Mittwoch, 20. Juni 2007
«Leider hat sich gezeigt, dass die wirtschaftlichen Perspektiven des Titels zu wenig tragfähig sind», steht in Uli Rubners «Facts»-Todesanzeige, die auch der Blattkritiker erhalten hat. Im Klartext: Wir haben einfach nicht genug Geld verdient. Die Gründe dafür beschreibt Constantin Seibt, der hartnäckigste Beobachter des Swissair-Prozesses, im «Tages-Anzeiger» von gestern (online nicht frei zugänglich). In seinem Artikel über das «Facts»-Grounding schildert Seibt das kurze Leben und lange Sterben von «Facts», dem «Kind ohne Seele» und ortet das Hauptproblem in einem «Geburtsfehler»: Das Problem Mitte der Neunzigerjahre war, dass der Verlag kein gutes Gefäss für Farbanzeigen hatte, und dies, als die Wirtschaft zu boomen begann. [«Facts»] entstand quasi als Lösung des Farbanzeigenproblems: nach dem Vorbild der österreichischen «News»: vorne Politik, hinten softe Stoffe. (...) Dies sollte das Problem von «Facts» werden: Es war ein Marketingprodukt, geboren ohne klaren Auftrag – und dies paradoxerweise in einem Markt, der viel zu klein war: Bei den hohen Kosten eines Nachrichtenmagazins für Recherche, Bilder, Technik brauchte man in der Schweiz eine fantastische Leserzahl, fantastisch viele Anzeigen, fantastisch viele Nachrichten. Zur unglücklichen Konzeption des «Retortenkindes» gesellten sich die geplatzte Dotcom-Blase und die Konkurrenz: Der Anzeigenmarkt brach zusammen von den 2000 Werbeseiten für «Facts» allein blieben nun für «Weltwoche», «Cash» und «Facts» zusammen 2000. Die Leser schwanden. Obwohl «Facts» mehr Leute pro Kopf erreichte als der «Spiegel» in Deutschland, hätte man fast die Hälfte mehr gebraucht. Und schliesslich verschwanden nicht nur die Anzeigen, sondern auch auch die Nachrichten endgültig Richtung Wochenende – spätestens, als mit der «NZZ am Sonntag» das dritte Sonntagsblatt erschien. Sonntagszeitungen funktionieren im Kern als effiziente Petzmaschinen: Dutzende von Leuten werden nach Indiskretionen abtelefoniert oder von Indiskreten angerufen. Sie liessen «Facts» nichts an Skandälchen übrig. Eine strukturelle Fehlkonstruktion, schwindende Anzeigen und dazu die wachsende Konkurrenz - ein Alptraum. Auch für die Redaktion, wie Seibt schreibt: Im Verborgenen dahinter kämpften die Journalisten – ohne jede Chance. «Facts» machte von Anfang bis zum Ende konstant hervorragenden Journalismus, oft versteckt von Häppchen, Thesen, Softstoffen, Kästen. Doch während in den Neunzigern «Facts»-Journalisten in der Branche zwar gehasst, aber gelesen wurden, blieb das späte «Facts» in der Branche anrüchig, aber unsichtbar: Wurden Artikel von ihm in der Tagespresse aufgenommen, galten sie als Primeur des abschreibenden Blattes. In der Falle zwischen verzweifelt nötiger Reputation und verzweifelt nötiger Aufregung kämpften die «Facts»-Leute einen tapferen, vergeblichen Kampf: Es war das unterschätzteste Blatt des Landes. Und vielleicht auch ein Bauernopfer für Martin Kalls neue Pläne, die wir hier in Kürze besprechen. Bleiben Sie dran.
