Freitag, 27. März 2009
Das Komitee «Rettet den Bund» lädt zur Medienorientierung – und weckt Erwartungen. Nach wochenlangem Schweigen erhoffen sich die 13’000 Unterzeichnenden der Petition zur Rettung von Berns ältester Tageszeitung eine substanzielle Antwort darauf, wie dem «Bund» neues Leben eingehaucht werden soll. Fehlanzeige.
An der Medienorientierung erfährt die Öffentlichkeit drei Dinge:
• Erstens: Das Komitee lanciert eine Plakatkampagne mit Kuno Lauener. Slogan: Der «Bund» gehört zum Besten, was Züri West zu bieten hat.
• Zweitens: Das Komitee will mit einer Internetumfrage herausfinden, «was sich die Medienkonsumenten in Zukunft wünschen».
• Drittens: Das Komitee gründet den «Verein Berner Medienvielfalt», um «gegen das drohende Pressemonopol im Grossraum Bern zu kämpfen».
Die entscheidende Frage wird damit nicht beantwortet. Wie soll der Bund – oder die Medienvielfalt – in Bern gerettet werden? Drei Monate bevor Tamedia über Sein oder Nichtsein des «Bund» entscheidet, hat das Komitee bestenfalls wage Vorstellungen darüber, wie das Ziel erreicht werden könnte. Die abenteuerlichste: Der «Bund» soll künftig von einer neu zu gründenden Trägerschaft herausgegeben werden – als Tageszeitung, als Wochenzeitung oder als Beilage zu einem etablierten Printmedium. Nur: Wie soll ein solches Szenario finanziert werden? Das Komitee antwortet kryptisch:
• Gibt es einen Businessplan? Wir haben Kostenschätzungen gemacht.
• Gibt es potente Investoren? Berner Investoren scheuen die Öffentlichkeit.
• Gibt es Gespräche mit der NZZ? Das Huhn gackert erst, wenn es das Ei gelegt hat.
• Gibt es einen Markt für eine Wochenzeitung? Wir nehmen uns die Freiheit, das Unmögliche zu denken.
Das ist zuwenig, um die Bewegung, die das Komitee in den vergangenen Monaten ausgelöst hat, in Schwung zu halten. Um den «Bund» oder die Berner Medienvielfalt zu retten, braucht es rasch klare Szenarien, solide Finanzierungspläne und realistische Markteinschätzungen. Denn weder grosse noch kleine Geldgeber investieren in Luftschlösser.
«Mir hei e Verein» – das reicht nicht! Aber es könnte ein Anfang sein …
Samstag, 24. Januar 2009
Gegendarstellung: Ex-«Bund»-Chefredaktor Dr. Peter Zieger antwortet auf die Anschuldigungen von Ex-«Bund»-Finanzchef Urs Strobel. Dieser wirft Ziegler in der Blattkritik-Plattform vom 22. Januar 2009 vor, in seinem «Bund»-Text vom 8. Dezember 2008 mit falschen Fakten argumentiert zu haben.
"Dr. Peter Zieglers Replik: «Der Voodoo-Finanzer»" vollständig lesen
Donnerstag, 22. Januar 2009
Mit der «Plattform» bietet Blattkritik.ch ausgewählten Gastautoren die Möglichkeit zur Medienkritik. Heute widerlegt Urs Strobel, 1984 bis 1993 Finanzchef beim «Bund», zahlreiche Behauptungen von Dr. Peter Ziegler, die der ehemalige «Bund»-Chefredaktor in seinem «Bund»-Artikel vom 8. Dezember 2008 gemacht hat. Strobel zeigt auf, dass Ziegler zum Beispiel Auflage- und Cashflow-Entwicklung massiv geschönt hat.
"Dr. Peter Zieglers Märchenstunde" vollständig lesen
Montag, 19. Januar 2009
Mit der «Plattform» bietet Blattkritik.ch ausgewählten Gastautoren die Möglichkeit zur Medienkritik. Heute erklärt Rolf Marti, ehemaliger Verlagsleiter «Berner Tagwacht»/«Die Hauptstadt», weshalb es für die Tamedia keinen wirtschaftlichen Grund gibt, den «Bund» am Leben zu erhalten.
Das nahe «Bund»-Ende weckt Emotionen. Und romantische Erwartungen. Zum Beispiel jene, die Tamedia müsse in Bern die Medienvielfalt retten. Muss sie nicht. Ein verantwortungsvoll handelndes Unternehmen hat primär die Pflicht, anständig Geld zu verdienen (im doppelten Wortsinn). Nur so lassen sich nachhaltig Arbeitsplätze sichern.
