Freitag, 28. September 2007
«Ein paar mehr Bataillone», betitelt der «Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe ein Interview mit dem amerikanischen General Dan McNeill, Oberkommandeur der Isaf-Truppen in Afghanistan. Im Interview fordert McNeill...
... ein paar mehr Batallione zu schicken, ein paar mehr Helikopter und Ressourcen, um grössere Kampfgebiete abzudecken. Anglizismen in Ehren, aber jeder halbwegs englisch sprechende Mensch sollte wissen, dass «some more» etwas anders ins Deutsche gebracht wird. Nicht nur sprachlich ist das Interview eher ein Ärgernis denn eine Erleuchtung: So darf sich McNeill ausgiebig über die «abstrusen Verlautbarungen» der Taliban zu zivilen Opfern der Kämpfe äussern. Diese seien Extremisten durch und durch. Und:
Sie enthaupten jeden, der nicht ihrer Auffassung ist. Dass ein General zu solch kriegsrethorischen Übertreibungen greift, gehört zu seinem Beruf. Zu demjenigen der befragenden Journalistin würde es gehören, diese auch eher abstruse Verlautbarung zu hinterfragen.
Mittwoch, 6. Juni 2007
Am 25. Juni erscheint der «Spiegel» mit einem einmaligen Schweizer Split, wie «persönlich» berichtet. Die von der «NZZ am Sonntag» vermutete Zusammenarbeit mit «Facts» dürfte sich damit erledigt haben.
«Spiegel»-Sprecherin Ute Miszewski spricht von einer «sorgfältigen Auswertung» dieses Versuchsballons. Ist der Split also nur eine erweiterte Art der Marktforschung? Wohl kaum. Auch der «Spiegel»-Verlag wird festgestellt haben, dass auf dem Schweizer Wochenzeitungsmarkt eine grosse Lücke klafft. Es fehlt nämlich ein mehrheitsfähiges Magazin, das für seine Verleger auch rentiert. Denn vom Ideal einer Zeitung, die eine breite Leserschaft findet und auch Geld abwirft, sind die beiden Schweizer Titel weit entfernt. Die «Weltwoche» motzt und trotzt, hat aber immer noch keine gloriosen Abo-Zugänge gemeldet. «Facts» wurde letztes Jahr renoviert, schreibt aber immer noch keine schwarzen Zahlen.
Eine frische Brise aus dem Norden kann aus Lesersicht nicht schaden. Der Blattkritiker freut sich deshalb auf den Schweizer «Spiegel». Selbst wenn er wirklich nur ein Versuchsballon sein sollte.
Sonntag, 3. Juni 2007
In der «NZZ am Sonntag» schreibt Francesco Benini über das Gerücht der Woche: Tamedia soll mit Springer über «Facts» verhandeln. Und zwar soll «Facts» in eingedampfter Form dem «Spiegel» beigelegt werden, der in der Schweiz rund 20'000 Abonnenten zählt. Wie ein Redaktor des «Spiegels» erklärt, sei an einer internen Veranstaltung vor rund fünf Wochen ein Projekt vorgestellt worden, das «Facts» als Supplement des «Spiegel» vorsehe. Ute Mizewski, Sprecherin des Springer-Verlags, erklärt auf Anfrage: «Es hat Gespräche über 'Facts' zwischen dem Spiegel-Verlag und Tamedia gegeben. Diese werden derzeit aber nicht fortgeführt.» Ein downgesiztes «Facts» als «Spiegel»-Beilage? Der Blattkritiker fühlt sich an den Yps-Gimmick erinnert.
Montag, 27. November 2006
Die Schweizer Qualitätszeitungen haben jetzt endlich wieder weniger Leser. Fast alle Lecks, die freien Zugriff auf verschiedene e-Paper ermöglichten, sind inzwischen abgedichtet (wir berichteten ausführlich). Bei Tamedia und NZZ AG, bei Ringier und Weltwoche können sich die Manager zurücklehnen und die Gewissheit geniessen, jeden Tag Hunderte, vielleicht auch Tausende potenzieller Leser zu verlieren. Niemand - fast niemand - wird unbefugterweise auf die kostbaren Artikel zugreifen, die zu unverschämten Stückpreisen verkauft werden. Und niemand - fast niemand - wird spannende, überraschende oder schlicht gute Artikel einer ellenlangen Empfängerliste zukommen lassen.
Ruhe und Ordnung sind wieder hergestellt. Und so können sich die Schweizer Verleger behaglich in ihren Stühlen räkeln und ihrer Maxime gedenken, die da lautet:
Wer nicht bezahlt, soll auch nicht lesen!
Wer bezahlt, erhält Zugriff auf die langsame, ruckelnde, nur mit 21-Zoll-Bildschirmen zu bedienende e-Paper-Anwendung. Wer nicht bezahlt, muss sich mit wenigen, willkürlich ausgewählten Artikeln begnügen. Die Filetstücke, die Hunderte oder Tausende zusätzlicher Surfer anziehen könnten, werden nur selten freigeschaltet - die Hoffnung, dass sich ihretwegen neue Abonnenten finden, ist aber meist vergeblich.