Mittwoch, 20. Juni 2007
Der Patient lag seit Jahren auf der Intensivstation, jetzt stellt die Tamedia die Maschinen ab: «Facts» erscheint am 28. Juni zum letzten Mal. Den ausführlichen Nekrolog liefern wir nach. Fürs Erste verweisen wir auf das phrasendreschende Communiqué der Tamedia und den langen Artikel auf der «Tages-Anzeiger»-Website. Kommentare sind willkommen - gerade auch von «Facts»-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Mittwoch, 6. Juni 2007
Am 25. Juni erscheint der «Spiegel» mit einem einmaligen Schweizer Split, wie «persönlich» berichtet. Die von der «NZZ am Sonntag» vermutete Zusammenarbeit mit «Facts» dürfte sich damit erledigt haben.
«Spiegel»-Sprecherin Ute Miszewski spricht von einer «sorgfältigen Auswertung» dieses Versuchsballons. Ist der Split also nur eine erweiterte Art der Marktforschung? Wohl kaum. Auch der «Spiegel»-Verlag wird festgestellt haben, dass auf dem Schweizer Wochenzeitungsmarkt eine grosse Lücke klafft. Es fehlt nämlich ein mehrheitsfähiges Magazin, das für seine Verleger auch rentiert. Denn vom Ideal einer Zeitung, die eine breite Leserschaft findet und auch Geld abwirft, sind die beiden Schweizer Titel weit entfernt. Die «Weltwoche» motzt und trotzt, hat aber immer noch keine gloriosen Abo-Zugänge gemeldet. «Facts» wurde letztes Jahr renoviert, schreibt aber immer noch keine schwarzen Zahlen.
Eine frische Brise aus dem Norden kann aus Lesersicht nicht schaden. Der Blattkritiker freut sich deshalb auf den Schweizer «Spiegel». Selbst wenn er wirklich nur ein Versuchsballon sein sollte.
Sonntag, 3. Juni 2007
In der «NZZ am Sonntag» schreibt Francesco Benini über das Gerücht der Woche: Tamedia soll mit Springer über «Facts» verhandeln. Und zwar soll «Facts» in eingedampfter Form dem «Spiegel» beigelegt werden, der in der Schweiz rund 20'000 Abonnenten zählt. Wie ein Redaktor des «Spiegels» erklärt, sei an einer internen Veranstaltung vor rund fünf Wochen ein Projekt vorgestellt worden, das «Facts» als Supplement des «Spiegel» vorsehe. Ute Mizewski, Sprecherin des Springer-Verlags, erklärt auf Anfrage: «Es hat Gespräche über 'Facts' zwischen dem Spiegel-Verlag und Tamedia gegeben. Diese werden derzeit aber nicht fortgeführt.» Ein downgesiztes «Facts» als «Spiegel»-Beilage? Der Blattkritiker fühlt sich an den Yps-Gimmick erinnert.
Freitag, 27. April 2007
Dass ...
... die SVP 100 000 neue Wählerinnen und Wähler gewinnen will ...
... SVP-Nationalrätin Jasmin Hutter am 26. Mai im Beisein der beiden SVP-Bundesräte heiratet ...
... die Berner FDP-Ständeratskandidatin Dora Andres «das Gespräch mit Bäuerinnen und Bauern» sucht ...
... die Vereinigung der Unterwalliser Schaf- und Ziegenzüchter «gegen die Anwesenheit des Wolfes im Wallis» protestiert ...
... die Begriffe «Christoph Blocher» und «fleissig», «Christoph Blocher» und «glaubwürdig» sowie «Christoph Blocher» und «lustig» in unterschiedlicher Häufigkeit gegoogelt wurden ...
... das alles teilt «Facts» der Leserschaft in seiner neusten Ausgabe mit (Artikel sind online nicht frei zugänglich).
Und zwar unter dem Titel «Das Wichtigste aus Politik und Gesellschaft».