Unter diesen Vorzeichen hat ein Medienprodukt dann eine Existenzberechtigung, wenn es entweder rentiert oder für das Gesamtunternehmen von strategischer Bedeutung ist (vgl. Lokalfernsehen, Internet). Der «Bund» tut weder das eine, noch ist er – seit der Übernahme durch die Espace Media Groupe – das andere. Im Detail:
• Seit 1996 hat der «Bund» gemäss der Tamedia Verluste in der Höhe von über 30 Millionen Franken erwirtschaftet. Die Löcher wurden von Ringier, der NZZ, der Publicitas und schliesslich der Espace Media Groupe gestopft. Ohne Erfolg. Eine Zeitung, die aber selbst in konjunkturell guten Zeiten kein Fett ansetzt, stirbt in der Rezession an Magersucht. So gesehen ist der «Bund» seit langem klinisch tot.
• Dass der «Bund» noch lebt, hat strategische Gründe. Ringier, NZZ und Publicitas wollten im nationalen Inseratemarkt dem Gespann Tamedia/Espace Media Groupe (die sich schon vor ihrem Zusammenschluss die Rechte an der «Berner Zeitung» teilten und heute gemeinsam mit der «Basler Zeitung» einen Inseratepool bilden) Paroli bieten. Für die nationalen Inserenten brauchten Erstgenannte auch im Grossraum Bern einen Werbeträger. Darin dürfte der tiefere Grund liegen, weshalb der «Bund» so lange künstlich beatmet wurde.
Ringier und NZZ hatten zwar richtig gedacht, konnten aber aus ihrem strategischen Schritt nach Bern kein Kapital schlagen. Schlicht deshalb, weil ihnen eine verlegerische Vision für den «Bund» und ihre anderen Lokalblätter fehlte (vgl. «Wer zu spät vom hohen Ross steigt»). Weil aber Verlagshäuser – genau wie Hersteller von Zahnbürsten, Bügelbrettern oder Wurstwaren – letztlich Geld verdienen müssen, muss sich jede Investition irgendwann bezahlt machen. Jene beim «Bund» tat es nicht. Es blieb nur der Verkauf an die Espace Media Groupe.
Damit war die Lebensversicherung des «Bund» weg. Denn mit der «Berner Zeitung» verfügten die Tamedia und die Espace Media Groupe bereits über den auflagestärksten Titel im Grossraum Bern. An der «Berner Zeitung» kommt kein nationaler Inserent vorbei – egal, ob der «Bund» ein paar Tausend Exemplare zur Gesamtauflage beisteuert oder nicht.
Für die Tamedia gibt es keinen Grund, den «Bund» weiter am Leben zu erhalten. Wer dies fordert, verlangt von einem Unternehmen, dass es wider die ökonomische Vernunft handelt. Und letztlich geht es um Ökonomie, nicht um Publizistik. Das sind die Fakten, vor denen Medienromantiker gerne die Augen verschliessen. Nochmals: Es ist nicht die Aufgabe der Tamedia, die Berner Medienvielfalt zu retten. Wer Medienvielfalt fordert, muss dafür einen Markt finden – oder sie selber berappen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie kann in Bern die Meinungsvielfalt auch ohne «Bund» längerfristig gesichert werden? Darüber sollten wir nachdenken!
Donnerstag, 8. Januar 2009
Seit zirka einem Monat sammelt das Komitee «Rettet den Bund» Unterschriften und Geld. Der Petitionstext fordert, dass der Bund «im Strudel von Restrukturierungen und Sparmassnahmen nicht zerstückelt wird».
Heute hat das Komitee mit einem Communique über den aktuellen Stand informiert. Wir lesen, dass mittlerweile über 8000 Unterschriften zusammen gekommen sind, dass viel Prominenz unterschrieben hat, dass der Berner Regierungsrat bei Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino vorstellig geworden ist. So weit, so gut – und ein Leistungsausweis, der sich sehen lässt.
Aber: Wir vermissen nach wie vor einen konkreten Plan. Wie soll der «Bund» gerettet werden? Was will die Petition genau bewirken? Was haben wir unterschrieben? Wofür sollen wir Geld spenden? Auf diese Fragen geben weder das heutige Communique noch die Website eine Antwort.
Es kann dem Komitee nicht darum gehen, den «Bund» mit externen Finanzspritzen ein/zwei Jahre am Leben zu erhalten. Das wäre Zeit-, Energie- und vor allem Geldverschwendung. Denn selbst wenn «Rettet den Bund» eine grössere Summe sammeln sollte, können damit nur bestehende Löcher gestopft werden. Was der «Bund» braucht, wenn er längerfristig überleben will, ist eine wirtschaftliche Perspektive. Ohne diese sind Spenden und gutgemeinte Solidarität Makulatur.
