Sonntag, 15. Juli 2007
In der «NZZ am Sonntag» finden wir heute eine spannende Mitteilung: Abnehmen mit eBalance
Eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Zürich hat mittels einer Online-Befragung von 480 Teilnehmern des Gewichtsreduktionsprogramms eBalance.ch ergeben, dass die Nutzer im Schnitt rund 5 Kilogramm verlieren. Hochgerechnet auf die 20 000 Mitglieder, bedeutet dies, dass dank eBalance.ch in der Schweiz rund 100 Tonnen Übergewicht abgespeckt wurden. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung lobt eBalance.ch in ihrem neuen Buch «Gesund abnehmen». Und bei einem Langzeit-Vergleichstest der Zeitschrift «Gesundheitstipp» von K-Tipp hatte die Testperson, die mit eBalance.ch gegen Weight-Watcher-, Reductil- oder Xenical-Kandidaten antrat, mit Abstand den grössten Erfolg: eine Gewichtsreduktion von 12 Kilogramm seit Januar dieses Jahres. (cde.) Und jetzt zur Preisfrage: Wo und wie wurde dieser Text platziert?
A) Im «Schweiz»-Bund als Hausmitteilung?
B) Im Editorial?
C) Im «Stil»-Bund?
Alles falsch. Der Text steht im «Wissen»-Bund zusammen mit zwei anderen Kurztexten unter dem Titel «Neues aus der Wissenschaft». Damit das Lesen nicht zu schwer fällt, hat die Redaktion ein inhaltliches Gewichtreduktionsprogramm durchgezogen. Denn «eBalance» ist bekanntlich ein «Projekt» der «NZZ Neue Medien».
Die «NZZ am Sonntag» berichtet über ein «NZZ»-Projekt und vergisst vor lauter Freude über dessen gutes Abschneiden den Disclaimer. Das soll in den besten Häusern vorkommen. Wir fragen uns trotzdem: Ist das jetzt noch eine abgespeckte Hausmitteilung oder schon gewichtsreduzierte PR?
Montag, 18. Juni 2007
Wenn es um Zahlen geht, wird bei «heute» geklotzt, nicht gekleckert. Eine Million von 82 Millionen Deutschen führt zum Beispiel zum Titel «Deutsche sind netzsüchtig». Und auch heute hat «heute» wieder grosszügig aufgerundet. Der hauseigene Wettbewerb für ein Fotoshooting wird uns nämlich mit folgendem Titel angepriesen: Alle wollen ans Elite-Fotoshooting Alle? Alle Zürcherinnen? Alle «heute»-Leserinnen? Alle Schweizerinnen? Alle Frauen auf der ganzen Welt? Gespannt lesen wir den Lead: ZÜRICH. Seit Freitag können sich Nachwuchsmodels bei uns für ein Elite-Modellook-Shooting melden. Bislang haben das schon 100 Mädchen und ein Knabe getan. Das sind beeindruckende Zahlen. Wir wollen deshalb «heute» nicht wegen seiner masslosen Rundungstoleranz rügen, sondern für den unweigerlichen Folgeartikel über den verirrten Mann schon mal einen knackigen Titel vorschlagen: Einer gegen alle Denn das alle genau 100 sind, haben wir uns jetzt gemerkt.
Freitag, 11. Mai 2007
In der Mittwochsausgabe der «Berner Zeitung» findet sich auf der «Freiburg»-Seite ein Text über ein Hanf-Strafverfahren, den wir auch nach dem dritten Mal lesen nicht verstehen.
Wir fragen uns, wer da wohl in die Tasten gehauen hat - oder wer diesen Text redigiert hat. Unterzeichnet ist der Artikel mit VSHF. Ein Kürzel aus vier Buchstaben? Sehr speziell! Hmm, VSHF? Ach ja, richtig: VSHF = Verein Schweizer Hanffreunde.