Dienstag, 30. Januar 2007
Achtzehn Jahre nach ihrem Rücktritt ist Elisabeth Kopp wieder da - wenn auch nur auf der Leinwand: Der Film «Elisabeth Kopp - Eine Winterreise» versucht, etwas mehr (subjektives) Licht in den Fall Kopp zu bringen. Die Reaktionen der Wochenpresse sind unterschiedlich. «Facts» widmet der gefallenen Bundesrätin die «Carte blanche». Catherine Duttweiler, Autorin von «Kopp und Kopp» (Weltwoche-ABC-Verlag, antiquarisch oder in Bibliotheken erhältlich), meint: Es ist Elisabeth Kopp menschlich wie politisch zu gönnen, dass sie nach Jahren des Vergessens eine Imagekorrektur anbringen kann: Sie war als Bundesrätin weder brillant noch visionär, doch sie hat ihre Aufgabe genauso gut erfüllt wie das Gros ihrer männlichen Kollegen (...). Dennoch gilt es bei der Würdigung [von Kopps Rücktritt] zu berücksichtigen, dass die Magistratin keineswegs wegen eines «ganz kurzen Telefons» an ihren Gatten zurücktreten musste - in einer Affäre, in welcher die Gerichte später weder den Geldwäschereiverdacht noch eine Amtsgeheimnisverletzung schlüssig nachweisen konnten. Elisabeth Kopp musste zurücktreten, weil sie zusammen mit ihrem Gatten das berüchtigte Telefonat über Wochen hinweg bestritten hatte. Mit diesem nüchternen Text ist der Kopp-Film für «Facts» besprochen. Eine angemessene Berichterstattung, wie der Blattkritiker meint. Die «Weltwoche» richtet dagegen mit der grossen Kelle an.
"Ein Koppstand" vollständig lesen
Montag, 22. Januar 2007
√úber ein Minimum an Grundwissen und Interesse am Thema verfügt jeder Journalist, der für das «Schweizer Nachrichtenmagazin» arbeitet.
So hoffte man wenigstens. Bis Frank Heer für das neue «Facts» ein Interview (Artikel online nicht erhältlich) mit Mundartrocker Gölä führte. Oder, wohl besser: führen musste, weil auf der Redaktion niemand sonst Lust hatte, sich mit dem «Schwan»-Schöpfer zu unterhalten.
Heer erledigt seinen Job wie eine Strafaufgabe. Er macht sich nicht einmal die Mühe, vor dem Gespräch im Archiv nachzuschauen, was in Sachen Gölä als längst bekannt vorausgesetzt werden darf. So erfährt die Leserschaft am 19. Januar 2007, dass Gölä auf dem Bau arbeitet und nur macht, «was mir der Ranzen sagt». Und Heer schreibt die Namen von ein paar Rockgrössen, die Gölä erwähnt, genau so ins Blatt, wie sie der weltberühmteste «Büezer» der Schweiz ausspricht. Aus Bob Seger wird «Bob Seeger», aus Lynyrd Skynyrd «Linird Skinnard» und aus John Hyatt «John Hiatt». Eine Band namens «Springsteen» gibt es nicht, nur einen Sänger, und der heisst mit Vornamen Bruce. Er musiziert mit der E-Street-Band.
All das hätte Heer googeln oder sich von Kollegen sagen lassen können. Aber der «Facts»-Journalist macht lieber vier Fehler in drei Zeilen als zwei Minuten für einen Satz zu recherchieren.
Da gibts, um es mit Gölä zu sagen, nur eins: «Vergässe, was isch gescheh».
Mittwoch, 10. Januar 2007
Philippe Bruggisser kann nicht nachgesagt werden, er sei mit seiner Version des Swissair-Untergangs bei den Redaktionen hausieren gegangen. Im Gegenteil.
Das Feld der Spekulationen ist also ein weites und ein furchtbar fruchtbarer Nährboden für Mutmassungen. «Facts»-Redaktor Lukas Hässig hat mit Blick auf den bevorstehenden Prozess gegen die Swissair-Verantwortlichen darauf geweidet (Artikel online nicht frei zugänglich). Oder besser gesagt: seine Kollegen von der «Weltwoche», der «Bilanz», dem «Blick», der «Handelszeitung» und die Dok-Filmer von SF DRS darauf weiden lassen und dann wiedergekäut, was in sein Bild vom unbeugsamen, arroganten Manager der früheren Schweizer Vorzeigefirma passte.
