Donnerstag, 16. August 2007
«Drahtloses Internet strahlt stärker als Handys», titelte der «Tages-Anzeiger» am Montag. «Die deutsche Regierung rät ihren Bürgern, sicherheitshalber auf einen drahtlosen Internetzugang zu verzichten», steht im Lead. Und weiter: «Die Schweizer Behörden sehen keinen Grund für eine derartige Empfehlung.» Das ist, was von diesem Artikel in Erinnerung bleibt.
Der Blattkritiker hat mit Interesse weitergelesen. Rät die deutsche Regierung wirklich von Wireless Lan ab? Nur bedingt, wie er bereits im ersten Abschnitt erfährt:
Dass die Funksignale zwischen Computer und Antenne gefährlich sind, wird nach heutigem Wissensstand verneint - von der Weltgesundheitsorganisation, vom Bundesamt für Gesundheit und von der deutschen Regierung. In einer Stellungnahme rate die deutsche Regierung aber dazu, «die persönliche Strahlenexposition durch hochfrequente elektromagnetische Felder so gering wie möglich zu halten, das heisst herkömmliche Kabelverbindungen zu bevorzugen».
Die Schweizer Behörden sehen offenbar keinen Grund für eine solche Empfehlung. Im Kasten neben dem Text sowie im Internet steht: Das WLAN nur einschalten, wenn es gebraucht wird.
Den Laptop während der WLAN-Verbindung nicht am Körper halten.
Den Access Point möglichst einen Meter entfernt von lang besetzten Arbeits-, Aufenthalts- oder Ruheplätzen installieren. Das ist alles. Liebe «Tages-Anzeiger»-Macher, wenn man im Artikel relativiert, was man im Lead schreibt, könnte man auch gleich auf den irreführenden Titel verzichten. Ein Handy oder ein Drahtlostelefon strahlt nämlich – zumindest während des Telefonats – viel stärker als das WLAN-Gerät.
Mittwoch, 15. August 2007
Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Zusammen mit der «Basler Zeitung» und der «BZ» bringt der «Tages-Anzeiger» im Herbst eine vierte Pendlerzeitung heraus. Vom Abend ist nicht die Rede, also wird das noch namenlose Blatt wohl am Morgen erscheinen. Wie «Tages-Anzeiger online» berichtet, soll die neue Zeitung «in den nächsten Monaten» lanciert werden. Redaktionssitz ist Zürich, die Anzeigen sollen dagegen in Bern, Basel und Zürich an Land gezogen werden. Am interessantesten findet der Blattkritiker das Qualitätsversprechen: Die neue Zeitung soll sie sich auf relevante News konzentrieren und im Gegensatz zu den bisher hier zu Lande erscheinenden Gratisblättern längere Texte und weniger Bilder aufweisen. Zudem wird sie sich durch ein klassisches, dezentes Design auszeichnen. Erscheinen wird das neue Produkt ebenfalls im Tabloid-Format. So will das Blatt eine junge, gut gebildete und kaufkräftige Leserschaft ansprechen, die sich für die Aktualität aus ihrer Region interessiert. Zwar hat auch der «.ch»-Initiant Wigdorovits von einer «Schnellesezeitung, die Qualität bietet» gesprochen. Was er damit meint, werden wir ab September sehen. Bei Gratiszeitungen sind unsere Qualitätsansprüche inzwischen recht tief: Wir freuen uns schon, wenn die Zeitung weniger als zwei Fehler pro Seite und keinen Bericht über Paris Hilton enthält. Gibt es neben getarnter Werbung, Handy-Verlosungen, aufgekochten Agenturmeldungen und Tierbildchen auch noch redaktionelle Inhalte, sind wir schon fast zufrieden.
