Montag, 16. Juli 2007
In der «Sonntagszeitung» von gestern finden wir ein gutes Beispiel für eine schlechte Reportage. «Hauptsache Kurven» handelt von zehn gutaussehenden jungen Frauen, die sich in die Löwengrube eines Formel-1-Rennens aufmachen. «Hauptsache Kurven» zeigt aber auch, wie man ein vielversprechendes Thema an die Wand fährt.
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Sonntag, 21. Januar 2007
Unter dem Titel «Viagra, Koks und Polonaise» berichtet die «Sonntagszeitung» heute über einen rot-grünen Zürcher Gemeinderat, der letzte Woche von der Polizei verhaftet wurde (Artikel online nicht erhältlich). Andreas Kunz beleuchtet unter emsiger Zuhilfenahme des Konjunktivs das «wild-fidele Leben» des «Party-Tigers». Der Politiker «soll im grossen Stil mit Drogen gehandelt haben»; dafür sei er in einschlägigen Kreisen «allseits bekannt» gewesen.
Der Artikel stützt sich primär auf die Aussagen von anonymen Szenegängern. Trotzdem (oder gerade deshalb) liest er sich wie eine Anklageschrift. Von einer Vorverurteilung kann trotzdem nicht die Rede sein: Für XY (die SZ nennt den Verhafteten mit Vornamen und Namen und zeigt ihn im Bild) «gilt die Unschuldsvermutung» schreibt Kunz. In der letzten von rund 70 Zeilen.
Freitag, 19. Januar 2007
Laut einem Bericht von «persönlich» über einen «Cash daily»-Artikel liebäugelt die «NZZ am Sonntag» mit Regionalsplits. Dies aber nicht wegen einer plötzlichen Liebe zum Lokalen, sondern aus Angst, die lukrativen Rubrikinserate zu verlieren: Die NZZaS reagiert mit diesem Schritt auf die geplante Sonntagsausgabe der Mittelland Zeitung (MZ). Müller zu Cashdaily: «Ich will nicht tatenlos zuschauen, wenn die Regionalzeitungen tatsächlich mit Sonntagsausgaben kommen.» Reagieren statt agieren also, doch das soll hier nicht bekrittelt werden. Dass der Inseratemarkt höher gewertet wird als die publizistische Linie, entspricht der wirtschaftlichen Logik - gerade bei Splits. So verzichtet zum Beispiel der «Tages-Anzeiger» zur fortwährenden Konsternierung seiner Leser auf den Winterthur-Split, um den «Landboten» nicht zu gefährden (vgl. «Klartext»). Nun darf aber spekuliert werden, wie gut regionale Splits zu einer Sonntagszeitung passen. Andreas Durisch («Sonntagszeitung») meint laut «persönlich» dazu: «Gemäss meinen Erfahrungen beim Sonntagsblatt kann ich sagen, dass die regionale Berichterstattung für einen nationalen Titel ein schwieriges Feld ist: Substantiell gute Geschichten für den Regionalteil sind rar, die Samstagsaktualität dröge. Die wirklich spannenden Themen aus einer Region wollen die Blattmacher im Mantelteil.» Der Blattkritiker sieht noch ein anderes Problem: Weil «Facts» und «Weltwoche» inhaltlich seit längerem schwächeln, nutzt ein steigender Teil der Sonntagszeitungsleserinnen und -leser ihr Blatt als Wochenmagazin. Als Gefäss also, das weniger dem Lokalen und Akuten verpflichtet ist als den Hintergrundthemen. Dazu passen die explizit regionalen Geschichten, die oft schon aus der Tagespresse bekannt sind, aber nur mittelprächtig. Ob die Sonntagssmischung aus Politik, Feuilleton, Lifestyle und den neusten Resultaten der Provinz-Volleyballklubs wohl aufgeht? Wir lassen uns überraschen.
Mittwoch, 17. Januar 2007
Mit einer 64-seitigen «Jubiläumszeitung» (Link kostenpflichtig) hat die «SonntagsZeitung» ihren 20. Geburtstag gefeiert. Leicht verspätet, aber immer noch herzlich sei ihr auch von dieser Stelle gratuliert.
