Donnerstag, 21. Juni 2007
Unter dem Titel «Raiffeisen schweisst zusammen» berichtete die «Berner Rundschau» gestern über die Wiedereröffnung einer Bankfiliale in Wiedisbach (Artikel online nicht zugänglich). Der Lead dieser Jubelarie ist Gold wert: Mit dem grosszügigen Kundenbereich, modernsten Selbstbedienungsgeräten und einer zeitgemässen Innenarchitektur demonstriert die umgebaute Raiffeisenbank gleichzeitig Offenheit und Nähe. Und die «Berner Rundschau» demonstrierte gleichzeitig ihre Werbe- und IT-Kompetenz. Copy-Paste aus der Medienmitteilung kann auch nicht jeder!
(Danke für den Hinweis an Sandra)
Montag, 12. März 2007
Ein Gespenst geht auf den Redaktionen um, das Gespenst des blutjungen Erotikmodells. Das Gespenst heisst Daniela Weisser, ist 20 Jahre alt und mit Alexander Pereira liiert. Dieser ist 59 Jahre alt, Intendant des Zürcher Opernhauses und liebt seine Daniela sehr. Das ginge ja noch. Doch Frau Weisser beschäftigt nicht bloss Herrn Pereira, sondern auch die Journalisten. Denn sie passt gut zu ein paar anderen Dämonen, die auf den Redaktionen ihr Unwesen treiben. Auf der Redaktion des «Tages-Anzeigers» spukt zum Beispiel das Gespenst der sinkenden Auflage. Die verantwortlichen Redaktoren schwören, es sei nur mit seichtem Journalismus zu vertreiben. Deshalb hoben sie letzten Dienstag ein «Glamour-Interview» mit Daniela Weisser ins Blatt. Die Lektüre jagte uns Schauer über den Rücken.
Am Donnerstag suchte uns dann der Redaktions-Alb der «Weltwoche» heim. Es ist das Gespenst des unbedingten Lifestyle-Journalismus. Alte Männer und junge Frauen? Das ist doch genau, was sich «jeder ehrliche Mann» wünscht, kicherte es aus der Förrlibuckstrasse. Wir fanden diese Enthüllung gruselig. Doch der Spuk beschränkte sich nicht auf die Zürcher Redaktionen. Am Samstag fuhr auch die «Mittelland-Zeitung» auf der Geisterbahn mit: «Wir sind in der Oper. Hier im schummrigen Theaterlicht verschieben sich die Ebenen von Traum und Wirklichkeit leicht.» Aaaah! Wem gehört diese Knochenhand? Hat uns da eben ein People-Journalist auf die Schulter getippt? Wäre es doch ein böser Traum geblieben! Doch heute morgen entsetzt uns der «Tages-Anzeiger» mit seiner Opernball-Berichterstattung aufs Neue: Dieses Jahr hatte der glanzvolle Opernball eine speziell pikante Note. Opernchef Alexander Pereira (59) sorgte mit seiner 20-jährigen Freundin Daniela Weisser seit Tagen für Gesprächsstoff mit der Frage: Wie wird sich das blutjunge Fotomodell aus Brasilien in der besten Zürcher Gesellschaft einführen? Frau Weisser geistert weiter. Da hilft nur eines: Wir härten uns mit der «Glückspost» ab und essen jeden Tag zwei Knoblauchzehen. Und vor allem hoffen wir, ein entschlossener Chefredaktor möge dem Gespenst des Irrelevanten endlich einen eichernen Pfahl ins Herz hämmern.
Dienstag, 23. Januar 2007
Fertig lustig. Auf Seite 3 der heutigen «Mittelland Zeitung» knallts. Denn: «Die Bauern machen mobil», sie haben den «Kampf um mehr Bundesmittel im Nationalrat eröffnet». Im Gang ist ein eigentliches «Manöver», wobei die SVP völlig überraschend «zuvorderst marschiert» und die fiesen Bauern «neue Munition» in Form einer Studie ins Feld führen (Artikel online nicht erhältlich).
Das alles depechte live von der Subventionsfront ein unerschrockener «MZ»-Berichterstatter an die heimatlichen Redaktionen. Sein Name: Daniel Friedli.
Samstag, 20. Januar 2007
Die amtlichen Schnüffler können dem technischen Fortschritt nicht mehr folgen. Telefone, die über das Internet geführt werden, könnten nicht mehr abgehört werden, beklagt sich Roger Schneeberger, Generalsekretär der Polizei- und Justizdirektoren, in einem Bericht der sda, der sich auf eine Meldung von Radio DRS abstützt.
Die «Aargauer Zeitung» leidet anscheinend mit. Denn ihren Artikel überschreibt sie mit «Gravierende Mängel bei der Telefonüberwachung».
Der Titel als Kommentar: Wann sind diese Zeiten wohl endlich vorbei?
