Sonntag, 15. Juli 2007
In der «NZZ am Sonntag» finden wir heute eine spannende Mitteilung: Abnehmen mit eBalance
Eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Zürich hat mittels einer Online-Befragung von 480 Teilnehmern des Gewichtsreduktionsprogramms eBalance.ch ergeben, dass die Nutzer im Schnitt rund 5 Kilogramm verlieren. Hochgerechnet auf die 20 000 Mitglieder, bedeutet dies, dass dank eBalance.ch in der Schweiz rund 100 Tonnen Übergewicht abgespeckt wurden. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung lobt eBalance.ch in ihrem neuen Buch «Gesund abnehmen». Und bei einem Langzeit-Vergleichstest der Zeitschrift «Gesundheitstipp» von K-Tipp hatte die Testperson, die mit eBalance.ch gegen Weight-Watcher-, Reductil- oder Xenical-Kandidaten antrat, mit Abstand den grössten Erfolg: eine Gewichtsreduktion von 12 Kilogramm seit Januar dieses Jahres. (cde.) Und jetzt zur Preisfrage: Wo und wie wurde dieser Text platziert?
A) Im «Schweiz»-Bund als Hausmitteilung?
B) Im Editorial?
C) Im «Stil»-Bund?
Alles falsch. Der Text steht im «Wissen»-Bund zusammen mit zwei anderen Kurztexten unter dem Titel «Neues aus der Wissenschaft». Damit das Lesen nicht zu schwer fällt, hat die Redaktion ein inhaltliches Gewichtreduktionsprogramm durchgezogen. Denn «eBalance» ist bekanntlich ein «Projekt» der «NZZ Neue Medien».
Die «NZZ am Sonntag» berichtet über ein «NZZ»-Projekt und vergisst vor lauter Freude über dessen gutes Abschneiden den Disclaimer. Das soll in den besten Häusern vorkommen. Wir fragen uns trotzdem: Ist das jetzt noch eine abgespeckte Hausmitteilung oder schon gewichtsreduzierte PR?
Sonntag, 17. Juni 2007
In der «NZZ am Sonntag» berichtet Francesco Benini über Sacha Wigdorovits «dritte Schweizer Gratiszeitung». Das von Gerüchten umrankte Projekt wird damit erstmals greifbar, und der Artikel ist zufälligerweise sogar online zugänglich. Die wichtigsten Punkte:
- Das neue Blatt heisst «.ch», also «Punkt Zeha». - Die Erstausgabe erscheint am 19. September - Die Startauflage beträgt 425'000 Exemplare. - Die Zeitung erscheint von Montag bis Freitag jeweils morgens im Gebiet Zürich, Basel, Bern, Luzern und St. Gallen. - 70 Prozent der Auflage sollen mit Hilfe der DMC direkt an die Haushalte geliefert werden - 30 Prozent verteilen sich auf ÖV-Stationen und Kolporteure. - Im Zürcher Hauptbüro arbeiten 38 Journalisten, in den Aussenstationen 17 weitere.
Die Hauszustellung wird noch zu reden geben. Ein guter Schachzug ist sie alleweil, auch wenn nicht alle «.ch»-Bezüger «20 Minuten» automatisch den Rücken kehren. Die Tamedia wird ihre «20 Minuten»-Boxen mindestens einmal nachfüllen müssen, und Ringier muss sich fragen, wie aktuell «heute» von gestern noch ist, wenn am Morgen zwei aktuelle Gratiszeitungen zur Verfügung stehen.
Doch für diese Spekulationen bleibt noch viel Zeit. Interessant finden wir im Moment vor allem Widgorovits' Qualitätsanspruch: Wigdorovits will «.ch» höher positionieren als «20 Minuten». Er sagt zu diesem Thema, «20 Minuten» sei ein Boulevardblatt, das vom Medienunternehmen Tamedia gegen den «Blick» gerichtet werde. «.ch» solle eine Schnelllesezeitung werden, die Qualität biete. Qualität in einer Gratiszeitung? Das wäre nun wirklich ein beachtlicher Marktvorteil. Falls die «.ch»-Redaktion ihr Versprechen tatsächlich einlöst, können wir uns auf einen spannenden Herbst freuen.