Inhaltlich überrascht die Sondernummer wenig. Wir lesen «Greatest Hits», Rückblicke von ehemaligen Mitarbeitern, Bilder des aktuellen Personals, Glückwünschadressen von Prominenten, eine Einordnung der damaligen Verhältnisse auf dem Medienplatz Schweiz, anerkennende bis euphorische Statements von Normalverbrauchern und Experten aus PR, Publizistik und Politik sowie ein paar Geschichten über Leute, deren Leben ohne die «SonntagsZeitung» offenbar kaum mehr einen Sinn haben würde. Kurz: Wir lesen zu viel Eigenlob und zu wenig Selbstkritik.
Kernstück der Geburtstagsausgabe ist ein Interview, das Adolf Ogi mit Andreas Durisch geführt hat. Verständlich, dass der Alt-Bundesrat dem Chefredaktor die Festlaune nicht verderben wollte bzw. durfte. Aber muss das Gespräch wirklich so zahm daherkommen?
Artig fragt Ogi, ob die «Sonntagszeitung» eher eine politische Zeitung oder ein Produkt sei. Durisch nützt die Gelegenheit für einen ausführlichen Werbespot.
Artig gibt Ogi seinem Interviewpartner die Chance, sich gegen all die Skandalisierungsvorwürfe zu wehren, welchen «der meistzitierte Titel der Schweiz» Zeit seines Bestehens ausgesetzt war und ist (und vermutlich auch bleiben wird).
Artig lässt Ogi Durisch proklamieren, es gehe der «SonntagsZeitung» immer nur darum, «die Tatsachen zu ergründen», das Ziel sei «immer die richtige Information». Hier wirds ausnahmsweise ein bisschen spannender, weil Ogi nachhaken darf. Durisch räumt schweren Herzens ein, dass der Umgang mit Indiskretionen «in ganz seltenen Fällen problematisch» sein könne. Oder dass nicht jede Geschichte, die am Sonntag siedend heiss gekocht werde, die Druckerschwärze wirklich wert sei.
Dann ist aber schon wieder fertig mit (selbst)kritisch. Artig fragt Ogi nach dem Umgang Medienschaffender mit Politikern. Und Durisch antwortet mit Allgemeinplätzen. Journalisten seien lediglich Beobachter der Politwelt, die zum Bundeshauspersonal trotz aller räumlichen Nähe «so viel Distanz bewahren müssen, dass Kritik möglich bleibt». Es sei ihm «kein Bedürfnis, mit wichtigen Politikern per Du zu sein», viel wichtiger sei, «zu seinen eigenen √úberzeugungen stehen» zu können und «als vierte Kraft im Spiel» regelmässig «Einfluss auf die öffentliche Meinung» zu nehmen.
So weit, so langweilig. Peinlich ist, dass Durisch postuliert, der Journalist gehöre nicht mit aufs Photo, wenn er mit Politikern zu tun habe ‚Äì und sich auf den zwei Interviewseiten gleich ganze vier Mal mit Adolf Ogi abbilden lässt ‚Ķ
Freitag, 5. Januar 2007
Damit die Schweizer Presse auch das Jahr 2007 überlebt, wünschen wir uns für das neue Jahr mit Nachdruck ...
... dass Millionenzürich-Provinzler, Sowohl-als-auch-Intellektueller und «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Peter Hartmeier mit einer Rücktrittsandrohung die Null-Niveau-Regionalstrategie seines Blattes mit sofortiger Wirkung beendet. Egal, wie es ausgeht, ob er als Chef abtritt oder die Regionalisierung abgebrochen wird: Der Tagi gewinnt so oder so.
... dass die unzähligen Berater in den Verlagshäusern, die so gerne Zahlen zählen, im neuen Jahr auch das Lesen lernen und verpflichtet werden, zu lesen, was sie angerichtet haben mit ihrem Spar-, Ausdünnungs- und Vollkostenwahn. Eine Printbranche nämlich, die gegen das Internet nur verlieren kann, wenn sie mit geschwätzigen Kolumnen und bunten Lesestöffchen zwar durchaus Geld, aber auch Leser wegspart.
... dass Tettamanti-Adoptivsohn und Frauenversteher Roger Köppel, der sich neuerdings im Eigenverlag verlegt, endlich seinem journalistischen Credo nachlebt und nicht mehr dauernd in seine «Weltwoche» hievt, was nicht ist (Klimawandel), sondern was ist (Klimawandel). Und vor dem Fernseher Beckmann-Interviews mit der deutschen Bundeskanzlerin abschreiben muss 2007 auch nicht mehr sein. Danke.
