Mittwoch, 6. Juni 2007
Am 25. Juni erscheint der «Spiegel» mit einem einmaligen Schweizer Split, wie «persönlich» berichtet. Die von der «NZZ am Sonntag» vermutete Zusammenarbeit mit «Facts» dürfte sich damit erledigt haben.
«Spiegel»-Sprecherin Ute Miszewski spricht von einer «sorgfältigen Auswertung» dieses Versuchsballons. Ist der Split also nur eine erweiterte Art der Marktforschung? Wohl kaum. Auch der «Spiegel»-Verlag wird festgestellt haben, dass auf dem Schweizer Wochenzeitungsmarkt eine grosse Lücke klafft. Es fehlt nämlich ein mehrheitsfähiges Magazin, das für seine Verleger auch rentiert. Denn vom Ideal einer Zeitung, die eine breite Leserschaft findet und auch Geld abwirft, sind die beiden Schweizer Titel weit entfernt. Die «Weltwoche» motzt und trotzt, hat aber immer noch keine gloriosen Abo-Zugänge gemeldet. «Facts» wurde letztes Jahr renoviert, schreibt aber immer noch keine schwarzen Zahlen.
Eine frische Brise aus dem Norden kann aus Lesersicht nicht schaden. Der Blattkritiker freut sich deshalb auf den Schweizer «Spiegel». Selbst wenn er wirklich nur ein Versuchsballon sein sollte.
Samstag, 2. Juni 2007
Auch eine Woche nach ihrer Bekanntgabe gibt die Espace-Übernahme zu reden. Die Spekulationen konzentrieren sich vor allem auf die Beweggründe der Tamedia, ausgerechnet jetzt auf Einkaufstour zu gehen - oder aber auf Charles von Graffenrieds Grund für das «Aufgeben». In seiner «Weltwoche»-Kolumne lässt sich Kurt Zimmermann auf die Äste der Familienpolitik und schreibt:
Grössere wirtschaftliche Verschiebungen in der Schweizer Medienszene sind in aller Regel nicht von Kapitulation, industrieller Logik, Monopolisierung, Strategie, Konzentration, Nutzung von Synergien und Konsolidierungsprozessen getrieben. Es sind simple, alltägliche Nachfolgefragen. Entweder hat der Vater einen Sohn oder eine Tochter, der oder die das Unternehmen weiterführt. Oder der Nachwuchs ist nicht interessiert. Dann wird verkauft. Falls sich Charles von Graffenrieds Sohn Michael mehr für Zeitungen als für die Fotografie interessiert hätte, schreibt Zimmermann weiter, wären «BZ» und «Bund» in Berner Händen geblieben. Tatsächlich? Der Blattkritiker bezweifelt diese Hypothese. Ein Medienkonzern wie die Espace Media Groupe ist kein Schuhmachergeschäft, das vom Papa entweder an den Sohn weitergegeben oder an den bösen Spekulanten verkauft wird. Auch Michael von Graffenried hätte sich mit Inserateschwund, Gratiszeitungen und fehlenden Ideen für Qualitätszeitungen konfrontiert gesehen - und sich entweder eigene Lösungen einfallen oder ebenfalls einem grösseren Konzern an die Brust werfen müssen.