Sonntag, 3. Juni 2007
In der «NZZ am Sonntag» schreibt Francesco Benini über das Gerücht der Woche: Tamedia soll mit Springer über «Facts» verhandeln. Und zwar soll «Facts» in eingedampfter Form dem «Spiegel» beigelegt werden, der in der Schweiz rund 20'000 Abonnenten zählt. Wie ein Redaktor des «Spiegels» erklärt, sei an einer internen Veranstaltung vor rund fünf Wochen ein Projekt vorgestellt worden, das «Facts» als Supplement des «Spiegel» vorsehe. Ute Mizewski, Sprecherin des Springer-Verlags, erklärt auf Anfrage: «Es hat Gespräche über 'Facts' zwischen dem Spiegel-Verlag und Tamedia gegeben. Diese werden derzeit aber nicht fortgeführt.» Ein downgesiztes «Facts» als «Spiegel»-Beilage? Der Blattkritiker fühlt sich an den Yps-Gimmick erinnert.
Donnerstag, 26. April 2007
Im aktuellen «Klartext» finden wir ein aufschlussreiches Interview mit «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann. Die Aussagen Spillmanns verdienen einen ausführlichen Eintrag. Vorerst beschränken wir uns auf die Beilage «Z», welche hier bereits gewürdigt wurde: Klartext: «Ticket» fiel weg, nun gibt es «Z. Die schönen Seiten» ‚Äì eine Hochglanz-Beilage, die sich für Anzeigen im Luxussegment eignet.
SPILLMANN: «Ticket» und «Z» haben nichts miteinander zu tun! (...) [Wir waren] überzeugt davon, dass man ein eigenständiges Magazin in diesem oberen Konsumgütersegment positionieren kann. Es war aber auch immer klar, dass es nicht einfach eine weitere PR-Postille werden darf, sondern dass wir einen eigenständigen publizistischen Beitrag leisten wollen. «Z» ist im übrigen nicht ein Produkt der «Neuen Zürcher Zeitung», sondern ein Produkt aus dem Hause NZZ, das den zwei Trägertiteln «Neue Zürcher Zeitung» und «NZZ am Sonntag» beigelegt wird. Offenbar haben wir den eigenständigen publizistischen Beitrag von «Z» bisher nicht begriffen. Wir werden die nächste Ausgabe aber gerne an Spillmanns Anspruch messen. «Z» wird in der selben «Klartext»-Ausgabe auch noch von Susan Boos besprochen (Artikel online nicht zugänglich). Sie schreibt unter anderem: Im Februar wurde das Blatt vorgestellt. Die Branche jubelte. Die Inserate der ersten drei Nummern waren schon ausgebucht. Das Magazin ist sechzig Seiten dick. Mehr Inserate kann man nicht reinpacken, weil es sonst keinen Platz mehr hat für die schmucken PR-Texte. Dicker können die NZZ-Leute «Z» auch nicht machen, weil sich sonst die richtige Zeitung nicht mehr drumherum falzen lässt. Ein Dilemma. Falls das tatsächlich wahr ist, gibt es eine Lösung: Statt ihre «Trägertitel» um die Beilagen zu falzen, könnte die «NZZ» Zeitung und Beilagen aufeinander legen. Und das Ganze in eine hübsche Plastikhülle einschweissen.
Update (27.4.2007, 10:30): Es ist wahr. Dank an Sanja für den Link.
Mittwoch, 18. April 2007
Polemisieren ohne Wenn und Aber, ohne Sinn und Sachkenntnis, ist offensichtlich kein Privileg der «Weltwoche». «Das Edelweiss stirbt, aber die Natur wird weiterleben», überschreibt Andreas Hirstein seinen «Hintergrund»-Artikel in der jüngsten «NZZ am Sonntag» (online nicht frei zugänglich). Und sagt damit eigentlich schon alles. Hirstein nennt den zweiten Teil des UNO-Klimaberichts «viel vorsichtiger, als es die öffentlichen Kassandrarufe vermuten lassen». Er sei «alles andere als ein Untergangsszenario», auch wenn trockene und tropische Regionen, die schon heute die Armenhäuser des Planeten seien, am meisten leiden würden. Doch die Klimaerwärmung sei für diese Regionen «ein Problem unter vielen und meistens nicht das grösste.»
Wie tröstlich!