Freitag, 10. August 2007
Die Website des «Tages-Anzeigers» wurde überarbeitet. Aber erscheint sie tatsächlich «in neuem Kleid», wie es in einer Mitteilung heisst? Nein, findet der Blattkritiker. Viele der altmodischen Rüschchen sind ab, ein paar modische Bänder sind dazugekommen. Doch das Kleid wurde bloss umgeändert, und das Korsett der alten Site-Struktur drückt immer noch schwer auf die Lunge. Eine subjektive Übersicht:
"Die Rüschchen sind weg, das Korsett bleibt" vollständig lesen
Montag, 23. Juli 2007
Der reisserische Titel sei uns verziehen. Denn wenn das Sommerloch wieder einmal gähnende Langeweile und grossformatige Badmeisterbilder verbreitet, gibt es nicht viel zu blattkritisieren. Oder doch? In den heutigen Regionalsplits des «Tages-Anzeigers» finden wir die folgenden Kleinodien: Weiter flussaufwärts pumpt ein Mann sein gelbes Gummiboot auf. Bald wird er sich von der Sihl parallel zur Sihltalstrasse Richtung Zürich treiben lassen. Spätestens beim Kleinkraftwerk in der Sihlhüslikurve muss er aussteigen. Für die Fischtreppe ist das Boot zu breit.
(Linkes Seeufer) Denken Sie daran, wenn Sie sich das nächste Mal parallel zur Sihltalstrasse treiben lassen: Das unter ihrem Gummiboot ist die Sihl, nicht die Limmat. Und falls sie schon vor der Sihlhüslikurve aussteigen wollen, sind Sie möglicherweise alt genug für die folgende Enthüllung: Eigentlich muss man in Zürich mindestens 18 Jahre alt sein, um in einen Klub eingelassen zu werden. Allerdings gibt es ein Lokal, das samstags Besuchern ab bereits 16 Jahren offen steht: das X-tra. Es liegt beim Limmatplatz, ist sehr beliebt und riesengross. An Wochenenden tummeln sich dort oft um die 2000 jugendliche Klubbesucher, die von überall her kommen. Das X-tra ist kein edles Lokal, deshalb muss man sich auch nicht schick anziehen. (...) Auch Mihara und Rubina, beide 16, aus Volketswil sind auf dem Weg ins X-tra. (...) Alkohol müsse nicht unbedingt sein und Drogen seien total scheisse, finden sie. Trotzdem lassen auch sie rund 50 Franken im Klub liegen, das Geld haben ihnen die Eltern gegeben oder stammt vom Lohn fürs Babysitten. (...) In einen Klub zu gehen, mache einfach Spass.
(City) Vorbildliche Jugend: Alkohol nicht unbedingt nötig und Drogen total scheisse finden, aber trotzdem für Eintritt und Himbeersirup 50 Franken im Club liegen lassen. Vielleicht reicht das Geld von Eltern und/oder Babysitten am nächsten Tag nicht mehr für den Badi-Eintritt. Dann gibts aber immer noch «Ein Platz nicht an der Sonne» (Ein Titel nicht mit Sprachgefühl): Um es kurz zu machen: Mein Lieblingsort, soweit ich den nach erst zwei Wochen in Zürich festlegen darf, ist an der Limmat, genauer gesagt auf der rechten Seite des LimmatClubs. Die Ruhe dort hat mich festgehalten. Zwar muss man sich kurz sportlich über ein abgeschlossenes Gatter schwingen, um an diese Oase der absoluten Glückseligkeit zu gelangen, aber es braucht auch nicht viel mehr als die Limmat zum Baden der Füsse und vielleicht ein gutes Buch. Wer zusätzlich etwas essen möchte, dem kann ich nur das Lokal, was an den Club angrenzt, empfehlen.
(City) Wer sich nicht von der Ruhe dort festhalten lassen will, sollte evtl. auf die Oase der absoluten Glückseligkeit verzichten und statt dem City-Split irgendein Buch, was er in der Bibliothek findet, zur Hand nehmen. Oder für die Sommerferien 2008 einen Zustellunterbruch beantragen.
Donnerstag, 19. Juli 2007
Sommerloch? Nicht bei der «WOZ». «Was gibt es Neues, Grossmutter Kall?» fragt Rachel Vogt in der heutigen Ausgabe. Und meint:
1. «Tagi kompakt» wurde beerdigt.
2. Die «Basler Zeitung» steht zuoberst auf Kalls Einkaufsliste.
3. Die Tamedia will den Schritt ins Ausland machen.
Wie wahrscheinlich sind diese Prognosen? Der Blattkritiker hat ein wenig spekuliert und lädt zu Kommentaren ein.
