Samstag, 14. Oktober 2006
Der britische Generalstabschef Richard Dannatt fordert den Abzug der Truppen aus dem Irak, wo diese weder willkommen noch nützlich seien. Unter dem Titel «Die Angst vor der Wahrheit» lesen wir dazu im gestrigen «Bund» einen Kommentar von Auslandchef Lorenz Kummer. Er beginnt mit:
Wer will, weiss es schon lange: Die von den USA geführten Koalitionstruppen sind drauf und dran, den Krieg in Irak zu verlieren und die zu Beginn der Invasion gesteckten Ziele zu verfehlen. Damals sprach man von der Stabilisierung und Befriedung des Landes, gefolgt vom Aufbau demokratischer Strukturen. Das neue, freie Irak sollte danach ausstrahlen auf die ganze, mehrheitlich von Despoten beherrschte Region des Mittleren Osten und dieser als Vorbild auf dem Weg zu mehr Demokratie dienen. Tatsächlich ‚Äì wer will, weiss es schon lange: Im Irak ist es nie um Demokratie und den Kampf gegen den Terrorismus gegangen, sondern ums √ñl und um Geostrategie. SF DRS hat kürzlich in einem Dokumentarfilm gezeigt, wie skrupellos die Herren Cheney, Bush und Rumsfeld die Fakten zurechtbogen, das eigene Volk und die UNO belogen, um im Irak einmarschieren zu können. Es braucht schon eine gehörige Portion Naivität, um zu glauben, all das sei nur passiert, weil Cheney, Bush und Rumsfeld dem Nahen Osten die Demokratie bringen wollten.
Lorenz Kummer bringt die nötige Naivität offenbar mit. Er schreibt:
Stur klammern sie sich [Bush und Blair] an ihren Dogmen fest, fabulieren von positiven Entwicklungen und wollen nicht wahrhaben, dass ihr Projekt, Irak zu demokratisieren, gescheitert ist.
Spätestens an dieser Stelle können wir nur noch den Kopf schütteln. Ausser Bush und Blair entziehen sich offensichtlich auch Journalisten wie Lorenz Kummer der Wahrheit. Journalisten wie Kummer halten die Mär vom Kampf gegen den Terror und von hehren Demokratiezielen hinter egoistischen Angriffskriegen aufrecht. Journalisten wie Kummer sind dafür verantwortlich, dass viele Leute immer noch nicht richtig darüber informiert sind, um was es im Irak tatsächlich geht. Journalisten wie Kummer sind somit in den USA und England dafür mitverantwortlich, dass nicht genug Widerstand gegen die Regierungen entsteht.
Lorenz Kummer beschliesst seinen Kommentar mit:
Der US-Journalist Bob Woodward hat die Lage in seinem jüngsten Buch gut auf den Punkt gebracht: Das Weisse Haus habe den Bezug zur Realität verloren ‚Äì eine äusserst düstere Perspektive für Iraks Bevölkerung, welche die Konsequenzen dieses Geisteszustands auszubaden hat. Um den Bezug zur Realität wieder zu finden, würde es im Fall von Lorenz Kummer vielleicht helfen, wenn er in der gestrigen «Bund»-Ausgabe einfach eine Seite nach vorne blättert. Dort findet sich ein starkes Interview von Theodora Peter mit Adolfo P√©rez Esquivel, dem argentinischen Friedensnobelpreisträger von 1980. Darin lesen wir:
Es gibt eine Entwicklung, die mir sehr zu denken gibt: Vor wenigen Wochen war ich in den USA unterwegs, wo ich wunderbare Leute traf. Doch den Menschen dort wird derart viel Angst vor dem Terrorismus eingeflösst, dass sie ihre Freiheit zu verlieren drohen und sich vor lauter Schrecken selbst blockieren. Angst paralysiert und versklavt. Auch das ist eine Form von Gewalt. Ich möchte meinen Enkeln nicht eine Welt voller verängstigter und versklavter Menschen hinterlassen. Genau darum gehts, um die Verbreitung von Angst und Schrecken. Mit anderen Worten: Wenn es im Irak und anderswo drunter und drüber geht, wenn der internationale Terrorismus stärker und stärker wird, ist das im Interesse der Herren Bush und Blair. Nur so können sie ihren absurden Krieg gegen den Terror weiterhin rechtfertigen, nur so können sie in den USA Gesetze wie zum Beispiel den «Military Commission Act» durchsetzen, der einen klaren Bruch mit der Verfassung bringt ( Link, Link).
Warum haben Sie Angst vor der Wahrheit, Herr Kummer?
Donnerstag, 14. September 2006
Fünf Jahre und zwei Kriege nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 liegen immer noch keine gerichtstauglichen Beweise für die Schuld Osama bin Ladens und der 19 Attentäter vor. Daran hat auch der vor etwas mehr als zwei Jahren veröffentlichte Bericht der 9/11-Untersuchungskommission nichts geändert: Viele der offenen Fragen wurden nicht beantwortet, viele der im Bericht aufgestellten Behauptungen sind inzwischen widerlegt (siehe David Ray Griffins Buch «Ommissions and Distortions»). Zuletzt hat der Prozess gegen Zacarias Moussaoui gezeigt, auf wie wackligen Füssen die Version der US-Regierung steht. Hätte Moussaoui nicht ein zweifelhaftes Geständnis abgelegt (das er inzwischen widerrufen hat), wäre er nicht verurteilt worden. Zudem haben Zeugen während des Prozesses wiederholt Aussagen zu Protokoll gegeben, die ein mehr als schiefes Licht auf die offizielle Version der Ereignisse werfen.
Logisch, dass die Kritik an der offiziellen 9/11-Darstellung in den USA immer lauter wird und Gehör findet. 36 Prozent der Amerikaner und sogar 49 Prozent der New Yorker glauben heute, dass die Bush-Administration bei den Anschlägen irgendwie die Finger im Spiel hatte. Zahlen, die noch vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte.
Zahlen, die auch den Medienschaffenden hierzulande zu denken geben müssten. Betonung auf «müssten». Denn obschon der fünfte Jahrestag der Anschläge der ideale Moment gewesen wäre, um Bilanz zu ziehen und den Lesern Fakten oder zumindest Analysen zu präsentieren, lesen oder hören wir ausser im «Tagesanzeiger», im «Blick» und in der Kulturbeilage der «Basler Zeitung» in der gesamten Schweizer Medienlandschaft nichts, was dem vor allem in den USA laufenden Diskurs auch nur annähernd gerecht werden würde.
"9/11: viele Vorurteile, wenig Substanz" vollständig lesen
Montag, 4. September 2006
«Facts» hat zum kommenden 5. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 eine Sondernummer vorgelegt. Ein Heft, in dem wir viel Interessantes finden (z.B. «Das Böse gehört zur Freiheit»), ein Heft, in dem wir viel Pathetisches und Kitschiges lesen (z.B. «Es wird nie vorbei sein» oder «Wunden und Wunder»), ein Heft, in dem uns unglaublich Naives und Dummes zugemutet wird ‚Äì z.B. in der «Carte Blanche» von Wolfgang Sofsky:
Auch Terrorkriege sind nur zu gewinnen, wenn der Feind zur Aufgabe gezwungen oder kampfunfähig gemacht wird, sei es durch Demoralisierung, Inhaftierung, Tod, Verhandlung oder die Zermürbung des Umfelds. Gefangen zwischen Verleugnung, Verzagtheit und moralischer Selbstgerechtigkeit ziehen sich viele Europäer jedoch bei Gefahr in sich selbst zurück. Da sie das Risiko und den Verlust ihrer Illusionen nicht ertragen, haben sie nicht einmal ein Bewusstsein, dass es die Freiheit zu verteidigen gilt. Damit hat der Terror sein erstes Zeil bereits erreicht. «Facts» präsentiert uns aber vor allem ein Heft, in dem wir in Zeiten, in denen die offizielle Darstellung der Ereignisse in den USA umstrittener ist denn je, kein kritisches Wort finden.