... dass Tamedia-Chef Martin Kall in seine persönliche Weiterbildung investiert und sich die «Süddeutsche Zeitung» abonniert, damit er täglich daran erinnert wird, wie gut eine Qualitätszeitung sein könnte. Falls Kall nicht mehr bereit ist, für ein Printprodukt Geld auszugeben, darf er sich bei mir melden: Ich schenke ihm gerne ein Jahresabonnement.
... dass Multimedia-Chefredaktor Andreas Durisch («Sonntags-Zeitung», «Facts») den geistigen √úbergang von den 1990ern- in die Nullerjahre schafft und erkennt, dass die Zeiten endgültig vorbei sind, in denen mit ein paar Fakten und ein paar aufregenden Zitaten Geschichten gezimmert werden konnten, dass eine reine News-Strategie in Zeiten des Internets kein Erfolgsrezept mehr sind für seine Publikationen und dass Zeitschriften für Leser und nicht für Nicht-Leser gemacht werden müssen.
... dass die letzten Exemplare der aussterbenden Spezies des Boulevardjournalisten vom Verlagshaus Ringier mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Sauerstoffzelt, Frischzellenkur) am Leben erhalten werden und in ein Fortpflanzungsseminar geschickt werden, damit «Blick» und «Sonntags-Blick» wieder jenen Journalismus machen können, den sie machen müssen, um publizistisch existenzberechtigt zu sein. Dabei ist unbedingt zu beachten: Boulevard muss auch weiterhin nicht heissen, gegen Asylsuchende zu hetzen und Tempo 200 auf Autobahnen zu fordern. Aber ohne grosse Buchstaben, freche Titel und mutige Geschichten geht es nicht.
... dass die Tamedia-Zeitschriftenverantwortliche Uli Rubner endlich mehr tut, als nur Zeitschriftenverantwortliche der Tamedia zu sein. Zum Beispiel darüber nachdenken, wie Zeitschriften sich entwickeln müssen, damit sie auch in ein paar Jahren noch gekauft werden. Auf ihren Medienkritiker-Mann Kurt W. Zimmermann darf sie beim Nachdenken unter keinen Umständen hören: Auch er ist ein Fossil aus den 90ern.
... dass die Chefredaktoren ihre Journalisten vertraglich dazu verpflichten, ihren Bürostuhl mindestens einmal täglich zu verlassen, wobei unbedingt festgehalten werden muss, dass dieser Vertragszusatz nicht mit dem Gang in die nächste Beiz erfüllt ist.
... dass der «Berner Zeitung» der Auftritt unter dem Gattungsbegriff Zeitung vom Verband der Schweizer Presse verboten wird, weil Minimalstandarts erfüllen muss, wer sich mit diesem Titel schmücken will (zum Beispiel mindestens ein druckfehlerfreier Abschnitt pro Text).
Mittwoch, 3. Januar 2007
Zum neuen Jahr wünschen wir der Schweizer Presse nur das Beste. Insbesondere:
Der «Mittelland Zeitung», dass Urs Helbling nicht jedesmal einen «Das Leben ist schön»-Kommentar auf die Frontseite knallt, wenn die Sonne länger als zwei Stunden scheint.
Der «Sonntagszeitung», dass Arthur Rutishauser nicht ausgerechnet während des Prozesses gegen die früheren Swissair-Kader krank wird.
Dem «Sonntagsblick», dass Beat Kraushaar und Sandro Brotz noch lange, lange Zug fahren.
Unzähligen Ringier-Angestellten, dass Frank A. Meyer demnächst der übermächtige Wunsch packt, sich frühzeitig pensionieren zu lassen.
Der «Solothurner Zeitung» im allgemeinen und deren Stadtredaktion unter Wolfgang Wagmann im Besondern die Erkenntnis, dass nicht alles, was von Stadt- und Gemeinderegierungen kommmuniziert wird, grundsätzlich schön und gut ist.
Roger Köppel, dass sich die Promis aus der Weltpolitik und -wirtschaft weiterhin daraum reissen, mit ihm dinieren zu können.
Res Strehle, Chef des «Magazins», dass er von der Jury, in der er sitzt, auch nächstes Jahr zu einem der besten Journalisten des Landes gewählt wird.
Max Küng, ebenfalls vom «Magazin», noch mehr Taschengeld und seiner kolumnierenden Kollegin Michèle Roten einen Mann.
«Blick»-Chef Werner de Schepper 20 Minuten Zeit, um sich für sein Blatt eine auflagesteigernde Strategie auszudenken.
Dem «Schlagzeiten»-Dichter der «Sonntagszeitung» nie nachlassende Inspiration.
