Sonntag, 26. August 2007
Krempelt die neue Gratiszeitung «.ch» die Schweizer Medienlandschaft um? Ja, komplett, wie Heinz Däpp in seinem aktuellen Schnappschuss schildert. Viel Vergnügen.
Mittwoch, 15. August 2007
Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Zusammen mit der «Basler Zeitung» und der «BZ» bringt der «Tages-Anzeiger» im Herbst eine vierte Pendlerzeitung heraus. Vom Abend ist nicht die Rede, also wird das noch namenlose Blatt wohl am Morgen erscheinen. Wie «Tages-Anzeiger online» berichtet, soll die neue Zeitung «in den nächsten Monaten» lanciert werden. Redaktionssitz ist Zürich, die Anzeigen sollen dagegen in Bern, Basel und Zürich an Land gezogen werden. Am interessantesten findet der Blattkritiker das Qualitätsversprechen: Die neue Zeitung soll sie sich auf relevante News konzentrieren und im Gegensatz zu den bisher hier zu Lande erscheinenden Gratisblättern längere Texte und weniger Bilder aufweisen. Zudem wird sie sich durch ein klassisches, dezentes Design auszeichnen. Erscheinen wird das neue Produkt ebenfalls im Tabloid-Format. So will das Blatt eine junge, gut gebildete und kaufkräftige Leserschaft ansprechen, die sich für die Aktualität aus ihrer Region interessiert. Zwar hat auch der «.ch»-Initiant Wigdorovits von einer «Schnellesezeitung, die Qualität bietet» gesprochen. Was er damit meint, werden wir ab September sehen. Bei Gratiszeitungen sind unsere Qualitätsansprüche inzwischen recht tief: Wir freuen uns schon, wenn die Zeitung weniger als zwei Fehler pro Seite und keinen Bericht über Paris Hilton enthält. Gibt es neben getarnter Werbung, Handy-Verlosungen, aufgekochten Agenturmeldungen und Tierbildchen auch noch redaktionelle Inhalte, sind wir schon fast zufrieden.
Montag, 30. Juli 2007
Zwei Titel zu Todesnachrichten aus der aktuellen «heute»-Ausgabe: Das grosse Sterben blieb aus steht auf Seite 3 über einem Artikel zum Bienensterben in der Schweiz. Der Rückgang der Bienenpopulation sei «weniger dramatisch» ausgefallen als befürchtet: «Die Totalverluste sind dieses Jahr nur leicht überdurchschnittlich.»
Stattgefunden hat das grosse Sterben in China. Unwetter und Überschwemmungen haben in den letzten Tagen mindestens 652 Menschen das Leben gekostet. In der Printausgabe lesen wir über der Meldung auf Seite 5: Überschwemmung in China: Viele Tote Viele. Tatsächlich.
Sonntag, 29. Juli 2007
Wer ist der Sisyphos der Schweizer Medienblogger? Wir haben zwei Kandidaten gefunden:
Der namenlose Blogger bei «20min Schreibfehler» wälzte die grösste Zeitung der Schweiz Tag für Tag den Hang der Orthographie hoch und entdeckte in 20 Tagen mehr als 100 Schreibfehler. Zufälligerweise gab «20 Minuten» kurz nach dieser Aktion bekannt, ab dem 1. August ein Korrektorat einführen zu wollen. Denn «wo gehobelt wird, fallen Spähne». Genau.
Der «heute»-Rezensent namens «gestern» wuchtet bei «gestern im heute» die urbanste Schweizer Abendzeitung den steilen Berg des journalistischen Qualitätsanspruchs hinauf. Er würdigt unter anderem Schuhe in Testbildfarben, die Leserbriefseite und das öffentlich beweinte Verschwinden unkorrigierter Texte.
Nachdem im letzten Jahr einige Watchblogs ebenso rasch verschwunden sind, wie sie zuvor aufgetaucht waren, wünschen wir den beiden Projekten gutes Gedeihen. Arbeit werden sie zur Genüge haben.
Mittwoch, 27. Juni 2007
Wozu in die Ferne schweifen? Das Gute liegt «heute» so nah: Zürcher Szenis in der «Gallery of Idiots» ist unter «Kunst» abgelegt. Hunde werden menschlicher Texter werden fahrlässiger. Alinghi vom Wind verblasen Produzent vom Dialekt mitgeschleikt. Wieso wird Haut beim Sonnen braun? Wieso weiss das niemand? Mofafahrer von Keule attackiert Wer hat sie frei herumlaufen lassen?