Montag, 30. April 2007
In der Regionalausgabe des «Tages-Anzeigers» für das Zürcher Oberland lesen wir heute die Bildlegende:
Genug lang an die Füsse gefroren und Eis von der Autoscheibe gekratzt; der Sommer da. Für die Wintersatten und Sonnenhungrigen öffneten die Badis in Effretikon, Grafstal und Pfäffikon (im Bild) am Samstag ihre Tore. Wenn auch die 18 Grad im See noch nicht zu einem Schwumm einluden, der geheizte Swimmingpool lockte Schwimmflügeli wie Bikiniträger an. Und wie sagt man so schön; Sommer gut, alles gut. Erstaunlich, wie viel Nonsens man in vier Sätze einbauen kann:
«… an die Füsse gefroren» = schlechtes Deutsch. Man friert «an den Füssen» oder «hat kalte Füsse». Zudem fragen wir uns, wo der Autor den «Winter» verbracht hat? Oder hätten wir an dieser Stelle schmunzeln sollen?
«… der Sommer da» = wie wärs mit Korrekturlesen?
«zu einem Schwumm einladen» = Dialekt. Wir empfehlen: Ins Korrektorat anläuten und nachfragen, wenn man in Sachen Grammatik ins Schwümmen kommt.
«die 18 grad … einluden, der geheizte Swimmingpool lockte an» = Abstrakta als Subjekt. Ist zwar gebräuchlich (die Dürre droht; die Teuerung frisst die Renten weg; das Chaos herrscht), aber trotzdem falsch.
«… lockte Schwimmflügeli wie Bikiniträger an» = Hä? Erstens: Gemeint sind wohl BikiniträgerINNEN und nicht Männer in Damenkleidung oder jene Teile, die das Oberteil oben halten. Zweitens: Wo bleiben die Männer? Haben in Pfäffikon nur männliche Nichtschwimmer Zutritt?
«… lockte Schwimmflügeli wie Bikiniträger an» = ungleiche Ebenen. Richtig wäre: «… lockte Schwimmflügeli wie Bikinis an» oder «lockte Schwimmflügeliträger wie Bikiniträger an».
«Schwimmflügeli» = Dialekt. Wir empfehlen: siehe oben.
«… Sommer gut, alles gut» = tolles Sprichwort, das wir leider noch nie gehört haben. Aber wahrscheinlich hätten wir auch hier einfach nur schmunzeln sollen!
Zugegeben: Legenden kritisieren ist vielleicht ein bisschen kleinlich und manchmal banal. Aber: Mindestens sechs Fehler in acht Zeilen sind selbst für heutige Massstäbe vier zuviel ‚Äì und ein schönes Beispiel dafür, dass auch bei einer Qualitätszeitung wie dem «Tages-Anzeiger» zu viel Müll ungeprüft im Blatt landet.
Freitag, 27. April 2007
Dass ...
... die SVP 100 000 neue Wählerinnen und Wähler gewinnen will ...
... SVP-Nationalrätin Jasmin Hutter am 26. Mai im Beisein der beiden SVP-Bundesräte heiratet ...
... die Berner FDP-Ständeratskandidatin Dora Andres «das Gespräch mit Bäuerinnen und Bauern» sucht ...
... die Vereinigung der Unterwalliser Schaf- und Ziegenzüchter «gegen die Anwesenheit des Wolfes im Wallis» protestiert ...
... die Begriffe «Christoph Blocher» und «fleissig», «Christoph Blocher» und «glaubwürdig» sowie «Christoph Blocher» und «lustig» in unterschiedlicher Häufigkeit gegoogelt wurden ...
... das alles teilt «Facts» der Leserschaft in seiner neusten Ausgabe mit (Artikel sind online nicht frei zugänglich).
Und zwar unter dem Titel «Das Wichtigste aus Politik und Gesellschaft».
Dienstag, 24. April 2007
In der aktuellen «NZZ am Sonntag» finden wir auch «FdH», eine neue Beilage der «Gesundheit-Sprechstunde». FdH? «Patentrezepte gegen √úbergewicht gibt es nicht. (...) Weniger, aber besser essen und sich mehr bewegen, lautet die Devise. Genau dafür steht FdH», witzelt Chefredaktorin Ingrid Schindler. Wirklich? Früher stand FdH für «Friss die Hälfte». Doch so direkt solls ja nicht werden. «FdH» will laut Schindler die Leserinnen und Leser «auf [ihrem] Weg zu einem gesunden Gewicht begleiten und verwöhnen.» Vom Verwöhnaroma haben wir nicht viel gemerkt. Das Magazinchen (übrigens ein Joint Venture von Ringier und «NZZ») serviert seinen Leserinnen und Lesern lieblos hingeklatschten Convenience-Journalismus. Und übergiesst ihn oft und gern mit der klebrigen PR-Sauce.