Als Leser werden wir die genaue Geschichte des Espace-Deals vermutlich nie erfahren. Wie sieht es aber mit den Folgen aus? Nehmen wir statt der «Weltwoche» lieber die aktuelle «WOZ» zur Hand (ja, zur Hand, denn immer noch weigern sich die Genossen, ihre besten Texte aufs Web zu stellen). Hanspeter Spörri, gewesener «Bund»-Chefredaktor, schreibt über die Fusion und resümiert kurz den wirtschaftlichen Rosenkranz, der bei solchen Gelegenheiten gern heruntergebetet wird: Wer überleben will, muss grösser werden, der Strukturwandel ist nicht aufzuhalten, lieber ein einheimischer als ein ausländischer Käufer. «Soll man wieder einmal lamentieren über den Verlust regionaler Eigenständigkeit, über möglichen Stellenabbau?», schreibt Spörri und fragt: Was wird nun besser? Vielleicht die «Berner Zeitung», die durch diverse Sparübung bereits ernsthaften Schaden genommen hat. Im Verbund mit dem «Tages-Anzeiger» liesse sich der ausgedünnte Mantel mit der nur noch mangelhaften Wirtschafts-, Kultur- und Auslandsberichterstattung quantitativ und qualitativ wieder verbessern. Eine bessere Zeitung - genau darum geht es aus der Sicht der Leserinnen und Leser, sofern sie sich nicht längst von ihren Ansprüchen verabschiedet haben. Auf den Zürcher Redaktionen, in welchen der grösste Teil des schweizerischen Medienjournalismus produziert wird, scheint die zuweilen erbärmliche Qualität der «BZ» aber kein Thema zu sein. Die Zukunft der Berner Presse wird auf die Frage reduziert, wie lange es den «Bund» noch geben wird. Die unterschiedliche Geschichte, Ausrichtung und Qualität von «Bund» und «BZ» wird kaum je erwähnt. Spörri gibt Nachhilfe: Der 1850 gegründete «Bund» ist immer noch eine Zeitung, um die es schade wäre, eine Zeitungspersönlichkeit mit Gedächtnis, mit Bewusstsein für Geschichte und Kontinuität, dem Gedankengut der Aufklärung und den «Errungenschaften von 1848» verpflichtet. (...) Einige Zeit schien die Aufgabenteilung zwischen dem «Bund» - seriös, urban, sozial-liberal, mit einer anspruchsvollen Leserschaft rechnend - und der «Berner Zeitung» - boulevardesk, auf die Agglomeration und den ländlichen bezogen, mehr Farbe, grössere Titel - ganz gut zu funktionieren. Doch es wurden weiter Kosten gesenkt, um die Rentabilität des Konzerns kurzfristig zu erhalten. Wie fest die Tamedia auf die Kostenseite schielen wird und in welcher Redaktion sie das Messer ansetzt, ist noch offen. Die Angst vor einem Stellenabbau geht derzeit nicht nur am Berner Dammweg, sondern auch an der Zürcher Werdstrasse um.
Doch vielleicht eröffnen Martin Kalls «Synergien» auch kreativere Ergebnisse als blossen Stellenabbau. Wir können uns zum Beispiel vorstellen, dass auch der «Bund» mit ausgewählten Texten aus dem «Tages-Anzeiger» aufgepeppt wird. Das immer noch relativ grosse Korrespondentennetz des «Tages-Anzeigers» liesse sich so auch für den Platz Bern nutzen.
Und die «BZ»? Notfalls gibt es ja immer noch den Mantel von «20 Minuten» ...
Donnerstag, 19. April 2007
Mit den Umzügen ist es in der Schweiz so: «Die Basler» und «die Luzerner» tummeln sich an «medial überdokumentierten Fasnachten». «Die Zürcher» aber geruhen ihr Sechseläuten «als eine Mischung aus Street Parade und militärisch durchorganisiertem Trachtenumzug» zu sehen. Das lesen wir im aktuellen Editorial der «Weltwoche». Also wird es wohl so sein.
Dass sich die Fasnacht mit ihrem religiosen Hintergrund und das Sechseläuten als Grossaufmarsch der lokalen Wirtschafts- und nationalen Politprominenz nur mit viel bösem Willen zur Polemik vergleichen lassen, spielt für die «Weltwoche» eine sehr untergeordnete Rolle. Wichtig ist dem namenlosen Editorial-Verfasser, dass am Sechseläuten «die schönsten Frauen des Landes» zu bestaunen sind, die, man glaubts nicht, mit Blumen um sich schmeissen und drauflosküssen, dass es eine Freude ist. Die Fasnacht hingegen erinnert gemäss der «Weltwoche» «an volkstümliche Fernsehsendungen am Samstagabend» und ergötzt also vor allem den Pöbel (der eben diesen Sendungen regelmässig zu Rekord-Einschaltquoten verhilft; aber auch das ist egal). Am Sechseläuten wiederum «sieht man unverstellte, selige Fröhlichkeit auf Zürichs Strassen». Zugegeben: Das steht in einem argen Kontrast zu all den fasnächtlichen Griesgramen, die depressiv durch die Basler und Luzerner Gassen schlurfen und ihren «dekorierten Trash» abfeiern. Zürich aber verzichet auf Trash und Deko. Das sieht man daran, dass alle Beteiligten in ihrer Alltagskluft umherstolzieren und niemand auf die abseitige Idee verfiele, beispielsweise eine Uniform anzuziehen.