Kein kritisches Wort? Halt, ein kleiner Einspalter auf Seite 33 wehrt sich tapfer gegen die Mainstream-Zementierung der Ereignisse. «Facts» rüttelt mit einem klitzekleinen Interview an den Grundfesten der 9/11-Geschichte. ETH-Friedensforscher Daniele Ganser darf drei Antworten geben. Drei Antworten, die zur Erklärung und Analyse eigentlich eines ganzen Hefts bedürften.
Unter dem Titel «Was wirklich war, ist bis heute unklar» sagt Ganser u.a.:
Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens: Die USA wussten vom Angriff und haben ihn nicht verhindert. Zweitens: Die USA haben die Anschläge selber inszeniert. Und drittens die offizielle Version: bin Laden hat angegriffen, die USA wussten nichts. Letzteres ist auch eine Verschwörungstheorie.
Eine Aussage, die vieles, was wir offiziell zu 9/11 wissen, in Frage stellt. Doch «Facts» lässt es dabei bewenden, «Facts» fragt nicht nach, «Facts» erklärt nicht, «Facts» lässt den Leser einfach allein.
Wieso so feige, liebes «Facts»? Wieso kommen Leute wie Alain Sutter auf mehr als zwei Seiten zu Wort, während man Daniele Ganser, der in der Schweiz wohl am meisten zur Verstrickung von Militär, Wirtschaft, Politik und Terror und damit auch zu 9/11 zu sagen hat, ganze 27 Zeilen gönnt?
Dienstag, 11. Juli 2006
Wer die aktuelle «Weltwoche» durchblättert, stolpert schon wieder über einen Text von Hanspeter Born. Der Mann fürs Grobe schreibt unter dem Titel «1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9/11» (Link kostenpflichtig) den Lead:
Die Zerstörung des World Trade Centers war keine Antwort auf die amerikanische Aussenpolitik, sondern Resultat einer Besessenheit. √úber Jahre bombten sich marodierende Islam-Terroristen an das Ziel heran: der Welt etwas ganz Grosses zu zeigen. Der Weg zur Tragödie. Als allererstes stellt sich uns die Frage, wieso Born gerade jetzt mit einer Geschichte kommt, für die es keinen aktuellen Anlass gibt. Eine Antwort finden wir nicht.
Born liefert uns über fünf Seiten die Vorgeschichte zu 9/11, zusammengestellt aus alten amerikanischen Terror-Untersuchungsberichten und alten Verhörprotokollen. Untersuchungsberichte und Protokolle, die notabene grösstenteils auf geheim geführten Befragungen mit angeblich inhaftierten Terroristen beruhen. Da nie Prozesse stattgefunden haben und selbst das Rote Kreuz keinen Zugang zu den Inhaftierten hat, ist genau genommen nicht einmal klar, ob die USA überhaupt im «Besitz» der betreffenden Leute sind. Somit ist auch nicht klar, ob die betreffenden Leute gesagt haben, was die CIA wiedergibt und was US-«Untersuchungskommissionen» in ihre «Berichte» verpacken.
Das einzige, was die Aussagen Khaled Scheich Mohammeds (siehe auch Eintrag vom 7. Juli 2006) und anderer Phantome in angeblichem US-Gewahrsam «wertvoll» macht, ist das Mitspielen der Medien, die jeden Gax, den die Terroristen via CIA verlauten lassen, fraglos abdrucken. Was Leute wie Hanspeter Born und die Weltwoche (und viele andere mehr) machen, ist Hofjournalismus der übelsten Sorte. Statt die USA für ihr rechtswidriges Verhalten zu kritisieren, wird heruntergebetet ‚Äì obschon keine Möglichkeit besteht, die Inhaftierten zu besuchen, keine Möglichkeit besteht, die Geschichten zu überprüfen, keine Möglichkeit besteht, festzustellen, ob Folter im Spiel war.
Die Information, mit der Born seinen Text als heisse Luft entlarvt, finden wir in einer Fussnote am Ende des Texts. Da steht:
Hauptquelle sind Aussagen von Khaled Scheich Mohammed, die von der CIA zuhanden des Gerichts im Fall Moussaoui zusammengefasst wurden: www.rcfp.org/moussaoui/pdf/dx-0941.pdf
Weitere Details zu den Aussagen Khaleds (die, obschon während den Verhören in der Gefangenschaft gemacht, als verlässlich gelten) finden sich im offiziellen Bericht der Untersuchungskommission zu 9/11: www.gpoaccess.gov/911/index.html √úber die «Verlässlichkeit» der Aussagen Khaled Scheich Mohammeds und Ramzi Binalshibhs (der andere angebliche 9/11-Drahtzieher) bestehen tatsächlich keine Zweifel: Deutsche Juristen und Geheimdienstler haben die Protokolle der Aussagen anlässlich der Hamburger 9/11-Prozesse gegen Motassadeq und Mzoudi als «praktisch wertlos» bezeichnet.
Freitag, 7. Juli 2006
Gegen die Vereinigten Staaten zu sein, ist weder neu noch mutig: Für die europäischen Eliten ‚Äì von Picasso bis Roger de Weck ‚Äì war und ist das Sternenbanner ein blutrotes Tuch. Warum? Antiamerikanismus ist eine Religion, die, wie jede Religion, keine Beweise braucht. Das schreibt Hanspeter Born im Lead zu seinem Text «Hass and Stripes» (Link kostenpflichtig) in der vorletzten «Weltwoche». Ein Lead, der Schlimmes erahnen lässt.
Bis weit in seinen fünfseitigen Text hinein liefert uns Born in der Folge eine umfangreiche Darstellung dessen, was über Jahrzehnte hinweg zu antiamerikanischen Gefühlen geführt hat ‚Äì sauber zitiert und nicht uninteressant. Als sich der Leser über Borns gemässigten Tonfall zu wundern beginnt, verliert der Autor unvermittelt die Contenance und wird seinem Ruf als unkritischer USA- und Bush-«Freund» vollauf gerecht. Er schreibt:
So trug eine Vielzahl von Faktoren dazu bei, dass der in Deutschland und Frankreich tief verwurzelte Antiamerikanismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch bei uns die Gestalt einer Ideologie oder Ersatzreligion annahm. Wie es sich für eine Religion gehört, hat auch der Antiamerikanismus seinen Klerus ‚Äì den höheren, der sich aus Hochschullehrern, Schriftstellern, Grosskommentatoren und anderen Intellektuellen zusammensetzt, und den niederen, den Lehrer, Reporter, Korrespondenten, Redaktoren, Moderatoren und sonstige Medienschaffende bilden. Der hohe Klerus gibt die Dogmen vor, der niedere betet sie nach. Wer erwartet, dass Born für diesen Unsinn ein paar Argumente liefert, der sieht sich getäuscht. In der Folge macht der Autor genau das, was er den «Antiamerikanern» vorwirft: Er verliert jedes Mass an Objektivität, er klopft Plattitüden, er vertritt seine Position mit genau jenem religiösen Eifer, der keine Argumente braucht, er findet blindwütig alles gut und wahr, was aus der richtigen Ecke kommt.