Der Autor, dessen Nomen im Fall Bruggisser Omen zu sein scheint, kommt im Zentralorgan des Thesenjournalismus ferndiagnostizierend zum Schluss, der «seinem Umfeld meilenweit entrückte, allwissende und übermenschliche» Ex-Swissair-Boss sei «als Mensch ganz unten angekommen» und heute «der im Volk am meisten gehasste Angeklagte». Eric Honegger, Mario Corti und Co. werden sich freuen.
Dem Familienvater aus Wohlen würden nur noch seine ehemalige Pressesprecherin Beatrice Tschanz und Flightlease-Chef Hans Jörg Hunziker die Stange halten; ansonsten stehe er «mutterseelenallein» da. Bruggisser werde in seinem Wohnort «hinterhergetuschelt», was den Gang in den Quartierladen oder auf die Post «zur psychischen Tortur» mache. Trotzdem sei er ein «unbeugsamer Besserwisser» geblieben, der Justizia cool ins Gesicht grinse. «Gründe zum Grübeln» hätte Bruggisser Hässigs Ansicht nach zwar mehr als genug. Aber oha: «Nicht der leisteste Hauch von Selbstzweifel» sei beim beim abgestürzten «Kapitän» der einstigen Vorzeigefirma «bis heute» zu spüren, bedauert der Facts-Reporter. Und gibt sich gar nicht erst die Mühe zu verbergen, dass er den «Mann mit dem geschichtsträchtigen Geburtsdatum 11. September» wegen dessen mangelnden Schuldbewusstseins am liebsten noch vor ein separates Tribunal schleppen würde.
Am Ende weiss der Leser, dass es sich bei Philippe Bruggisser um einen Mann handelt, bei dem der geschäftliche Ehrgeiz und die Bereitschaft zur Selbstkritik flugmeilenweit auseinanderklaff(t)en. Und damit nichts Neues.
Freitag, 5. Januar 2007
Damit die Schweizer Presse auch das Jahr 2007 überlebt, wünschen wir uns für das neue Jahr mit Nachdruck ...
... dass Millionenzürich-Provinzler, Sowohl-als-auch-Intellektueller und «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Peter Hartmeier mit einer Rücktrittsandrohung die Null-Niveau-Regionalstrategie seines Blattes mit sofortiger Wirkung beendet. Egal, wie es ausgeht, ob er als Chef abtritt oder die Regionalisierung abgebrochen wird: Der Tagi gewinnt so oder so.
... dass die unzähligen Berater in den Verlagshäusern, die so gerne Zahlen zählen, im neuen Jahr auch das Lesen lernen und verpflichtet werden, zu lesen, was sie angerichtet haben mit ihrem Spar-, Ausdünnungs- und Vollkostenwahn. Eine Printbranche nämlich, die gegen das Internet nur verlieren kann, wenn sie mit geschwätzigen Kolumnen und bunten Lesestöffchen zwar durchaus Geld, aber auch Leser wegspart.
... dass Tettamanti-Adoptivsohn und Frauenversteher Roger Köppel, der sich neuerdings im Eigenverlag verlegt, endlich seinem journalistischen Credo nachlebt und nicht mehr dauernd in seine «Weltwoche» hievt, was nicht ist (Klimawandel), sondern was ist (Klimawandel). Und vor dem Fernseher Beckmann-Interviews mit der deutschen Bundeskanzlerin abschreiben muss 2007 auch nicht mehr sein. Danke.
... dass Tamedia-Chef Martin Kall in seine persönliche Weiterbildung investiert und sich die «Süddeutsche Zeitung» abonniert, damit er täglich daran erinnert wird, wie gut eine Qualitätszeitung sein könnte. Falls Kall nicht mehr bereit ist, für ein Printprodukt Geld auszugeben, darf er sich bei mir melden: Ich schenke ihm gerne ein Jahresabonnement.