"Öffnet die Archive! Ein Pamphlet." vollständig lesen
Donnerstag, 27. April 2006
Am 20. Juli 2004 schrieb das Magazin «Aviation Week» in einem Bericht:
Travelers could be talking on their personal cellphones as early as 2006. Earlier this month, American Airlines conducted a trial run on a modified aircraft that permitted cell phone calls.
(...)
Qualcomm and American Airlines are exploring ways for passengers to use commercial cell phones inflight for air-to-ground communication. In a recent 2-hr. proof-of-concept flight, representatives from government and the media used commercial Code Division Multiple Access (CDMA) third-generation cell phones to place and receive calls and text messages from friends on the ground. Qualcomm und American Airlines haben also im Juli 2004 mitgeteilt, das es bald - ab 2006 - möglich sein würde, in Flugzeugen mit Handys zu telefonieren.
Wieso ist diese Meldung wichtig? Sie ist wichtig, weil sie drei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 publiziert wurde. Drei Jahre nachdem behauptet worden war, Passagiere der entführten Flugzeuge hätten vor den Abstürzen via Handy mit ihren Angehörigen gesprochen.
Vieles ist heute klar:
- Im Jahr 2001 konnte aus Flugzeugen nicht mit Handys telefoniert werden ( Link, Link, Link, Link, Link, Link).
- Die Transkripte der einzelnen Handyanrufe widersprechen sich in wichtigen Punkten komplett ( Link, Link).
- Etliche Zeugen am Boden haben ausgesagt, United 93 sei von Kampfjets verfolgt und vermutlich abgeschossen worden ( Link, Link, Link).
- Trümmerteile des abgestürzten Flugzeugs sind laut FBI im Umkreis von 13 Kilometern gefunden worden, was eher auf einen Abschuss als auf ein gezieltes «In-den-Boden-Steuern» schliessen lässt ( Link).
- United hat am Morgen des 11. September verlauten lassen, Flug 93 sei in Cleveland notgelandet ( Link).
Und so weiter und so fort. Allein die Liste der nachweisbaren Fakten, die der offiziellen Darstellung hinsichtlich Flug 93 widersprechen, ist lang. Was all das für den offiziellen Hergang der Ereignisse bedeutet, bleibt Spekulation und ist von der 9/11-Untersuchungskommission nicht beantwortet worden.
Für den Blattkritiker stellt sich die Frage: Was sagt die Mainstreampresse dazu? Antwort: Nichts! Viereinhalb Jahre lang hat sie, vor allem im deutschsprachigen Europa, kaum ein kritisches Wort zu 9/11 über die Lippen oder zu Papier gebracht.
Es hätte uns deshalb überrascht, wenn jetzt, da mit «United 93» der erste Hollywoodfilm zu 9/11 in die Kinos kommt, ausgerechnet die Kulturjournalisten des alten Kontinents den Politschreibern auf den Redaktionen in den Rücken fallen und den Ton wechseln würden.
Sie wissen es nicht besser, wenn sie wie Marc Pitzke im aktuellen «Spiegel» schreiben:
Den Grossteil der Dialoge von Passagieren und Crew, die ihr Schicksal als erste Frontkämpfer des Terrorkriegs nur widerwillig begreifen, liess Greengrass improvisieren. Weshalb sie um so echter wirken. Nur die Abschiedstelefonate sind rekonstruiert, mit Hilfe der Angehörigen, die allesamt kooperierten. Rekonstruiert aufgrund der Abschiedstelefonate, die in der dargestellen Weise unmöglich stattgefunden haben können. Schlimmer als Pitzkes Unwissenheit ist aber der Tonfall, mit dem er das Thema angeht. Im Lead schreibt er:
«United 93», Hollywoods umstrittener Aufarbeitungsversuch der Anschläge vom 11. September 2001, hatte gestern in New York Weltpremiere. Der Film ist eine brillante, fast unerträgliche, aber absolut notwendige Rekonstruktion des Grauens. Notwendig, um die Motivation im Krieg gegen den Terror weiterhin auf dem gewünschten Level zu halten. Und wirkungsvoll, wie Marc Pitzke persönlich beweist. Er schreibt:
«United 93» kocht sie alle wieder hoch, die Emotionen jener Tage. Panik, Wut, Verzweiflung, Trotz. Genau darum geht es. Man merkt Marc Pitzkes Text die Emotionen an, die er beim Betrachten des Films empfunden hat. Und betrübt stellt man fest, dass sich mit «Dokumentationen» wie «United 93» und den dazugehörigen Presseberichten a la «Spiegel» oder auch «10vor10» (das gestern Abend mit einem gefühlsschwangeren Beitrag aufgewartet hat) die offizielle Geschichte rund um den 11. September tiefer und tiefer ins Bewusstsein der Leute einbrennt. Immer wieder geschürte Panik, Wut, Verzweiflung und Trotz werden es wohl noch lange verunmöglichen, einen nüchternen Blick auf Flug «United 93» und die Vorgänge am 11. September 2001 zu werfen.