Montag, 18. Juni 2007
Wenn es um Zahlen geht, wird bei «heute» geklotzt, nicht gekleckert. Eine Million von 82 Millionen Deutschen führt zum Beispiel zum Titel «Deutsche sind netzsüchtig». Und auch heute hat «heute» wieder grosszügig aufgerundet. Der hauseigene Wettbewerb für ein Fotoshooting wird uns nämlich mit folgendem Titel angepriesen: Alle wollen ans Elite-Fotoshooting Alle? Alle Zürcherinnen? Alle «heute»-Leserinnen? Alle Schweizerinnen? Alle Frauen auf der ganzen Welt? Gespannt lesen wir den Lead: ZÜRICH. Seit Freitag können sich Nachwuchsmodels bei uns für ein Elite-Modellook-Shooting melden. Bislang haben das schon 100 Mädchen und ein Knabe getan. Das sind beeindruckende Zahlen. Wir wollen deshalb «heute» nicht wegen seiner masslosen Rundungstoleranz rügen, sondern für den unweigerlichen Folgeartikel über den verirrten Mann schon mal einen knackigen Titel vorschlagen: Einer gegen alle Denn das alle genau 100 sind, haben wir uns jetzt gemerkt.
Donnerstag, 12. April 2007
In der gestrigen Ausgabe berichtete «heute» über Franco Cavallis Rücktritt. Eigentlich wollte Claudia Marinka ja die Berner SP-Nationalrätin Evi Allemann fragen, was sie von Cavallis Abgang hält. Das Textchen mit Allemanns Kurzporträt war geschrieben, die Infobox im Layout. Dann hatte Frau Allemann plötzlich keine Zeit mehr. Oder keine Lust. Die «heute»-Produzenten beliessen die Allemann-Box aber in alter Treue. Gut zu wissen, dass Medienpräsenz bei Ringier auch ohne konkretes Statement möglich ist.
(Dank für den Hinweis an Simon)
Mittwoch, 17. Januar 2007
Wer zu wenig Zeit zum Lesen hat, liest wenigstens die Schlagzeilen. Und kann sich mal freuen, mal ärgern, ganz wie bei der Komplettlektüre. Die «NZZ», deren Schlagzeilen-Kompetenz wir schon mehrfach lobten ( 1, 2, 3), macht den Anfang: Gemeinsam Gemüse naschen statt einsam Chips vor der Glotze heisst es heute über einem Artikel zu Mittagstischen für die Oberstufe. Der Blattkritiker hätte als fehlendes Chips-Verb noch ein mampfen eingesetzt. Doch allzu volksnah soll es ja nicht werden. Dafür erfreut uns der «NZZ»-Bericht über ein australisches Zoo-Experiment: Ein Menschentheater im Affenhaus Das sind klare Worte, die sich das «NZZ»-Inlandressort vermutlich unter Qualen verbieten muss. Und wie gross ist die Freiheit erst beim Feuilleton des «Tages-Anzeiger»! Die Rezension des Böse-Buben-Films «Breakout» wird mit einem trockenen Satz überschrieben: Die Bronx liegt nicht in Winterthur Die Wahrheit tönt halt oft banal. Doch es gibt auch weniger erfreuliche Beispiele: 300 Fragen ‚Äì und keine einzige Antwort lautet der heutige Kioskaushang des «Blick», der sich nicht auf «Wer wird Millionär» bezieht, sondern auf den Swissair-Prozess. Eine Headline, die Meilen unter den Titeln der 90er Jahre liegt. Doch wenigstens stimmen Aussage und Inhalt überein. Anders bei der «Blick»-Stiefschwester. «heute» rezyklierte am Montag eine «Spiegel»-Meldung über das erst seit wenigen Tagen bekannte Krankheitsbild Internetsucht. Das Textchen, laut dem eine Million der Deutschen internetsüchtig ist, überschrieb die Produktion mit Deutsche sind netzsüchtig Die restlichen 81 Millionen also auch.
