Montag, 19. Januar 2009
Mit der «Plattform» bietet Blattkritik.ch ausgewählten Gastautoren die Möglichkeit zur Medienkritik. Heute erklärt Rolf Marti, ehemaliger Verlagsleiter «Berner Tagwacht»/«Die Hauptstadt», weshalb es für die Tamedia keinen wirtschaftlichen Grund gibt, den «Bund» am Leben zu erhalten.
Das nahe «Bund»-Ende weckt Emotionen. Und romantische Erwartungen. Zum Beispiel jene, die Tamedia müsse in Bern die Medienvielfalt retten. Muss sie nicht. Ein verantwortungsvoll handelndes Unternehmen hat primär die Pflicht, anständig Geld zu verdienen (im doppelten Wortsinn). Nur so lassen sich nachhaltig Arbeitsplätze sichern.
Unter diesen Vorzeichen hat ein Medienprodukt dann eine Existenzberechtigung, wenn es entweder rentiert oder für das Gesamtunternehmen von strategischer Bedeutung ist (vgl. Lokalfernsehen, Internet). Der «Bund» tut weder das eine, noch ist er – seit der Übernahme durch die Espace Media Groupe – das andere. Im Detail:
• Seit 1996 hat der «Bund» gemäss der Tamedia Verluste in der Höhe von über 30 Millionen Franken erwirtschaftet. Die Löcher wurden von Ringier, der NZZ, der Publicitas und schliesslich der Espace Media Groupe gestopft. Ohne Erfolg. Eine Zeitung, die aber selbst in konjunkturell guten Zeiten kein Fett ansetzt, stirbt in der Rezession an Magersucht. So gesehen ist der «Bund» seit langem klinisch tot.
• Dass der «Bund» noch lebt, hat strategische Gründe. Ringier, NZZ und Publicitas wollten im nationalen Inseratemarkt dem Gespann Tamedia/Espace Media Groupe (die sich schon vor ihrem Zusammenschluss die Rechte an der «Berner Zeitung» teilten und heute gemeinsam mit der «Basler Zeitung» einen Inseratepool bilden) Paroli bieten. Für die nationalen Inserenten brauchten Erstgenannte auch im Grossraum Bern einen Werbeträger. Darin dürfte der tiefere Grund liegen, weshalb der «Bund» so lange künstlich beatmet wurde.
Ringier und NZZ hatten zwar richtig gedacht, konnten aber aus ihrem strategischen Schritt nach Bern kein Kapital schlagen. Schlicht deshalb, weil ihnen eine verlegerische Vision für den «Bund» und ihre anderen Lokalblätter fehlte (vgl. «Wer zu spät vom hohen Ross steigt»). Weil aber Verlagshäuser – genau wie Hersteller von Zahnbürsten, Bügelbrettern oder Wurstwaren – letztlich Geld verdienen müssen, muss sich jede Investition irgendwann bezahlt machen. Jene beim «Bund» tat es nicht. Es blieb nur der Verkauf an die Espace Media Groupe.
Damit war die Lebensversicherung des «Bund» weg. Denn mit der «Berner Zeitung» verfügten die Tamedia und die Espace Media Groupe bereits über den auflagestärksten Titel im Grossraum Bern. An der «Berner Zeitung» kommt kein nationaler Inserent vorbei – egal, ob der «Bund» ein paar Tausend Exemplare zur Gesamtauflage beisteuert oder nicht.
Für die Tamedia gibt es keinen Grund, den «Bund» weiter am Leben zu erhalten. Wer dies fordert, verlangt von einem Unternehmen, dass es wider die ökonomische Vernunft handelt. Und letztlich geht es um Ökonomie, nicht um Publizistik. Das sind die Fakten, vor denen Medienromantiker gerne die Augen verschliessen. Nochmals: Es ist nicht die Aufgabe der Tamedia, die Berner Medienvielfalt zu retten. Wer Medienvielfalt fordert, muss dafür einen Markt finden – oder sie selber berappen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie kann in Bern die Meinungsvielfalt auch ohne «Bund» längerfristig gesichert werden? Darüber sollten wir nachdenken!
Dienstag, 16. Dezember 2008
Seit klar ist, dass der «Bund» in seiner heutigen Form spätestens Mitte 2009 aus der Zeitungslandschaft verschwindet, fegt ein Sturm der Entrüstung über Bern. Verständlich! Uns dröhnt aber der Kopf ob all dem Lob für den «Bund», all der Kritik an der «Berner Zeitung».