"Tamedia: Kaufen, beerdigen, verreisen" vollständig lesen
Dienstag, 26. Juni 2007
In der Schweizer Medienlandschaft wird zurzeit schneller liquidiert, fusioniert und neu lanciert, als Beobachter denken und tippen können. «Cash» weg, «Facts» weg, die Espace Media Groupe ein Anhängsel der Tamedia, am Horizont warten «.ch» und andere Gratisblätter – und nun noch dies: Die Freie Presse Holding AG der NZZ verkauft, offenbar aus eigenem Bestreben, ihren Anteil am «Bund». Damit liegt das Geschick des Berner Traditionsblatts fortan ganz in den Händen der Espace Media Groupe bzw. der Tamedia. Lapidare Begründung der «NZZ»: Sie will der Tamedia «die Integration des Berner Modells in ihre Gesamtstrategie ermöglichen».
Was hat der «Bund» in der Gesamtstrategie der Tamedia verloren? Wenig! Das sieht offenbar auch die Tamedia so. Auf der Website des «Tages-Anzeigers» lesen wir jedenfalls, dass Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer den Schritt der «NZZ» bedauert. Er schaffe zusätzliche Verunsicherung.
Alles deutet darauf hin, dass die Tamedia eine nationale Mantelredaktion aufbauen will, die den «Tages-Anzeiger», die «Berner Zeitung» und allenfalls die «Basler Zeitung» beliefern soll. Die Lebensversicherung für den «Bund» – die Option, dass auch die NZZ-Gruppe an der Idee einer nationalen Mantelredaktion werkelt, die ihre Lokalblätter in St. Gallen, Luzern, Bern sowie die mit ihr verbandelten Lokalblätter im Grossraum Zürich beliefern könnte – ist nun vom Tisch. Und damit wohl bald auch der «Bund». Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Tamedia neben einem nationalen Mantel eine Vollredaktion für die paar wenigen «Bund»-Leser leisten wird.
Oder denkt die Tamedia vielleicht darüber nach, «Bund» und «BZ» denselben Mantel zu verpassen und in Bern zwei unabhängige Lokalredaktionen zu betreiben? Nun: Das wäre aus publizistischer Sicht besser als gar nichts; aber ökonomisch dürfte sich das kaum rechnen. Zwei Titel in ein und dem selben Markt zu alimentieren, lohnt sich nur, wenn dadurch unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen erreicht werden können. Das setzt wohl eine Differenzierung der beiden Titel voraus, die über den Lokalteil hinausgeht.
Die Espace Media Groupe hat heute zwar mitgeteilt, das so genannte «Berner Modell» werde auch künftig «unter den gleichen wirtschaftlichen und publizistischen Kriterien» weitergeführt. Was das konkret heisst, hat Espace Media Groupe-Sprecher Christopher Wehrli laut Tages-Anzeiger gleich klargemacht: Der «Bund» muss rentieren, wenn er überleben will.
Wir gewöhnen uns deshalb schon mal an den Gedanken, dass es eher früher als später heissen wird: (B)und tschüss!
Mittwoch, 20. Juni 2007
Heute erfreut uns nicht die «NZZ» mit ihren Headlines, sondern der «Tages-Anzeiger»-Split für das linke Seeufer. Wir beginnen unsere Tour mit der Gemeindepolitik: Der Gemeinderat von Schönenberg prüft Massnahmen gegen jugendliche Abfallsünder Das besitzt wahre «NZZ»-Qualität: Auch wer nur die Überschriften liest, ist vollständig informiert. Doch es geht auch poetischer: Alt und matt und mit Fehlern sind die Scheiben, die Fritz Maurer sammelt Ungewohnt und frisch und mit Grammatik ist diese Headline über Fritz Maurer, den Sammler mundgeblasener Scheiben, synästhetisch dagegen die Kulturkritik aus Richterswil: Theater in der alten Seidenzwirnerei, wo es nach Maschinen riecht Und Freude in der Abschlussredaktion, wo es nach Computern riecht und Titel wie dieser entstehen: Immer mehr junge Erwachsene werden vom Sozialen Netz Horgen aufgefangen Immer mehr Schlagzeilen erreichen Überlänge. Trotzdem gilt das Wort eines hoffnungsvollen Jungunternehmers aus dem Bezirk Horgen, der bei «Start up» mitgemacht und es mit seinem Credo in die Schlagzeile geschafft hat: «Man darf niemals aufgeben, niemals!»