Zu guter Letzt greift Born zur beliebten Keule «Verschwörungstheorien». Er schreibt:
Die These, wonach Bush zur Kontrolle des Erdöls in den Krieg zog ‚Äì «Blut für √ñl» ‚Äì, wird an den linken und rechten Rändern des politischen Spektrums geglaubt. These? Dürfen wir ein Argument für ihre Gegenthese hören, Herr Born? Nein? Ok, kein Problem, wenn Bush sagt, es gehe nicht ums √ñl, dann stimmt das natürlich!
Weiter:
Und was die hartnäckige Kolportage betrifft, Bush sei «auf undemokratische Weise» gewählt worden, so erbrachten spätere, von einem repräsentativen Pool von Zeitungen durchgeführte Nachzählungen das Resultat, dass Bush im Jahr 2000 im entscheidenden Bundesstaat Florida eine Mehrheit der Stimmen erhalten hatte. Auch sein damaliger Gegner Gore akzeptiert heute, dass Bushs Wahl demokratischen Kriterien entsprach. Das hören wir so zum ersten Mal, Herr Born. Haben Sie uns dazu eine Quelle oder einen Link oder irgendwas? Nein? Ok, kein Problem, wenn irgendwelche US-Zeitungen sagen, die Wahlen seien in Ordnung gewesen, dann stimmt das natürlich!
Weiter:
Der Basler Professor Georg Kreis, rühriger Präsident der Antirassimuskommission, der neustens auch über Antiamerikanismus liest, wurde jüngst nach einem Vortrag gefragt, was er von den Verschwörungstheorien zu 9/11 halte. (‚Ķ) Und speziell zu 9/11 meinte Professor Kreis: «Muss ich jetzt wirklich wissen, wie sehr die CIA in verschiedenen Varianten mitgespielt hat ‚Äì von inszeniert bis wissend duldend, was auch immer? Ich kanns nicht wissen.» Die Aussage von Kreis, er könne nicht wissen, «wie sehr die CIA in verschiedenen Varianten» bei 9/11 mitgespielt habe, ist in ihrer pseudoseriösen Schlaumeierei ein besonders schönes Exempel für Antiamerikanismus. Er lässt den ungeheuerlichen Verdacht unwidersprochen im Raume stehen, dass der amerikanische Geheimdienst tatsächlich bei den Anschlägen von 9/11 die Finger im Spiel hatte. Wenn dem so wäre, dann wäre Amerika tatsächlich ein bis ins Innerste verrottetes, krankes Land.
Nun kann und muss aber ein der Wahrheit verpflichteter, gewissenhafter Berufshistoriker wissen, dass die Primärquellen ‚Äì Aussagen Bin Ladens auf Video, Interview von Al-Dschasira mit dem Architekten von 9/11, Khalid Shaik Mohammed, der 9/11-Bericht der überparteilichen Untersuchungskommission ‚Äì ebenso wie die mittlerweile sehr umfangreiche Sekundärliteratur ein duldendes Mitwissen, geschweige denn eine Beteiligung der CIA an den Anschlägen ausschliessen. Wer ein «der Wahrheit verpflichteter, gewissenhafter Berufshistoriker» ist, der weiss,
‚Ä¢ dass die meisten Video- und Tonbotschaften Bin Ladens schon längstens als Fälschungen entlarvt sind ( Link, Link, Link).
‚Ä¢ dass Khalid Shaik Mohammed, der von den USA nach 9/11 verhaftet worden ist und seither brav seine passenden Aussagen liefert, ein Phantom ist, das bis heute nie mehr von neutraler Stelle gesehen worden ist, das nicht einmal zu 9/11-Prozessen vorgeführt wird, das selbst für die 9/11-Kommission unerreichbar war. Notabene beruht trotzdem gut ein Viertel des Untersuchungsberichts auf Mohammeds «Aussagen».
‚Ä¢ dass heute 42% der Amerikaner glauben, dass die offizielle Geschichte rund um 9/11 nicht stimmt und dass 45% eine neue, diesmal wirklich unabhängige Untersuchung fordern ( Link).
Wie auch immer. Was Born uns sagen will: Jede Art von Amerikakritik ‚Äì gehe es nun um Angriffskriege, Folter, 9/11, Wahlsiege in Florida oder oder oder ‚Äì ist unangebracht und einfach nur Verschwörungstheorie verblendeter Zeitgenossen.
Danke für Ihren wichtigen Diskussionsbeitrag, Herr Born. Wir freuen uns jetzt schon auf Ihren nächsten Text.
Samstag, 10. Juni 2006
The Ecomonist zu Lateinamerika
Die Wahl von Evo Morales zum bolivianischen Präsidenten und seine Schritte zur Nationalisierung eines Teils der √ñlindustrie (vgl. Link) und ähnliche Entwicklungen in Ecuador veranlassen den Londoner Economist in seiner Ausgabe vom 18. Mai zu einem Kommentar über «die Schlacht um die Seele Lateinamerikas» ( Link kostenpflichtig). Lateinamerika habe bis vor kurzem keine Rolle gespielt («people don't give one damn about Latin America», in den Worten Richard Nixons ‚Äì man wundert sich allerdings, weshalb die USA dann so oft offen oder verdeckt dort interveniert haben?), doch neuerdings habe es die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen: ein «Gespenst anti-amerikanischen Linksnationalismus» gehe um.
Jedoch handle es sich nicht um einen Konflikt zwischen den USA und ihren lateinamerikanischen Nachbarn, sondern zwischen liberalen Demokraten, insbesondere moderaten Sozialdemokraten (die in Chile, Uruguay und Brasilien regieren), und radikalen, autoritären Populisten. Erstere hätten durch sozialpolitische Massnahmen einen deutlichen Rückgang der Armut und sogar der Ungleichheit erreicht. Sie hätten gelernt, dass Gesundheit, Bildung und Armutsbekämpfung nicht vernachlässigt werden dürften.
Auf der anderen Seite stünden die Populisten, die Bush beschimpfen und die staatliche Kontrolle der √ñl- und Gasressourcen anstreben, personifiziert, wie könnte es anders sein, von Venezuelas Präsident Hugo Ch√°vez. Gewiss, Ch√°vez sei zwei mal gewählt worden, seine Popularität sei ungebrochen, er habe den Armen Gesundheits- und Bildungsprogramme gebracht. Dennoch: Ch√°vez bringe sein Land auf den Hund («he is running down his country‚Äôs wealth»). In Zukunft könnte Venezuela eher Nigeria als Kuba ähneln: «a failed petro-state». Für die letzten beiden Behauptungen hat die neoliberal orientierte Zeitschrift keinerlei Begründung anzubieten.
Joffes Version der Realität
Josef Joffe, den Mitherausgeber der Zeit, hat der Slogan vom «gescheiterten Petrostaat» offenbar so beeindruckt, dass er ihn gleich in seinem eigenen Leitartikel «Plump auf Pump» (Diskussion hier) in der Zeit vom 24. Mai 2006 verwurstete. Zweifellos teilt Joffe die Abneigung des Economist gegenüber Präsident Ch√°vez (siehe auch Blattkritik- Eintrag vom 25. April 2006). Von der beinahe differenzierten Diskussion des Economist ist Joffes Attacke jedoch meilenweit entfernt:
Hugo Ch√°vez (Venezuela), Evo Morales (Bolivien) und Alfredo Palacio (Ecuador) reissen mit der Verstaatlichung von √ñl und Gas die «Produktionsmittel» an sich, ohne die Armen auch nur ein Jota reicher zu machen. Das zeigt am besten Venezuela: Seit der Machtübernahme durch Ch√°vez wächst die Wirtschaft nicht mehr, das Pro-Kopf-Einkommen ist gar um 45% gefallen. Fürwahr, eine desaströse Bilanz. Nur: kein Jota an dieser Darstellung ist wahr. Selbst der Economist gibt ja zu, dass die Armen unter Ch√°vez vom √ñlreichtum profitieren. Das Pro-Kopf-Einkommen ist während der Präsidentschaft Ch√°vez‚Äô gestiegen, wenn auch nur leicht, und die Wirtschaft ist seit der Rezession von 2003 auf rasantem Wachstumskurs.