Eine Petition fordert «Rettet den Bund». Sie hat mittlerweile viel Prominenz vereint, viele Unterschriften gesammelt und für viel Aufsehen gesorgt. Das ist gut so und setzt ein Zeichen.
Bloss: Ist «Rettet den Bund» der richtige Ansatz?
Nein. Die Tamedia prüft zwar (offiziell) zwei Optionen, wie es in Bern weitergehen soll – wirtschaftlich sinnvoll (und das wird für die Tamedia zählen) ist aber nur eine: Die Fusion von «Bund» und «BZ». Eine «Neue Berner Zeitung» wird entstehen – und wohl auch genau so heissen (jedes bisherige helvetische Fusionsprodukt trägt den Namen seiner Region, was vor allem werbetechnisch hilfreich ist).
Die vielen harten, gegen die «BZ» gerichteten Reaktionen von «Bund»-Lesern zeigen deutlich: Will sich die Tamedia die Mehrzahl der Bund-Abonnenten für die neue Zeitung sichern, wird sie den «Bund» nicht einfach der «BZ» einverleiben können. Umgekehrt würden sich viele «BZ»-Leser mit dem manchmal elitären «Bund» schwer tun. Die «Lösung» kann also nur eine Zeitung bringen, die irgendwo dazwischen steht.
Ob die neue Zeitung mehr «Bund» oder mehr «BZ» sein wird, ist aber sekundär. Viel wichtiger ist, dass Bern nicht nur den «Bund», sondern auch die «BZ» und somit die publizistische Vielfalt verliert. Was das bedeutet, zeigen die Beispiele Basel und Luzern mehr als deutlich.
«Rettet den Bund» greift deshalb zu kurz. Es müsste heissen: «Rettet die publizistische Vielfalt».
Dazu braucht es eine alternative Publikationsplattform, die unabhängig ist von der Tamedia. Eine zweite Tageszeitung kann es nicht sein, der Berner Markt ist dafür zu klein. Der «Bund» hat selbst in konjunkturell guten Jahren nur knapp schwarze Zahlen geschrieben. Zudem wird die Zahl der abonnierten Zeitungen weiter zurückgehen.
Die lokale publizistische Vielfalt ist also nur via Internet zu gewährleisten (siehe auch Eintrag vom 25.5.2007) – sei es in Form einer lokalen Online-Zeitung, eines offenen Forums oder wenigstens eines Watch-Blogs «Neue Berner Zeitung».
Samstag, 15. Dezember 2007
Ein Nachtrag zum Berner Medientag, Erstveröffentlichung im comedia-Magazin «m», 12/2007, www.comedia.ch
Der Berner Medientag unter dem Titel «Hilfe, die Zürcher kommen» hat kaum neue Erkenntnisse gebracht – weil die Zürcher nicht gekommen sind. So musste sich das Publikum in Abwesenheit sämtlicher Tamedia-Entscheidungsträger anhören, wie Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor der «Berner Zeitung», und Rudolf Burger, stellvertretender Chefredaktor des «Bund», um den heissen Brei redeten, wohl ohne mehr zu wissen als Sie und ich.
Publizist Karl Lüönd blieb es vorbehalten, pikante Aussagen zu machen. «Die Tamedia bezahlt doch nicht 300 Millionen Franken, um eine starke Marke wie den ‹Bund› zu schliessen», behauptete er. Zudem sprach er sich dafür aus, die Schweizer Medien vermehrt dem freien Markt zu überlassen – Qualität werde sich durchsetzen.
Eine krasse Fehleinschätzung. Denn eine qualitativ hoch stehende Presse ist nicht zuletzt eine vielstimmige Presse. Zudem: Wer die Veränderungen der Medienlandschaft in den letzten 20 Jahren analysiert, stellt fest, dass sich nicht Qualität, sondern wirtschaftliche Stärke durchsetzt. Wir «leiden» also nicht nur unter weniger eigenständigen Zeitungen, sondern müssen uns immer öfter mit einem inhaltlichen und sprachlichen Niveau begnügen, dass selbst minimalen Ansprüchen nicht genügt. Oberflächlichkeit ist angesagt, Zeit für fundierte Recherche bleibt den zusammengesparten Redaktionen zu selten.