Wer weiss, vielleicht gibt es den konkreten Plan. Im Communique lesen wir aber nur: «Seit der Weihnachtszeit ist ein Ausschuss des Komitees an der Arbeit. Er sondiert in verschiedene Richtungen, führt Gespräche und möchte auf konstruktive Weise neue Optionen ermöglichen».
Bleibt die Frage: Was soll die Geheimnistuerei? Wenn es Optionen gibt, dann gehören diese auf den Tisch. Die Diskussion um die Zukunft des «Bund» und um die längerfristige Erhaltung der Medienvielfalt darf nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden. Sie muss öffentlich geführt werden. Nur so können alle relevanten Kräfte mitreden. Nur so wird vielleicht einer breiten Öffentlichkeit bewusst, worum es geht: Um Konkurrenz, um Meinungsvielfalt, um Demokratie.
Samstag, 20. Dezember 2008
Mit der «Plattform» bietet Blattkritik.ch ausgewählten Gastautoren die Möglichkeit zur Medienkritik. Heute analysiert Rolf Marti, ehemaliger Verlagsleiter «Berner Tagwacht»/«Die Hauptstadt», den Niedergang des «Bund».
Das Bund-Ende naht. Schuld daran sind nicht die von Graffenrieds und Supinos, die Gratiszeitungen oder das Internet. Der Niedergang ist primär hausgemacht – eine Folge verlegerischer Fantasielosigkeit und redaktioneller Überheblichkeit.
Zur Erinnerung: Der Bund war einst die auflagenstärkste Zeitung im Kanton, ein Blatt mit Renommee und nationaler Ausstrahlung. Für Verleger und Pferdenarr Werner Hans Stuber und seine Truppe Grund genug, auf dem hohen Ross zu sitzen und die Zügel schleifen zu lassen. Während Stuber die Medienkonstellation auf dem Platz Bern für unverrückbar hielt, erkannte Charles von Graffenried die Zeichen der Zeit: In Zukunft würde pro Wirtschaftsraum nur eine Zeitung überleben. Nicht die beste, sondern die auflagenstärkste. Rund um das muffige Berner Tagblatt arrondierte er das mediale Terrain, schmolz Titel um Titel zur mächtigen Berner Zeitung zusammen und leitete Werbefranken um Werbefranken in seinen Futtertrog.
Was tat der Bund? Er reagierte – nur leider zu spät. Als die Idee der Aarebogenzeitung (Thuner Tagblatt, Der Bund, Bieler Tagblatt, Solothurner Zeitung) endlich geboren war, lahmte das vermeintliche Zugpferd bereits bedenklich. Der Bund war zu schwach, um in diesem Gespann eine führende Rolle zu übernehmen und gleichzeitig zu stolz, diese einem andern abzutreten. Es kam, wie es kommen musste: 1992 war der Futtertrog leer.
Als weisser Ritter sprang Ringier in die Bresche und verhinderte fürs Erste, dass von Graffenried den Bund in seinen Stall führte. Ringier hatte zwar Geld, aber keine Strategie. Er unternahm nicht einmal den Versuch, beim Bund die Zügel herumzureissen. Drei Jahre später sollte es die Neue Zürcher Zeitung richten. Ausgerechnet! Die alte Tante, die heute selber auf das Know-how altgedienter BZ-Strategen angewiesen ist, hatte ausser einem Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus nichts zu bieten – was bestenfalls dazu geeignet war, der Selbstgefälligkeit einiger Bund-Redaktoren zu schmeicheln (vgl. Artikel Peter Ziegler, Bund vom 8.12.08).
Dabei hätte es eine erfolgversprechende Strategie gegeben: einen gemeinsamen Mantel oder Redaktionspool für die Lokalzeitungen im Einflussbereich der NZZ (Der Bund, St. Galler Tagblatt, Neue Luzerner Zeitung u.a.). Doch nichts von alledem: Die NZZ ritt den Bund planlos Richtung Abgrund. Angesichts der Lethargie der Eigentümer wirkten das engagierte Bemühen der Bund-Verlagsleute, in ihrem begrenzten Einflussbereich das Mögliche für die Rettung zu tun, schon fast bemitleidenswert.
2004 stieg auch die NZZ aus dem Sattel. Von Graffenried und seine Espace Media Groupe (Berner Zeitung) übernahmen den Bund – wohl eher aus Sentimentalität denn aus unternehmerischer Überzeugung, und weil von Graffenried sein Bekenntnis zur Berner Medienvielfalt einlösen wollte. Doch spätestens mit der Übernahme der Espace Media Groupe durch Tamedia musste jedem klar sein, dass der abgehalfterte Bund nur noch ein Gnadenbrot erhalten würde.
Man merke: Wer zu spät vom hohen Ross steigt, den bestraft der Markt. Und: Journalistische Qualität allein ist keine Überlebensgarantie. Ein Jammer, aber wahr!