Dass der lästige Klimawandel auch die Schweiz sichtbar und spürbar trifft und treffen wird, pariert Hirstein mit einem Kunstgriff: «Offenbar gilt jede vom Menschen verursachte Veränderung der Natur als verwerflich, selbst wenn sie uns nutzt oder vielleicht gerade dann», schreibt er. Nachdem der Mensch das «biblische Gebot», sich die Erde zum Untertan zu machen, erfolgreich umgesetzt habe, habe er nun die Natur zum Gott gemacht, das aber sei «eigentlich absurd», weil unser Wohlstand auf nichts anderem beruhe als auf «gezielten Veränderungen der Natur, sei es durch die Landwirtschaft oder die Nutzung natürlicher Rohstoffe.»
Wie erhellend!
Hirsteins Schlussfolgerung:
Einigen Tier- und Pflanzenarten ist [die tiefgreifende Veränderung der Natur durch den Menschen] zum Verhängnis geworden. Doch der Natur als Ganzem haben wir nichts anhaben können. Wenn die Wissenschafter jetzt davon berichten, dass sich die Lebensräume von Tieren und Pflanzen nach Norden oder in grössere Höhen verlagern oder sich die Wachstumsperioden ins Frühjahr verschieben, dann ist das der beste Beweis dafür, dass sich die Natur auf die veränderten Bedingungen einstellt, und nicht a priori ein Grund zur Sorge. Natürlich werden einige Pflanzen und Tiere aussterben. Aber dafür werden andere nachrücken. Das Leben ist zum Glück nicht totzukriegen.
Und der gesunde Menschenverstand?
Sonntag, 18. März 2007
Die «NZZ am Sonntag» feiert ihren fünften Geburtstag und hat ihre Mannschaft ins Zürcher Opernhaus geschickt. Auf einem doppelseitigen Farbfoto schmunzelt die fast vollzählige Redaktion über die wörtliche Umsetzung eines Bonmots: Seit fünf Jahren sitzen wir im Parkett der öffentlichen Meinung und beobachten interessiert, amüsiert, manchmal aber auch irritiert das Geschehen auf den kleinen und grossen Weltbühnen schreibt Redaktionsleiter Felix Müller in seiner Laudatio auf das eigene Blatt. Die «NZZ am Sonntag» gehört laut seiner Einschätzung «mittlerweile zum Sonntag wie etwa das Opernhaus zu Zürich.» Deshalb bemüht sich die «NZZ am Sonntag», jede Woche eine fundierte, aktuelle, kritische, vergnügliche Zeitung zu machen, im Glauben, dass Lesen bereichernder ist als Schauen, Qualität nachhaltiger wirkt als Oberflächenreize und der Sonntag ein Lesetag ist. Genau. Deshalb haben wir die heutige Ausgabe der Werbebeilage «Z» und auch den «Stil»-Bund ungelesen entsorgt. Für die nächsten fünf Jahre wünschen wir dem Geburtstagskind spannende Reportagen, gute Interviews, sachliche Berichte und etwas mehr Offenheit in der ideologischen Haltung. Denn zu Zürich gehört nicht bloss das Opernhaus, sondern auch der Schiffbau, das Filmpodium und die Rote Fabrik. Und das Parkett leicht rechts der Mitte dürfte die «NZZ am Sonntag» zwischendurch auch einmal mit einem Balkon- oder Stehplatz vertauschen. Oder mit einem Blick hinter die Ku ... aber wir wollen hier nicht journalistische Phrasen dreschen. Happy Birthday!
Sonntag, 4. März 2007
Die «NZZ am Sonntag» beweist ihre legendäre Kompetenz in der Umwelt- und Energiewissenschaft auch mit der heutigen Ausgabe. Nein, wir meinen nicht Andreas Hirsteins Text über die Glühlampe («Trotzdem würde ein Verbot von Glühlampen den Schweizer Energieverbrauch nur wenig verändern. Auf ein Atomkraftwerk könnte deswegen nicht verzichtet werden»). Und, nein, wir meinen auch nicht Jost auf der Maurs «Essay» über den Klimawandel («Das zeitliche Zusammentreffen von frühlingshaftem Winterwetter und Klimabericht genügt, um einen vermeintlichen Zusammenhang zu suggerieren - obwohl der Verstand einem sogleich sagt, dass Ursache und Wirkung in dem komplexen Weltklima so nahe und drastisch nicht beisammen liegen können.»). Und schon gar nicht Pascal Hollensteins Interview mit Nagra-Chef Thomas Ernst über das im Koma liegende Endlager-Projekt («Wenn das Wirtgestein für 100 000 Kubikmeter sicher ist, ist es das auch für 200 000.»).