Samstag, 2. Juni 2007
Charles von Graffenried hat seine Espace Media Groupe an Tamedia verkauft. Klar, dass Heinz Däpp dazu nicht schweigen kann! Viel Vergnügen mit seinem Schnappschuss zum Tamedia-Espace-Deal.
Freitag, 25. Mai 2007
Charles von Graffenried, dessen Credo es lange Zeit war, die Zürcher Verlagshäuser vom Platz Bern fernzuhalten, holt sich mit der Tamedia den ehemaligen «Feind» ins Haus. Don Quijchote hat also aufgegeben – über das Weshalb kann nur spekuliert werden.
Wie bei Übernahmen üblich, ist die Rede von der Lancierung neuer Produkte, von der Nutzung von Synergien, vom gemeinsamen Antreten in härter werdenden Zeiten. Ob die Espace Media Groupe längerfristig allein tatsächlich nicht überleben könnte, wie von Graffenried behauptet, ist schwer zu beurteilen. Sicher ist: Es gibt keinen aktuellen Anlass, jetzt an Tamedia zu verkaufen. Die Espace Media Groupe ist eines der profitabelsten Medienunternehmen der Schweiz. Die Wirtschaft boomt, so dass laut Espace sogar der «Bund» auf dem Weg der Besserung ist.
Was die Tamedia-Übernahme für den Platz Bern und das Berner Modell bedeutet, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist die Aussicht des «Bund», als Komplettzeitung weiter zu bestehen, nicht besser geworden. Zwar soll der «Bund» dem Vernehmen nach dieses Jahr erstmals seit langem schwarze Zahlen schreiben. Es ist jedoch zu befürchten, dass die nächste kleine Konjunktur-Baisse dem Blatt in seiner heutigen Form den Rest gibt. Denn sowohl strategisch wie ökonomisch ist der «Bund» uninteressant. Das war schon für die Espace Media Groupe so und gilt umso mehr für Tamedia. Das bisherige Überleben des «Bund» ist deshalb wohl einzig dem persönlichen Engagement von Charles von Graffenried zu verdanken.
Vielleicht werden, wenigstens in nächster Zeit, die immer vertrackteren Besitzverhältnisse den «Bund» retten: Die Espace kontrolliert «nur» 40 Prozent und nimmt die verlegerische Verantwortung war, 20 Prozent gehören der Publigroupe, die restlichen 40 Prozent und die publizistische Aufsicht liegen bei der NZZ-Gruppe. Mit anderen Worten: Die Espace Media Groupe wird sich auch mit der Tamedia im Rücken nicht einfach über NZZ-Gruppe/Publigroupe hinwegsetzen können (so hoffen wir wenigstens). Verlegerische Überlegungen gehen allerdings oft über publizistische: Das zeigt das Beispiel der zusammengelegten Sportressorts von «Bund» und «BZ».
Wie geht es auf dem Platz Bern weiter? Wir sehen vier langfristige Optionen:
1. Gäng wie gäng. Dies muss als am wenigsten realistisch betrachtet werden, weil Tamedia und Espace dazu nicht hätten fusionieren müssen.
2. Berner Kopfblätter: Die «BZ» wird zum Kopfblatt des «Tages-Anzeigers», der «Bund» wird in einen Mantel der «NZZ»-Regionalmedien (St.Gallen, Luzern, Bern) eingebunden. Letzteres steht schon seit Jahren zur Diskussionen und, man kann es nicht anders sagen, ist von der NZZ-Gruppe schlicht «verlaueret» worden. Denn damit hätte die Integration des «Bund» in die Espace Media Groupe verhindert und die publizistische Vielfalt auf dem Platz Bern längerfristig gesichert werden können.
3. Tamedia-Dreieck: Tamedia wartet solange zu, bis sie auch die Basler Zeitung Medien übernommen hat und produziert im Dreieck Zürich-Basel-Bern einen nationalen Mantel. Was das für den «Bund» bedeuten würde, ist unklar.