Felix E. Müller von der «NZZ am Sonntag» ein Dutzend Pulitzerpreise.
Felix Bingesser, dem Sportchef der Aargauer Zeitung, einen mutigen Coiffeur.
Margrit Sprecher, der Doyenne des Gspürschmi-Journalismus, eine Schlange gescheiterter Existenzen vor der Haustüre.
Erwin Koch, dass ihn mal jemand zur Seite nimmt und ihm kurz und bündig sagt, dass man auch kurz und bündig viel sagen kann.
Samstag, 16. Dezember 2006
Morgen ist erst der dritte Advent. Doch die Schweizer Verleger verteilen bereits jetzt Weihnachtsgeschenke. Ihre mässig erfolgreichen e-Paper sind wieder einmal frei zugänglich. Viel Vergnügen bei der Lektüre von «Tages-Anzeiger», «Facts» und «Sonntagszeitung». Falls die Schweizer Blogger zwischen Mailänderlibacken und Einkaufsrummel noch ein paar Minuten Zeit finden, «hackt» vielleicht noch jemand rasch die «NZZ»?
«√ñffnet die Archive!» sagen wir bloss.
Montag, 30. Oktober 2006
In der Informatik gibt es zwei wichtige Regeln. Erstens die Finger-Weg-Regel: «Verändere nie ein funktionierendes System.» Zweitens die Cablecom-Regel: «Wer erst mal ein Problem hat, wird es lange haben.»
Die Schweizer Verleger lernen in diesen Tagen und Wochen die Cablecom-Regel in aller Gründlichkeit kennen. Denn nach der ersten und zweiten Runde «Hacken» geht es heiter weiter. Möchten Sie, liebe Leser, wieder gratis den «Tages-Anzeiger» lesen? Im Weblog von benbit finden Sie die Anleitung. Oder wollen Sie, liebe Leserinnen, die gestrige «Sonntagszeitung» als als handliches PDF? Ein Kommentator hinterliess den Tipp auf unserem Blog.
Im letzten Bericht zum Thema e-Paper schrieb der Blattkritiker, die Verleger sollten ihre Texte nicht mit einer Wand aus Emmentaler schützen. Das war vielleicht zu undeutlich. Deshalb zitieren wir heute den Stillen Hasen: Nid eso, nei nei, nid eso hani gseit
Nei, nid eso, losit, nid eso, nei nei, nid eso hani gseit
Stelle
U nid lege
(...)
Dir müesst lose was i säge
Wenn is scho säge Und vorhär git's kes Znüni.
Update (2.11.06, 20:30): Nicht nur die Redaktion, auch die IT-Abteilung des «Tages-Anzeigers» liest unseren Blog. Wer den obigen Link anklickt, wird neuerdings belehrt: «Ihre URL ist ungültig. Bitte loggen Sie sich neu ein.»
Gut gemacht. Und itz ga Znüni näh!
Dienstag, 25. April 2006
Wer nach der Lektüre von Jürgen Krönigs Guantanamo-Artikel (siehe vorletzten Eintrag) und Josef Joffes Kolumne (siehe letzten Eintrag) noch nicht genug hat, findet auf Seite 29 der aktuellen «SonntagsZeitung» ein Interview von Martin Suter mit dem US-Politologen Francis Fukuyama, der kürzlich sein neues Buch «Scheitert Amerika? ‚Äì Supermacht am Scheideweg» veröffentlicht und für Aufsehen gesorgt hat.
Fukuyama, der sich in jüngerer Zeit ein klein wenig von seinen neokonservativen Gesinnungsgenossen entfernt, wäre wahrlich ein interessanter Interviewpartner. Wäre. Denn Martin Suter macht leider so gut wie nichts aus der Gelegenheit. Brav reiht er eine Frage an die nächste, wagt kaum nachzuhaken und lässt Fukuyama so immer wieder Lügen durchgehen, die schon längst als genau das ‚Äì Lügen ‚Äì entlarvt sind.
Zum Beispiel:
Frage: Hat die Bush-Regierung die Öffentlichkeit vor dem Krieg belogen?