... dass Multimedia-Chefredaktor Andreas Durisch («Sonntags-Zeitung», «Facts») den geistigen √úbergang von den 1990ern- in die Nullerjahre schafft und erkennt, dass die Zeiten endgültig vorbei sind, in denen mit ein paar Fakten und ein paar aufregenden Zitaten Geschichten gezimmert werden konnten, dass eine reine News-Strategie in Zeiten des Internets kein Erfolgsrezept mehr sind für seine Publikationen und dass Zeitschriften für Leser und nicht für Nicht-Leser gemacht werden müssen.
... dass die letzten Exemplare der aussterbenden Spezies des Boulevardjournalisten vom Verlagshaus Ringier mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Sauerstoffzelt, Frischzellenkur) am Leben erhalten werden und in ein Fortpflanzungsseminar geschickt werden, damit «Blick» und «Sonntags-Blick» wieder jenen Journalismus machen können, den sie machen müssen, um publizistisch existenzberechtigt zu sein. Dabei ist unbedingt zu beachten: Boulevard muss auch weiterhin nicht heissen, gegen Asylsuchende zu hetzen und Tempo 200 auf Autobahnen zu fordern. Aber ohne grosse Buchstaben, freche Titel und mutige Geschichten geht es nicht.
... dass die Tamedia-Zeitschriftenverantwortliche Uli Rubner endlich mehr tut, als nur Zeitschriftenverantwortliche der Tamedia zu sein. Zum Beispiel darüber nachdenken, wie Zeitschriften sich entwickeln müssen, damit sie auch in ein paar Jahren noch gekauft werden. Auf ihren Medienkritiker-Mann Kurt W. Zimmermann darf sie beim Nachdenken unter keinen Umständen hören: Auch er ist ein Fossil aus den 90ern.
... dass die Chefredaktoren ihre Journalisten vertraglich dazu verpflichten, ihren Bürostuhl mindestens einmal täglich zu verlassen, wobei unbedingt festgehalten werden muss, dass dieser Vertragszusatz nicht mit dem Gang in die nächste Beiz erfüllt ist.
... dass der «Berner Zeitung» der Auftritt unter dem Gattungsbegriff Zeitung vom Verband der Schweizer Presse verboten wird, weil Minimalstandarts erfüllen muss, wer sich mit diesem Titel schmücken will (zum Beispiel mindestens ein druckfehlerfreier Abschnitt pro Text).
Freitag, 22. Dezember 2006
In der aktuellen Ausgabe von «Facts» finden wir einen Abgesang auf Nelly Wenger, gewesene Chefin von Nestl√© Schweiz. Autor Marc Kowalsky hat Gefallen am Verb «monieren» gefunden, das unter anderem «bemängeln, rügen, beanstanden, mahnen» bedeutet. Und so wird in seiner Rekapitulation des Cailler-Flops fleissig moniert: Denner, zweitwichtigster Distributor im Lande, monierte die gestiegenen Preise und kippte die Schokoladen deshalb aus dem Sortiment. Umweltschützer monierten die unökologische Pet-Verpackung, Kunden monierten deren Sperrigkeit; der Berner Marketingprofessor Richard Kühn monierte, das Konzept würde nicht zu Schokolade passen; Nestl√©-Mitarbeiter monierten die Beratungsresistenz von Frau Wenger und ihre nicht immer einfachen Umgangsformen. Frau Wenger monierte, von einem Misserfolg zu sprechen sei vollkommen falsch. Und wir monieren eine einfallslose Sprache. Wie wäre es mit ein paar sinnverwandten Verben wie kritisieren, beklagen, anprangern, beanstanden, schmähen, tadeln, bemängeln, mosern, ablehnen, missbilligen oder meckern? Zumal der hervorragende Wortschatz der Universtität Leipzig doch sicher auch auf der Facts-Redaktion bekannt ist?