Damit nicht genug: Die «Weltwoche» weiss auch, dass sich am Sechseläuten «die interessantesten Begegnungen im Diskreten jenseits der Kameras» abspielen. Wer auch nur ein einziges Mal an einer Fasnacht war, wird der «Weltwoche» zumindest in diesem Punkt zustimmen: Zu interessanten Begegnungen kommt es während des Narrentreibens so gut wie nie. Weder vor noch hinter Kameras. Oder anders gesagt: Zu interessanten Begegnungen kommt es an der Fasnacht etwa so häufig wie zu journalistisch positiv bemerkenswerten Leistungen in der «Weltwoche».
Montag, 2. April 2007
Eines der bekanntesten Sujets des deutschen Comic-Zeichners Uli Stein ist ein Pinguin mit einem «Dagegen»-Schild. Was viele nicht wissen: Das ist Roger Köppel.
Seit Köppel das Ruder bei der «Weltwoche» übernommen hat, gilt wieder die Doktrin seiner ersten Herrschaftsperiode: Wenn sich die interessierte, kritische √ñffentlichkeit eine Meinung gebildet hat, ist die Weltwoche diametral dagegen. Zur Erinnerung einige Müsterchen aus früheren Tagen: Der Irakkrieg ist gut, Bush ist gut, die SVP soll, nein muss man wählen. Dieses Muster ‚Äì 180 Grad gegen den «Mainstream» - lässt sich in der Ausgabe dieser Woche besonders schön erkennen:
"Dagegen!" vollständig lesen
Donnerstag, 29. März 2007
Sollen Dienstwaffen weiterhin zu Hause aufbewahrt werden? Natürlich, fand der Nationalrat letzte Woche. Die paar Familienmitglieder, die jedes Jahr mit einer Ordonnanzwaffe getötet werden, könnten schliesslich auch einem Küchenmesser zum Opfer fallen. Also dürfen die Wehrmänner ihre Sturmgewehre und Pistolen auch weiterhin in den Putzschrank stellen. Schliesslich geht es hier um die Tradition und das Milizsystem und das Vertrauen in die Bürger und ... ääh ... was war noch gleich in St. Gallen?
Alle Schweizer Medien, die wir bis jetzt gelesen haben, zeigten ein besseres Gedächtnis als der Nationalrat. Deshalb werteten sie seinen Entscheid zur Heimverwahrung von Ordonnanzwaffen als verfehlt. «Es ist unsinnig, ein unnütz gewordenes System aufrechtzuerhalten», hiess es selbst im «Bund», der nicht eben als linkes Leibblat gilt. Doch wenn alle das selbe schreiben, ist das bekanntlich Mainstream. Und der Mainstream ist links. Und links ist böse. Die einzige Rettung naht wieder einmal aus der Förrlibuckstrasse. Die «Weltwoche» packt die Magnum auf den Tisch und lässt Urs Paul Engeler ran. «Alle Statistiken beweisen, dass die Dienstwaffe bei Tötungsdelikten nur eine marginale Rolle spielt, auch bei Familienmorden.», heisst es bereits im Lead. Ach so. Dann ist ja alles klar.
Nur eines fragen wir uns: Musste die Druckerei der «Weltwoche» für den Waffen-Text die alten Lettern aus dem Keller kramen? Oder lassen sich so bleischwere Abstürze auch im Fotosatz belichten?