Die Daten:
1. Das Pro-Kopf-Einkommen der venezolanischen Bevölkerung ist von 1970 bis 1998 ‚Äì VOR dem Amtsantritt von Präsident Ch√°vez (2. Februar 1999) ‚Äì um unglaubliche 35% gefallen (1). Mark Weisbrot vom Washingtoner Center for Economic and Policy Research merkt dazu an: «This is the worst economic decline in the region and one of the worst in the world ‚Äì much worse even than what happened to Africa during this period.» (2)
2. Venezuelas Wirtschaftsleistung und Pro-Kopf-Einkommen sind seit Ch√°vez‚Äô Amtsantritt gestiegen. Das BIP war im ersten Quartal 2006 inflationsbereinigt 19,2% höher als im 1. Quartal 1999, im Zwölfmonatsvergleich 14,1% höher. Das Wirtschaftswachstum übertraf damit das demographische Wachstum ‚Äì eine erfreuliche Bilanz im Vergleich zur fast 30jährigen Verarmungsperiode vor Ch√°vez (3). Die Bilanz wäre natürlich noch erheblich günstiger, hätte das Land nicht 2002/2003 aufgrund des von der Opposition organisierten mehrmonatigen √ñlstreiks (ein «Streik» nicht etwa der Arbeiter, sondern der um ihre Pfründe bangenden Chefs!) und des gescheiterten Staatsstreichs gegen Ch√°vez eine Rezession erlitten (dies zudem vor dem Hintergrund einer weltweiten Rezession). Seit 2003 werden Wachstumsraten von 9 bis 18% verzeichnet.
Herrn Joffes Behauptungen sind schlicht aus der Luft gegriffen. Wo er seine Zahl -45% her hat, sei dahingestellt ‚Äì vom Economist, der in Bezug auf Zahlen und Fakten ziemlich verlässlich ist, jedenfalls nicht. Dies wirft nicht nur die Frage auf, ob der Mitherausgeber der Zeit es nicht (mehr) nötig hat, journalistische Standards zu beachten, sondern auch, ob die Zeit eigentlich jeden propagandistischen Unfug veröffentlicht, ohne auch nur den einfachsten Factcheck durchzuführen. Und schlie√ülich wirft es die Frage auf, ob eine angesehene deutsche Zeitung es sich leisten kann, derart grobe Sachfehler unkorrigiert stehen zu lassen. Auf eine Anfrage nach Richtigstellung der Falschinformation ist bis heute von der Zeit-Redaktion keine Antwort eingetroffen. Sie tut ihrer Reputation damit keinen Gefallen.
Quellennachweise:
(1) Center for International Comparisons (CIC), University of Pennsylvania, stellt internationale Wirtschaftsdaten 1950-2000 zur Verfügung: http://pwt.econ.upenn.edu/php_site/pwt61_form.php
Variable «Real GDP per capita (Constant Prices: Chain Series)» auswählen (Pro-Kopf-Einkommen zu konstanten Preisen). Veränderung 1970-1998: -35%. Dies bedeutet, dass die Wirtschaftsentwicklung in diesem Zeitraum drastisch hinter dem demographischen Wachstum zurückgeblieben ist.
(2) Mark Weisbrot: A Note on Venezuela's Economic Performance, Center for Economic and Policy Research, June 2005: http://www.cepr.net/publications/venezuela_2005_06.pdf
Vgl. vom gleichen Autor und Koautoren: Poverty Rates In Venezuela: Getting the Numbers Right, http://www.cepr.net/publications/venezuelan_poverty_rates_2006_05.pdf
(3) Zentralbank von Venezuela: Bruttoinlandprodukt zu konstanten Preisen vierteljährlich, halbjährlich und jährlich von 1997 bis I. Quartal 2006: http://www.bcv.org.ve/excel/5_2_4.xls?id=332 (Exceltabelle).
Donnerstag, 27. April 2006
Am 20. Juli 2004 schrieb das Magazin «Aviation Week» in einem Bericht:
Travelers could be talking on their personal cellphones as early as 2006. Earlier this month, American Airlines conducted a trial run on a modified aircraft that permitted cell phone calls.
(...)
Qualcomm and American Airlines are exploring ways for passengers to use commercial cell phones inflight for air-to-ground communication. In a recent 2-hr. proof-of-concept flight, representatives from government and the media used commercial Code Division Multiple Access (CDMA) third-generation cell phones to place and receive calls and text messages from friends on the ground. Qualcomm und American Airlines haben also im Juli 2004 mitgeteilt, das es bald - ab 2006 - möglich sein würde, in Flugzeugen mit Handys zu telefonieren.
Wieso ist diese Meldung wichtig? Sie ist wichtig, weil sie drei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 publiziert wurde. Drei Jahre nachdem behauptet worden war, Passagiere der entführten Flugzeuge hätten vor den Abstürzen via Handy mit ihren Angehörigen gesprochen.
Vieles ist heute klar:
- Im Jahr 2001 konnte aus Flugzeugen nicht mit Handys telefoniert werden ( Link, Link, Link, Link, Link, Link).
- Die Transkripte der einzelnen Handyanrufe widersprechen sich in wichtigen Punkten komplett ( Link, Link).
- Etliche Zeugen am Boden haben ausgesagt, United 93 sei von Kampfjets verfolgt und vermutlich abgeschossen worden ( Link, Link, Link).
- Trümmerteile des abgestürzten Flugzeugs sind laut FBI im Umkreis von 13 Kilometern gefunden worden, was eher auf einen Abschuss als auf ein gezieltes «In-den-Boden-Steuern» schliessen lässt ( Link).
- United hat am Morgen des 11. September verlauten lassen, Flug 93 sei in Cleveland notgelandet ( Link).
Und so weiter und so fort. Allein die Liste der nachweisbaren Fakten, die der offiziellen Darstellung hinsichtlich Flug 93 widersprechen, ist lang. Was all das für den offiziellen Hergang der Ereignisse bedeutet, bleibt Spekulation und ist von der 9/11-Untersuchungskommission nicht beantwortet worden.
Für den Blattkritiker stellt sich die Frage: Was sagt die Mainstreampresse dazu? Antwort: Nichts! Viereinhalb Jahre lang hat sie, vor allem im deutschsprachigen Europa, kaum ein kritisches Wort zu 9/11 über die Lippen oder zu Papier gebracht.
Es hätte uns deshalb überrascht, wenn jetzt, da mit «United 93» der erste Hollywoodfilm zu 9/11 in die Kinos kommt, ausgerechnet die Kulturjournalisten des alten Kontinents den Politschreibern auf den Redaktionen in den Rücken fallen und den Ton wechseln würden.