Wir meinen Roland Wengenmayrs Artikel im «Wissen»-Bund mit dem Titel «Nuklearer Albtraum». Halt! Wer hat «Mühleberg» gerufen? Das ist unverschämt und zudem falsch. Denn Wengenmayr geht auf die wahre nukleare Bedrohung der Schweizer Idylle ein: Schmutzige Bomben. Jawohl, schmutzige Bomben. Feinsinnig illustriert mit dem beliebten Drei-Zonen-Modell (sofortiger Tod in drei Varianten), das über die Stadt Zürich gelegt wird. Damit wäre wohl ein für allemal klar, wer unsere Salatköpfe bedroht: Nicht die friedlich korrodierenden Schweizer AKW sind es, sondern die schmutzigen Bomben, die selbstverständlich von jedermann unbemerkt in einem unauffälligen Koffer irgendwo am Bellevue ...
Bei so grossem Strahlenrisiko hilft nur eines: Glühbirnen brennen lassen (das neue AKW brauchen wir sowieso) und dann raus in die Natur. So lange der vermeintliche Zusammenhang zwischen Treibhauseffekt und Klimaerwärmung die Gletscher noch nicht restlos abgeschmolzen hat und die Betonwände in Beznau und Gösgen und Mühleberg und Leibstadt noch halten, können wir gerade so gut draussen nach Luft schnappen.
Dienstag, 27. Februar 2007
Am 11. März stimmen die Zürcherinnen und Zürcher über ein städtisches Glasfasernetz für 200 Millionen Franken ab. Die EWZ, das städtische Elektrizitätswerk, möchte dieses Netz vor allem für Private und KMU aufbauen. Denn die bestehenden Glasfasern, die seit Jahren unter den Trottoirs liegen, sind nur für Grossfirmen nutzbar. Und wenn es nach der Swisscom und ihren Mitbewerbern geht, muss sich daran auch nichts ändern.
So hängt halt der grosse Rest der Internetnutzer noch auf Jahre hinaus am Kupferdraht. Na und? Soll man sich deshalb etwa aufregen? «In Zürich ist die Glasfaser bereits vorhanden, wo sie gebraucht und nachgefragt wird», belehrt uns Larissa Bieler in der «NZZ am Sonntag.» Und doppelt nach: Seit 1998 wurde die Schweizer Telekombranche schrittweise liberalisiert und entstaatlicht. Mit ihren Glasfaser-Plänen geht die Stadt Zürich nun genau in die gegenteilige Richtung. Begründet wird dieser Schritt unter anderem mit angeblich fehlendem Wettbewerb. Zur Erinnerung: Der «angeblich» fehlende Wettbewerb wird von einer Handvoll Firmen bestritten, deren Geschäftsgebaren etwas problematisch ist. Die Swisscom zum Beispiel macht wegen ihrer unziemlichen Preispolitik regelmässig Schlagzeilen. Zwei aktuellen Beispiele aus diesem Monat: Die Swisscom wurde von der Wettbewerbskommission zu einer Busse von 333 Millionen Franken verknurrt, weil sie ihre marktbeherrschende Stellung im Mobilfunk ausgenützt hat. Und auch bei der √úbertragung von Festnetznummern hat sie laut Bundesgericht unrechtmässig hohe Preise verlangt und muss der Cablecom einen einstelligen Millionenbetrag zurückerstatten. Und wenn wir schon bei der Cablecom sind: Diese musste nach einer Intervention des Preisüberwachers ihre Abo-Gebühr für das digitale Fernsehen von 25 auf 6 Franken senken und ihre Set-Top-Box für 150 statt 495 Franken verkaufen. Erstaunlich, welche Rabatte möglich sind, wenn Väterchen Staat auf den Tisch klopft. Die beiden anderen Mitbewerber Sunrise und Colt sind bis jetzt nicht negativ aufgefallen. Aber auch nicht positiv: Zusammen mit Swisscom und Cablecom fahren sie die Nein-Kampagne.