Dienstag, 16. Dezember 2008
Seit klar ist, dass der «Bund» in seiner heutigen Form spätestens Mitte 2009 aus der Zeitungslandschaft verschwindet, fegt ein Sturm der Entrüstung über Bern. Verständlich! Uns dröhnt aber der Kopf ob all dem Lob für den «Bund», all der Kritik an der «Berner Zeitung».
Eine Petition fordert «Rettet den Bund». Sie hat mittlerweile viel Prominenz vereint, viele Unterschriften gesammelt und für viel Aufsehen gesorgt. Das ist gut so und setzt ein Zeichen.
Bloss: Ist «Rettet den Bund» der richtige Ansatz?
Nein. Die Tamedia prüft zwar (offiziell) zwei Optionen, wie es in Bern weitergehen soll – wirtschaftlich sinnvoll (und das wird für die Tamedia zählen) ist aber nur eine: Die Fusion von «Bund» und «BZ». Eine «Neue Berner Zeitung» wird entstehen – und wohl auch genau so heissen (jedes bisherige helvetische Fusionsprodukt trägt den Namen seiner Region, was vor allem werbetechnisch hilfreich ist).
Die vielen harten, gegen die «BZ» gerichteten Reaktionen von «Bund»-Lesern zeigen deutlich: Will sich die Tamedia die Mehrzahl der Bund-Abonnenten für die neue Zeitung sichern, wird sie den «Bund» nicht einfach der «BZ» einverleiben können. Umgekehrt würden sich viele «BZ»-Leser mit dem manchmal elitären «Bund» schwer tun. Die «Lösung» kann also nur eine Zeitung bringen, die irgendwo dazwischen steht.
Ob die neue Zeitung mehr «Bund» oder mehr «BZ» sein wird, ist aber sekundär. Viel wichtiger ist, dass Bern nicht nur den «Bund», sondern auch die «BZ» und somit die publizistische Vielfalt verliert. Was das bedeutet, zeigen die Beispiele Basel und Luzern mehr als deutlich.
«Rettet den Bund» greift deshalb zu kurz. Es müsste heissen: «Rettet die publizistische Vielfalt».
Dazu braucht es eine alternative Publikationsplattform, die unabhängig ist von der Tamedia. Eine zweite Tageszeitung kann es nicht sein, der Berner Markt ist dafür zu klein. Der «Bund» hat selbst in konjunkturell guten Jahren nur knapp schwarze Zahlen geschrieben. Zudem wird die Zahl der abonnierten Zeitungen weiter zurückgehen.
Die lokale publizistische Vielfalt ist also nur via Internet zu gewährleisten (siehe auch Eintrag vom 25.5.2007) – sei es in Form einer lokalen Online-Zeitung, eines offenen Forums oder wenigstens eines Watch-Blogs «Neue Berner Zeitung».
Samstag, 15. Dezember 2007
Ein Nachtrag zum Berner Medientag, Erstveröffentlichung im comedia-Magazin «m», 12/2007, www.comedia.ch
Der Berner Medientag unter dem Titel «Hilfe, die Zürcher kommen» hat kaum neue Erkenntnisse gebracht – weil die Zürcher nicht gekommen sind. So musste sich das Publikum in Abwesenheit sämtlicher Tamedia-Entscheidungsträger anhören, wie Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor der «Berner Zeitung», und Rudolf Burger, stellvertretender Chefredaktor des «Bund», um den heissen Brei redeten, wohl ohne mehr zu wissen als Sie und ich.
Publizist Karl Lüönd blieb es vorbehalten, pikante Aussagen zu machen. «Die Tamedia bezahlt doch nicht 300 Millionen Franken, um eine starke Marke wie den ‹Bund› zu schliessen», behauptete er. Zudem sprach er sich dafür aus, die Schweizer Medien vermehrt dem freien Markt zu überlassen – Qualität werde sich durchsetzen.
Eine krasse Fehleinschätzung. Denn eine qualitativ hoch stehende Presse ist nicht zuletzt eine vielstimmige Presse. Zudem: Wer die Veränderungen der Medienlandschaft in den letzten 20 Jahren analysiert, stellt fest, dass sich nicht Qualität, sondern wirtschaftliche Stärke durchsetzt. Wir «leiden» also nicht nur unter weniger eigenständigen Zeitungen, sondern müssen uns immer öfter mit einem inhaltlichen und sprachlichen Niveau begnügen, dass selbst minimalen Ansprüchen nicht genügt. Oberflächlichkeit ist angesagt, Zeit für fundierte Recherche bleibt den zusammengesparten Redaktionen zu selten.