Kurz: Wir haben eine beträchtliche Verschlechterung des Angebots erlebt. Was solls, könnte man sagen – Hauptsache, die vorhandenen Titel bringen Geld. Das wäre aber mehr als kurzsichtig. Demokratisch betrachtet sei das Zeitungssterben «eine politische Zeitbombe», hat SP-Nationalrat Andreas Gross einmal gesagt. Recht hat er. Eine Zeitung ist nun mal kein Wurstladen, sie hat nicht nur zu rentieren, sie hat auch zu informieren, Meinungen zu bilden, ihren Beitrag zur Demokratie zu leisten. Und damit so etwas wie Meinungsvielfalt auch im Lokalen erhalten bleibt, braucht es mehr als bloss eine Zeitung pro Stadt.
Gerade auf dem Platz Bern haben wir erlebt, wie schnell es gehen kann – und in welche Richtung es geht. Was noch in den 90er-Jahren mit «Bund», «Berner Zeitung» und «Berner Tagwacht» vorbildlich aussah, ist heute ein Trauerspiel. Nach dem absehbaren Ende für den «Bund» wird sich in Bern mit der «Berner Zeitung» jenes Produkt durchgesetzt haben, das journalistisch weniger zu bieten hat, aber wirtschaftlich stärker ist. Regional und kantonal hat die Espace Media Groupe alles gefressen, was es zu fressen gab - und ist jetzt selber von einem noch Grösseren, der Tamedia, gefressen worden. Der Hauptstadt droht somit nicht nur ein Zeitungsmonopol, es droht ein Zeitungsmonopol mit Zürcher Mantel.
Was in Bern auf lokaler Ebene als Konkurrenz bleiben wird, ist Radio DRS – mal abgesehen von ein paar publizistisch kaum ernst zu nehmenden Gratisblättern und Lokalradios. Mit anderen Worten: Die letzte wirkliche Konkurrenz im Staate Bern ist – staatlich. Die Frage sei erlaubt: Ist es nicht Zeit für eine starke staatliche Zeitung mit Lokalteilen in jeder grösseren Stadt (analog Radio DRS)? Wieso soll sich staatliche Publizistik auf elektronische Medien beschränken? Statt die Millionen der Presseförderung mit dem Giesskannenprinzip an Produkte zu vergeuden, die sowieso nicht in der Lage sind, eine publizistische Alternative zu bieten, könnte man das Geld auch in eine vielschichtige nationale Zeitung investieren. Und dafür den Rest des Medienkuchens ganz dem freien Markt überlassen.
Klar, die aktuelle Situation bei Radio und Fernsehen ist historisch gewachsen. Und grundsätzlich gilt: Der Staat soll nur dort eingreifen, wo der Markt versagt. Viele werden den Ruf nach einer staatlichen Zeitung deshalb als ordnungspolitischen Sündenfall abtun und argumentieren, dass auch heute neue Zeitungen lanciert würden und der Markt somit spiele. Nur: Bedeuten Gratiszeitungen Presse- und Meinungsvielfalt, tragen sie zur Diskussionskultur und Demokratie bei?
Nein. Der Medienmarkt funktioniert nur noch finanziell. Was seinen publizistischen Auftrag betrifft, versagt er mehr und mehr. Es ist Zeit, etwas für unsere demokratische Zukunft zu tun und mit einer staatlichen Zeitung Pressevielfalt herzustellen, die diesen Namen verdient.
Mittwoch, 12. September 2007
Dani Landolf, Stefan Bühler, Karin Reber Ammann, Ingrid Hess, Charles Beuret, Katharina Schindler, Rudolf Gafner, Rainer Schneuwly, Yvonne Leibundgut, Susanne Wenger, Evelyne Reber-Mayr, Michael Fankhauser, Nick Lüthi, Lorenz Kummer, This Wachter – die Liste der Redaktoren, die beim «Bund» gekündigt haben, seit Artur K. Vogel die Chefredaktion übernommen hat, ist lang, sehr lang sogar.