Das scheinen Details zu sein. «Der Staatsbetrieb könnte mit seinem Markteintritt Wettbewerb und Innovationen abwürgen», schreibt Larissa Bieler weiter. Und erheitert uns damit: Der «Wettbewerb» ähnelt doch eher einem Oligopol, der Marktaufteilung unter wenigen Anbietern. Und dass ein modernes Glasfasernetz die «Innovation» mittels Kupferkabel bedrohen soll, scheint auch eher unwahrscheinlich. Oder was meinen die Herren Provider-Blogger dazu?
Der ideale Markt oder auch bloss der funktionierende Markt, dessen unsichtbare Hand dann auch noch alles zum Besten wendet, sieht entschieden anders aus. Im Fall des freien Wettbewerbs im Allgemeinen und der Zürcher Netzpolitik im Besonderen müssten sogar die Freisinnigen eine staatliche Intervention begrüssen. Und das tun sie auch: Die Stadtzürcher FDP steht geschlossen hinter dem EWZ-Projekt - zum grossen √Ñrger der «NZZ am Sonntag». «In Leserbriefen und Internet-Foren wird nun gerätselt, warum sich ausgerechnet der Freisinn für mehr Staat einsetze - Schulter an Schulter mit der SP, den Grünen, der EVP und der Alternativen Liste», schreibt Larissa Bieler.
Ausgerechnet der Freisinn? Weshalb denn bloss? Wer mehr über die «strange alliance» wissen will, sollte einen Blick in den heutigen «Tages-Anzeiger» werfen. «[Der freisinnige Zürcher Stadtrat Andres Türler] hat offensichtlich die Delegierten der Stadtpartei mit seinen Arugmenten überzeugt,» sagt Doris Fiala, Präsidentin der Stadtzürcher FDP, in einem Kurzinterview. Und fügt an, dass Ruedi Noser, der unter anderem in der «NZZ» gegen das geplante EWZ-Netz wetterte, «im Telecombereich tätig» sei und sich «vermutlich deshalb als Unternehmer gegen das Glasfasernetz» wehre und nicht etwa «aus ordnungspolitischen √úberlegungen.»
Es ist eine kleine Ironie der Lokalgeschichte, dass der Hausputz bei der FDP mittlerweile im «Tages-Anzeiger» veranstaltet wird und nicht mehr in der «NZZ». Aber wenigstens spielt der Wettbewerb bei den Printmedien.
Dienstag, 27. Februar 2007
Auf Seite 7 der «NZZ am Sonntag» stockt dem Verschwörungstheoretiker der Atem:
Amateurfilm enträtselt Kennedy-Mord schreit ihm die Schlagzeile entgegen. Sollte eines seiner liebsten Hobbys sinnlos werden? Ängstlich liest er weiter:
Der Film zeigt im Vordergrund eine lächelnde Jackie Kennedy im rosa Kostüm. Hinter ihr kommt JFK ins Bild. Sein Jackett ist deutlich erkennbar an seiner rechten Schulter hochgeschoben und aufgebauscht.
(…)
Die Zeitspanne zwischen den Schüssen ist umstritten. Zudem scheint sich die von Warren [erste Offizielle Untersuchungskommission] festgestellte Flugbahn des ersten Projektils nicht mit dem Einschlussloch im Jackett zu decken. Der Film erklärt diese Diskrepanz nun durch die Verschiebung der Jacke. So entkräftet er die Verschwörungstheorie, wonach ein zweiter Schütze ebenfalls gefeuert haben soll. Der Verschwörungstheoretiker ist traurig. Er muss einsehen, dass ein aufgebauschtes Jackett die jahrelangen Untersuchungen verschiedener US-Untersuchungskommissionen hinfällig macht (Resultat dieser aufgebauschten Untersuchungen: Es gab höchstwahrscheinlich eine Verschwörung zur Ermordung Kennedys, es gab höchstwahrscheinlich mehrere Schützen, es gab höchstwahrscheinlich eine Verschwörung zur Vertuschung der Umstände). Er begreift, dass der Zapruder-Film, der zeigt, dass der tödliche Schuss Kennedy von vorne und nicht von hinten trifft, eine üble Fälschung sein muss.
