistischen Attentäters vorfindet, ist nicht weit entfernt von jenen Klischees, die man bei sich selbst immer öfter entdeckt, seit unsere täglichen Wege von Sprengstoff gesäumt sind Leider werden diese Klischees, die man anscheinend sein Eigen nennt, nicht genannt. Schade! Gerne hätte der Blattkritiker als in der Wolle gefärbter Neugieriger erfahren, ob seine Vorurteile dem Plansoll entsprechen. Aber wessen Wege von Sprengstoff gesäumt sind, der soll sich nicht mit derlei Spitzfindigkeiten abgeben, sondern besser Acht geben, wo er hintritt. Sonst stürzt unversehens auch seine eigene Zukunft ins Präsens. Oder wie war das noch gleich?
Während die Realität zunehmend in Dichotomien auseinanderzudriften scheint, bleibt der Roman das Feld, jene notorisch zu unterwandern. Das Merkmal ästhetischen Mehrwerts ist genau das Gegenteil all der Erklärungen, mit denen wir uns zu Recht, wenn auch vergeblich über den Tag bringen: Ambivalenz und Komplexität. Dann müsste man aber erst recht eindeutig und klar schreiben.
Donnerstag, 17. November 2005
Böse Zungen sagen den Aargauern nach, kein besonderes Kulturverständnis zu haben. Die Aargauer Zeitung bemüht sich, ihren Lesern diesbezüglich etwas auf die Sprünge zu helfen. Folgen wir dem Kritiker Bruno Rauch ins Zürcher Opernhaus zur Probearbeit von "Harley":
Orchesterprobe: Aus dem Graben steigt kompakter und doch transparenter Klang. Wie man sich losen, intransparenten Klang wohl vorstellen müsste?
Unisono setzen Klarinetten und Fagotte rythmisch-federnde Akzente ins Tutti. Farbiges Schlagwerk – Tempelblock, Triangel und Marimba – schafft nervige Strukturen. Alles Tempelblock oder was? Gerne würde der Laie auch mitfedern, doch der Text entwickelt nervige Strukturen.
Dreiklänge türmen sich zu Wohllaut und Harmonie, vermeiden aber eine eindeutige tonale Funktion. Ein atonaler, kompakter Turm. In seiner Funktion zwar nicht sehr transparent, aber Hauptsache, es klingt klug.
Plötzlich gerät das schillernde Geflecht ins Stocken, um sich überraschend in einem wuchtigen Akkord zu entladen: ein musikalischer Aha-Effekt, gewissermassen. Spätestens die Entladung des stockenden Geflechts führt zum literarischen Weglege-Effekt. Angesichts solcher Kulturbeiträge erstaunt es nicht, dass mancher Mittelländer lieber an die Dorfchilbi als ins Opernhaus geht, gewissermassen.
Mittwoch, 19. Oktober 2005
«Black‚Äôn‚ÄôBlond» ‚Äì seit Montag Abend hat die Schweiz wieder eine eigene Late-Night-Show. Roman Kilchsperger und Chris von Rohr versuchen fortan wöchentlich, berühmten Vorbildern nachzueifern und 35 Minuten lang lustig zu sein.
Ob ihnen der Start geglückt ist, darüber gehen die Meinungen (natürlich) auseinander. Während der Berner «Bund» die Premiere der Sendung so schlecht findet, dass «Kritik sinnlos scheint», bezeichnet die «Berner Zeitung» den Auftakt als «gelungen». Während laut Bund kaum Hoffnung besteht, «dass sich die Pointen je vom Genitalbereich in Richtung Intellekt verschieben werden», vermutet die BZ «Kultpotenzial».
Grundsätzlich ist es natürlich zu begrüssen, wenn sich die zwei Berner Zeitungen nicht nur optisch unterscheiden. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, wie tief das Niveau sinken muss, bis es niemand mehr cool findet. Oder die Frage, «ob SF DRS angesichts bevorstehender Millionen-Sparrunden wirklich gut beraten ist, ausgerechnet in dergestalt dumpfbackige Blödelformate zu investieren», wie der Bund schreibt.
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