Donnerstag, 21. Juni 2007
Vincent Bugliosi, Alt-US-Staatsanwalt, hat ein 1600 Seiten starkes Buch zum Mord an John F. Kennedy veröffentlicht, in dem er laut eigenen Angaben sämtliche Unklarheiten ausräumt. Interessant und wichtig, dass das «Magazin» Bugliosis Werk bespricht. Bloss: Was eine spannende Auseinandersetzung mit dem Autor und der Qualität seiner Recherche sein könnte, bietet nichts dergleichen. Peter Haffners «Magazin»- Text ist eine dumme, mit Plattitüden gespickte Abrechnung mit dem Unmenschen unserer Zeit, dem gemeinen Verschwörungstheoretiker.
"Haffners Abrechnung" vollständig lesen
Freitag, 1. Juni 2007
Im aktuellen «Magazin» finden wir einen etwas verworrenen Artikel namens «Senioren an die Arbeit». Der Text erschien ursprünglich bei «Foreign Affairs» ( Gekürzte Online-Version). Mit zahlreichen Vergleichen zwischen Westeuropa und Amerika wird uns darin nahegelegt, dass sich unser Wohlstand nicht halten lassen wird - es sei denn, die älteren Arbeitnehmer verzichteten auf die Frühpensionierung und arbeiteten mindestens bis zum regulären AHV-Alter. Oder noch etwas länger.
Mit vielen Zahlen und komplizierten Sätzen wird uns ein neoliberales Liedchen vorgesungen, das wir normalerweise auf der «Weltwoche»-Bühne hören. Ein Beispiel: «Im Rahmen einer umfassenden Rationalisierung des westeuropäischen Arbeitsmarkts wäre es auch vernünftig, zu einem Rentensystem zu kommen, das eine höhere Eigenbeteiligung bei der Altersversorgung vorsieht.» Auf Deutsch: Die Arbeitnehmer sollen gefälligst mehr in ihre Pensionskasse einzahlen. Aber diese ungewohnten Töne sollen uns nicht stören - schliesslich darf uns nicht nur die «Weltwoche» sagen, wie die Welt auszusehen hätte. Was uns aber sehr wohl stört, ist der Schluss dieses Artikels: Die medizinische Versorgung verschlingt schon jetzt einen Grossteil der gesellschaftlichen Kosten in Westeuropa. (...) Die verbreitete Sorge, die medizinische Versorgung sei bald nicht mehr finanzierbar, ist jedoch unangebracht. In Wirtschaften, die in erster Linie auf menschlichen Ressourcen und Humankapital basieren, müssen die Aufwendungen im Gesundheitswesen als Investition und unter dem Aspekt des ökonomischen Werts der Gesundheit betrachtet werden. Der Gesundheitssektor und die medizinische Forschung sollten als Stützen einer Wirtschaft gesehen werden, die zunehmend auf eine gesunde Erwerbsbevölkerung angewiesen ist. Westeuropa muss auch weiter in diesen Bereich investieren, wenn es seinen Vorteil nicht einbüssen will. Wir werden also trotz der ungünstigen Demografie überleben - aber nur, falls wir weiterhin fröhlich Geld ins Gesundheitswesen stecken. Dies sollen wir aber mit einem Lächeln tun, denn schliesslich sind die Ausgaben als Investitionen zu betrachten. Mehr noch: Wenn wir nicht investieren, werden wir unsere wirtschaftlichen Vorteile einbüssen. Bitte? Wer sind nochmals die Autoren? Nicholas Eberstadt ist Professor für Politische √ñkonomie am American Enterprise Institute in Washington und Senior Adviser des National Bureau of Asian Research Tönt beeindruckend und unverdächtig. Und der Co-Autor? Hans Groth ist Mitglied der Geschäftsleitung von Pfizer-Switzerland AG und Pfizer Global Health Fellow. Jäso! Ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Der Autor wird genannt, und Pfizer wird von allen Leserinnen und Lesern auf Anhieb als einer der grössten Pharmakonzerne erkannt. Oder? Wie dem auch sei, Pfizer Schweiz hätte sicher gute Argumente für Groths Lobbying bereit. Zum Beispiel dieses: Werbekampagnen im redaktionellen Teil müssen als Investition betrachtet werden. Und die Konzerne müssen weiter in diesen Bereich investieren, wenn sie ihren Vorteil nicht einbüssen wollen.