Sie wissen es nicht besser, wenn sie wie Marc Pitzke im aktuellen «Spiegel» schreiben:
Den Grossteil der Dialoge von Passagieren und Crew, die ihr Schicksal als erste Frontkämpfer des Terrorkriegs nur widerwillig begreifen, liess Greengrass improvisieren. Weshalb sie um so echter wirken. Nur die Abschiedstelefonate sind rekonstruiert, mit Hilfe der Angehörigen, die allesamt kooperierten. Rekonstruiert aufgrund der Abschiedstelefonate, die in der dargestellen Weise unmöglich stattgefunden haben können. Schlimmer als Pitzkes Unwissenheit ist aber der Tonfall, mit dem er das Thema angeht. Im Lead schreibt er:
«United 93», Hollywoods umstrittener Aufarbeitungsversuch der Anschläge vom 11. September 2001, hatte gestern in New York Weltpremiere. Der Film ist eine brillante, fast unerträgliche, aber absolut notwendige Rekonstruktion des Grauens. Notwendig, um die Motivation im Krieg gegen den Terror weiterhin auf dem gewünschten Level zu halten. Und wirkungsvoll, wie Marc Pitzke persönlich beweist. Er schreibt:
«United 93» kocht sie alle wieder hoch, die Emotionen jener Tage. Panik, Wut, Verzweiflung, Trotz. Genau darum geht es. Man merkt Marc Pitzkes Text die Emotionen an, die er beim Betrachten des Films empfunden hat. Und betrübt stellt man fest, dass sich mit «Dokumentationen» wie «United 93» und den dazugehörigen Presseberichten a la «Spiegel» oder auch «10vor10» (das gestern Abend mit einem gefühlsschwangeren Beitrag aufgewartet hat) die offizielle Geschichte rund um den 11. September tiefer und tiefer ins Bewusstsein der Leute einbrennt. Immer wieder geschürte Panik, Wut, Verzweiflung und Trotz werden es wohl noch lange verunmöglichen, einen nüchternen Blick auf Flug «United 93» und die Vorgänge am 11. September 2001 zu werfen.
Dienstag, 25. April 2006
Wer nach der Lektüre von Jürgen Krönigs Guantanamo-Artikel (siehe vorletzten Eintrag) und Josef Joffes Kolumne (siehe letzten Eintrag) noch nicht genug hat, findet auf Seite 29 der aktuellen «SonntagsZeitung» ein Interview von Martin Suter mit dem US-Politologen Francis Fukuyama, der kürzlich sein neues Buch «Scheitert Amerika? ‚Äì Supermacht am Scheideweg» veröffentlicht und für Aufsehen gesorgt hat.
Fukuyama, der sich in jüngerer Zeit ein klein wenig von seinen neokonservativen Gesinnungsgenossen entfernt, wäre wahrlich ein interessanter Interviewpartner. Wäre. Denn Martin Suter macht leider so gut wie nichts aus der Gelegenheit. Brav reiht er eine Frage an die nächste, wagt kaum nachzuhaken und lässt Fukuyama so immer wieder Lügen durchgehen, die schon längst als genau das ‚Äì Lügen ‚Äì entlarvt sind.
Zum Beispiel:
Frage: Hat die Bush-Regierung die Öffentlichkeit vor dem Krieg belogen?
Antwort: Das glaube ich nicht. Am unehrlichsten war die Regierung bei der Frage nach dem Verhältnis zwischen Saddam Hussein und dem Terrornetzwerk al-Qaida. (‚Ķ) Anstatt hier entschieden zu insistieren und Fukuyama mit Fakten ( hier, hier oder hier) zu antworten, die belegen, dass die Bush-Regierung die √ñffentlichkeit auf der ganzen Linie hinters Licht geführt hat, fällt Martin Suter nichts Besseres ein, als zu fragen:
Ist die Invasion denn nicht ein sinnvoller Bestandteil des umfassenden Kriegs gegen den islamischen Terrorismus, der mit dem 11. September begann? Wie bitte? «Sinnvoller Bestandteil»? Martin Suter lässt nicht nur jeden Biss vermissen, er vermittelt auch ein Weltbild, das wir ihm nicht zugetraut hätten.
Mehr Beispiele gefällig? Nächste Frage:
In Europa glauben viele, es sei Amerika ums √ñl gegangen. «Glauben»?
Nächste Frage:
Und die angeblichen Massenvernichtungswaffen?
Antwort: Bei den chemischen und biologischen Waffen gab es keine Unehrlichkeit. Alle wurden genarrt: die Uno-Inspektoren, die Franzosen, die Russen. Eine glatte Lüge (Link kostenpflichtig), auf die Suter nicht reagiert, er wechselt einfach das Thema.
Weiter unten fragt er:
Wurde diese Wahrheit von der Bush-Regierung ignoriert?
Antwort: Sie glauben daran, dass freie Märkte und Demokratie sozusagen der Normalzustand sind, der sich automatisch einstellt, sobald Diktatoren aus dem Weg geräumt werden. So so. Auch hier: kein Widerspruch, kein Nachhaken.
Und so weiter, und so fort. Martin Suter lässt Fukuyama das alte Lied von Pleiten, Pech und Pannen singen, anstatt ihn mit Fakten zu konfrontieren und herauszufordern. Schade.
Dienstag, 25. April 2006
Einmal durchatmen, zweimal blättern, und der Leser der aktuellen «SonntagsZeitung» stösst nach Jürgen Krönigs Guantanamo-Artikel (siehe Eintrag unten) auf ein weiteres Lowlight: die Kolumne von «Zeit»-Herausgeber Josef Joffe. ‚Äì Ja, jener Josef Joffe, der für seine mehr als einseitigen Pro-US- und Pro-Israel-Standpunkte bekannt ist. Und wie nicht anders zu erwarten, sondert der selbsternannte Amerikakenner unter dem Titel «Der Fluch des √ñlreichtums» auch in der «SonntagsZeitung» Schwarz-Weiss-Malereien ab, die uns die Nackenhaare zu Berge stehen lassen.
Joffe schreibt:
Nur vier stabile Demokratien sind mit √ñl und Gas gesegnet: die USA, Kanada, England und Norwegen. Der Rest ist kaum Vertrauen erweckend: Saudiarabien, der Iran, Venezuela, Russland und andere Sowjet-Nachfolgestaaten, Indonesien, Brunei ‚Ķ Wo bleibt der Irak in Ihrer Gut-Böse-Liste, Herr Joffe? Rechnen Sie diesen in der Zwischenzeit schon zu USA/England? Im Ernst: Rätselhaft ist, wie ein seriöser Journalist derzeit die USA zu den Vertrauen-Erweckenden zählen kann.
Weiter unten im Text wirds nicht besser. Da steht:
Fossile Energie liefert die politische Energie, welche die Autoritäten stärkt. Und ihnen das Geld in die Hand gibt, mit dem sie allerlei √úbles in der Welt stiften können ‚Äì von der Terrorfinanzierung bis zur atomaren Aufrüstung. Nein, Joffe spricht hier leider nicht von den USA.
Zum Schluss schreibt er:
Es war schon immer höchste Zeit, sich von der Abhängigkeit von schwindenden fossilen Brennstoffen zu befreien. Wenn wir jetzt auf den Iran, Russland oder Venezuela unter Chavez blicken, kommt noch ein politisches Horrorszenario dazu: Je mehr Petro-Milliarden wir in deren Kassen spülen, desto gefährlicher die Welt, in der wir leben müssen. Herr Joffe, würden Sie die Petro-Milliarden tatsächlich lieber in den Händen der USA und ihrer vorbildlich «demokratischen» Regierung sehen, statt dass das Geld wie in Venezuela zum Teil auch den Armen zu Gute kommt (Link kostenpflichtig)? Bemerkung am Rande: Wenn der demokratisch gewählten Regierung von Hugo Chavez in Venezuela Gefahr droht, dann in erster Linie von den USA, wie der offene Putsch-Versuch von 2002 gezeigt hat.