Freitag, 19. Januar 2007
Laut einem Bericht von «persönlich» über einen «Cash daily»-Artikel liebäugelt die «NZZ am Sonntag» mit Regionalsplits. Dies aber nicht wegen einer plötzlichen Liebe zum Lokalen, sondern aus Angst, die lukrativen Rubrikinserate zu verlieren: Die NZZaS reagiert mit diesem Schritt auf die geplante Sonntagsausgabe der Mittelland Zeitung (MZ). Müller zu Cashdaily: «Ich will nicht tatenlos zuschauen, wenn die Regionalzeitungen tatsächlich mit Sonntagsausgaben kommen.» Reagieren statt agieren also, doch das soll hier nicht bekrittelt werden. Dass der Inseratemarkt höher gewertet wird als die publizistische Linie, entspricht der wirtschaftlichen Logik - gerade bei Splits. So verzichtet zum Beispiel der «Tages-Anzeiger» zur fortwährenden Konsternierung seiner Leser auf den Winterthur-Split, um den «Landboten» nicht zu gefährden (vgl. «Klartext»). Nun darf aber spekuliert werden, wie gut regionale Splits zu einer Sonntagszeitung passen. Andreas Durisch («Sonntagszeitung») meint laut «persönlich» dazu: «Gemäss meinen Erfahrungen beim Sonntagsblatt kann ich sagen, dass die regionale Berichterstattung für einen nationalen Titel ein schwieriges Feld ist: Substantiell gute Geschichten für den Regionalteil sind rar, die Samstagsaktualität dröge. Die wirklich spannenden Themen aus einer Region wollen die Blattmacher im Mantelteil.» Der Blattkritiker sieht noch ein anderes Problem: Weil «Facts» und «Weltwoche» inhaltlich seit längerem schwächeln, nutzt ein steigender Teil der Sonntagszeitungsleserinnen und -leser ihr Blatt als Wochenmagazin. Als Gefäss also, das weniger dem Lokalen und Akuten verpflichtet ist als den Hintergrundthemen. Dazu passen die explizit regionalen Geschichten, die oft schon aus der Tagespresse bekannt sind, aber nur mittelprächtig. Ob die Sonntagssmischung aus Politik, Feuilleton, Lifestyle und den neusten Resultaten der Provinz-Volleyballklubs wohl aufgeht? Wir lassen uns überraschen.
Freitag, 12. Januar 2007
«Am Sonntag liest man Zeitung.» Zu dieser überraschenden Erkenntnis kommt Hans Fahrländer in der heutigen Ausgabe der «Mittelland Zeitung», in der er mit wenig Ehrgeiz auf 20 Jahre «SonntagsZeitung» zurückblickt (online nicht frei zugänglich).
Der ehemalige Chefredaktor des seligen «Badener Tagblatts» und abgehalfterte Chef der «Aargauer Zeitung» lässt es sich, wenn er schon mal wieder schreiben darf, nicht nehmen, dem Geburtstagskind mahnende Worte auf den Weg zu geben.
«Punkto investigativer Leistung sollte sich die SoZ-Redaktion nicht allzu viel einbilden», rät Fahrländer. Denn «wer etwas Brisantes zu melden hat, der wendet sich oft von sich aus an die SoZ». Das Sonntagskind der Tamedia habe keinen Grund, übermütig zu werden, mahnt Fahrländer. Immerhin könne es heute noch durchaus passieren, dass man in einer nachrichtenarmen Zeit die SoZ zur Seite legt und sich fragt, mit welchem Gewinn man sie eigentlich gelesen hat. Das mag stimmen. Aber kann sich das bisweilen nicht auch die Leserschaft der «Mittelland Zeitung» fragen?
Mittwoch, 3. Januar 2007
Zum neuen Jahr wünschen wir der Schweizer Presse nur das Beste. Insbesondere:
Der «Mittelland Zeitung», dass Urs Helbling nicht jedesmal einen «Das Leben ist schön»-Kommentar auf die Frontseite knallt, wenn die Sonne länger als zwei Stunden scheint.
Der «Sonntagszeitung», dass Arthur Rutishauser nicht ausgerechnet während des Prozesses gegen die früheren Swissair-Kader krank wird.
Dem «Sonntagsblick», dass Beat Kraushaar und Sandro Brotz noch lange, lange Zug fahren.
Unzähligen Ringier-Angestellten, dass Frank A. Meyer demnächst der übermächtige Wunsch packt, sich frühzeitig pensionieren zu lassen.
Der «Solothurner Zeitung» im allgemeinen und deren Stadtredaktion unter Wolfgang Wagmann im Besondern die Erkenntnis, dass nicht alles, was von Stadt- und Gemeinderegierungen kommmuniziert wird, grundsätzlich schön und gut ist.
Roger Köppel, dass sich die Promis aus der Weltpolitik und -wirtschaft weiterhin daraum reissen, mit ihm dinieren zu können.
Res Strehle, Chef des «Magazins», dass er von der Jury, in der er sitzt, auch nächstes Jahr zu einem der besten Journalisten des Landes gewählt wird.
Max Küng, ebenfalls vom «Magazin», noch mehr Taschengeld und seiner kolumnierenden Kollegin Michèle Roten einen Mann.
«Blick»-Chef Werner de Schepper 20 Minuten Zeit, um sich für sein Blatt eine auflagesteigernde Strategie auszudenken.
Dem «Schlagzeiten»-Dichter der «Sonntagszeitung» nie nachlassende Inspiration.
Felix E. Müller von der «NZZ am Sonntag» ein Dutzend Pulitzerpreise.
Felix Bingesser, dem Sportchef der Aargauer Zeitung, einen mutigen Coiffeur.
Margrit Sprecher, der Doyenne des Gspürschmi-Journalismus, eine Schlange gescheiterter Existenzen vor der Haustüre.
Erwin Koch, dass ihn mal jemand zur Seite nimmt und ihm kurz und bündig sagt, dass man auch kurz und bündig viel sagen kann.
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