4. Worstcase: Der «Bund» wird eingestellt, einige Redaktoren «wechseln» in die «BZ» (analog Sportressort).
Was passiert, wenn der «Bund» tatsächlich stirbt? Gerüchte besagen, dass in diesem Fall in Bern eine unabhängige Online-Zeitung entstehen soll, die die lokale publizistische Vielfalt erhalten würde. Wie realistisch ist ein solches Projekt? Wir wissen es nicht. Billig wäre es auf keinen Fall. Die Milchbüechlirechnung: 3 Redaktoren und 1 Inserateakquisiteur verursachen allein schon rund 300'000 Franken Lohnkosten pro Jahr. Mit den Aufwendungen für Werbung, Büros, Transportmittel, Kommunikation, Computer usw. beläuft sich das Budget schnell einmal auf eine halbe Million Franken.
Eine lokale Online-Zeitung als Alternative zur «BZ»? Teuer, aber nicht unmöglich. Deshalb: Freiwillige vor!
Montag, 14. Mai 2007
Heute haben uns verschiedene Tipps erreicht. Eine Rundschau:
Der «Tages-Anzeiger» beteiligt sich an der Abschaffung der starken Verben und titelt heute:
«Zürcher Verwaltung schaffte 3000 Stellen».
(Merci, A.V.)
Der Kulturminister hat in einem «NZZ»-Artikel ein Wikipedia-Zitat entdeckt. «Wenn es stimmt, dass heute ganze Zeitungsredaktionen ihr Hintergrundwissen von Wikipedia beziehen, dann ist das tatsächlich problematisch.» hiess es unlängst in der «NZZ». Aber es ist ja nur ein Satz.
(Merci, Sheila)
Radiomoderator Gerry Reinhardt (Radio Zürisee) berichtet von der wundersamen Veränderung eines DJ-Bobo-Zitats im «Blick».
(Merci, Anonymer)
Der «Tages-Anzeiger» schwimmt gegen den Strom und verlinkt das Logo seiner E-Paper-Anwendung mit www.tages.ch, der Website der «Tabak Geniesser Schweiz».
Hier ausprobieren.
(Merci, K. M.)
Update (15.5.07, 19:15): Die Wikipedia-Meldung entpuppt sich als Ente, die wir unserer Leserschaft ohne Kontroll-Autopsie serviert haben. Wir entschuldigen uns bei der «NZZ» für die kolportierte Unterstellung.
Freitag, 4. Mai 2007
Die gestrige «Bellevue»-Seite des «Tages-Anzeigers» verspricht einen Beitrag zur «schnellen Liebe». Keine Panik, Christian Brüngger war bloss an einem Speedflirting-Abend. Das sind diese Bagger-Marathone, bei welchen Singles sieben Mal sieben Minuten mit anderen Singles sprechen. Eigentlich kennt man sich bei der Tamedia damit aus, denn der Speedflirting-Geschäftsführer schreibt regelmässig eine Kolumne im «Tagblatt der Stadt Zürich». Aber etwas Mediendivergenz kann nicht schaden. So wagt sich der Journalist für den «Tages-Anzeiger» in die Hölle der äusseren Werte und bemerkt: Ein Brad Pitt bin ich nicht gerade. Aber ich kann 5 und 5 locker zusammenzählen und bin seit kurzem wieder single Reicht das, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen? Den Dicklichen vor mir sollte ich eigentlich im Griff haben. Auch der Strebertyp mit schütterem Haaransatz kämpft hoffentlich in einer anderen Liga. Der Beau direkt hinter mir bereitet mir da schon mehr Sorgen, aber erfreulicherweise gehört er der zweiten Alterskategorie an. Ich bin bei den Teilnehmern um 30 eingeteilt, er bei denjenigen um 40. Und 5 und 5 kann er sicher nur mit grösster Mühe zusammenzählen, der Beau. Eigentlich müsste sich Brüngger um die Frauen kümmern, nicht um die Männer. Doch hoppla, schon beim Anblick meiner ersten Gesprächspartnerin wird mir bewusst: Manchmal reichen bereits Nanosekunden, damit alles klar ist. Denn sie ist, dezent formuliert, nicht gerade mein Typ. Und ihr Gekichere – «ich bin halt ein wenig nervös», sagt sie zur Begrüssung – bringt mich erst mal aus der Flirt-Stimmung. Doch hoppla, das kann