Es ist tatsächlich höchste Zeit ‚Äì höchste Zeit für Zeitungsmacher, sich von Leuten wie Josef Joffe zu verabschieden.
Dienstag, 25. April 2006
Die aktuelle «SonntagsZeitung» beginnt ihren «Fokus»-Teil mit einer Geschichte über Michael Winterbottoms neuen Guantanamo-Film. Der Titel des Artikels von Jürgen Krönig lautet:
Europa sitzt im falschen Film
An «The Road to Guantanamo» zeigt sich, wie unkritisch wir Islamisten begegnen
«Wir»? Seit wann sind «wir» Europäer bei komplexen Themen derart einig, dass man uns als «wir» bezeichnen kann? Und seit wann sind «wir» Islamisten gegenüber unkritisch?
Wir (gemeint sind diesmal die Blattkritiker) machen uns in Krönigs Artikel auf die Suche nach Begründungen für die Titel-Provokation ‚Äì ohne Erfolg. Statt zu erklären, was er meint, veranstaltet Krönig ein schlimmes Durcheinander. Er vermischt Kritik an Winterbottoms Film ‚Äì die möglicherweise sogar angebracht ist ‚Äì mit der Frage nach der Berechtigung eines Lagers √† la Guantanamo.
Krönig schreibt:
Winterbottom suggeriert in seinem Film dokumentarische Wahrhaftigkeit, aber es geht ihm nur darum, Amerika an den Pranger zu stellen. Sonst hätte er jene Zeugen aus Tipton bemüht, die sagen, dass die drei jungen Männer bereits vor ihrem Trip nach Pakistan radikal und tief religiös geworden waren sowie einem Hassprediger wie Abdullah al-Faisal gelauscht hatten, der jetzt wegen Aufrufs zum Mord an Juden im Gefängnis sitzt. Abgesehen davon, dass Jürgen Krönig mit keinem Wort erwähnt, was die «Zeugen aus Tipton» glaubwürdiger macht als die drei entlassenen Guantanamo-Häftlinge, stellt sich die Frage: Was will uns der Autor damit sagen? Wohl, dass es im Falle eines Falles, nämlich wenn die mutmasslichen Terroristen tatsächlich Terroristen sein sollten, schon in Ordnung ist, wenn man sie jahrelang ohne Recht auf Anwälte oder einen fairen Prozess festhält.
Erst ganz am Schluss seines Artikels schreibt Krönig fast schon widerwillig:
Gewiss, eine massive Grenzüberschreitung rechtsstaatlicher Prinzipien wie in Guantanamo muss verdammt werden. Um dann gleich anzuhängen:
Doch der Film bedient, Michael Moores Produkten nicht unähnlich, antiamerikanische Gefühle. (‚Ķ) Er hinterlässt einen schalen Geschmack. Einen schalen Geschmack hinterlässt vor allem Ihr Artikel, Herr Krönig. Antiamerikanische Gefühle sind derzeit absolut angebracht, es ist angebracht, die USA an den Pranger zu stellen. Und wenn jemand im falschen Film sitzt, dann sind Sie das, nicht «wir».
Freitag, 10. März 2006
Die US-Militärbasis Guantanamo macht seit Jahren traurige Schlagzeilen. Gefangene werden auf unbestimmte Zeit ‚Äì ohne Anklage und Prozess ‚Äì festgehalten und laut UNO und diversen Menschenrechtsorganisationen zum Teil auch gefoltert.
Die USA geraten deswegen mehr und mehr unter Druck. Offenbar um eine Image-Korrektur herbeizuführen, organisiert das Pentagon jetzt Journalistenreisen an den Ort des Schreckens ‚Äì und zeigt, dass alles gar nicht so schlimm ist. Peter Voegeli, US-Korrespondent von Radio DRS, ist eben von einer solchen Reise zurückgekehrt und hat Emil Lehmann im Rendezvous am Mittag Auskunft gegeben.
Im Interview, das knapp 20 Minuten dauert, kommt vor allem eines zum Ausdruck: In Guantanamo lebt es sich, soweit Voegeli Einblick erhalten hat, offenbar ganz komfortabel. Voegeli spricht von fünf Menüs, aus denen die Gefangenen auswählen können. Er spricht von Sportgeräten wie Hometrainern, Laufbändern usw. Er spricht von Aufsehern, die überwachen, dass die islamischen Regeln eingehalten werden. Er spricht von einem Muezzin, der fünf Mal am Tag zum Gebet aufruft. Er spricht von einem Operationssaal auf hohem Niveau. Kurz: Peter Voegeli spricht von einer Betreuung «fast wie im Hotel».
Voegeli sagt zwar, er habe nur gesehen, was das amerikanische Militär habe zeigen wollen. Er sagt zwar, er habe fast alles gesehen ausser den Gefangenen. Er sagt zwar, er wisse im Prinzip nichts über den Zustand der Gefangenen. Er sagt zwar, der Status der Gefangenen entspreche nach wie vor nicht internationalen Standards. Doch trotz den Vorbehalten: Voegeli glaubt nicht, dass die Militärs, die den Journalisten in Guantanamo für Fragen zur Verfügung stehen, lügen und im grossen Stil wahre Umstände vertuschen.
Zurück bleibt ein ratloser Zuhörer. Was stimmt denn jetzt? Der Eindruck, den Voegeli gewonnen hat oder die zahlreichen Berichte von Menschenrechtsorgansationen und der UNO, die sagen, in Guantanamo würden nach wie vor Gefangene misshandelt?
Und zurück bleibt die Frage, warum Emil Lehmann den Interview-Teil zum Gefängnisbesuch nicht viel kürzer gehalten und die restliche Zeit darauf verwendet hat, die Eindrücke Voegelis in den Gesamtkontext zu stellen. Das heisst: Warum fragt Lehmann nicht, was hinter der US-Strategie, Guantanamo zum Vorzeigegefängnis zu machen, stecken könnte? Was denkt Voegeli über die Berichte zu US-Gefängnissen in Afghanistan, Osteuropa usw.? Oder: Was passiert mit den Gefangenen, die offenbar (auch laut Peter Voegeli) zahlreich aus Guantanamo verabschiedet werden? Wohin werden diese gebracht? Werden sie freigelassen? Wird ihnen der Prozess gemacht? Oder werden die «interessanten Fälle» einfach nur an Orte verschoben, die noch nicht so stark im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen wie Guantanamo?
Berichte und Texte zu Guantanamo (eine kleine Auswahl):
Uno-Bericht im «Spiegel» vom 14. Februar 2006
HRW-Analyse zum UNO-Bericht
Vier Jahre Guantanamo, HRW-Bericht vom 11. Januar 2006
Amnesty-Bericht vom 6. Februar 2006
Berichte und Texte zu anderen US-Gefängnissen und zum Umgang mit Menschenrechten im Krieg gegen den Terror (eine kleine Auswahl):
Geheimgefängnis in Kabul, HRW vom 19. Dezember 2005
HRW World Report vom 18. Januar 2006
Geister-Gefangene, HRW vom 1. Dezember 2005
Verschwunden in Geheimgefängnissen, HRW vom 9. Dezember 2005
CIA und Folter, HRW vom 21. November 2005
Viel Material beinhalten vor allem die Seiten von Amnesty International und Human Rights Watch.