Montag, 14. Mai 2007
Das «Magazin» hat unseren Neujahrswunsch erhört und sich eine neue Website gegönnt. Eine Kurzrezension:
Wir mögen:
- das textlastige, werbefreie Screendesign, das Lesern und Suchmaschinen gleichermassen entgegenkommt
- den Vollzugriff auf alle Texte ( deshalb)
- das Archiv
- die Möglichkeit, Artikel zu kommentieren
- die «Meist Gelesen»-Liste
- die zahlreichen Verknüpfungen zwischen Artikeln, Rubriken und Autoren
Wir wünschen uns zusätzlich:
- Eine Navigation Mit Richtiger Gross Kleinschreibung
- Die Möglichkeit, Artikel zusätzlich als PDF im Original-Layout herunterzuladen (Beispiel hier)
- einen RSS-Feed mit den Themen der neusten Ausgabe
- ein Webformular statt des rührenden «Schreiben Sie uns eine E-Mail»
Ein Wort zur Technik: Die Website auf einem Wiki aufzubauen, ist ein cleverer Schachzug: Die Software ist lizenzfrei, beliebig zu erweitern und verkraftet viele Tausend User gleichzeitig. Zudem sind die Autoren nicht mehr an ein (Heim-)Büro gebunden, sondern können praktisch überall an ihren Texten arbeiten. Das - und nicht unbedingt die Möglichkeit, Leser mitschreiben zu lassen - dürfte ein weiteres Argument pro Wiki gewesen sein.
Wir sind gespannt, wie sich die neue Plattform entwickelt. Und hoffen, dass weitere Redaktionen den Schritt in die Web-Gegenwart wagen.
Sonntag, 1. April 2007
Als redaktionelle Mitarbeiterin des «Magazins» hat Mich√©le Roten die Gelegenheit erhalten oder die Strafaufgabe gefasst, den Rapper P. Diddy zu interviewen (Text online nicht zugänglich). Dafür hat ihr die «Magazin»-Redaktion gleich die ganze Doppelseite freigeräumt, die normalerweise vom «Journal der Gegenwart» besetzt wird.
Das ist schön. Aber worüber unterhält frau sich mit so einem Rapper?
Natürlich über richtig prickelnde Themen: Roten fragte den Superstar zum Beispiel, wies ihm so gehe. Ob er oft warten müsse. Ob er auch mal alleine sei. Sie fragte ihn, wie viel er schlafe. Ob er tatsächlich 28 Stunden lang nonstop Sex haben könne. Und wie das eigentlich gewesen sei, als er seine Frau mit Jennifer Lopez betrogen hatte.
Wir blättern gähnend weiter und bedauern, dass Roten der Ikone der Gangsta-Bewegung nicht ein paar andere Fragen gestellt hat. Zum Beispiel die Frage, wie ernst jemand zu nehmen ist, der goldkettenstarrend von seinem uuh tristen Dasein in der Gosse singt. Oder die Frage, wieso Frauen nur als jederzeit verfügbare Gebrauchsgegenstände durch seine Videos stöckeln. Oder die Frage nach der Zielgruppe. Vielleicht weiss P. Diddy ja gar nicht, dass Kids seine Musik als Soundtrack benützten, um unlängst halbe Pariser Vorstädte abzufackeln.
Wenigstens eine wichtige Frage wird zum Schluss geklärt: Diddy mag Rotens Nagellackfarbe. Das ist doch auch etwas.
Sonntag, 18. Februar 2007
Wie geht es in einem hochpreisigen Schweizer Internat zu und her? Wie «normal» oder abgehoben sind die von ihren Eltern für 70'000 Franken pro Jahr entsorgten Teenager? Was denken, was fühlen sie? Wie lebt es sich am Gegenpol des öffentlichen Bildungssystems, das mit dem «Fall Seebach» wieder zum Thema wurde?