Montag, 12. März 2007
Ein Gespenst geht auf den Redaktionen um, das Gespenst des blutjungen Erotikmodells. Das Gespenst heisst Daniela Weisser, ist 20 Jahre alt und mit Alexander Pereira liiert. Dieser ist 59 Jahre alt, Intendant des Zürcher Opernhauses und liebt seine Daniela sehr. Das ginge ja noch. Doch Frau Weisser beschäftigt nicht bloss Herrn Pereira, sondern auch die Journalisten. Denn sie passt gut zu ein paar anderen Dämonen, die auf den Redaktionen ihr Unwesen treiben. Auf der Redaktion des «Tages-Anzeigers» spukt zum Beispiel das Gespenst der sinkenden Auflage. Die verantwortlichen Redaktoren schwören, es sei nur mit seichtem Journalismus zu vertreiben. Deshalb hoben sie letzten Dienstag ein «Glamour-Interview» mit Daniela Weisser ins Blatt. Die Lektüre jagte uns Schauer über den Rücken.
Am Donnerstag suchte uns dann der Redaktions-Alb der «Weltwoche» heim. Es ist das Gespenst des unbedingten Lifestyle-Journalismus. Alte Männer und junge Frauen? Das ist doch genau, was sich «jeder ehrliche Mann» wünscht, kicherte es aus der Förrlibuckstrasse. Wir fanden diese Enthüllung gruselig. Doch der Spuk beschränkte sich nicht auf die Zürcher Redaktionen. Am Samstag fuhr auch die «Mittelland-Zeitung» auf der Geisterbahn mit: «Wir sind in der Oper. Hier im schummrigen Theaterlicht verschieben sich die Ebenen von Traum und Wirklichkeit leicht.» Aaaah! Wem gehört diese Knochenhand? Hat uns da eben ein People-Journalist auf die Schulter getippt? Wäre es doch ein böser Traum geblieben! Doch heute morgen entsetzt uns der «Tages-Anzeiger» mit seiner Opernball-Berichterstattung aufs Neue: Dieses Jahr hatte der glanzvolle Opernball eine speziell pikante Note. Opernchef Alexander Pereira (59) sorgte mit seiner 20-jährigen Freundin Daniela Weisser seit Tagen für Gesprächsstoff mit der Frage: Wie wird sich das blutjunge Fotomodell aus Brasilien in der besten Zürcher Gesellschaft einführen? Frau Weisser geistert weiter. Da hilft nur eines: Wir härten uns mit der «Glückspost» ab und essen jeden Tag zwei Knoblauchzehen. Und vor allem hoffen wir, ein entschlossener Chefredaktor möge dem Gespenst des Irrelevanten endlich einen eichernen Pfahl ins Herz hämmern.
Freitag, 9. März 2007
Seit zwölf Jahren gehen sie jeden Freitag um fünf vor sechs im Regionaljournal Bern von Radio DRS über den Äther: die Schnappschüsse von Heinz Däpp. Respektlos, aber nicht lieblos, persifliert er, was ihm ungereimt erscheint.
Heinz Däpp ist Journalist und Dozent am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern. Nicht zuletzt im Umfeld der Medien findet er immer wieder Sujets für seine Satiren. Blattkritik.ch veröffentlicht diese Beiträge künftig kurz nach dem Regionaljournal.
Heute: Ein Schnappschuss zur «Weltwoche». Viel Spass.
Dienstag, 6. März 2007
Neues Spiel, neues Unglück: Viele Journalisten, die vor nicht allzu langer Zeit mit ihren Artikeln für einen Krieg gegen den Irak Stimmung gemacht haben, finden sich im Rahmen der Diskussionen um das Atomprogramm des Iran erneut an vorderster Front. Leider glänzen sie nicht durch fundierte, jetzt vorsichtige Artikel, sondern ärgern wieder mit Hetze und Kriegstreiberei. Nichts gelernt? Nichts gelernt!