Ein willkürliches und besonders ärgerliches Beispiel ist die doppelseitige Werbestrecke für die Nintendo-Konsole «Wii». Wohlgemerkt: Wir haben nichts dagegen, wenn «FdH» dank seiner Kooperation mit Nintendo diese Konsole für sagenhafte 359 statt 399 Franken verkaufen kann. Aber wir haben etwas gegen die hanebüchene Art, mit der uns «FdH» seinen Wii-Bären aufbinden will. Der Haupttext argumentiert nämlich mit der Gesundheit: Wenn Sie vor Ihrem Fernseher die Bewegungen wie bei einem Tennismatch mit Aufschlag, Vorhand, Rückhand ausüben, ist das zwar noch nicht so schweisstreibend, wie wenn Sie auf dem Tennisplatz der gelben Filzkugel nachjagen. Aber es ist gesünder, als träge auf dem Sofa herumzuliegen. (...) Gesundheit Sprechstunde, immer darauf bedacht, dass Sie sich für Ihre Gesundheit bewegen, gibt Ihnen die Gelegenheit, den neuen «Stuben-Sport» zu einem Vorzugspreis zu betreiben. Jawohl. Gesunde Ernährung, viel Bewegung, weder Nikotin noch Alkohol - Details. Wer gesund leben will, braucht bloss ein Gamepad in die Hand zu nehmen. Oder wie sieht das die Medizin? Wir schalten in die Randspalte, zum «Wii-Test in der Kinderklinik»: In der Alpinen Kinderklinik in Davos therapiert Dr. Bruno Knöpfli seit vielen Jahren stationär und ambulant schwer übergewichtige Jugendliche. (...) Neuerdings steht in seiner Klinik eine Wii-Konsole. «Das Spiel motiviert eindeutig zu Bewegung», begründet Dr. Knöpfli den Versuch. (...) Er hofft, dass seine junge Patienten, die an Bluthochdruck, Diabetes, Gelenkproblemen und psychischen Beeinträchtigungen leiden, gut auf die Wii-Therapie ansprechen. Schon wenig mehr Bewegung hilft der Fitness auf die Beine. Früher brauchte es dazu noch bluddrucksenkende Medikamente, konsequente Diät, Waldspaziergänge und vielleicht eine kurze Sitzung beim Psychologen. Heute reicht das Gamen. Ist das nicht schön?
Wohlverstanden: «FdH» geriert sich als Medium, nicht als Werbebeilage. Denn während Maria Wallisers zweiseitiges Plädoyer für eine Margarine immerhin mit «Publireportage» gekennzeichnet ist, fungiert der Wii-Spot als «Leserangebot.» Und die offizielle Ringier-Pressemitteilung zum Launch von «FdH» verspricht treuherzig: Weniger ist mehr: nicht als Lehrmeister, sondern als freundschaftlicher, ideenreicher und engagierter Begleiter beschäftigt sich FDH mit unseren Kilos. (...) Auf ehrliche, anregende und glaubwürdige Weise beleuchtet FDH die Themen √úbergewicht und Bewegungsmangel und zeigt natürliche Wege zu einem gesunden Gewicht und wie dieses auf Dauer gehalten werden kann. Nice try.
Wir legen «FdH» zum Altpapier, bündeln dieses und tragen es sofort in den Keller.
Das ist zwar nicht so schweisstreibend, wie das Spielen mit einer Wii. Aber es ist gesünder, als «FdH» zu lesen.
Sonntag, 1. April 2007
Als redaktionelle Mitarbeiterin des «Magazins» hat Mich√©le Roten die Gelegenheit erhalten oder die Strafaufgabe gefasst, den Rapper P. Diddy zu interviewen (Text online nicht zugänglich). Dafür hat ihr die «Magazin»-Redaktion gleich die ganze Doppelseite freigeräumt, die normalerweise vom «Journal der Gegenwart» besetzt wird.