Der Verschwörungstheoretiker ist traurig. Er ist aber auch froh, dass es Journalisten wie Andreas Mink und Zeitungen wie die «NZZ am Sonntag» gibt, die ihm komplexe Ereignisse immer wieder auf wunderbar einfache Weise erklären.
Mittwoch, 31. Januar 2007
Die «NZZ am Sonntag» hat Party gemacht. Oder es wenigstens versucht: In der aktuellen Ausgabe berichtet Sacha Batthyany aus dem Zürcher Industriequartier («In der Intensiv-Zone», online nicht frei zugänglich). Die Themenwahl dürfte nicht ganz zufällig sein. Auch der «Tages-Anzeiger» war vor kurzem im wilden Westen Zürichs und hat die überdurchschnittliche Zahl von Polizeieinsätzen, Schlägereien und Alkoholvergiftungen rapportiert. Batthyanys Text geht auf diese Begleiterscheinungen ein und kontrastiert sie zugleich mit dem scheinbar beschaulichen Leben bei der Maschinenfirma MAN Turbo, dem letzten Wurmfortsatz des früheren Industriequartiers. Dieser Ansatz gefällt dem Blattkritiker und ist auch mit ansprechenden Fotos umgesetzt worden. Doch der Text kann nicht begeistern.
Gute Reportagen, heisst es, lassen den Leser etwas erleben. Sie machen ihn glauben, er rieche, fühle und schmecke mit. Das ist bei diesem Text nicht der Fall. Batthyany erzählt uns zwar, dass Roman Kühne, der porträtierte Angestellte des Tiefbauamtes, mit einer Putzmaschine «Citycat 2020» für 15'000 Franken putzt. Doch wie Kühnes Arbeit wirklich aussieht, wird für uns nicht nachvollziehbar. Es ist von einem Saugrüssel die Rede, und von Dreck. Wie warm, wie kalt ist es in dieser Citycat? Läuft das Radio, zieht es? Ist die Arbeit für den, der sie macht, einigermassen befriedigend? Wie fühlt sich einer, der jede Nacht den Dreck der anderen wegputzt? Wir erfahren es nicht.
"Aromat und Kokain. Eine Beinahe-Reportage." vollständig lesen
Montag, 22. Januar 2007
Braucht es den Swissair-Prozess? Aber sicher, vielleicht, bloss nicht: Beim «Tages-Anzeiger» findet man ihn sinnvoll, bei der «Weltwoche» überflüssig, und bei der «NZZ am Sonntag» auch. Doch während uns Roger Köppel nur in seinem Editorial auf Vergeben trimmte, trägt die hippe Schwester der «NZZ» einiges dicker auf. Drei zu eins fürs Schonprogramm, lautet der interne Totomat.
"Swissair-Prozess: Dummheiten, Schutzbehauptungen und schwule Avancen" vollständig lesen
Freitag, 19. Januar 2007
Laut einem Bericht von «persönlich» über einen «Cash daily»-Artikel liebäugelt die «NZZ am Sonntag» mit Regionalsplits. Dies aber nicht wegen einer plötzlichen Liebe zum Lokalen, sondern aus Angst, die lukrativen Rubrikinserate zu verlieren: Die NZZaS reagiert mit diesem Schritt auf die geplante Sonntagsausgabe der Mittelland Zeitung (MZ). Müller zu Cashdaily: «Ich will nicht tatenlos zuschauen, wenn die Regionalzeitungen tatsächlich mit Sonntagsausgaben kommen.» Reagieren statt agieren also, doch das soll hier nicht bekrittelt werden. Dass der Inseratemarkt höher gewertet wird als die publizistische Linie, entspricht der wirtschaftlichen Logik - gerade bei Splits. So verzichtet zum Beispiel der «Tages-Anzeiger» zur fortwährenden Konsternierung seiner Leser auf den Winterthur-Split, um den «Landboten» nicht zu gefährden (vgl. «Klartext»). Nun darf aber spekuliert werden, wie gut regionale Splits zu einer Sonntagszeitung passen. Andreas Durisch («Sonntagszeitung») meint laut «persönlich» dazu: «Gemäss meinen Erfahrungen beim Sonntagsblatt kann ich sagen, dass die regionale Berichterstattung für einen nationalen Titel ein schwieriges Feld ist: Substantiell gute Geschichten für den Regionalteil sind rar, die Samstagsaktualität dröge. Die wirklich spannenden Themen aus einer Region wollen die Blattmacher im Mantelteil.» Der Blattkritiker sieht noch ein anderes Problem: Weil «Facts» und «Weltwoche» inhaltlich seit längerem schwächeln, nutzt ein steigender Teil der Sonntagszeitungsleserinnen und -leser ihr Blatt als Wochenmagazin. Als Gefäss also, das weniger dem Lokalen und Akuten verpflichtet ist als den Hintergrundthemen. Dazu passen die explizit regionalen Geschichten, die oft schon aus der Tagespresse bekannt sind, aber nur mittelprächtig. Ob die Sonntagssmischung aus Politik, Feuilleton, Lifestyle und den neusten Resultaten der Provinz-Volleyballklubs wohl aufgeht? Wir lassen uns überraschen.