"Gewissenlos" vollständig lesen
Montag, 19. Februar 2007
Der ansonsten grandiose «Weltwoche»-Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann macht es sich in seinem jüngsten Beitrag «Journalisten spielen verstecken» (Link kostenpflichtig) zum Fall Kassensturz versus Peter Meyer-Fürst für einmal erstaunlich leicht.
Es stimmt, dass die «Bilanz» Mitte der Neunzigerjahre eine Kioskauflage einstampfen lassen musste (die Abonnenten hatten das Heft bereits im Briefkasten). Wenn wir uns richtig erinnern, erschien der Artikel, der zum richterlichen Verkaufsstopp führte, unter dem Titel «Das Messer am Hals». In jenem Beitrag wurde mit der Arbeit des Schönheitschirurgen Peter Meyer-Fürst abgerechnet, der im Körper von Patientinnen schon mal ein Operationsutensil liegen lasse, die Frauen zu völlig überflüssigen Eingriffen dränge und sich, selbst bei ernsthaften Komplikationen, einen Deut um die Nachbehandlung schere.
Anders als uns Zimmermann heute weismachen will, wurde der folgende Prozess vor dem Luzerner Obergericht nicht eingestellt. Erstaunlicherweise waren nämlich sämtliche von der «Bilanz» genannten Zeuginnen bereit, vor Gericht auszusagen (Vera Dillier zählte nicht dazu). Und was man da zu hören bekam, was man sich an Verstümmelungen, angerichtet von einem so genannten Schönheitschirurgen, ansehen musste, war himmelschreiend. Für die Aussagen von Krankenschwestern und anderen Personen, die Meyer-Fürsts Betreuungs- und sonstige Methoden schilderten, gilt das nicht minder. Letztlich gab das Gericht der «Bilanz» zu rund 80 Prozent Recht. Meyer-Fürst erklärte, er werde das Urteil weiterziehen, was er aber wohlweislich unterliess. Die 30‚Äô000 Franken, zu deren Zahlung an die «Bilanz» er verdonnert worden war, sind noch heute ausstehend.
Zimmermann hätte das alles nachlesen oder die Redaktion fragen können. Die «Bilanz»-Redaktion liegt ja nicht allzu weit von jener der «Weltwoche» entfernt. Vielleicht hätte er sich dann ein paar Gedanken mehr gemacht. Zum Beispiel darüber, ob ein imagegeschädigter Arzt, der jahrzehntelang viele Fehler begangen hat und als 75-Jähriger offenbar immer noch an Frauen herummacht, nicht doch von öffentlichem Interesse ist.
Abschliessend meint Zimmermann, Meyer-Fürst würde einen Prozess gegen den «Kassensturz» gewinnen. Ach ja?
Sonntag, 4. Februar 2007
«Es ist eine Zumutung, nach bald 40 Jahren die «Fuditätsch-Affäre» noch einmal aufzuwärmen, zumal strafrechtlich gar nichts dran war ‚Ķ» Das ist nicht die Antwort von Hans W. Kopp auf eine Frage von «Weltwoche»-Interviewer Alex Baur, sondern eine «Frage», die eben dieser Interviewer Kopp stellte.
Die von der «Weltwoche» lancierte Reinwaschung von Kopp & Kopp geht in die zweite Phase. In der letzten Ausgabe durfte Elisabeth Kopp im Gespräch mit Baur ihre Sicht der darlegen (siehe Eintrag vom 30. Januar). Und nun wird auch ihrem Gatten das Wiedereingliederungsprogramm Baur'scher Prägung zuteil ( «12 Fragen» an Hans W. Kopp, Artikel online nicht erhältlich).
Unwidersprochen darf die ehedem «eidg. dipl. Unperson» (Baur über Kopp) mit dem «riesigen Bekanntenkreis - zivil, militärisch, kulturell» behaupten, er und seine Frau hätten «nicht die geringste Chance» gehabt, «unsere Sicht einzubringen, weil uns niemand zuhören mochte»; die Frage, wieso nach all dem Gedruckse und Geflunkere und Gelüge von Elisabeth Kopp weder ihr noch ihrem Angetrauten jemand zuhören wollte, hat sich Hans W. Kopp offenbar nie gestellt.