Klar: All diese Abgänge dem neuen Chef anzulasten, wäre unfair. Die Übernahme der Espace Media Groupe durch die Tamedia hat der Stimmung beim «Bund» nicht gut getan – wer 1 und 1 zusammenzählt, weiss, dass die Tage des «Bund» gezählt sind ( 1, 2) und sucht einen neuen Job. Aber: Ein wesentlicher Faktor für viele Kündigungen langjähriger, qualifizierter Mitarbeiter scheint der neue Mann an der Spitze zu sein. Diverse Stimmen aus der «Bund»-Redaktion sprechen von Diktatur, von Bush-Doktrin («Wer nicht für mich ist, ist gegen mich»), sie sprechen davon, dass Artur K. Vogel jede Diskussion abwürgt.
Vogel praktiziert beim «Bund» also genau das Gegenteil dessen, was auf einer Zeitungsredaktion selbstverständlich sein sollte: konstruktive Auseinandersetzung, Meinungsvielfalt, Demokratie. Jüngstes Beispiel: Vogel wollte Alexander Sury, den Leiter des «Kleinen Bund», loswerden und legte ihm die Kündigung auf den Tisch. Eine Kündigung, die Vogel auf Druck von Redaktionsmitgliedern inzwischen rückgängig gemacht hat.
Ein weiterer Vorwurf, den sich Vogel gefallen lassen muss: Er tut sich offenbar immer wieder mit Ankündigungen/Versprechungen hervor, die er schliesslich nicht einhalten kann. Krassestes (öffentliches) Beispiel: Vogel kommunizierte allzu früh, die Berner Kulturagenda werde künftig in den Bund integriert. Dumm, dass die Berner Kulturinstitutionen mit dem Bundmodell eigentlich gar nicht einverstanden waren. – Resultat: die Kulturagenda liegt seit heute dem Anzeiger bei.
Umso unverständlicher sind Vogels Umgangston und seine internen Basteleien (Auslandchef Lorenz Kummer kündigte unter anderem deshalb, weil Vogel dem Auslandteil 80 Stellenprozente streichen wollte. Dies notabene nur zwei Monate, nachdem er eine freie Auslandstelle neu besetzt hatte), wenn man weiss, dass Vogel für sein erstes Jahr beim «Bund» mit der Espace Media Groupe Besitzstandswahrung aushandeln konnte. Das heisst, er hat vorläufig keinen wirtschaftlichen Druck, er ist nicht mit der Vorgabe angetreten, intern die Schraube anzuziehen und weiter Stellen abzubauen.
«Was sollen die Allüren, Herr Vogel», fragen sich viele. Die Antwort scheint banal: Artur K. Vogel ist offenbar einfach so. Wer hört, wie die Leute über ihn sprechen, wer seine Kommentare und Artikel im «Bund» und seit neustem im «Bund»-Blog liest, stellt fest, dass Vogel allzu gerne «poltert» und seine Schreibe gelinde gesagt «hemdsärmlig» daherkommt.
Kein Wunder also, ist Vogel «Bund»-intern mittlerweile isoliert. «So kann es nicht weitergehen», sagen viele. Was das bedeutet, bleibt abzuwarten. Pikantes Detail: Bei der Espace Media Groupe hat man offenbar von der «Bloss weg hier»-Stimmung beim «Bund» bisher nichts mitgekriegt. – Oder nichts mitkriegen wollen? Vielleicht ist man sich über die Situation durchaus im Klaren und lässt Vogel bewusst gewähren. Vielleicht lässt sich ein «Bund», der viele gute Journalisten und damit schon bald einen Teil seines Ansehens verloren hat, dereinst mit weniger Nebengeräuschen einstellen.
Freitag, 29. Juni 2007
Wer die Berichterstattung zur Übernahme des «Bund» durch die Espace Media Groupe verfolgt, stellt fest, dass Tamedia/Espace offenbar von den Verkaufsabsichten der «NZZ» überrascht worden ist und den Deal mit gemischten Gefühlen vollzogen hat. Bleibt die Frage, wieso die «NZZ» den «Bund» so schnell loswerden wollte/musste, und wieso man bei der Tamedia/Espace derart zurückhaltend reagiert.