Samstag, 6. Januar 2007
Wir wünschen …
… Hanspeter Born von der «Weltwoche», dass er im Schreibstau stecken bleibt.
… der «NZZ am Sonntag» eine Packung Jodtabletten gegen die atomare Verseuchung.
… «Weltwoche»-Chef Roger Köppel einen liberalen Gedanken.
… Kolumnist Christoph Mörgeli, dass ihm ein neuer Text gelingen möge.
… Kolumnist Peter Bodenmann mehr Lockerheit im Umgang mit Genossen, die es – im Gegensatz zu ihm – in den Bundesrat oder ins Amt des Preisüberwachers geschafft haben.
… Kolumnist Henryk M. Broder ein paar Wochen Zeltferien mit einem muslimischen Gutmenschen.
… «10 vor 10» mehr Qualität und weniger 0815-Boulevard.
… Rudolf Gafner vom «Bund» ein kritisches Wort über Barbara Hayoz.
… Stefan von Bergen von der «Berner Zeitung» zur Würze die nötige Kürze.
… der «Weltwoche» eine Ausgabe ohne Korrigenda zu Urs Paul Engelers Text der Vorwoche.
… den Frauen eine «Annabelle» mit einem Mann auf dem Cover.
… «Watch me TV» weniger Leck-mich-Wirkung.
‚… Dani Landolf, dem scheidenden stv. Chefredaktor des «Bund», einen Job, der seinen Qualifikationen entspricht.
… dem «Blick», dass er seine kompromisslos opportune Haltung zu heiklen Vorlagen weiter festigt und konsequent variiert.
… Auto-Kolumnist Ulf Poschardt ein Velo mit Rücktritt.
… Lorenz Kummer vom «Bund» eine US-Regierung, die den Irak demokratisiert … demokratisiert … demokratisiert …
… dem «Bund» so wenig «Berner Zeitung» wie möglich.
… der «Berner Zeitung» alles Gute.
Mittwoch, 3. Januar 2007
Zum neuen Jahr wünschen wir der Schweizer Presse nur das Beste. Insbesondere:
Der «Mittelland Zeitung», dass Urs Helbling nicht jedesmal einen «Das Leben ist schön»-Kommentar auf die Frontseite knallt, wenn die Sonne länger als zwei Stunden scheint.
Der «Sonntagszeitung», dass Arthur Rutishauser nicht ausgerechnet während des Prozesses gegen die früheren Swissair-Kader krank wird.
Dem «Sonntagsblick», dass Beat Kraushaar und Sandro Brotz noch lange, lange Zug fahren.
Unzähligen Ringier-Angestellten, dass Frank A. Meyer demnächst der übermächtige Wunsch packt, sich frühzeitig pensionieren zu lassen.
Der «Solothurner Zeitung» im allgemeinen und deren Stadtredaktion unter Wolfgang Wagmann im Besondern die Erkenntnis, dass nicht alles, was von Stadt- und Gemeinderegierungen kommmuniziert wird, grundsätzlich schön und gut ist.
Roger Köppel, dass sich die Promis aus der Weltpolitik und -wirtschaft weiterhin daraum reissen, mit ihm dinieren zu können.
Res Strehle, Chef des «Magazins», dass er von der Jury, in der er sitzt, auch nächstes Jahr zu einem der besten Journalisten des Landes gewählt wird.