Das ist schön. Aber worüber unterhält frau sich mit so einem Rapper?
Natürlich über richtig prickelnde Themen: Roten fragte den Superstar zum Beispiel, wies ihm so gehe. Ob er oft warten müsse. Ob er auch mal alleine sei. Sie fragte ihn, wie viel er schlafe. Ob er tatsächlich 28 Stunden lang nonstop Sex haben könne. Und wie das eigentlich gewesen sei, als er seine Frau mit Jennifer Lopez betrogen hatte.
Wir blättern gähnend weiter und bedauern, dass Roten der Ikone der Gangsta-Bewegung nicht ein paar andere Fragen gestellt hat. Zum Beispiel die Frage, wie ernst jemand zu nehmen ist, der goldkettenstarrend von seinem uuh tristen Dasein in der Gosse singt. Oder die Frage, wieso Frauen nur als jederzeit verfügbare Gebrauchsgegenstände durch seine Videos stöckeln. Oder die Frage nach der Zielgruppe. Vielleicht weiss P. Diddy ja gar nicht, dass Kids seine Musik als Soundtrack benützten, um unlängst halbe Pariser Vorstädte abzufackeln.
Wenigstens eine wichtige Frage wird zum Schluss geklärt: Diddy mag Rotens Nagellackfarbe. Das ist doch auch etwas.
Freitag, 23. März 2007
Im heutigen «Tages-Anzeiger» berichtet Marc Badertscher über die Ringier-Jahreskonferenz und insbesondere über den siechenden «Blick.» In seinem Text geht Badertscher auf «gewisse Leitplanken» ein, welche «dem Vernehmen nach bereits montiert» seien. Wie verbindlich diese Leitplanken sind und wie gut Badertscher das Ringier-Strassenbauamt kennt, wird nicht ganz klar. Wir geben deshalb einige seiner Aussagen als Hypothesen wieder:
- Der «Blick» soll eine Bezahlzeitung bleiben, die eventuell und nur teilweise gratis abgegeben wird.
- Der «Serviceteil» soll «massiv ausgebaut» werden.
- Die Redaktion soll «von der Newsberichterstattung befreit» werden.
- Die Redaktionen der Ringier-Titel sollen «zusammenrücken.»
Wenn wir diese Infohäppchen kühn extrapolieren, heisst das: Der «Blick» verabschiedet sich von der Nachrichtenredaktion und bringt vor allem Geschichten, Sexinserate, Gesundheitstipps und Opern-Empfehlungen. Nicht mehr die «Blick»-Redaktion macht den «Blick», sondern eine konföderierte «Cash»-, «Schweizer Illustrierte»- und «heute»-Redaktion. Ein Löffel Boulevard, eine Prise Wirtschaft, eine Messerspitze Nachrichten und ganz, ganz viele bunte Bildchen - und fertig ist die stärkste Zeitung der Schweiz? Das dürfte wohl eher eine Fahrt in den Auflagenabgrund geben.
Mittwoch, 7. März 2007
… dann donnert in der «Berner Zeitung» schon mal ein Kampfjet über die Seite.
Schön?
Informativ?
Sinnvoll?
Wenigstens hats dem Layouter Spass gemacht.
Montag, 19. Februar 2007
Den Titel des Tages finden wir heute – wie so oft – in der «Berner Zeitung» (Seite 33, «Rundschau», online nicht erhältlich):
Lawinenunglück ob Lauenen bei Gstaad
Neun Schutzengel fuhren mit – alle wurden gerettet Zum Glück sind laut anschliessendem Text auch alle neun Skifahrer mit dem Leben davongekommen.
Mittwoch, 24. Januar 2007
Endlich. Nach langer, langer Zeit gönnt uns die «Weltwoche» einen Text, den wir klug und aufschlussreich finden. Beda M. Stadler, Professor an der Universität Bern und Direktor des Instituts für Immunologie, beweist mit seinem gut recherchierten Artikel, dass Passivrauchen keineswegs schädlich ist, sondern vielmehr vor zahlreichen Krankheiten schützt.