Wir vermuten: Der «NZZ» geht es vor allem um die Wahrung des Gesichts. Sie zieht sich in einem Moment zurück, in dem der «Bund» erstmals seit Jahren schwarze Zahlen schreibt, in dem ihr niemand vorwerfen kann, sie verlasse das sinkende Schiff und trage zum Niedergang der publizistischen Vielfalt bei. Hätte die «NZZ» vor zwei/drei Jahren den Bettel hingeschmissen, hätte sie damit das Ende des «Bund» besiegelt. Würde die «NZZ» in zwei/drei Jahren den Bettel hinschmeissen – wenn die Konjunktur vielleicht nachgelassen hat und der «Bund» wieder rote Zahlen schreibt –, käme wohl auch das dem Ende gleich.
Mit anderen Worten: Die «NZZ» hat den perfekten Moment für einen «sauberen» Abgang gewählt. Sie hat die Rolle des künftigen Buhmanns dem Erzrivalen Tamedia/Espace zugeschoben. Mehr wollte sie nach all den Jahren, in denen sie die Verluste des «Bund» mitgetragen und für dessen Fortbestand gesorgt hat, offenbar nicht mehr tun.
Was man der «NZZ» vorwerfen muss, ist ihre Strategielosigkeit. Sie hat es über all die Jahre verpasst, für den «Bund» eine Zukunftsperspektive zu entwickeln: Weder hat sie einen gemeinsamen Redaktionspool mit ihren anderen Lokalblättern aufgebaut, noch hat sie einen starken Inseratepool etabliert. Auf die Nutzung von Synergien scheint man bei der «NZZ» nicht angewiesen zu sein. Wie lange noch?
Fazit: Im Gegensatz zur Tamedia, die eine klare Vision verfolgt und sich als Nummer eins auf dem Markt der Tageszeitungen etablieren will, agiert die «NZZ» aus einer reinen Abwehrhaltung. Salopp formuliert: Am liebsten würde die «NZZ» einfach nur die «NZZ» machen. Schade, denn die «NZZ»-Gruppe ist das einzige Schweizer Verlagshaus, das der Tamedia im Lokalzeitungsgeschäft Paroli bieten könnte, nachdem sich Ringier aus dieser Sparte verabschiedet hat.
Donnerstag, 28. Juni 2007
Bern ist klein. Als der Blattkritiker gestern Abend hinter seinem Panache sass, hörte er in seinem Rücken zwei Männer tuscheln, die anscheinend bei der Espace Media Groupe arbeiten. «Schlimm», sagte der eine, «ganz schlimm. Die BZ-Journis machen sich Sorgen.» – «Das ist doch nichts Neues!», stellte der andere fest. – «Dieses Mal schon. Die von Weissenfluh [Franziska, Verlagsleiterin der Espace] erzählt rum, im Herbst, wenn die zwei neuen Gratiszeitungen lanciert werden, werde es auch für die BZ eng.» – «Die zwei neuen Gratiszeitungen? Dann weiss die von Weissenfluh offensichtlich mehr als der Kall.»
Worauf die Herren kicherten und sich der Blattkritiker fragte, was es denn da zu kichern gibt und weshalb Martin Kall beim Interview mit Francesco Benini in der «NZZ am Sonntag» nicht einfach die Wahrheit gesagt hat.
Dienstag, 26. Juni 2007
In der Schweizer Medienlandschaft wird zurzeit schneller liquidiert, fusioniert und neu lanciert, als Beobachter denken und tippen können. «Cash» weg, «Facts» weg, die Espace Media Groupe ein Anhängsel der Tamedia, am Horizont warten «.ch» und andere Gratisblätter – und nun noch dies: Die Freie Presse Holding AG der NZZ verkauft, offenbar aus eigenem Bestreben, ihren Anteil am «Bund». Damit liegt das Geschick des Berner Traditionsblatts fortan ganz in den Händen der Espace Media Groupe bzw. der Tamedia. Lapidare Begründung der «NZZ»: Sie will der Tamedia «die Integration des Berner Modells in ihre Gesamtstrategie ermöglichen».
Was hat der «Bund» in der Gesamtstrategie der Tamedia verloren? Wenig! Das sieht offenbar auch die Tamedia so. Auf der Website des «Tages-Anzeigers» lesen wir jedenfalls, dass Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer den Schritt der «NZZ» bedauert. Er schaffe zusätzliche Verunsicherung.