Jetzt hört jemand zu. Mehr noch: Ein «Starreporter» notiert fern von jedem kritischen Ansatz, was Kopps ihm erzählen. Er stützt ihre Verschwörungstheorien nach Kräften. Und liefert bei Bedarf zustimmende Stichworte, die das Weiterreden erleichtern.
Der Journalist als Psychologe: Einem Paar, das sich mit läppischen 202‚Äô396 Franken Bundesratsrente pro Jahr und spärlichen Einkünften aus Anwaltsmandaten durchschlagen muss, ist die «Weltwoche»-Therapie zu gönnen. Wir fürchten allerdings, dass die Behandlung der wenig Einsicht zeigenden Patienten Kopp noch nicht abgeschlossen ist. Was folgt nächste Woche? «Jetzt rede ich»?
Dienstag, 30. Januar 2007
Achtzehn Jahre nach ihrem Rücktritt ist Elisabeth Kopp wieder da - wenn auch nur auf der Leinwand: Der Film «Elisabeth Kopp - Eine Winterreise» versucht, etwas mehr (subjektives) Licht in den Fall Kopp zu bringen. Die Reaktionen der Wochenpresse sind unterschiedlich. «Facts» widmet der gefallenen Bundesrätin die «Carte blanche». Catherine Duttweiler, Autorin von «Kopp und Kopp» (Weltwoche-ABC-Verlag, antiquarisch oder in Bibliotheken erhältlich), meint: Es ist Elisabeth Kopp menschlich wie politisch zu gönnen, dass sie nach Jahren des Vergessens eine Imagekorrektur anbringen kann: Sie war als Bundesrätin weder brillant noch visionär, doch sie hat ihre Aufgabe genauso gut erfüllt wie das Gros ihrer männlichen Kollegen (...). Dennoch gilt es bei der Würdigung [von Kopps Rücktritt] zu berücksichtigen, dass die Magistratin keineswegs wegen eines «ganz kurzen Telefons» an ihren Gatten zurücktreten musste - in einer Affäre, in welcher die Gerichte später weder den Geldwäschereiverdacht noch eine Amtsgeheimnisverletzung schlüssig nachweisen konnten. Elisabeth Kopp musste zurücktreten, weil sie zusammen mit ihrem Gatten das berüchtigte Telefonat über Wochen hinweg bestritten hatte. Mit diesem nüchternen Text ist der Kopp-Film für «Facts» besprochen. Eine angemessene Berichterstattung, wie der Blattkritiker meint. Die «Weltwoche» richtet dagegen mit der grossen Kelle an.
"Ein Koppstand" vollständig lesen
Mittwoch, 24. Januar 2007
Endlich. Nach langer, langer Zeit gönnt uns die «Weltwoche» einen Text, den wir klug und aufschlussreich finden. Beda M. Stadler, Professor an der Universität Bern und Direktor des Instituts für Immunologie, beweist mit seinem gut recherchierten Artikel, dass Passivrauchen keineswegs schädlich ist, sondern vielmehr vor zahlreichen Krankheiten schützt.
Der Autor beginnt sein Lehrstück (Link bedauerlicherweise kostenpflichtig) mit einer wichtigen Frage:
Aber füge ich den Menschen in meiner Umgebung wirklich einen erheblichen Schaden zu, nur weil ich im Bahnhof rauche? Wir finden: der perfekte Start zum perfekten Text. Denn gerade in so kleinen und schlecht gelüfteten Räumen wie Bahnhöfen soll die Belastung für Passivraucher ja besonders gross sein. Eine dreiste Lüge, die es mit Fakten zu widerlegen gilt:
Selbst in neueren Studien zu Krebs- oder Herzerkrankungen bei Passivrauchern findet man meistens bloss Odds Ratios um 2 herum. Das bedeutet ein doppeltes Risiko für einen Passivraucher, beispielsweise an Lungenkrebs zu erkranken, verglichen mit einem Menschen in rauchfreier Umgebung. Eine Verdoppelung tönt nach viel, aber die absoluten Zahlen sind hier so klein, dass nüchterne Forscher eine Odds Ratio von 2 als unbedeutend betrachten. Gut gebrüllt, Löwe. Eine Verdoppelung des Risikos ist für den Normalsterblichen tatsächlich völlig unbedeutend. Zumal ein Lungenkrebstod eine der angenehmeren Formen des Ablebens ist.