Der Autor beginnt sein Lehrstück (Link bedauerlicherweise kostenpflichtig) mit einer wichtigen Frage:
Aber füge ich den Menschen in meiner Umgebung wirklich einen erheblichen Schaden zu, nur weil ich im Bahnhof rauche? Wir finden: der perfekte Start zum perfekten Text. Denn gerade in so kleinen und schlecht gelüfteten Räumen wie Bahnhöfen soll die Belastung für Passivraucher ja besonders gross sein. Eine dreiste Lüge, die es mit Fakten zu widerlegen gilt:
Selbst in neueren Studien zu Krebs- oder Herzerkrankungen bei Passivrauchern findet man meistens bloss Odds Ratios um 2 herum. Das bedeutet ein doppeltes Risiko für einen Passivraucher, beispielsweise an Lungenkrebs zu erkranken, verglichen mit einem Menschen in rauchfreier Umgebung. Eine Verdoppelung tönt nach viel, aber die absoluten Zahlen sind hier so klein, dass nüchterne Forscher eine Odds Ratio von 2 als unbedeutend betrachten. Gut gebrüllt, Löwe. Eine Verdoppelung des Risikos ist für den Normalsterblichen tatsächlich völlig unbedeutend. Zumal ein Lungenkrebstod eine der angenehmeren Formen des Ablebens ist.
Mehr noch:
Im Juli 2006 erschien eine Arbeit in Neurology, die zusammenfasste, was man längst weiss. Prospektive Studien, retrospektive Studien und Zwillingsstudien belegen: Rauchen senkt das Risiko, an Parkinson zu erkranken. Neu konnte man zeigen, dass sogar Passivrauchen vor Parkinson schützt, und zwar umso besser, je intensiver der Qualm. Hier müssen wir unsere einzige kleine Kritik an Stadlers Recherche anbringen. Der Autor vergisst zu erwähnen, dass Passivrauchen nicht nur vor Parkinson, sondern ganz allgemein vor Alterskrankheiten schützt – weil die meisten Betroffenen früh sterben.
Mit einem mutigen Hinweis setzt Stadler seinem Text die Krone auf:
Paradoxerweise wirkt Tabak manchmal sogar gegen Krebs. Raucher erkranken weniger häufig am schwarzen Hautkrebs, wie diesen Monat im British Journal of Dermatology berichtet wurde. Je öfter und je mehr geraucht wurde, umso geringer fiel das Risiko aus, an diesem tödlichen Krebs zu leiden. Eine wichtige Information. Es ist definitiv von Vorteil, neben Lungenkrebs nicht auch noch an schwarzem Hautkrebs zu erkranken.
Zu guter Letzt ortet Stadler bei den Anti-Rauchern eine Taktik, der er sich nie im Leben bedienen würde:
Trotz all dieser Studien: Die Anti-Raucher-Lobby wird weiterhin die Rosinen aus der wissenschaftlichen Literatur picken, um auf uns Rauchern herumzuhacken. Was zu beweisen war!
Sonntag, 21. Januar 2007
Unter dem Titel «Viagra, Koks und Polonaise» berichtet die «Sonntagszeitung» heute über einen rot-grünen Zürcher Gemeinderat, der letzte Woche von der Polizei verhaftet wurde (Artikel online nicht erhältlich). Andreas Kunz beleuchtet unter emsiger Zuhilfenahme des Konjunktivs das «wild-fidele Leben» des «Party-Tigers». Der Politiker «soll im grossen Stil mit Drogen gehandelt haben»; dafür sei er in einschlägigen Kreisen «allseits bekannt» gewesen.
Der Artikel stützt sich primär auf die Aussagen von anonymen Szenegängern. Trotzdem (oder gerade deshalb) liest er sich wie eine Anklageschrift. Von einer Vorverurteilung kann trotzdem nicht die Rede sein: Für XY (die SZ nennt den Verhafteten mit Vornamen und Namen und zeigt ihn im Bild) «gilt die Unschuldsvermutung» schreibt Kunz. In der letzten von rund 70 Zeilen.
Mittwoch, 10. Januar 2007
Philippe Bruggisser kann nicht nachgesagt werden, er sei mit seiner Version des Swissair-Untergangs bei den Redaktionen hausieren gegangen. Im Gegenteil.