Alles deutet darauf hin, dass die Tamedia eine nationale Mantelredaktion aufbauen will, die den «Tages-Anzeiger», die «Berner Zeitung» und allenfalls die «Basler Zeitung» beliefern soll. Die Lebensversicherung für den «Bund» – die Option, dass auch die NZZ-Gruppe an der Idee einer nationalen Mantelredaktion werkelt, die ihre Lokalblätter in St. Gallen, Luzern, Bern sowie die mit ihr verbandelten Lokalblätter im Grossraum Zürich beliefern könnte – ist nun vom Tisch. Und damit wohl bald auch der «Bund». Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Tamedia neben einem nationalen Mantel eine Vollredaktion für die paar wenigen «Bund»-Leser leisten wird.
Oder denkt die Tamedia vielleicht darüber nach, «Bund» und «BZ» denselben Mantel zu verpassen und in Bern zwei unabhängige Lokalredaktionen zu betreiben? Nun: Das wäre aus publizistischer Sicht besser als gar nichts; aber ökonomisch dürfte sich das kaum rechnen. Zwei Titel in ein und dem selben Markt zu alimentieren, lohnt sich nur, wenn dadurch unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen erreicht werden können. Das setzt wohl eine Differenzierung der beiden Titel voraus, die über den Lokalteil hinausgeht.
Die Espace Media Groupe hat heute zwar mitgeteilt, das so genannte «Berner Modell» werde auch künftig «unter den gleichen wirtschaftlichen und publizistischen Kriterien» weitergeführt. Was das konkret heisst, hat Espace Media Groupe-Sprecher Christopher Wehrli laut Tages-Anzeiger gleich klargemacht: Der «Bund» muss rentieren, wenn er überleben will.
Wir gewöhnen uns deshalb schon mal an den Gedanken, dass es eher früher als später heissen wird: (B)und tschüss!
Samstag, 2. Juni 2007
Charles von Graffenried hat seine Espace Media Groupe an Tamedia verkauft. Klar, dass Heinz Däpp dazu nicht schweigen kann! Viel Vergnügen mit seinem Schnappschuss zum Tamedia-Espace-Deal.
Samstag, 2. Juni 2007
Auch eine Woche nach ihrer Bekanntgabe gibt die Espace-Übernahme zu reden. Die Spekulationen konzentrieren sich vor allem auf die Beweggründe der Tamedia, ausgerechnet jetzt auf Einkaufstour zu gehen - oder aber auf Charles von Graffenrieds Grund für das «Aufgeben». In seiner «Weltwoche»-Kolumne lässt sich Kurt Zimmermann auf die Äste der Familienpolitik und schreibt:
Grössere wirtschaftliche Verschiebungen in der Schweizer Medienszene sind in aller Regel nicht von Kapitulation, industrieller Logik, Monopolisierung, Strategie, Konzentration, Nutzung von Synergien und Konsolidierungsprozessen getrieben. Es sind simple, alltägliche Nachfolgefragen. Entweder hat der Vater einen Sohn oder eine Tochter, der oder die das Unternehmen weiterführt. Oder der Nachwuchs ist nicht interessiert. Dann wird verkauft. Falls sich Charles von Graffenrieds Sohn Michael mehr für Zeitungen als für die Fotografie interessiert hätte, schreibt Zimmermann weiter, wären «BZ» und «Bund» in Berner Händen geblieben. Tatsächlich? Der Blattkritiker bezweifelt diese Hypothese. Ein Medienkonzern wie die Espace Media Groupe ist kein Schuhmachergeschäft, das vom Papa entweder an den Sohn weitergegeben oder an den bösen Spekulanten verkauft wird. Auch Michael von Graffenried hätte sich mit Inserateschwund, Gratiszeitungen und fehlenden Ideen für Qualitätszeitungen konfrontiert gesehen - und sich entweder eigene Lösungen einfallen oder ebenfalls einem grösseren Konzern an die Brust werfen müssen.