Mehr noch:
Im Juli 2006 erschien eine Arbeit in Neurology, die zusammenfasste, was man längst weiss. Prospektive Studien, retrospektive Studien und Zwillingsstudien belegen: Rauchen senkt das Risiko, an Parkinson zu erkranken. Neu konnte man zeigen, dass sogar Passivrauchen vor Parkinson schützt, und zwar umso besser, je intensiver der Qualm. Hier müssen wir unsere einzige kleine Kritik an Stadlers Recherche anbringen. Der Autor vergisst zu erwähnen, dass Passivrauchen nicht nur vor Parkinson, sondern ganz allgemein vor Alterskrankheiten schützt – weil die meisten Betroffenen früh sterben.
Mit einem mutigen Hinweis setzt Stadler seinem Text die Krone auf:
Paradoxerweise wirkt Tabak manchmal sogar gegen Krebs. Raucher erkranken weniger häufig am schwarzen Hautkrebs, wie diesen Monat im British Journal of Dermatology berichtet wurde. Je öfter und je mehr geraucht wurde, umso geringer fiel das Risiko aus, an diesem tödlichen Krebs zu leiden. Eine wichtige Information. Es ist definitiv von Vorteil, neben Lungenkrebs nicht auch noch an schwarzem Hautkrebs zu erkranken.
Zu guter Letzt ortet Stadler bei den Anti-Rauchern eine Taktik, der er sich nie im Leben bedienen würde:
Trotz all dieser Studien: Die Anti-Raucher-Lobby wird weiterhin die Rosinen aus der wissenschaftlichen Literatur picken, um auf uns Rauchern herumzuhacken. Was zu beweisen war!
Montag, 15. Januar 2007
Mit der «Plattform» bietet Blattkritik.ch ausgewählten Gastautoren die Möglichkeit zur Medienkritik. Den Anfang macht Dr. Franz Mauelshagen vom historischen Seminar der Universität Zürich, der bereits im «Tages-Anzeiger», in der «FAZ» und in der «NZZ» publiziert hat. Dr. Mauelshagen hat sich unter anderem auf Umweltgeschichte spezialisiert, sein Fachgebiet sind Katastrophen und deren Bewältigung. Nähere Informationen finden Sie hier.
Banalisieren, diskreditieren, ins Zwielicht rücken
«Der rückwärtsgewandte Prophet», so ist ein Artikel (online nicht frei zugänglich) von Philipp Gut in der «Weltwoche» vom 14. Dezember 2006 betitelt. Eingerahmt wird er von Michael Mierschs Beitrag «Das Debakel von Delphi», in dem Klimaforschung zu einer Art Futurologie gemacht wird ‚Äì als beruhe sie nicht auf Messdaten, sondern auf willkürlichen Vorhersagen im Jahrhundertmassstab.
Das Ganze ist eine Kampagne mit dem Ziel, den aktuellen Klimawandel und seine Ursachen zu banalisieren. Miersch versucht, Klimavorhersagen ganz allgemein zu diskreditieren. Philipp Gut wird persönlich, indem er den Klimahistoriker Christian Pfister angreift und dessen öffentliche Aussagen ins Zwielicht rückt. Zu diesem Zweck unterstellt er einen Konflikt zwischen wissenschaftlicher Bewertung und politischer Einstellung des Berner Wirtschafts-, Sozial- und Umwelthistorikers. Von «Widersprüchen» ist die Rede. Der Beitrag möchte sie aufzeigen, scheitert dabei aber kläglich. Unsauber ist schon die mangelnde Trennung zwischen Selbstaussagen des Wissenschaftlers Christian Pfister und Einschätzungen des Artikelverfassers. Die Bildunterschrift «Bedauern über die Widerspenstigkeit von Katastrophen: Professor Pfister» lässt doch wohl erwarten, dass Pfister ein entsprechendes Bedauern selbst zum Ausdruck gebracht hat. Das ist jedoch blanke Unterstellung.