Dienstag, 17. Januar 2006
Lorenz Kummer, Auslandchef beim Berner «Bund», tut sich in der Regel mit differenzierten, kritischen Texten zum Weltgeschehen hervor. Umso erstaunter sind wir über seinen gestrigen Frontkommentar zum US-Angriff auf ein pakistanisches Dorf, dem 18 Unbeteiligte zum Opfer gefallen sind.
Eigentlich würden wir im «Bund» einen verbalen Sturm der Entrüstung erwarten. Aber weit gefehlt: Kummer zeigt Verständnis für den US-Terror:
Denn die USA haben keine andere Wahl, als die Suche nach bin Laden, dem Verantwortlichen für die Angriffe des 11. September, weiterzuführen ‚Äì auch wenn sie wissen, dass selbst der Tod der Terror-Ikone den islamistischen Jihadismus nicht zum Verschwinden bringen wird.
(…)
Auch in der Wahl der Mittel haben die USA wenig Optionen. Geheime CIA-Operationen sind der einzige Weg, da Pakistans Präsident Musharraf oft nur mit Worten gegen die Extremisten im eigenen Land vorgeht. Sicher: Jeder Fehlschlag, jedes unschuldige Opfer ist eines zu viel. Doch der Abbruch der Verfolgung würde aus Sicht der USA noch grösseren Schaden verursachen. Lieber Herr Kummer, Fakt ist: Die USA haben auf fremden Staatsgebiet mit einem Raketenangriff 18 Zivilisten, darunter viele Kinder, ermordet. Selbst wenn Ayman az-Zawahiri, die sogenannte Nummer 2 von Al Kaida, dabei «erwischt» worden wäre, ist die Aktion durch nichts zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Es handelt sich um einen Terroranschlag. Stellen Sie sich vor, die USA hätten den Gesuchten in Brienz vermutet und dort Unbeteiligte ermordet? Wie würde Ihr Kommentar dann lauten?
Montag, 16. Januar 2006
Andreas Z‚ÄôGraggen, seit 14 Tagen Ex-Chefredaktor der BZ, darf weiterhin einmal die Woche in die Tasten greifen. Immer am Samstag geniessen wir ihn in seiner stärksten Rolle: als Kolumnenschreiber. Und nicht ganz überraschend scheint Z‚ÄôGraggen mit neugewonnener Narrenfreiheit in seinen Kommentaren noch pointierter zu werden. Wobei «pointiert» ein zu positiv behaftetes Wort ist ‚Äì «verquer» wäre wohl passender, «deplatziert» am ehrlichsten.
In der BZ vom Samstag nimmt sich Z’Graggen dem Fax aus Kairo an. Er schreibt:
Da wird also unserer Regierung gedankenlos vorgeworfen, dass sie nicht sofort die Bush-Administration der Menschenrechtsverletzungen angeprangert habe, obschon hier niemand mit Bestimmtheit weiss, ob solche stattgefunden haben.
Das stimmt. Spielt aber aus Z’Graggens Sicht eh keine Rolle, denn:
Und falls dem so wäre: Wieso dürfen Menschenrechte nicht verletzt werden, wenn damit Terrorismus, der sich bekanntlich nicht den Teufel darum schert, verhindert werden kann?
Hier stellen wir einmal mehr fest: Z‚ÄôGraggen hat einfach gar nichts begriffen. Gar nichts von Menschenrechten und gar nichts von sinnvoller Geheimdienstarbeit. Dutzende von Texten und Interviews haben sich in den letzten Monaten mit der Folter befasst und der Schluss ist immer derselbe: Folter bringt nichts, weil sie häufiger zu falschen Geständnissen führt als zu brauchbarem Material.
Und: Z‚ÄôGraggen hat auch gar nichts von internationaler Zusammenarbeit und Solidariät begriffen. Er fragt:
Da wird von «Geheimgefängnissen» in Rumänien und Bulgarien geredet. Doch wenn es solche gab/gibt: Geht das auch uns oder nur die beiden Länder etwas an? Das geht uns als Mitmenschen und erst recht als Land etwas an. Immerhin ist die Schweiz Depositärstaat der Menschenrechts-Charta.
Oder es wird von den latent antiamerikanischen Linken und Grünen ‚Äì die auch nichts Genaues wissen ‚Äì gefordert, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit den USA seien sofort abzubrechen. Kritik an der gegenwärtigen US-Politik und das √úberdenken der CH-USA-Beziehungen ist kein links-grünes Privileg, sondern eine Selbstverständlichkeit.
Heisst das: Menschenrechte kommen a priori vor allem anderen? Ja, Herr Z’Graggen, Menschenrechte kommen a priori vor allem anderen. Punkt.
Und wenn ja, dürfen wir dann, konsequenterweise, von China über den Mittleren Osten bis Afrika mit niemandem mehr Verträge abschliessen? Heisst es nicht. Aber man sollte bei den USA genauso wie bei China und anderen Verstösse gegen die Menschenrechte anprangern und unseren wirtschaftlichen Einfluss dazu nutzen, dass sich in diesen Ländern etwas zu Gunsten der Menschenrechte bewegt.
Alles andere ist eine Bankrotterklärung für die humanitäre Tradition der Schweiz. Andreas Z‚ÄôGraggen würde sie wohl blindlings unterschreiben.
Sonntag, 18. Dezember 2005
Auf Seite 9 ihrer Samstagsausgabe befasst sich die NZZ, genauer gesagt der freie Publizist Ulrich Speck, mit «Amerikas Rolle in der Weltordnung» (Link kostenpflichtig). Im Lead, den die NZZ Specks Text voranstellt, steht:
Realistische Betrachtungen sind ausser Mode gekommen und vom moralisierenden Zeigefinger abgelöst worden. Der Autor, der die Welt nüchtern ins Visier nimmt, kommt nicht überraschend zum Schluss, dass die amerikanische Hegemonie bei allen Mängeln unterstützenswert ist. Eine bessere Ordnung sieht er nicht am Horizont. Wir sind gerührt ob so viel Bescheidenheit. Und immer wieder dankbar, gibt es die NZZ als letzten Hort der Nüchternheit und Objektivität. Was in Specks Haupttext folgt, ist eine Art Bestandesaufnahme des politisch und wirtschaftlich globalisierten Weltzustands. So weit so gut, aber nichts Neues. Speck bietet nichts, was wir nicht in ähnlicher Form schon x-mal gelesen hätten.
Schlimm wirds allerdings in Specks Zweittext unter dem Titel «Was die UNO kann und was nicht» (Link kostenpflichtig). Schlimm vor allem deshalb, weil Speck schlicht zu erwähnen vergisst, dass die Schwäche der UNO in erster Linie auf das Verhalten der USA zurückzuführen ist. Die Amerikaner haben in den letzten Jahren mit allen Mittel Reformen zu Stärkung der UNO verhindert und dabei Eigeninteressen stets vor globale Interessen gestellt.
Das kümmert Speck wenig. Er schreibt:
Tatsächlich ist der Washingtoner Blick auf die Vereinten Nationen realistischer als derjenige so mancher Europäer, die dazu neigen, den Sicherheitsrat zu überschätzen. Richtig müsste es heissen, «egoistischer» statt «realistischer». Und die Europäer überschätzen den Sicherheitsrat nicht. Dieser hätte nämlich durchaus Möglichkeiten ‚Äì immer vorausgesetzt, die USA würden mitspielen.
Weiter unten verliert Speck dann komplett den √úberlick:
Was die amerikanische Vorherrschaft erträglich oder sogar attraktiv macht, ist, dass Amerika eben nicht wie eine Kolonialmacht oder ein Empire agiert.