Wer Antworten auf diese Fragen sucht, wird das aktuelle «Magazin» vergeblich lesen. Erwin Kochs Text «Nacherziehung auf dem Rosenberg» (Volltext) ist keine Reportage, sondern eine Schwindel erzeugende Collage von Eindrücken, Quelltexten, Gerüchten, Interviewfragmenten und Betrachtungen zum Lauf der Dinge im Institut auf dem Rosenberg. Und das tönt zum Beispiel so: Es ist Morgen auf dem Rosenberg, windig und finster. Aus dem Ulrichshof am Höhenweg 58, CH 9000 St. Gallen, strahlt Jugendstil, ein chinesischer Diener glättet weisses Tuch über dunkles Holz und trägt dann Tassen auf, Teller, Besteck, Marmelade, Butterhörnchen für 268 Schülerinnen und Schüler, Croissants am Dienstag, Brötchen am Mittwoch, Wurst am Donnerstag, es ist halb sieben, Regen schlägt die letzten Blätter von Linden, von Eichen, November 2006. An der Fassade klebt falscher Wein, Efeu bis unter die Fenster, und in den Vorplatz ist ein Schild gepasst, glänzendes Messing, The Walk of Fame: Prof. Mario J. Molina, Student at the Institut auf dem Rosenberg 1956/57, Joint Winner of the Nobel Prize for Chemistry 1995.
"Mit VJ Koch im Internat" vollständig lesen
Freitag, 12. Januar 2007
«Denk ich an die Schweiz» lautete der Titel eines Textes von Mich√®le Roten, den das «Magazin» im letzten Heft veröffentlichte (online nicht frei zugänglich). Die Referenz an Heinrich Heine («Denk ich an Deutschland») ist offensichtlich und verfehlt. Diesen Text bewerten wir mit einem sehr deutschen Wort: Er ist Müll.
Mich√®le Roten hat sich nicht die Mühe gemacht, einen strukturierten Text zu schreiben. Sie hat einfach ihre Gedanken aneinandergereiht, oder vielmehr ihre Gedankenlosigkeiten. Die gesammelten Null-Aussagen lassen nur einen Schluss zu: Roten hat das erste Mal über die Schweiz nachgedacht. Der Text strotzt vor Stereotypen und Klischees, ist apolitisch und stellenweise einfach nur dumm. «Die Schweiz macht so viel richtig», schreibt Roten. Doch der Leser erfährt nicht, was die Schweiz richtig macht, sondern wird mit üblen Vorurteilen traktiert. Für Roten ist der typische Schweizer ein «dicklicher Mann mit wenig Haaren und Manchesterhosen (...), er steht vor einem Einfamilienhaus in einer sauberen, stillen Siedlung (...) und er schaut gern Arena». Und Schweizerinnen sind einfach «äh», im Gegensatz zu Spanierinnen, die «heissblütig» sind, oder Schwedinnen: «schön». Ach so.
Es gibt viele Gründe, die Schweiz nicht zu lieben, findet Roten, aber auch Gründe, die Schweiz trotzdem zu lieben. Sowohl-als-auch-Roten hat vor allem ein Problem: diese bäurisch plumpen, bornierten, spiessigen Einheimischen, zu welchen sie sich natürlich nicht zählt. Selbst wenn sie schreibt: «Wir sind unglaublich unsexy». Ein happiger Vorwurf, denn bekanntlich ist Sexiness für Mich√®le Roten der Massstab für fast alle und alles.
Roten verliert kein Wort über die direkte Demokratie, auf die gerade das grosskoalitionierte Deutschland neiderfüllt blickt. Roten schweigt darüber, wie sich die Schweiz in den letzten zwanzig Jahren verändert hat, und zwar zum Besseren. Zudem scheint ihr entgangen zu sein, dass so manche Landbewohner im letzten Krachen längst offener und selbstkritischer sind als sie selbst mit ihrer wahlweise spiessig-verstaubten oder supercool-städtischen Sicht auf dieses Land. Ihr Schweizbild ist typisch für apolitische Zeitgeistsurfer, die mental irgendwo in den frühen 90ern stehen geblieben sind.
Denken wir an diesen Text, haben wir eine einzige Frage an Chefredaktor Res Strehle: Wie um Himmels willen ist er ins Heft geraten?
Mittwoch, 3. Januar 2007
Zum neuen Jahr wünschen wir der Schweizer Presse nur das Beste. Insbesondere:
Der «Mittelland Zeitung», dass Urs Helbling nicht jedesmal einen «Das Leben ist schön»-Kommentar auf die Frontseite knallt, wenn die Sonne länger als zwei Stunden scheint.
Der «Sonntagszeitung», dass Arthur Rutishauser nicht ausgerechnet während des Prozesses gegen die früheren Swissair-Kader krank wird.
Dem «Sonntagsblick», dass Beat Kraushaar und Sandro Brotz noch lange, lange Zug fahren.