Kurz: Wir haben eine beträchtliche Verschlechterung des Angebots erlebt. Was solls, könnte man sagen – Hauptsache, die vorhandenen Titel bringen Geld. Das wäre aber mehr als kurzsichtig. Demokratisch betrachtet sei das Zeitungssterben «eine politische Zeitbombe», hat SP-Nationalrat Andreas Gross einmal gesagt. Recht hat er. Eine Zeitung ist nun mal kein Wurstladen, sie hat nicht nur zu rentieren, sie hat auch zu informieren, Meinungen zu bilden, ihren Beitrag zur Demokratie zu leisten. Und damit so etwas wie Meinungsvielfalt auch im Lokalen erhalten bleibt, braucht es mehr als bloss eine Zeitung pro Stadt.
Gerade auf dem Platz Bern haben wir erlebt, wie schnell es gehen kann – und in welche Richtung es geht. Was noch in den 90er-Jahren mit «Bund», «Berner Zeitung» und «Berner Tagwacht» vorbildlich aussah, ist heute ein Trauerspiel. Nach dem absehbaren Ende für den «Bund» wird sich in Bern mit der «Berner Zeitung» jenes Produkt durchgesetzt haben, das journalistisch weniger zu bieten hat, aber wirtschaftlich stärker ist. Regional und kantonal hat die Espace Media Groupe alles gefressen, was es zu fressen gab - und ist jetzt selber von einem noch Grösseren, der Tamedia, gefressen worden. Der Hauptstadt droht somit nicht nur ein Zeitungsmonopol, es droht ein Zeitungsmonopol mit Zürcher Mantel.
Was in Bern auf lokaler Ebene als Konkurrenz bleiben wird, ist Radio DRS – mal abgesehen von ein paar publizistisch kaum ernst zu nehmenden Gratisblättern und Lokalradios. Mit anderen Worten: Die letzte wirkliche Konkurrenz im Staate Bern ist – staatlich. Die Frage sei erlaubt: Ist es nicht Zeit für eine starke staatliche Zeitung mit Lokalteilen in jeder grösseren Stadt (analog Radio DRS)? Wieso soll sich staatliche Publizistik auf elektronische Medien beschränken? Statt die Millionen der Presseförderung mit dem Giesskannenprinzip an Produkte zu vergeuden, die sowieso nicht in der Lage sind, eine publizistische Alternative zu bieten, könnte man das Geld auch in eine vielschichtige nationale Zeitung investieren. Und dafür den Rest des Medienkuchens ganz dem freien Markt überlassen.
Klar, die aktuelle Situation bei Radio und Fernsehen ist historisch gewachsen. Und grundsätzlich gilt: Der Staat soll nur dort eingreifen, wo der Markt versagt. Viele werden den Ruf nach einer staatlichen Zeitung deshalb als ordnungspolitischen Sündenfall abtun und argumentieren, dass auch heute neue Zeitungen lanciert würden und der Markt somit spiele. Nur: Bedeuten Gratiszeitungen Presse- und Meinungsvielfalt, tragen sie zur Diskussionskultur und Demokratie bei?
Nein. Der Medienmarkt funktioniert nur noch finanziell. Was seinen publizistischen Auftrag betrifft, versagt er mehr und mehr. Es ist Zeit, etwas für unsere demokratische Zukunft zu tun und mit einer staatlichen Zeitung Pressevielfalt herzustellen, die diesen Namen verdient.
Freitag, 12. Oktober 2007
«Man hat den Eindruck, Vogel und die anderen Biertischredner und -schreiber wollten die Chaoten auf dem Bundesplatz in ihrer Heftigkeit noch übertreffen», kommentiert Heinz Däpp in seiner aktuellen Satire «Vogel sah die Krawalle kommen».
Mittwoch, 12. September 2007
Dani Landolf, Stefan Bühler, Karin Reber Ammann, Ingrid Hess, Charles Beuret, Katharina Schindler, Rudolf Gafner, Rainer Schneuwly, Yvonne Leibundgut, Susanne Wenger, Evelyne Reber-Mayr, Michael Fankhauser, Nick Lüthi, Lorenz Kummer, This Wachter – die Liste der Redaktoren, die beim «Bund» gekündigt haben, seit Artur K. Vogel die Chefredaktion übernommen hat, ist lang, sehr lang sogar.
Klar: All diese Abgänge dem neuen Chef anzulasten, wäre unfair. Die Übernahme der Espace Media Groupe durch die Tamedia hat der Stimmung beim «Bund» nicht gut getan – wer 1 und 1 zusammenzählt, weiss, dass die Tage des «Bund» gezählt sind ( 1, 2) und sucht einen neuen Job. Aber: Ein wesentlicher Faktor für viele Kündigungen langjähriger, qualifizierter Mitarbeiter scheint der neue Mann an der Spitze zu sein. Diverse Stimmen aus der «Bund»-Redaktion sprechen von Diktatur, von Bush-Doktrin («Wer nicht für mich ist, ist gegen mich»), sie sprechen davon, dass Artur K. Vogel jede Diskussion abwürgt.