Antwort: Das glaube ich nicht. Am unehrlichsten war die Regierung bei der Frage nach dem Verhältnis zwischen Saddam Hussein und dem Terrornetzwerk al-Qaida. (‚Ķ) Anstatt hier entschieden zu insistieren und Fukuyama mit Fakten ( hier, hier oder hier) zu antworten, die belegen, dass die Bush-Regierung die √ñffentlichkeit auf der ganzen Linie hinters Licht geführt hat, fällt Martin Suter nichts Besseres ein, als zu fragen:
Ist die Invasion denn nicht ein sinnvoller Bestandteil des umfassenden Kriegs gegen den islamischen Terrorismus, der mit dem 11. September begann? Wie bitte? «Sinnvoller Bestandteil»? Martin Suter lässt nicht nur jeden Biss vermissen, er vermittelt auch ein Weltbild, das wir ihm nicht zugetraut hätten.
Mehr Beispiele gefällig? Nächste Frage:
In Europa glauben viele, es sei Amerika ums √ñl gegangen. «Glauben»?
Nächste Frage:
Und die angeblichen Massenvernichtungswaffen?
Antwort: Bei den chemischen und biologischen Waffen gab es keine Unehrlichkeit. Alle wurden genarrt: die Uno-Inspektoren, die Franzosen, die Russen. Eine glatte Lüge (Link kostenpflichtig), auf die Suter nicht reagiert, er wechselt einfach das Thema.
Weiter unten fragt er:
Wurde diese Wahrheit von der Bush-Regierung ignoriert?
Antwort: Sie glauben daran, dass freie Märkte und Demokratie sozusagen der Normalzustand sind, der sich automatisch einstellt, sobald Diktatoren aus dem Weg geräumt werden. So so. Auch hier: kein Widerspruch, kein Nachhaken.
Und so weiter, und so fort. Martin Suter lässt Fukuyama das alte Lied von Pleiten, Pech und Pannen singen, anstatt ihn mit Fakten zu konfrontieren und herauszufordern. Schade.
Dienstag, 25. April 2006
Einmal durchatmen, zweimal blättern, und der Leser der aktuellen «SonntagsZeitung» stösst nach Jürgen Krönigs Guantanamo-Artikel (siehe Eintrag unten) auf ein weiteres Lowlight: die Kolumne von «Zeit»-Herausgeber Josef Joffe. ‚Äì Ja, jener Josef Joffe, der für seine mehr als einseitigen Pro-US- und Pro-Israel-Standpunkte bekannt ist. Und wie nicht anders zu erwarten, sondert der selbsternannte Amerikakenner unter dem Titel «Der Fluch des √ñlreichtums» auch in der «SonntagsZeitung» Schwarz-Weiss-Malereien ab, die uns die Nackenhaare zu Berge stehen lassen.
Joffe schreibt:
Nur vier stabile Demokratien sind mit √ñl und Gas gesegnet: die USA, Kanada, England und Norwegen. Der Rest ist kaum Vertrauen erweckend: Saudiarabien, der Iran, Venezuela, Russland und andere Sowjet-Nachfolgestaaten, Indonesien, Brunei ‚Ķ Wo bleibt der Irak in Ihrer Gut-Böse-Liste, Herr Joffe? Rechnen Sie diesen in der Zwischenzeit schon zu USA/England? Im Ernst: Rätselhaft ist, wie ein seriöser Journalist derzeit die USA zu den Vertrauen-Erweckenden zählen kann.
Weiter unten im Text wirds nicht besser. Da steht:
Fossile Energie liefert die politische Energie, welche die Autoritäten stärkt. Und ihnen das Geld in die Hand gibt, mit dem sie allerlei √úbles in der Welt stiften können ‚Äì von der Terrorfinanzierung bis zur atomaren Aufrüstung. Nein, Joffe spricht hier leider nicht von den USA.
Zum Schluss schreibt er:
Es war schon immer höchste Zeit, sich von der Abhängigkeit von schwindenden fossilen Brennstoffen zu befreien. Wenn wir jetzt auf den Iran, Russland oder Venezuela unter Chavez blicken, kommt noch ein politisches Horrorszenario dazu: Je mehr Petro-Milliarden wir in deren Kassen spülen, desto gefährlicher die Welt, in der wir leben müssen. Herr Joffe, würden Sie die Petro-Milliarden tatsächlich lieber in den Händen der USA und ihrer vorbildlich «demokratischen» Regierung sehen, statt dass das Geld wie in Venezuela zum Teil auch den Armen zu Gute kommt (Link kostenpflichtig)? Bemerkung am Rande: Wenn der demokratisch gewählten Regierung von Hugo Chavez in Venezuela Gefahr droht, dann in erster Linie von den USA, wie der offene Putsch-Versuch von 2002 gezeigt hat.