Samstag, 16. Dezember 2006
Morgen ist erst der dritte Advent. Doch die Schweizer Verleger verteilen bereits jetzt Weihnachtsgeschenke. Ihre mässig erfolgreichen e-Paper sind wieder einmal frei zugänglich. Viel Vergnügen bei der Lektüre von «Tages-Anzeiger», «Facts» und «Sonntagszeitung». Falls die Schweizer Blogger zwischen Mailänderlibacken und Einkaufsrummel noch ein paar Minuten Zeit finden, «hackt» vielleicht noch jemand rasch die «NZZ»?
«√ñffnet die Archive!» sagen wir bloss.
Freitag, 1. Dezember 2006
«Facts», Seite 34, Interview mit SVP-Mann Peter Spuhler, erste Frage:
Herr Spuhler, Sie sind der internationalste SVP-Politiker. Sind Sie öfters in der Schweiz oder im Ausland? Daraus ergibt sich unsere erste Frage: Wo zum Henker lebt Herr Spuhler? Auf dem Mond?
Dienstag, 24. Oktober 2006
Fassen wir zusammen: Die elektronischen Ausgaben von «NZZ» (Wochen- wie Sonntagsausgabe), «Tages-Anzeiger», «Facts», «Sonntagszeitung» und «Weltwoche» sind frei zugänglich ( √úbersicht). Und wird eine Lücke geschlossen, findet die Konföderation der Schweizer Blogger meist gleich eine neue. Bevor sich der Blattkritiker mit den möglichen Auswirkungen dieser neuen Offenheit beschäftigt, will er auf einen Punkt hinweisen, der in der bisherigen Debatte zu kurz kam. Es geht um die mangelhafte Sicherheit der e-Paper-Applikationen. Denn von «Knacken» oder gar «Hacken» im strengen Sinn kann keine Rede sein. Eher schon wäre das Wort «URL-Manipulation» angezeigt: In allen bisher bekannt gewordenen Fällen genügte das Abändern der Adresszeile ( URL) im Browser. Zum Beispiel, indem das Datum der Demo-Ausgabe mit dem aktuellen Datum ersetzt wurde («Tages-Anzeiger», «Facts»). Oder indem der vermeintliche Zugriffsschutz durch das Aufrufen der Druck- bzw. PDA-Version umgangen wurde (Weltwoche). Die bisher bekannt gewordenen Lücken lassen sich wie folgt zusammenfassen:
1. Die leckenden e-Paper werden über Parameter in der Adresszeile gesteuert. Ohne gewissenhafte Absicherung ist dieses Vorgehen fahrlässig.
2. An Stelle einer soliden Benutzer-Identifikation über die ganze Anwendung ist bzw. war lediglich eine Zutrittskontrolle vorhanden. Wer sich korrekt einloggte oder mit der richtigen URL einstieg, galt als berechtigt.
3. Im Fall des «Tages-Anzeiger» wurde die Verzeichnisstruktur des Webservers ohne Not offen angezeigt ( Directory indexing). Dadurch war es problemlos möglich, sich von Ausgabe zu Ausgabe durchzuhangeln und nebenbei auch die Struktur der Anwendung zu erfahren.
Dass diese Löcher irgendwann entdeckt werden, war anzunehmen. Viel mehr erstaunt uns, dass die teuer eingekauften Applikationen elementare Programmier-Regeln ausser Acht lassen. Denn wenn die Schweizer Verleger auf der Kostenpflicht ihrer Inhalte bestehen und für e-Paper-Abos zum Teil fürstliche Entschädigungen verlangen, sollten sie die so wertvollen Texte nicht mit einer Wand aus Emmentaler schützen.
Mittwoch, 18. Oktober 2006
Der kostenlose und unbeschränkte elektronische Zugriff auf Zeitungsartikel ist Schweizer Medienhäusern ein Graus. Beim Medienspiegel ist regelmässig über die Anstrengungen der Verleger zu lesen, ihren Lesern endlich die teuren E-Papers anzudienen. Dieser Tage sind die gewünschten Leser endlich da - nur bezahlt haben sie nicht.