Vogel praktiziert beim «Bund» also genau das Gegenteil dessen, was auf einer Zeitungsredaktion selbstverständlich sein sollte: konstruktive Auseinandersetzung, Meinungsvielfalt, Demokratie. Jüngstes Beispiel: Vogel wollte Alexander Sury, den Leiter des «Kleinen Bund», loswerden und legte ihm die Kündigung auf den Tisch. Eine Kündigung, die Vogel auf Druck von Redaktionsmitgliedern inzwischen rückgängig gemacht hat.
Ein weiterer Vorwurf, den sich Vogel gefallen lassen muss: Er tut sich offenbar immer wieder mit Ankündigungen/Versprechungen hervor, die er schliesslich nicht einhalten kann. Krassestes (öffentliches) Beispiel: Vogel kommunizierte allzu früh, die Berner Kulturagenda werde künftig in den Bund integriert. Dumm, dass die Berner Kulturinstitutionen mit dem Bundmodell eigentlich gar nicht einverstanden waren. – Resultat: die Kulturagenda liegt seit heute dem Anzeiger bei.
Umso unverständlicher sind Vogels Umgangston und seine internen Basteleien (Auslandchef Lorenz Kummer kündigte unter anderem deshalb, weil Vogel dem Auslandteil 80 Stellenprozente streichen wollte. Dies notabene nur zwei Monate, nachdem er eine freie Auslandstelle neu besetzt hatte), wenn man weiss, dass Vogel für sein erstes Jahr beim «Bund» mit der Espace Media Groupe Besitzstandswahrung aushandeln konnte. Das heisst, er hat vorläufig keinen wirtschaftlichen Druck, er ist nicht mit der Vorgabe angetreten, intern die Schraube anzuziehen und weiter Stellen abzubauen.
«Was sollen die Allüren, Herr Vogel», fragen sich viele. Die Antwort scheint banal: Artur K. Vogel ist offenbar einfach so. Wer hört, wie die Leute über ihn sprechen, wer seine Kommentare und Artikel im «Bund» und seit neustem im «Bund»-Blog liest, stellt fest, dass Vogel allzu gerne «poltert» und seine Schreibe gelinde gesagt «hemdsärmlig» daherkommt.
Kein Wunder also, ist Vogel «Bund»-intern mittlerweile isoliert. «So kann es nicht weitergehen», sagen viele. Was das bedeutet, bleibt abzuwarten. Pikantes Detail: Bei der Espace Media Groupe hat man offenbar von der «Bloss weg hier»-Stimmung beim «Bund» bisher nichts mitgekriegt. – Oder nichts mitkriegen wollen? Vielleicht ist man sich über die Situation durchaus im Klaren und lässt Vogel bewusst gewähren. Vielleicht lässt sich ein «Bund», der viele gute Journalisten und damit schon bald einen Teil seines Ansehens verloren hat, dereinst mit weniger Nebengeräuschen einstellen.
Donnerstag, 19. Juli 2007
Sommerloch? Nicht bei der «WOZ». «Was gibt es Neues, Grossmutter Kall?» fragt Rachel Vogt in der heutigen Ausgabe. Und meint:
1. «Tagi kompakt» wurde beerdigt.
2. Die «Basler Zeitung» steht zuoberst auf Kalls Einkaufsliste.
3. Die Tamedia will den Schritt ins Ausland machen.
Wie wahrscheinlich sind diese Prognosen? Der Blattkritiker hat ein wenig spekuliert und lädt zu Kommentaren ein.
"Tamedia: Kaufen, beerdigen, verreisen" vollständig lesen
Samstag, 30. Juni 2007
All die Jahre haben wir Grönemeyer gehört, lange war er das Mass aller Dinge, auch als wir dachten, Musik ist Musik, nur wenn sie laut ist.
Jetzt hat ihn Urs Mannhart besucht, für den «Bund», im Stade de Suisse. Wir erhoffen uns ein Stück vom Himmel. Denn wenn Mannhart schreibt, dann beginnt die Sprache zu tanzen, dann wollen wir es nur noch so, nur noch so.
Wir lesen «Auf dem Grund seiner Natur» und lachen, wenn es nicht zum weinen reicht. So schlimm? So schlimm! Wir werfen einen Blick zurück und fragen: Mannhart, was soll das?