Freitag, 12. Januar 2007
Eine gute Nachricht für alle Publizistikstudentinnen und Publizistikstudenten: Wir haben eine Idee für eure nächste Seminararbeit. Die konkrete Frage lautet: Wie oft wird das Titelblatt-Kästchen «Gute News» bei «heute» zur Platzierung von undeklarierter Produktewerbung verwendet? Eine Auswertung über zwei Monate dürfte genügen. Der Aufwand ist bescheiden. Mehr Informationen unter info at blattkritik.ch . Entschuldigen Sie, liebe Leserinnen und Leser diesen kurzen Hinweis in eigener Sache. Wir fahren nun mit der √úbertragung unseres redaktionellen Programms fort: Jeden Tag bringt «heute» auf der Frotseite «Gute News». In der gestrigen Ausgabe (PDF) erfreut uns bereits deren Titel: Riesen-Nachfrage nach «Havana Club» Nein, wir halten kein Pressecommuniqu√© in den Händen. Und lesen weiter: Die Wirtschaft in Kuba liegt am Boden, doch kubanischer Rum ist gefragter denn je Deshalb will Kuba die Produktion des berühmten Rums «Havana Club» in den kommenden sechs Jahren verdoppeln. Dies kündigte der französische Spirituosenkonzern Person Ricard an. Die Firma vertreibt den Rum in mehr als 120 Ländern. Das ist ja wirklich eine gute Nachricht. «Havana Club». Haben Sie das? Die kubanische Wirtschaft liegt am Boden, aber den Rum kriegen sie immer noch hin. Zum Beispiel «Havana Club». A propos Havana: Es gibt viele Arten von Rum: Weissen, schwarzen, billigen, teuren oder «Havana Club». Zum Glück wissen wir das beim nächsten Gang in die Bar.
Freitag, 29. Dezember 2006
Alles wird teurer. Das weiss auch die Schweizerische Depeschenagentur SDA und schreibt: «Wer rauchend ein Bier vor dem Fernseher trinkt, zahlt nach Silvester gleich dreimal mehr.» Dieses lebensnahe Bild - es fehlen nur noch die Trainerhose und das weisse Unterhemd - wurde von diversen Redaktoren gerne übernommen (Beispiele: «20 Minuten», «heute», «St. Galler Tagblatt»).
Bier und Zigaretten werden also gleich dreimal so teuer wie bisher - und wie funktioniert das mit dem Fernseher? Ist der immer noch nicht abbezahlt? Wir scherzen. Natürlich ist die Logik der SDA folgende: Die Zigaretten werden teurer, das Bier wird teurer und das Fernsehen erst recht. Wenn also drei Dinge teurer werden, ist das Leben dreimal teurer. Genau.
Für die Online-Redakteure, die nicht nur copy-pasten, haben wir jetzt noch eine Bonusaufgabe: Steigere die Rechnung der SDA für eine noch bessere Schlagzeile (wie in diesem Beitrag). Zum Beispiel so: Wer rauchend ein Bier vor dem Fernseher trinkt und dieses mit einem Kaffee hinunterspült, der auch teurer wird, zahlt nach Silvester gleich viermal mehr!
Mittwoch, 22. November 2006
Im August berichtete der Blattkritiker letztmals über die Neuzugänge unter den Medienblogs. Werfen wir vor der grossen Advents-Hetze nochmals einen Blick in die Bloglandschaft und schreiben wir, was ist: Tim der Grosse hat einen neuen Weltwoche-Watchblog lanciert. Wir wünschen dem neuen Nachbarn viele Besucher und einen langen Atem.
Nachdem die ersten zwei «heute»-Watchblogs innert Monatsfrist eingingen, kümmert sich nun ein Satiremagazin um die Schnitzer aus der Dufourstrasse. Frank Schrillmachers jüngstes Kind startete mit viel Aufmerksamkeit und einer Kommentarschlacht. Seither ist es auf dem Blog wieder ruhiger geworden. «Und wer watched Cash daily?» fragte Nachbar Hitz Anfang Monat. Vorerst wohl niemand, meint der Blattkritiker. Denn viel mehr als eine Pendlerblog-Projektwoche gibt «Cash daily» wohl auch nicht her.
Mittwoch, 4. Oktober 2006
Heute erscheint die 100. Ausgabe des innovativen Printprodukts «heute». Heute gewährt uns die Redaktion dieses Printprodukts einmal mehr einen bescheidenen ganzseitigen Blick hinter die Kulissen. Und heute räumt sie selbstkritisch ein: Zwischen kurzfristig anberaumten Sitzungen, hektisch klingelndem Telefon und dem Beantworten von Leserbriefen kann es schon passieren, dass ein «for» statt «vor» durch die Korrektur rutscht. (...) Rate dummer Fehler: 2,7 (täglich, leider) Eine optimistische Schätzung. In der heutigen Zürcher Ausgabe ist - als willkürliches Beispiel - von der Vogelgrippe-Prävention die Rede:
Die Stadt Zürich hat 2,4 Millionen Masken für den Fall einer Grippe-Pandemie bestellt. Ausschliesslich für das städtische Personal. (...) Die Flies-Masken reichen für 100 Tage. Ob Fliegen-Masken besser schützen als ein Vlies-Masken? Genug der Erbsenzählerei. Für «heute» ists gut («Sooooo guet!» würde Fredi Hinz sagen).