Denn in den letzten Tagen haben sich verschiedene Blogger zu einer Machbarkeitsstudie in «Open Access» entschieden. Den Anfang machte die Medienlese mit ihrem Bericht «Durch die Hintertür». Das geschilderte Leck im «Weltwoche»-Archiv wurde zwar nach kurzer Zeit abgedichtet. Doch der Zugriff auf beliebige Artikel war durch ein simples Umschreiben der Adresszeile im Browser möglich. Es ist also wohl nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Möglichkeit gefunden wird.
Noch nichts Neues gibt es von der «Sonntagszeitung», deren Webmaster nach dem «Medienlese»-Tipp vermutlich immer noch am Kalfatern ist. Noch etwas hektischer dürfte es an der Werdstrasse heute werden, nachdem ausgerechnet eine Bündnerin den «e-Tagesanzeiger» geknackt hat. Ein pikanter Hack, weil auch «FACTS» und «NZZ global» die gleiche Plattform verwenden.
«Weltwoche», «Sonntagszeitung» und «Tages-Anzeiger» sind repräsentative Beispiele für den Sicherheitsstand der Schweizer e-Paper. So rühmt sich etwa Blogger «ric» vom «Online Marketing Blog», die für ihn relevanten Titel samt und sonders gratis zu lesen.
In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die teuer eingekauften Applikationen in nützlicher Frist abzudichten sind. Sonst stünde tatsächlich der ganze Content frei auf dem Netz. Und ausser den Lesern will das schliesslich niemand.
Update (18.10.06, 21:50): Mittlerweile auch die von einigen Bloggern erwähnten, aber nicht publizierten Logins zu «Netzwoche» und «FACTS» ins Netz gestellt werden. Hoffen wir, dass aus dem neuen Volkssport «e-Paper Hacking» nicht bloss ein grosses Stopfen von Sicherheitslücken, sondern auch eine Diskussion über den (Un-)Sinn von Zugangsbeschränkungen und deren Durchsetzung erwächst.
Donnerstag, 14. September 2006
Fünf Jahre und zwei Kriege nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 liegen immer noch keine gerichtstauglichen Beweise für die Schuld Osama bin Ladens und der 19 Attentäter vor. Daran hat auch der vor etwas mehr als zwei Jahren veröffentlichte Bericht der 9/11-Untersuchungskommission nichts geändert: Viele der offenen Fragen wurden nicht beantwortet, viele der im Bericht aufgestellten Behauptungen sind inzwischen widerlegt (siehe David Ray Griffins Buch «Ommissions and Distortions»). Zuletzt hat der Prozess gegen Zacarias Moussaoui gezeigt, auf wie wackligen Füssen die Version der US-Regierung steht. Hätte Moussaoui nicht ein zweifelhaftes Geständnis abgelegt (das er inzwischen widerrufen hat), wäre er nicht verurteilt worden. Zudem haben Zeugen während des Prozesses wiederholt Aussagen zu Protokoll gegeben, die ein mehr als schiefes Licht auf die offizielle Version der Ereignisse werfen.
Logisch, dass die Kritik an der offiziellen 9/11-Darstellung in den USA immer lauter wird und Gehör findet. 36 Prozent der Amerikaner und sogar 49 Prozent der New Yorker glauben heute, dass die Bush-Administration bei den Anschlägen irgendwie die Finger im Spiel hatte. Zahlen, die noch vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte.
Zahlen, die auch den Medienschaffenden hierzulande zu denken geben müssten. Betonung auf «müssten». Denn obschon der fünfte Jahrestag der Anschläge der ideale Moment gewesen wäre, um Bilanz zu ziehen und den Lesern Fakten oder zumindest Analysen zu präsentieren, lesen oder hören wir ausser im «Tagesanzeiger», im «Blick» und in der Kulturbeilage der «Basler Zeitung» in der gesamten Schweizer Medienlandschaft nichts, was dem vor allem in den USA laufenden Diskurs auch nur annähernd gerecht werden würde.
"9/11: viele Vorurteile, wenig Substanz" vollständig lesen
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