Ist er nicht wohl, hier in dem Lokal? Fühlt sich der Literaturpreisträger als Fisch im Netz? Dort und hier ist sein Text einfach kompliziert. Und fragwürdig. Wieso? Weil Mannhart Mannhart näher steht als Grönemeyer – mein Konzert. Jetzt oder nie ein paar Beispiele:
Herbert. Es entzückt zu sehen, wie unmodisch elegant sich der Erfolgssänger kleidet, in welch radikal schludriger Konfektion er auftritt, um hinternschwenkend und hüftkreisend ein mit Anleihen bei geläufiger Strassenerotik nobilitiertes Stargehabe zu zelebrieren, das jeden anderen Menschen in Peinlichkeit ersaufen lassen würde. Mancher sagt schon hier, besser du gehst jetzt. Total egal.
Es stehen aber auch viele in völliger Ruhe, die dunklen Zeilen hinter uneinsehbar nachdenklicher Stirn, stehen bewegungs- und knochenlos wie an der Bushaltestelle, einer jener Stätten, wo immer wieder unbewusst das Stehen am Rand der Totengrube geübt wird. Das ist viel zu viel. Zieh deinen Weg, denken wir. Oder halt mich, wenn ich lese:
Überhaupt die Perspektive der Journalisten: Pult an Pult, tribünenartig über dem gemeinen Volk und auf Augenhöhe mit dem Geschehen sitzen sie in Souveränität, gestützt von der innenarchitektonischen Grundsituation der Gerichtsverhandlung. Rechtsgrundlage ist die eigene Meinung, beeinflusst von Tageshoroskop und grundsätzlichen Weltdafürhaltungen. Einige Journalisten halten sich am Kugelschreiber fest, andere arrangieren sich mit dem Grimm, mit dem sie zu kritisieren geneigt sind. Selbstmitleid. Verflucht, es tut weh. Doch wir sind unterwegs:
Anstelle des versenkten Tintenfasses finden sich eine Steckdose und zwei Buchsen: Ich habe Anschluss an ein Atomkraftwerk und an alle Telefone dieser Welt. Über der Schreibfläche schwebt eine Lampe, die auf der Rückseite mit «Lampe» angeschrieben ist, ein fieser Test für verunsicherte Journalisten. Alles in allem ist dieses Pult ein sorgfältig abgeschirmtes Rechteck; ich habe freie Sicht auf die Wirklichkeit, die strenge Form der Kabine hilft, während des Konzerts im rechtwinkligen Format der Zeitung zu denken. Ich wills nicht. Vergiss es, lass es. Aber es hat uns erwischt:
Es mag kein rechtwinkliger Gedanke sein, aber ich stelle mir auch vor, dass ich gerne einmal mit Herbert in einem Lift stecken bleiben möchte. Nicht einfach, weil er bestimmt eigenwillig artikulierte Lebensweisheiten zum Besten geben würde, sondern auch und vor allem, weil ich ihm zutraue, die Störung mit einem ungemein banalen Kniff von der Kabineninnenseite her zu beheben. Männer! Manchmal wie Kinder an der Macht. Fragt nicht, was das soll. Weiter geht’s, wir sind wieder soweit:
Egal, ob das Lied nach Assugrin oder nach Aspirin klingt, egal, ob er musikalisch Rezepte verteilt an Gemütsrheumatiker und Verstandespatienten, ob er seine Endsilben auf Paartherapeuten oder auf Therapiepaare reimt, er steht stets auf dem Grund seiner Natur, er ist sehr Herbert.
Der Stand der Dinge? Es ist genug, mehr geht leider nicht. Der Schädel brummt – Flugzeuge im Kopf.
Freitag, 29. Juni 2007
Wer die Berichterstattung zur Übernahme des «Bund» durch die Espace Media Groupe verfolgt, stellt fest, dass Tamedia/Espace offenbar von den Verkaufsabsichten der «NZZ» überrascht worden ist und den Deal mit gemischten Gefühlen vollzogen hat. Bleibt die Frage, wieso die «NZZ» den «Bund» so schnell loswerden wollte/musste, und wieso man bei der Tamedia/Espace derart zurückhaltend reagiert.
Wir vermuten: Der «NZZ» geht es vor allem um die Wahrung des Gesichts. Sie zieht sich in einem Moment zurück, in dem der «Bund» erstmals seit Jahren schwarze Zahlen schreibt, in dem ihr niemand vorwerfen kann, sie verlasse das sinkende Schiff und trage zum Niedergang der publizistischen Vielfalt bei. Hätte die «NZZ» vor zwei/drei Jahren den Bettel hingeschmissen, hätte sie damit das Ende des «Bund» besiegelt. Würde die «NZZ» in zwei/drei Jahren den Bettel hinschmeissen – wenn die Konjunktur vielleicht nachgelassen hat und der «Bund» wieder rote Zahlen schreibt –, käme wohl auch das dem Ende gleich.