Deshalb ein positivistisches Schlusswort aus dem offiziellen Weblog: Die Redaktion arbeitet mittlerweile routiniert. Die Absatzzahlen sind sehr erfreulich. Die potentiellen Anzeigenkunden sehen das Projekt ‚Äûheute‚Äú positiv. Das bestätigen uns auch die verschiedenen Blattkritiker, die wir in den letzten Wochen eingeladen haben. Ehrlich: Wir warens nicht.
Mittwoch, 20. September 2006
Ein konsistenter Beitrag der «heute»-Redaktion zur Unterkellerung publizistischer Minimalstandards ist die Kolumne Zora Off. Die Logorrhöe der anonymen Zora wird nicht nur im Web publiziert, sondern auch jeden Tag auf der letzten Seite der Printausgabe abgedruckt. Auch das ein Grund, nicht jeden Tag zu «heute» zu greifen.
Wie der Blattkritiker nun via Medienlese und Rundschlag erfahren hat, war die lustige Zora dieser Tage besonders gut aufgelegt und schrieb am 4. September: Dennoch habe ich etwas begriffen: Plüschtrainingsanzüge dürften nur dunkelhäutige Frauen anziehen! (...) Also, ich meine, keine Solarium gebrutzelten Lederkatzen oder übersprühte Bodytan-Blunzen. Nein, ich rede hier von einer genetisch bedingten schoggibraunen Zuckerpuppenhaut √† la Beyonc√© ‚Äì diesen «Afro American Superstar». Also im Klartext: Negerhaut mit Plüsch sieht scharf aus. Darf man das so sagen? Oder bin ich besoffen? Hihihi. Darf man das so schreiben? Anscheinend darf man. Jedenfalls bei «heute». Und wenn die Leser das harmlose Negerhautwitzchen nicht so toll finden, kann man sich mit einem «Sorry» entschuldigen. Passt doch.
Die Antirassismuskommission und der Presserat werden das Gesabbel sicher auch lustig finden, wenn sie erst einmal so besoffen sind wie Zora. Der Blattkritiker aber fragt sich ernsthaft, wann Ringier («Für die Qualität und die Ausbildung im Journalismus verpflichtet die hauseigene Journalistenschule», s. hier) seinem jüngsten Spross endlich einen Abschlussredaktor spendieren wird.
Dienstag, 12. September 2006
Die neuen WEMF-Zahlen liegen vor und sorgen bei den grossen Titeln für Zähneknirschen. Die aktuellen Notierungen: «Tages-Anzeiger» minus 4,5 Prozent, «NZZ» minus 5,5 Prozent, «20 Minuten» plus 7,4 Prozent (eine praktische Linksammlung zur Erhebung gibts beim Medienspiegel). Hübsch auch der Bericht der NZZ, welcher Seitenhiebe auf Tamedia-Titel mit beiläufigem Totschweigen des eigenen Resultates vereint.
Der Blattkritiker ist auf die nächste Auswertung gespannt, in welcher erstmals auch die Zahlen der Qualitätszeitung «heute» enthalten sein werden. Wen wird sie kannibalisieren? Doch nicht etwa die publizistische Stiefschwester («Mir verträged ois im Fall uuuuh guet!») aus dem Hause Ringier?
Samstag, 2. September 2006
Klar wissen wir, dass Partyveranstalter die Party nach der Party «Afterparty» nennen. Trotzdem finden wir, liebe «Heute»-Schreiber: Euer Titel «Die Afterparty der schönen Frauen» ist unglücklich gewählt. Oder vulgär gesagt: Ihr solltet euch beim Titeln etwas mehr den Arsch aufreissen.
|
 |
 |
 |
|
Neuste Kommentare
News, die unsere Medien intere ssieren dürften. Wer wei [...]
Das artet ja langsam aus.
Peter Zieglers Replik zum BUND ! Meine (einmalige/ei [...]
Ich finde, @Leumund hat es drü ben bei Twitter hervorra [...]
Eine Gegendarstellung ohne Red aktionsschwanz? … dass i [...]