Das Feld der Spekulationen ist also ein weites und ein furchtbar fruchtbarer Nährboden für Mutmassungen. «Facts»-Redaktor Lukas Hässig hat mit Blick auf den bevorstehenden Prozess gegen die Swissair-Verantwortlichen darauf geweidet (Artikel online nicht frei zugänglich). Oder besser gesagt: seine Kollegen von der «Weltwoche», der «Bilanz», dem «Blick», der «Handelszeitung» und die Dok-Filmer von SF DRS darauf weiden lassen und dann wiedergekäut, was in sein Bild vom unbeugsamen, arroganten Manager der früheren Schweizer Vorzeigefirma passte.
Der Autor, dessen Nomen im Fall Bruggisser Omen zu sein scheint, kommt im Zentralorgan des Thesenjournalismus ferndiagnostizierend zum Schluss, der «seinem Umfeld meilenweit entrückte, allwissende und übermenschliche» Ex-Swissair-Boss sei «als Mensch ganz unten angekommen» und heute «der im Volk am meisten gehasste Angeklagte». Eric Honegger, Mario Corti und Co. werden sich freuen.
Dem Familienvater aus Wohlen würden nur noch seine ehemalige Pressesprecherin Beatrice Tschanz und Flightlease-Chef Hans Jörg Hunziker die Stange halten; ansonsten stehe er «mutterseelenallein» da. Bruggisser werde in seinem Wohnort «hinterhergetuschelt», was den Gang in den Quartierladen oder auf die Post «zur psychischen Tortur» mache. Trotzdem sei er ein «unbeugsamer Besserwisser» geblieben, der Justizia cool ins Gesicht grinse. «Gründe zum Grübeln» hätte Bruggisser Hässigs Ansicht nach zwar mehr als genug. Aber oha: «Nicht der leisteste Hauch von Selbstzweifel» sei beim beim abgestürzten «Kapitän» der einstigen Vorzeigefirma «bis heute» zu spüren, bedauert der Facts-Reporter. Und gibt sich gar nicht erst die Mühe zu verbergen, dass er den «Mann mit dem geschichtsträchtigen Geburtsdatum 11. September» wegen dessen mangelnden Schuldbewusstseins am liebsten noch vor ein separates Tribunal schleppen würde.
Am Ende weiss der Leser, dass es sich bei Philippe Bruggisser um einen Mann handelt, bei dem der geschäftliche Ehrgeiz und die Bereitschaft zur Selbstkritik flugmeilenweit auseinanderklaff(t)en. Und damit nichts Neues.
Donnerstag, 28. Dezember 2006
«Die Aufwertung des Ich» betitelt ein anonymer Espace-Autojournalist seine Besprechung des neuen Lamborghini Muci√©lago LP640. Und bestätigt damit auf knappstem Raum jedes Vorurteil, unter dem die paar seriösen Autojournalisten leiden. Sein in bestem Machodeutsch verfasster Artikel strotzt vor Gemeinplätzen und Hinweisen auf die weibliche Anatomie. Nach der Lektüre müssen wir zug- und busfahrenden Laien das Windschott zwar immer noch nachschlagen. Aber wenigstens haben wir gelernt, dass dieses Teil irgendetwas mit Kate Moss und deren Minirock zu tun haben muss. Und der offenbar mitten in der Pubertät steckende Autor hat uns auch noch darauf hingewiesen, dass ein Auto nur schön und laut zu sein hat und sonst gar nichts.
Pardon, wir haben etwas vergessen: «Aggressivität» sollte es auch noch ausstrahlen ‚Äì auch im Interesse der Strassenverkehrsopfer-Vereinigung.
Freitag, 22. Dezember 2006
Immer, wenn wir denken, der Tiefpunkt in Sachen Belanglosigkeit und journalistischer Selbstdarstellung sei erreicht, setzt irgendwer irgendwo noch einen drunter. Die neue Bestmarke finden wir in der aktuellen «Weltwoche», in der Auslandchef Eugen Sorg seine eigene Tochter (!) interviewt. Unter dem Titel «Mami war streng, du eher lieb» (Link kostenpflichtig) lesen wir ein 17'000 Zeichen starkes, unfassbar langweiliges Geplänkel, das sprachlich dem Schweizerdeutschen näher ist als dem Deutschen und inhaltlich einfach gar nichts zu bieten hat ‚Äì sieht man einmal von ein paar ausländerfeindlichen Passagen ab.