Als Leser werden wir die genaue Geschichte des Espace-Deals vermutlich nie erfahren. Wie sieht es aber mit den Folgen aus? Nehmen wir statt der «Weltwoche» lieber die aktuelle «WOZ» zur Hand (ja, zur Hand, denn immer noch weigern sich die Genossen, ihre besten Texte aufs Web zu stellen). Hanspeter Spörri, gewesener «Bund»-Chefredaktor, schreibt über die Fusion und resümiert kurz den wirtschaftlichen Rosenkranz, der bei solchen Gelegenheiten gern heruntergebetet wird: Wer überleben will, muss grösser werden, der Strukturwandel ist nicht aufzuhalten, lieber ein einheimischer als ein ausländischer Käufer. «Soll man wieder einmal lamentieren über den Verlust regionaler Eigenständigkeit, über möglichen Stellenabbau?», schreibt Spörri und fragt: Was wird nun besser? Vielleicht die «Berner Zeitung», die durch diverse Sparübung bereits ernsthaften Schaden genommen hat. Im Verbund mit dem «Tages-Anzeiger» liesse sich der ausgedünnte Mantel mit der nur noch mangelhaften Wirtschafts-, Kultur- und Auslandsberichterstattung quantitativ und qualitativ wieder verbessern. Eine bessere Zeitung - genau darum geht es aus der Sicht der Leserinnen und Leser, sofern sie sich nicht längst von ihren Ansprüchen verabschiedet haben. Auf den Zürcher Redaktionen, in welchen der grösste Teil des schweizerischen Medienjournalismus produziert wird, scheint die zuweilen erbärmliche Qualität der «BZ» aber kein Thema zu sein. Die Zukunft der Berner Presse wird auf die Frage reduziert, wie lange es den «Bund» noch geben wird. Die unterschiedliche Geschichte, Ausrichtung und Qualität von «Bund» und «BZ» wird kaum je erwähnt. Spörri gibt Nachhilfe: Der 1850 gegründete «Bund» ist immer noch eine Zeitung, um die es schade wäre, eine Zeitungspersönlichkeit mit Gedächtnis, mit Bewusstsein für Geschichte und Kontinuität, dem Gedankengut der Aufklärung und den «Errungenschaften von 1848» verpflichtet. (...) Einige Zeit schien die Aufgabenteilung zwischen dem «Bund» - seriös, urban, sozial-liberal, mit einer anspruchsvollen Leserschaft rechnend - und der «Berner Zeitung» - boulevardesk, auf die Agglomeration und den ländlichen bezogen, mehr Farbe, grössere Titel - ganz gut zu funktionieren. Doch es wurden weiter Kosten gesenkt, um die Rentabilität des Konzerns kurzfristig zu erhalten. Wie fest die Tamedia auf die Kostenseite schielen wird und in welcher Redaktion sie das Messer ansetzt, ist noch offen. Die Angst vor einem Stellenabbau geht derzeit nicht nur am Berner Dammweg, sondern auch an der Zürcher Werdstrasse um.
Doch vielleicht eröffnen Martin Kalls «Synergien» auch kreativere Ergebnisse als blossen Stellenabbau. Wir können uns zum Beispiel vorstellen, dass auch der «Bund» mit ausgewählten Texten aus dem «Tages-Anzeiger» aufgepeppt wird. Das immer noch relativ grosse Korrespondentennetz des «Tages-Anzeigers» liesse sich so auch für den Platz Bern nutzen.
Und die «BZ»? Notfalls gibt es ja immer noch den Mantel von «20 Minuten» ...
Freitag, 25. Mai 2007
Charles von Graffenried, dessen Credo es lange Zeit war, die Zürcher Verlagshäuser vom Platz Bern fernzuhalten, holt sich mit der Tamedia den ehemaligen «Feind» ins Haus. Don Quijchote hat also aufgegeben – über das Weshalb kann nur spekuliert werden.
Wie bei Übernahmen üblich, ist die Rede von der Lancierung neuer Produkte, von der Nutzung von Synergien, vom gemeinsamen Antreten in härter werdenden Zeiten. Ob die Espace Media Groupe längerfristig allein tatsächlich nicht überleben könnte, wie von Graffenried behauptet, ist schwer zu beurteilen. Sicher ist: Es gibt keinen aktuellen Anlass, jetzt an Tamedia zu verkaufen. Die Espace Media Groupe ist eines der profitabelsten Medienunternehmen der Schweiz. Die Wirtschaft boomt, so dass laut Espace sogar der «Bund» auf dem Weg der Besserung ist.
Was die Tamedia-Übernahme für den Platz Bern und das Berner Modell bedeutet, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist die Aussicht des «Bund», als Komplettzeitung weiter zu bestehen, nicht besser geworden. Zwar soll der «Bund» dem Vernehmen nach dieses Jahr erstmals seit langem schwarze Zahlen schreiben. Es ist jedoch zu befürchten, dass die nächste kleine Konjunktur-Baisse dem Blatt in seiner heutigen Form den Rest gibt. Denn sowohl strategisch wie ökonomisch ist der «Bund» uninteressant. Das war schon für die Espace Media Groupe so und gilt umso mehr für Tamedia. Das bisherige Überleben des «Bund» ist deshalb wohl einzig dem persönlichen Engagement von Charles von Graffenried zu verdanken.