passieren. Es handelt sich, dezent formuliert, um ein alltägliches Erlebnis. Zum Flirten brauchts immer zwei. Wie gut das funktioniert, wenn im Hintergrund die Stoppuhr läuft, erfährt der Leser nicht. Ist der Journalist nervös? Routiniert? Wie sehen die Frauen aus? Besser als die Männer? (Dickliche ... Streber ... nicht gerade Brad Pitt) Wie ist die Stimmung? Schleichen nach der letzten Runde alle aus der Beiz, oder wagt jemand noch ein Lächeln? Anscheinend sind das die falschen Fragen. Der Journalist ist nicht ausgezogen, um zu berichten, sondern um Sprüche zu klopfen: Über Nummer 4 und 5 legen wir den Mantel des Schweigens. Dafür gefallen ihm Nummer 2 (Bankerin, 30, «freundlich und interessiert») und Nummer 6 (Sekretärin, 28, «mit Sinn für Humor und Ironie»). Die letzten zwei Damen (oder Nummern?) fallen bereits wieder ab («Die zwei letzten Begegnungen nehme ich routiniert, aber nach einem kurzen Abchecken ambitionslos in Angriff»). Acht minus fünf plus eine gleich ... Fazit: Bloss zwei der acht Frauen würde ich wieder sehen wollen. Von diesen findet mich eine ebenfalls sympathisch und lässt mir ihre Adresse zukommen. Eine eher magere Ausbeute, finde ich. Fazit: Ein gelangweilter Journalist hat einen langweiligen Artikel über ein spannendes Thema geschrieben. Eine eher magere Ausbeute, finden wir.
Montag, 30. April 2007
In der Regionalausgabe des «Tages-Anzeigers» für das Zürcher Oberland lesen wir heute die Bildlegende:
Genug lang an die Füsse gefroren und Eis von der Autoscheibe gekratzt; der Sommer da. Für die Wintersatten und Sonnenhungrigen öffneten die Badis in Effretikon, Grafstal und Pfäffikon (im Bild) am Samstag ihre Tore. Wenn auch die 18 Grad im See noch nicht zu einem Schwumm einluden, der geheizte Swimmingpool lockte Schwimmflügeli wie Bikiniträger an. Und wie sagt man so schön; Sommer gut, alles gut. Erstaunlich, wie viel Nonsens man in vier Sätze einbauen kann:
«… an die Füsse gefroren» = schlechtes Deutsch. Man friert «an den Füssen» oder «hat kalte Füsse». Zudem fragen wir uns, wo der Autor den «Winter» verbracht hat? Oder hätten wir an dieser Stelle schmunzeln sollen?
«… der Sommer da» = wie wärs mit Korrekturlesen?
«zu einem Schwumm einladen» = Dialekt. Wir empfehlen: Ins Korrektorat anläuten und nachfragen, wenn man in Sachen Grammatik ins Schwümmen kommt.
«die 18 grad … einluden, der geheizte Swimmingpool lockte an» = Abstrakta als Subjekt. Ist zwar gebräuchlich (die Dürre droht; die Teuerung frisst die Renten weg; das Chaos herrscht), aber trotzdem falsch.
«… lockte Schwimmflügeli wie Bikiniträger an» = Hä? Erstens: Gemeint sind wohl BikiniträgerINNEN und nicht Männer in Damenkleidung oder jene Teile, die das Oberteil oben halten. Zweitens: Wo bleiben die Männer? Haben in Pfäffikon nur männliche Nichtschwimmer Zutritt?
«… lockte Schwimmflügeli wie Bikiniträger an» = ungleiche Ebenen. Richtig wäre: «… lockte Schwimmflügeli wie Bikinis an» oder «lockte Schwimmflügeliträger wie Bikiniträger an».
«Schwimmflügeli» = Dialekt. Wir empfehlen: siehe oben.
«… Sommer gut, alles gut» = tolles Sprichwort, das wir leider noch nie gehört haben. Aber wahrscheinlich hätten wir auch hier einfach nur schmunzeln sollen!
Zugegeben: Legenden kritisieren ist vielleicht ein bisschen kleinlich und manchmal banal. Aber: Mindestens sechs Fehler in acht Zeilen sind selbst für heutige Massstäbe vier zuviel ‚Äì und ein schönes Beispiel dafür, dass auch bei einer Qualitätszeitung wie dem «Tages-Anzeiger» zu viel Müll ungeprüft im Blatt landet.