Mit anderen Worten: Die «NZZ» hat den perfekten Moment für einen «sauberen» Abgang gewählt. Sie hat die Rolle des künftigen Buhmanns dem Erzrivalen Tamedia/Espace zugeschoben. Mehr wollte sie nach all den Jahren, in denen sie die Verluste des «Bund» mitgetragen und für dessen Fortbestand gesorgt hat, offenbar nicht mehr tun.
Was man der «NZZ» vorwerfen muss, ist ihre Strategielosigkeit. Sie hat es über all die Jahre verpasst, für den «Bund» eine Zukunftsperspektive zu entwickeln: Weder hat sie einen gemeinsamen Redaktionspool mit ihren anderen Lokalblättern aufgebaut, noch hat sie einen starken Inseratepool etabliert. Auf die Nutzung von Synergien scheint man bei der «NZZ» nicht angewiesen zu sein. Wie lange noch?
Fazit: Im Gegensatz zur Tamedia, die eine klare Vision verfolgt und sich als Nummer eins auf dem Markt der Tageszeitungen etablieren will, agiert die «NZZ» aus einer reinen Abwehrhaltung. Salopp formuliert: Am liebsten würde die «NZZ» einfach nur die «NZZ» machen. Schade, denn die «NZZ»-Gruppe ist das einzige Schweizer Verlagshaus, das der Tamedia im Lokalzeitungsgeschäft Paroli bieten könnte, nachdem sich Ringier aus dieser Sparte verabschiedet hat.
Dienstag, 26. Juni 2007
In der Schweizer Medienlandschaft wird zurzeit schneller liquidiert, fusioniert und neu lanciert, als Beobachter denken und tippen können. «Cash» weg, «Facts» weg, die Espace Media Groupe ein Anhängsel der Tamedia, am Horizont warten «.ch» und andere Gratisblätter – und nun noch dies: Die Freie Presse Holding AG der NZZ verkauft, offenbar aus eigenem Bestreben, ihren Anteil am «Bund». Damit liegt das Geschick des Berner Traditionsblatts fortan ganz in den Händen der Espace Media Groupe bzw. der Tamedia. Lapidare Begründung der «NZZ»: Sie will der Tamedia «die Integration des Berner Modells in ihre Gesamtstrategie ermöglichen».
Was hat der «Bund» in der Gesamtstrategie der Tamedia verloren? Wenig! Das sieht offenbar auch die Tamedia so. Auf der Website des «Tages-Anzeigers» lesen wir jedenfalls, dass Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer den Schritt der «NZZ» bedauert. Er schaffe zusätzliche Verunsicherung.
Alles deutet darauf hin, dass die Tamedia eine nationale Mantelredaktion aufbauen will, die den «Tages-Anzeiger», die «Berner Zeitung» und allenfalls die «Basler Zeitung» beliefern soll. Die Lebensversicherung für den «Bund» – die Option, dass auch die NZZ-Gruppe an der Idee einer nationalen Mantelredaktion werkelt, die ihre Lokalblätter in St. Gallen, Luzern, Bern sowie die mit ihr verbandelten Lokalblätter im Grossraum Zürich beliefern könnte – ist nun vom Tisch. Und damit wohl bald auch der «Bund». Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Tamedia neben einem nationalen Mantel eine Vollredaktion für die paar wenigen «Bund»-Leser leisten wird.
Oder denkt die Tamedia vielleicht darüber nach, «Bund» und «BZ» denselben Mantel zu verpassen und in Bern zwei unabhängige Lokalredaktionen zu betreiben? Nun: Das wäre aus publizistischer Sicht besser als gar nichts; aber ökonomisch dürfte sich das kaum rechnen. Zwei Titel in ein und dem selben Markt zu alimentieren, lohnt sich nur, wenn dadurch unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen erreicht werden können. Das setzt wohl eine Differenzierung der beiden Titel voraus, die über den Lokalteil hinausgeht.
Die Espace Media Groupe hat heute zwar mitgeteilt, das so genannte «Berner Modell» werde auch künftig «unter den gleichen wirtschaftlichen und publizistischen Kriterien» weitergeführt. Was das konkret heisst, hat Espace Media Groupe-Sprecher Christopher Wehrli laut Tages-Anzeiger gleich klargemacht: Der «Bund» muss rentieren, wenn er überleben will.
Wir gewöhnen uns deshalb schon mal an den Gedanken, dass es eher früher als später heissen wird: (B)und tschüss!
Samstag, 2. Juni 2007
Charles von Graffenried hat seine Espace Media Groupe an Tamedia verkauft. Klar, dass Heinz Däpp dazu nicht schweigen kann! Viel Vergnügen mit seinem Schnappschuss zum Tamedia-Espace-Deal.
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