"Klimawandel: Eine Replik an die «Weltwoche»" vollständig lesen
Samstag, 13. Januar 2007
«Pöbeln, kiffen, ficken»: Das war der Titel einer Geschichte, die Walter di Gregorio Anfang November mit ein paar Kollegen über «die heutige Jugend» für die «Weltwoche» verfasst hatte (online nicht frei zugänglich). Vom Thema dürfte er also eine Ahnung gehabt haben, als er sich wenig später mit Ex-Miss Schweiz Melanie Winiger zum Interview traf (Link kostenpflichtig). Die leidenschaftliche Schauspielerin und Absolventin der in Miss-Kreisen weltberühmten Lee-Strasberg-Schauspielschule in Los Angeles verkörpert im Film «Breakout» eine Jugendanwältin.
Di Gregorio nutzt das Gespräch, um mit Winiger mal einen anderen Blick auf die kriminellen Kids zu werfen. Er tut das auf eine ziemlich eigene Art. Am Ende des Interviews weiss der Leser wenig über den Film und noch weniger über juristisch auffällige Teenager. Aber dafür ist ihm nun bekannt, dass Winiger abstreitet, dass in einer Nacktszene ihre Brüste zu sehen sind, dass sie es schön fände, wenn auch ihr Freund Stress «mal eine Liebesszene spielen» würde, dass «man keine Schauspielerin sein muss,» um einem anderen Menschen im Bett etwas vorzumachen, dass Melanie Winiger nach Drehschluss Melanie Winiger ist, dass bei Winigers daheim meist der fünfjährige Sohn die TV-Fernbedienung in der Hand hält (Kunststück, wenn die Stars des Hauses von Termin zu Termin hetzen), dass «Spongebob» ihr Lieblingscartoon ist und dass ihr Auto, das sie aus Los Angeles mit in die Schweiz genommen hat, amerikanische Nummernschilder, sechs Zylinder und 313 PS besitzt.
Dann ist die Seite voll und das Interview endgültig im Eimer. Das ist nicht der Fehler der Schauspielerin, die ihren Befrager mehr als einmal darauf hinwies, dass sie sich auch eine geistreichere Konversation vorstellen könnte. Der «Weltwoche»-Reporter konnte oder wollte einfach nicht merken, dass Winiger mehr sein kann, als er meint.
Donnerstag, 11. Januar 2007
Das Bezirksgericht Bülach braucht die Akten über die ehemaligen Swissair-Verantwortlichen am 16. Januar gar nicht auszupacken. Und all die «Prozessbeobachter, Schaulustigen, Geschädigten und Journalisten» können sich den Weg in die Bülacher Stadthalle schenken. Diese Ansicht vertritt «Weltwoche»-Chef Roger Köppel in seinem Kommentar zum bevorstehenden «Schauprozess». Wird hier die Arbeit der Justiz bewertet, bevor sie überhaupt begonnen hat? Nicht doch. Er wolle «dem Verfahren nicht vorgreifen», teilt uns Köppel am Anfang seines Exkurses mit. Und greift dann munter vor: Die Swissair ging nur deshalb zugrunde, «weil die falschen Leute mit falschen Rezepten am Werk waren», weiss Köppel. Ungesetzliche Machenschaften der Swissair-Manager und -Verwaltungsräte schliesst er zum Vornherein aus. Zur Erinnerung: Die Klageschrift des Bezirksgerichts Bülach erwähnt unter anderem ungetreue Geschäftsbesorgung, Misswirtschaft und Bevorzugung einzelner Gläubiger. Für Köppel haben die Angeklagten allenfalls «geschummelt». Das alles sei zwar «traurig, aber kein Fall für die Gerichte.»
Für wen dann? Für Sepp Moser?
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