Dienstag, 17. April 2007
Früher mochte der Blattkritiker den «Tages-Anzeiger» auch wegen seiner Textqualität. Doch seit das Seichte immer höher schwappt, ist die Lektüre zäh geworden. Simone Meier, zum Beispiel, verfasste früher täglich erstklassige Texte. Heute ist sie Kulturredaktorin und schreibt Randnotizen, die selten erhellend und noch seltener humorvoll sind. Ein Beispiel: Diesen Frühling wollte sie Eva «Back to Backofen» Herman die freie Rede verbieten. Worauf der gründlich empörte Thomas Widmer, Wanderkolumnist bei der «Weltwoche», Simone Meier das Schreiben verbieten wollte. Worauf dann eine hitzige Diskussion über die Meinungsfreiheit im Allgemeinen und ... sind Sie noch wach, liebe Leserinnen und Leser?
Doch was tut Simone Meier in der heutigen Ausgabe des «Tages-Anzeigers»? Sie drischt wieder auf Eva Herman ein, nennt sie eine «Transe im Geiste», die ihren «doppelt männlichen Nachnamen kastriert» habe, was auch heisse, dass man «dieses spinnerte schreibende Frauenzimmer», diese «Tante», «gar nicht ernst nehmen» müsse. Mit dieser Suada wird Frau Meier zweifellos ein paar Minuten Aufmerksamkeit ernten. Vielleicht zerbricht sich Thomas Widmer gerade den Kopf über seine nächste Kolumne und nimmt Frau Meiers Ball dankbar auf. Worauf sich dann wieder alle empören können: Frau Meier über Frau Herman, Herr Widmer über Frau Meier, die «Weltwoche»-Verächter über Herrn Widmer, die Neocons über die «Weltwoche»-Verächter und so weiter.
Ist das spannend? Nicht die Bohne. Deshalb wünscht sich der Blattkritiker, dass der «Tages-Anzeiger» erstens das Korrektorat wieder einführt und zweitens Frau Meier die Gelegenheit zur langen Form gibt. Er ist überzeugt, dass sie mehr und Besseres zu sagen hat als diesen postfeministischen Empörungs-Aufguss.
Mittwoch, 11. April 2007
Nicht nur die Blattkritiker haben im Moment zu wenig Zeit, sondern auch die Kioskaushang-Texter der Tamedia. Wie sonst ist es zu erklären, dass die vier wichtigsten Schlagzeilen des «Tages-Anzeigers» heute so wild durcheinanderpurzelten? Arbeitsmarkt kommt in Schwung
Second Life - einmal drin und nie wieder heisst es auf der linken Seite, Stadt schliesst WC-Haus am Zweierplatz
Neues Restaurant im ehemaligen Franziskaner auf der rechten. Sapperlot! Vom real anziehenden Arbeitsmarkt zur virtuellen Welt («Second was?») und vom WC-Haus ins neue Restaurant - so geht es nicht. Sondern so:
Arbeitsmarkt kommt in Schwung
Neues Restaurant im ehemaligen Franziskaner um den Zusammenhang zwischen Makro- und Mikroökonomie endlich klar zu machen. Und daneben: Einmal drin - dann nie wieder
Stadt schliesst WC-Haus am Zweierplatz was gut zur kompromisslosen Qualitätspolitik der «Züri WC - sauber und zum Glück nicht weit» passen würde.
Aber das sind Details.
Sonntag, 1. April 2007
Frank A. Meyer schreibt im heutigen «Sonntagsblick» über die Schweizer Unterstützung für den Ilisu-Staudamm. Und zitiert zur Unterstützung seiner Thesen auch die Konkurrenz: In der Zürcher Regionalzeitung «Tages-Anzeiger» schreibt ein Leser: «Man stelle sich vor: Im Kanton Wallis wird ein Staudamm gebaut - ohne das Einverständnis der dortigen Behörden und der Bevölkerung. Um bauen zu können, würde Bern 5000 Soldaten ins Wallis schicken.» Man stelle sich vor: Ringiers Chefpublizist verwechselt den «Tages-Anzeiger» mit einer Zürcher Regionalzeitung, zum Beispiel mit dem berüchtigten «Anzeiger für den Bezirk Affoltern». Das dürfte eine kleine Fehlleistung zum 1. April gewesen sein. Wir lachen trotzdem herzlich mit.
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