Unzähligen Ringier-Angestellten, dass Frank A. Meyer demnächst der übermächtige Wunsch packt, sich frühzeitig pensionieren zu lassen.
Der «Solothurner Zeitung» im allgemeinen und deren Stadtredaktion unter Wolfgang Wagmann im Besondern die Erkenntnis, dass nicht alles, was von Stadt- und Gemeinderegierungen kommmuniziert wird, grundsätzlich schön und gut ist.
Roger Köppel, dass sich die Promis aus der Weltpolitik und -wirtschaft weiterhin daraum reissen, mit ihm dinieren zu können.
Res Strehle, Chef des «Magazins», dass er von der Jury, in der er sitzt, auch nächstes Jahr zu einem der besten Journalisten des Landes gewählt wird.
Max Küng, ebenfalls vom «Magazin», noch mehr Taschengeld und seiner kolumnierenden Kollegin Michèle Roten einen Mann.
«Blick»-Chef Werner de Schepper 20 Minuten Zeit, um sich für sein Blatt eine auflagesteigernde Strategie auszudenken.
Dem «Schlagzeiten»-Dichter der «Sonntagszeitung» nie nachlassende Inspiration.
Felix E. Müller von der «NZZ am Sonntag» ein Dutzend Pulitzerpreise.
Felix Bingesser, dem Sportchef der Aargauer Zeitung, einen mutigen Coiffeur.
Margrit Sprecher, der Doyenne des Gspürschmi-Journalismus, eine Schlange gescheiterter Existenzen vor der Haustüre.
Erwin Koch, dass ihn mal jemand zur Seite nimmt und ihm kurz und bündig sagt, dass man auch kurz und bündig viel sagen kann.
Dienstag, 20. Juni 2006
Mit Leserbriefen ist es immer so eine Sache. Oft wird Empörung ventiliert, zuweilen werfen sich verhinderte Autoren sprachlich selber in Pose. Umso erfrischender die schlichte Feststellung des „Magazin“-Lesers M. M. aus Zürich, ausgelöst durch einen Artikel über die Unruhen in Frankreich:
Gelegentlich stosse ich im „Magazin“ auf Artikel und Interviews, die einfach scheisse sind, hin und wieder finden sich echte Perlen wie diese darunter. Die Feststellung ist wohl allgemein gültig, „Magazin“ liesse sich im obigen Zitat durch einen beliebigen Printmedientitel ersetzen. Und jeder Journalist hofft, dass genau seine Artikel zu den Perlen gehören inmitten eines Meeres aus sch...on mal gelesenem.
Dienstag, 20. Juni 2006
Früher, da haben wir uns nur allzu gerne mit Michèle Roten verlustiert. Wir haben es geil gefunden, wenn sie vulgär geworden ist, wir haben ihre Ausflüsse gierig aufgenommen.
Und heute? Heute kommt uns das Gähnen, wenn wir uns in Michèle Rotens Spalte vertiefen. An was mags liegen? Ist der Sex nicht mehr gut?
Anders gefragt: War der Sex mit Michèle Roten überhaupt einmal richtig gut, ganz am Anfang vielleicht? Die Antwort fällt schwer. Denn neuer Sex ist oft per se guter Sex – weil er eben neu ist.
Genau so verhält es sich auch mit Kolumnen. Neue Kolumnen sind oft per se gute Kolumnen – weil sie eben neu sind. Nur: Auf Dauer leben Kolumnen, ebenso wie Sex, von der Liebe, von der Liebe zum Detail oder ganz einfach von der Abwechslung.
Von alledem hat Michèle Roten wenig zu bieten. Und weil sie das zu wissen scheint, wird der dirty talk deftiger, werden die Verführungskünste aggressiver. In ihre jüngste Kolumne im «Magazin» vom Samstag verpackt sie das ganze Vulgärvokabular, alle ihre Lieblingswörter – «vögeln», «ficken», «bumsen», «lecken», «blasen», «Futz» und «geile Säue». Vergeblich. Wir haben einfach keine Lust mehr auf Michèle Roten.
In einer langen Beziehung, so der Volksmund, bleibt der Sex nur gut, wenn man sich auch etwas zu sagen hat. Und vielleicht liegt genau da das Problem: Unsere Beziehung zu Michèle Roten und ihren Texten dauert schon viel zu lange – viel zu lange dafür, dass sie uns nichts zu sagen hat.
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