Max Küng, ebenfalls vom «Magazin», noch mehr Taschengeld und seiner kolumnierenden Kollegin Michèle Roten einen Mann.
«Blick»-Chef Werner de Schepper 20 Minuten Zeit, um sich für sein Blatt eine auflagesteigernde Strategie auszudenken.
Dem «Schlagzeiten»-Dichter der «Sonntagszeitung» nie nachlassende Inspiration.
Felix E. Müller von der «NZZ am Sonntag» ein Dutzend Pulitzerpreise.
Felix Bingesser, dem Sportchef der Aargauer Zeitung, einen mutigen Coiffeur.
Margrit Sprecher, der Doyenne des Gspürschmi-Journalismus, eine Schlange gescheiterter Existenzen vor der Haustüre.
Erwin Koch, dass ihn mal jemand zur Seite nimmt und ihm kurz und bündig sagt, dass man auch kurz und bündig viel sagen kann.
Sonntag, 26. November 2006
Der «Stil»-Bund der «NZZ am Sonntag» gehört nicht zu den Highlights der Sonntagspresse. Doch was uns heute unter dem Titel «Gepanzerter Luxus» präsentiert wird, ist des Schlechten zuviel. Autorin Christina Hubbeling flötet zwei Seiten lang über Hummer. Aber nicht etwa konsequent-elitär («Hummer gehören einfach dazu») oder karnivorisch-kontrastiv («Wer von euch noch nie ein schnuckeliges Kälbchen verspiesen, der werfe den ersten Stein»), sondern in jenem Plauderton, den wir vom Prominentenjournalismus kennen. Und das schon beim Einstieg: Hummergerichte gehören zur gehobenen Gastronomie wie die Gezeiten zum Meer. Und man weiss auch, Hummer zu essen, ist aus moralischer Sicht ein bisschen problematisch: Wie war das noch genau mit dem Lebendigen-Leibes-ins-siedende-Wasser-geworfen-Werden?
Angeblich sollen die Tiere beim Sterben einen Pfeifton von sich geben, der durch Mark und Bein geht. Stimmt nicht. Wir haben es ausprobiert. Hummer sterben leise. Ihre Qualen teilen sie uns nicht mit. Ach, wie gut: So lange das Viech nicht pfeift, ist alles OK. Der Blattkritiker will hier keine Tierschutzdebatte vom Zaun brechen. Vielleicht hat die Dame ja einen stummen Hummer erwischt. Doch auch ein Hummer ist ein Lebewesen, und dazu eines, das bis vor den Kochtopf lebend transportiert wird. Ein Umstand, der nicht nur militanten Tierschützern eine √úberlegung wert sein sollte, sondern auch einer Qualitätszeitung. Doch für Hubbeling ist selbst das sechs- bis siebenjährige Tier vom Grund des Atlantiks letztlich ein Ding, das man bei Globus kaufen kann: «Unser» Hummer präsentiert sich farblich wie ein Geschenkpaket von Herm√®s: dunkelbraun mit Orange. Dies deutet darauf hin, dass das 600 Gramm schwere Tier aus Kanada oder den USA stammt. Wir lesen noch eine ganze Menge über Hummer. Wie sie am besten getötet und gekocht werden, welche Beilagen dazu passen und dass man sie im Restaurant - welche unerwartete Freiheit! - sogar mit der Hand festhalten darf, um sie zu zerlegen. Fazit: Hummer zu verspeisen, ist zwar moralisch ein bisschen problematisch. Und sie zu kochen, ist offenbar auch handwerklich ein bisschen problematisch. Aber wer das Handwerk wie Hubbeling an einen Koch delegiert, statt selbst Hand anzulegen, kann sich danach über ein krebsrotes Herm√®s-Geschenkpaket freuen. Und die allenfalls ein bisschen problematische Moral kommt zum Glück erst nach dem Essen.
Der Blattkritiker legt den Artikel seufzend weg. Und erinnert sich, dass Max Küng einst in bester Gonzo-Journalismus-Tradition über «Arnold» schrieb. Einen Hummer, den Küng eigenhändig tötete, kochte und verspies. Und sich und der «Magazin»-Leserschaft danach schwor, es nie wieder zu tun.
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