Die Höhepunkte:
Abgesehen vom Beruflichen: Was wäre sonst noch schlimm?
Traurig wäre, wenn die alten Freundschaften aus der Schule mit Zara, Saskia, Meret auseinanderbrechen würden. Natürlich wäre auch ganz schlimm, wenn ihr sterben würdet, ich wüsste nicht, was machen, aber daran denke ich nicht, ihr seid ja noch jung und fit.
Und was war bisher das Schlimmste?
Als ihr, du und Mami, euch getrennt habt.
(…)
Kennst du Leute, die so wie die Burschen in Seebach sind?
Wir haben ja eben nicht so viel darüber geredet, aber zum Beispiel der Hakan und so und diese blöden Witze, die sie immer machten... Also ich glaube nicht, dass Hakan es machen würde, aber ich kann mir gut vorstellen, dass er es cool findet, was die in Seebach taten. Aber dies tun ja auch nur Leute, die es wirklich nötig haben, die müssen ein gestörtes Verhältnis zu Frauen haben. Oder ist das ein abwegiger Gedanke? Hakan zum Beispiel ist nicht uncharmant, und er hat es nicht nötig, an einer Massenvergewaltigung teilzunehmen. Einer muss nicht intelligent sein, aber wenn er hübsch und ein wenig gewinnend und normal gestrickt ist, findet er doch eine Frau, die ihn lässig findet.
Die Seebach-Leute waren grösstenteils Albaner.
Ich weiss nicht, was alles stimmt, aber ich glaube schon, dass die ein anderes Frauenbild haben und anders darüber denken, was die Position der Frau ist. Aber das ist keine Erklärung für das, was sie in Seebach gemacht haben. Bei ihnen muss eine Frau ja jungfräulich in die Ehe gehen, das ist ein Widerspruch.
(…)
Siehst du dich als richtige Muslimin?
Wenn ich an etwas glaube, dann an das. Lach nicht, du bist gemein.
Gut, das Grosi, die Mutter von Mami, ist sehr gläubig, und wenn du sie besuchst, betest du mit ihr.
Ich kann beten und ich tue beten. Und wenn ich etwas bin, dann am ehesten Muslimin. Ich kann zwar nicht sagen, ich bin Muslimin und stolz darauf, es zu sein. Aber wenn jemand einen blöden Muslim-Witz erzählt, dann sage ich ihm: «Hey, du bist ganz ein Lustiger.» Ich kann es nicht haben, wenn jemand solch blöde Witze macht.
Aber du feierst Weihnachten, gehst ins Schwimmbad, und du betest vor allem dem Grosi zuliebe.
Das ist auch Beten. Und ich sage nicht, dass ich streng muslimisch bin.
Aber strenger als die Mutter.
Ich weiss es nicht.
Du kennst sie ja.
(…)
Was möchtest du auf keinen Fall wie wir Eltern machen? Und was gleich?
Mami war jeweils ja eher streng, und du warst eher lieb. Oder nicht?
Du musst es wissen.
Dies ist eigentlich ein guter Mix. Ich finde, ich bin relativ gut herausgekommen. Komm, sag ja.
Das muss ich mir nochmals überlegen.
Sei nicht so gemein. Ich denke auch, dass ich mit meinem Kind einmal relativ streng sein muss. Vielleicht etwas weniger als Mami. Aber Strengsein bringt dem Kind mehr.
(…)
Wie hast du Niccolo kennengelernt?
Er war eine Klasse über mir und hat mich, wie er später zugab, immer hübsch gefunden. Was ich ja auch bin.
(…) Uns fehlen die Worte, um zu sagen, wie dumm wir den Text finden. Es bleibt die Frage, wie Roger Köppel, seines Zeichens Journalist des Jahres, dazu kommt, derartigen Müll ins Blatt zu stellen.
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