(…)
Das Grundprinzip amerikanischer Weltpolitik ist nicht die gewaltsame Unterwerfung, sondern die Kooptation, basierend auf der Bereitschaft anderer, sich Amerika anzuschliessen. Eine angesichts der Ereignisse der letzten Jahre zumindest gewagte Behauptung. Und ob die amerikanische Vorherrschaft für Leute im Irak, in Afghanistan, Vietnam, Mittel- und Südamerika usw. ähnlich erträglich ist, wie für uns Europäer, bleibt zu bezweifeln.
Speck beschliesst seinen Zweittext mit:
Eine Alternative in Sachen globales Ordnungsmanagement ist also nicht in Sicht.
(…)
Pragmatisch gesehen sind wir in Europa alles in allem mit der amerikanischen Hegemonie in den letzten Jahrzehnten sehr gut gefahren. Es ist in unserem Interesse, diese Ordnung zu stützen und zu erhalten: Eine bessere haben wir nicht. Nein, Herr Speck, es ist nicht in unserem Interesse, diese Ordnung zu erhalten und zu stützen. Es kann nicht in unserem Interesse sein, alle Völker dieser Welt, die das Pech haben, über √ñl-Feldern zu leben und damit zum Ziel amerikanischen «Ordnungsmanagements» werden, zu unseren Todfeinden zu machen.
Realistische Betrachtungen sind tatsächlich ausser Mode gekommen ‚Äì vor allem realistische Betrachtungen der USA und ihrer Politik in der NZZ. Eine Behauptung, die sich anhand der Samstagsausgabe belegen lässt. Sei es im Leitartikel «Revolutionsgespenster in Lateinamerika», sei es im Artikel «Konvergenz im Klimaschutz» oder im kommentierten Text zu USA-UNO: Die NZZ wird ihren blinden Fleck in Sachen USA einfach nicht los.
Montag, 24. Oktober 2005
Die «Weltwoche» überrascht uns regelmässig mit Inside-Berichten zu Al-Kaida, Osama bin Laden und dem Krieg gegen den Terror. Autor ist in den meisten Fällen Urs Gehriger, der immer wieder direkt aus der Höhle des Löwen zu berichten scheint. Wo CIA, ISI und Mossad nicht hinkommen, da spricht Gehriger mit den gefährlichsten Leuten dieser Welt. Ansonsten ist in Sachen Quellen leider Fehlanzeige, zu bieten hat die «Weltwoche» höchstens: «wie Geheimdienstkreise verlauten lassen» ‚Ķ
Den Vogel abgeschossen hat Gehriger jetzt mit seiner dreiteiligen Serie zu Abu Mussab al-Sarkawi, dem «Shooting-Star» der Terrorszene ( Teil 1, Teil 2, Teil 3). Mit schon fast unglaublicher Naivität bläst der Autor ins Horn der internationalen Terroristen-Jäger. Er bedient sich einer Sprache, die keine Grautöne zu lässt («Der absolut Böse»). Er sucht sich zusammen, was ins Bild passt, was nicht passt, wird weggelassen.
Als «Quellen» müssen immer wieder al-Sarkawis diverse Websites herhalten. Wer diese wirklich betreibt, ist aber unklar.
«Das Groteske allerdings ist», sagt Kohlmann, «die Server der Terror-Websites sind bei uns in Amerika, in North Carolina zum Beispiel.»
Wie bitte? Für Gehriger scheint nichts Grund zur kritischen Hinterfragung. Doch dann, plötzlich, gibts im dritten Teil auch lichte Momente. Gehriger schreibt:
Nach Powells Uno-Auftritt wird Sarkawi in der ganzen Welt bekannt. Er sei das Bindeglied zwischen Saddam Hussein und Osama Bin Laden, behauptet der US-Aussenminister. Viele europäische Geheimdienstler, die die Spuren Sarkawis seit längerem verfolgen, reagieren mit Skepsis. «Diesbezügliche Hinweise konnten nicht festgestellt werden», notiert ein BKA-Beamter in seine Ermittlungsakte. Offiziell sagt dies noch niemand. Plötzlich sieht die Welt in Sarkawi den Meisterterroristen. Wo immer eine Terrorzelle ausgehoben wird, taucht sein Name auf, selbst wenn die angeblichen Verbindungen schleierhaft sind. Als in Madrid am 11. März 2004 Pendlerzüge in die Luft fliegen, stellt der Untersuchungsrichter die These auf: Sarkawi ist der Drahtzieher. Beweise fehlen, die Indizien sind schwach.
Fakten und Fiktionen vermischen sich. Sarkawi wächst zum Mythos. Einmal wird er im georgischen Pankisital gesehen, dann soll er in Europa unterwegs sein, in Syrien, Iran und Jordanien. Er soll bereits unter dem Schutz Saddam Husseins im Irak aktiv gewesen sein, in welcher Sache genau, ist niemandem klar. Laut US-Aussenminister Powell hat Sarkawi sogar ein Bein verloren und sich deswegen in einem Spital Saddam Husseins in Bagdad pflegen lassen. Die Welt rätselt.
Wer keinen Einblick in die Geheimdienstdossiers hat, verliert schnell den √úberblick. Wer jetzt über Gehrigers plötzliche Differenziertheit staunt und hofft, der Abschluss des 3-teiligen Artikels biete eine kontroverse Sicht der Dinge, wird enttäuscht. Gehriger beschliesst sein Geschreibe mit Sätzen, die aus Schundromanen stammen könnten:
Eine dunkle Gestalt geht durch die Gassen. In eine Koranschule. Sie bleibt eine Nacht. Zwei. Drei. Doch Abu Mussab al-Sarkawi geht nicht auf den Friedhof. Seine Frau und seine vier Kinder in Sarka besucht er nicht. Er ist allein. Noch einmal zu Hause, in seiner Stadt. Dann kehrt er zurück an die Front. Es kann für die Weltwoche sicher nicht darum gehen, in Sachen al-Sarkawi Verschwörungstheorien in die Welt setzen, wie sie zu hunderten durchs Netz geistern. Aber: Abu Mussab al-Sarkawi ist seit Jahren nicht mehr gesehen worden. Alles, was seither über ihn bekannt ist, stammt aus (unter Folter erpressten?) Geständnissen von Gefangenen und aus Enthauptungs- und Hinrichtungs-Videos, in denen vermummte Gestalten mit unterschiedlichen Stimmen behaupten, sie seien al-Sarkawi. Weder die CIA noch FBI oder Pentagon haben bisher offiziell erklärt, welche der Stimmen diejenige von al-Sarkawi ist, oder ob sie überhaupt zu hören war. Fakt ist, dass es zu al-Sarkawi so gut wie keine Fakten gibt, dafür umso mehr Geschichten, Märchen, Meinungen und Interpretationen. Alternative Sichtweisen, die auch nicht der Wahrheit entsprechen müssen, finden Sie hier, hier, hier, hier, hier und hier.
Was die «Weltwoche» mit ihren Texten bietet, ist nicht nur einseitiger Thesenjournalismus. Die «Weltwoche» macht sich zum Sprachrohr des absurden Kriegs gegen den Terror.
|
 |
 |
 |
|
Neuste Kommentare
News, die unsere Medien intere ssieren dürften. Wer wei [...]
Das artet ja langsam aus.
Peter Zieglers Replik zum BUND ! Meine (einmalige/ei [...]
Ich finde, @Leumund hat es drü ben bei Twitter hervorra [...]
Eine Gegendarstellung ohne Red aktionsschwanz? … dass i [...]