Sonntag, 18. Dezember 2005
Mit seinen √Ñusserungen zu Folter und Rechtsstaatlichkeit hat sich der Deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble heftige Kritik eingehandelt. «Hoffentlich» denkt ein jeder, dem Menschenrechte ein Anliegen sind.
Ganz anders sieht das mal wieder der «Spiegel». Schliesslich ist das Nachrichtenmagazin im Kampf gegen den Terror stets an vorderster Front aktiv ‚Äì wohlverstanden nicht in der Rolle des kritischen Betrachters, sondern des Sprachrohrs amerikanisch-britischer Propaganda.
Als Mann fürs Grobe tut sich dabei immer wieder Matthias Gebauer hervor. So z.B. bedauerte der «Spiegel»-Journalist in seiner Berichterstattung zum Hamburger Prozess gegen den Marrokaner Abdelghani Mzoudi (der Beihilfe zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 beschuldigt), dass der Rechtsstaat halt ein Rechtsstaat ist und im Zweifelsfall für den Angeklagten entscheidet (Beispiel: «Der Rechtsstaat kapituliert im Terror-Prozess», kostenpflichtig).
Seinen aktuellen «Spiegel»-Artikel ( «Schäuble am Pranger») beschliesst Matthias Gebauer mit den Worten:
Wer heute die Fortsetzung der im Kampf gegen den Terror unverzichtbaren Geheimdienstarbeit fordert, wird von manchen fast in die Ecke von Folter-Fans gestellt. Tragfähige Erkenntnisse über global agierende Terror-Netzwerke lassen sich aber nur global gewinnen, dabei kann man nicht immer die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik anlegen. Eine ernsthafte, ruhige Diskussion zu diesem Thema ist jedoch zurzeit kaum möglich - das bekam Schäuble zu spüren. Es soll also ernsthaft und ruhig darüber diskutiert werden, im Kampf gegen den Terror Recht und Menschenrechte zu vergessen ‚Äì selbstverständlich nur, wenns den Guten im Kampf gegen die Bösen nützt. Da sind wir froh, dass man beim «Spiegel» weiss, wer die Guten und wer die Bösen sind.
Dienstag, 18. Oktober 2005
Spät, aber doch noch: Am Wochenende ist die New York Times im Fall ihrer Starschreiberin Judith Miller endlich mit sich ins Gericht gegangen ‚Äì halbherzig zwar, aber immerhin. Miller, ihres Zeichens Pulitzer-Preisträgerin, ist Teil eines Skandals, der Kreise bis in die US-Regierung zieht und dem Ansehen der Times nicht gerade gut tut.
Mit ihrer Weigerung, der Justiz eine ihrer anonymen Quellen im Weissen Haus preizugeben, war Miller in den letzten Monaten zur Märtyrerin in Sachen Quellenschutz geworden. Mittlerweile ist klar: bei der Quelle handelt es sich um Scooter Libby, den Stabschef von Vizepräsident Dick Cheney. Libby war es, der Judith Miller mit «Informationen» zu Saddam Husseins angeblichen Massenvernichtungswaffen versorgte und Libby war es, der via Millers Texte für die nötige Stimmung im Land pro Irakkrieg sorgte.
In seiner heutigen Online-Ausgabe schreibt der Spiegel dazu:
Seit Sonntag ist klar, dass die Journalistin keine journalistische Märtyrerin ist, sondern Teil eines Skandals, bei dem es nicht nur um die Grenzen des Journalismus geht, sondern um den Bestand der US-Regierung. Miller hat die ehrwürdige «New York Times» in den Strudel eines Politkrimis hineingerissen, wie ihn Washington seit Watergate nicht erlebt hat. «Das ist schlimmer als Jayson Blair», sagt der Journalismusprofessor Jay Rosen, an den Serienfälscher bei der «Times» erinnernd.
Es ist das jüngste Kapitel eines Sensationsfalls, der in den nächsten Tagen sein dramatisches Finale erreichen dürfte. Dabei könnte nicht nur Miller ihren Job verlieren ‚Äì sondern auch, wie Regierungskreise inzwischen einräumen, die beiden wichtigsten Strategen im Wei√üen Haus: Präsident George W. Bushs «Architekt» Karl Rove und Scooter Libby, der Stabschef des Vizepräsidenten. Traurige Pointe einer Geschichte, die dazu beigetragen hat, dass im Irak Tausende ihr Leben verloren haben: Heute abend verleiht die Society of Professional Journalists in Las Vegas den First Amendment Award «für ausserordentliche Bemühungen, die Presse- und Meinungsfreiheit zu wahren» an ‚Ķ Judith Miller.
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