Es ist tatsächlich höchste Zeit ‚Äì höchste Zeit für Zeitungsmacher, sich von Leuten wie Josef Joffe zu verabschieden.
Dienstag, 25. April 2006
Die aktuelle «SonntagsZeitung» beginnt ihren «Fokus»-Teil mit einer Geschichte über Michael Winterbottoms neuen Guantanamo-Film. Der Titel des Artikels von Jürgen Krönig lautet:
Europa sitzt im falschen Film
An «The Road to Guantanamo» zeigt sich, wie unkritisch wir Islamisten begegnen
«Wir»? Seit wann sind «wir» Europäer bei komplexen Themen derart einig, dass man uns als «wir» bezeichnen kann? Und seit wann sind «wir» Islamisten gegenüber unkritisch?
Wir (gemeint sind diesmal die Blattkritiker) machen uns in Krönigs Artikel auf die Suche nach Begründungen für die Titel-Provokation ‚Äì ohne Erfolg. Statt zu erklären, was er meint, veranstaltet Krönig ein schlimmes Durcheinander. Er vermischt Kritik an Winterbottoms Film ‚Äì die möglicherweise sogar angebracht ist ‚Äì mit der Frage nach der Berechtigung eines Lagers √† la Guantanamo.
Krönig schreibt:
Winterbottom suggeriert in seinem Film dokumentarische Wahrhaftigkeit, aber es geht ihm nur darum, Amerika an den Pranger zu stellen. Sonst hätte er jene Zeugen aus Tipton bemüht, die sagen, dass die drei jungen Männer bereits vor ihrem Trip nach Pakistan radikal und tief religiös geworden waren sowie einem Hassprediger wie Abdullah al-Faisal gelauscht hatten, der jetzt wegen Aufrufs zum Mord an Juden im Gefängnis sitzt. Abgesehen davon, dass Jürgen Krönig mit keinem Wort erwähnt, was die «Zeugen aus Tipton» glaubwürdiger macht als die drei entlassenen Guantanamo-Häftlinge, stellt sich die Frage: Was will uns der Autor damit sagen? Wohl, dass es im Falle eines Falles, nämlich wenn die mutmasslichen Terroristen tatsächlich Terroristen sein sollten, schon in Ordnung ist, wenn man sie jahrelang ohne Recht auf Anwälte oder einen fairen Prozess festhält.
Erst ganz am Schluss seines Artikels schreibt Krönig fast schon widerwillig:
Gewiss, eine massive Grenzüberschreitung rechtsstaatlicher Prinzipien wie in Guantanamo muss verdammt werden. Um dann gleich anzuhängen:
Doch der Film bedient, Michael Moores Produkten nicht unähnlich, antiamerikanische Gefühle. (‚Ķ) Er hinterlässt einen schalen Geschmack. Einen schalen Geschmack hinterlässt vor allem Ihr Artikel, Herr Krönig. Antiamerikanische Gefühle sind derzeit absolut angebracht, es ist angebracht, die USA an den Pranger zu stellen. Und wenn jemand im falschen Film sitzt, dann sind Sie das, nicht «wir».
Montag, 14. November 2005
Jeder, der sich für Tennis interessiert und beim Durchblättern der SonntagsZeitung bis Seite 38 vorgestossen ist, verschluckt sich am Gipfeli. Da steht nämlich über einem Interview mit Tennisspielerin Patty Schnyder der Titel:
Der Traum vom Grand Slam «Ist Schnyder grössenwahnsinnig geworden?», fragt sich der Leser, nachdem er fertig gehustet hat. Den «Grand Slam» gewinnen bedeutet nämlich, alle vier Grand-Slam-Turniere (Australian Open, French Open, Wimbledon, US Open) in einem Jahr siegreich zu gestalten. Etwas, von dem Schnyder trotz der jüngsten Erfolge weit entfernt ist.
Die gute Nachricht: Patty Schnyder ist nicht grössenwahnsinnig. Die schlechte Nachricht: Tennis-«Experte» Stefan Liwocha, der das Interview geführt hat, weiss offenbar nicht, was «der Grand Slam» ist. Schnyer sagt nämlich im Interview nur:
Mein Ziel ist sicher, bei einem Grand Slam das Finale zu erreichen. Ein Sieg ist ohne Frage der Mega-Traum. Das tönt schon besser. Und da wir uns hier als Schiedsrichter aufspielen, disqualifizieren wir Stefan Liwocha wegen Gefährdung des Lesers am Sonntagmorgen.
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