Vielleicht werden, wenigstens in nächster Zeit, die immer vertrackteren Besitzverhältnisse den «Bund» retten: Die Espace kontrolliert «nur» 40 Prozent und nimmt die verlegerische Verantwortung war, 20 Prozent gehören der Publigroupe, die restlichen 40 Prozent und die publizistische Aufsicht liegen bei der NZZ-Gruppe. Mit anderen Worten: Die Espace Media Groupe wird sich auch mit der Tamedia im Rücken nicht einfach über NZZ-Gruppe/Publigroupe hinwegsetzen können (so hoffen wir wenigstens). Verlegerische Überlegungen gehen allerdings oft über publizistische: Das zeigt das Beispiel der zusammengelegten Sportressorts von «Bund» und «BZ».
Wie geht es auf dem Platz Bern weiter? Wir sehen vier langfristige Optionen:
1. Gäng wie gäng. Dies muss als am wenigsten realistisch betrachtet werden, weil Tamedia und Espace dazu nicht hätten fusionieren müssen.
2. Berner Kopfblätter: Die «BZ» wird zum Kopfblatt des «Tages-Anzeigers», der «Bund» wird in einen Mantel der «NZZ»-Regionalmedien (St.Gallen, Luzern, Bern) eingebunden. Letzteres steht schon seit Jahren zur Diskussionen und, man kann es nicht anders sagen, ist von der NZZ-Gruppe schlicht «verlaueret» worden. Denn damit hätte die Integration des «Bund» in die Espace Media Groupe verhindert und die publizistische Vielfalt auf dem Platz Bern längerfristig gesichert werden können.
3. Tamedia-Dreieck: Tamedia wartet solange zu, bis sie auch die Basler Zeitung Medien übernommen hat und produziert im Dreieck Zürich-Basel-Bern einen nationalen Mantel. Was das für den «Bund» bedeuten würde, ist unklar.
4. Worstcase: Der «Bund» wird eingestellt, einige Redaktoren «wechseln» in die «BZ» (analog Sportressort).
Was passiert, wenn der «Bund» tatsächlich stirbt? Gerüchte besagen, dass in diesem Fall in Bern eine unabhängige Online-Zeitung entstehen soll, die die lokale publizistische Vielfalt erhalten würde. Wie realistisch ist ein solches Projekt? Wir wissen es nicht. Billig wäre es auf keinen Fall. Die Milchbüechlirechnung: 3 Redaktoren und 1 Inserateakquisiteur verursachen allein schon rund 300'000 Franken Lohnkosten pro Jahr. Mit den Aufwendungen für Werbung, Büros, Transportmittel, Kommunikation, Computer usw. beläuft sich das Budget schnell einmal auf eine halbe Million Franken.
Eine lokale Online-Zeitung als Alternative zur «BZ»? Teuer, aber nicht unmöglich. Deshalb: Freiwillige vor!
Donnerstag, 28. Dezember 2006
«Die Aufwertung des Ich» betitelt ein anonymer Espace-Autojournalist seine Besprechung des neuen Lamborghini Muci√©lago LP640. Und bestätigt damit auf knappstem Raum jedes Vorurteil, unter dem die paar seriösen Autojournalisten leiden. Sein in bestem Machodeutsch verfasster Artikel strotzt vor Gemeinplätzen und Hinweisen auf die weibliche Anatomie. Nach der Lektüre müssen wir zug- und busfahrenden Laien das Windschott zwar immer noch nachschlagen. Aber wenigstens haben wir gelernt, dass dieses Teil irgendetwas mit Kate Moss und deren Minirock zu tun haben muss. Und der offenbar mitten in der Pubertät steckende Autor hat uns auch noch darauf hingewiesen, dass ein Auto nur schön und laut zu sein hat und sonst gar nichts.
Pardon, wir haben etwas vergessen: «Aggressivität» sollte es auch noch ausstrahlen ‚Äì auch im Interesse der Strassenverkehrsopfer-Vereinigung.
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