The Ecomonist zu Lateinamerika
Die Wahl von Evo Morales zum bolivianischen Präsidenten und seine Schritte zur Nationalisierung eines Teils der √ñlindustrie (vgl.
Link) und ähnliche Entwicklungen in Ecuador veranlassen den Londoner Economist in seiner Ausgabe vom 18. Mai zu einem Kommentar über «die Schlacht um die Seele Lateinamerikas» (
Link kostenpflichtig). Lateinamerika habe bis vor kurzem keine Rolle gespielt («people don't give one damn about Latin America», in den Worten Richard Nixons ‚Äì man wundert sich allerdings, weshalb die USA dann so oft offen oder verdeckt dort interveniert haben?), doch neuerdings habe es die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen: ein «Gespenst anti-amerikanischen Linksnationalismus» gehe um.
Jedoch handle es sich nicht um einen Konflikt zwischen den USA und ihren lateinamerikanischen Nachbarn, sondern zwischen liberalen Demokraten, insbesondere moderaten Sozialdemokraten (die in Chile, Uruguay und Brasilien regieren), und radikalen, autoritären Populisten. Erstere hätten durch sozialpolitische Massnahmen einen deutlichen Rückgang der Armut und sogar der Ungleichheit erreicht. Sie hätten gelernt, dass Gesundheit, Bildung und Armutsbekämpfung nicht vernachlässigt werden dürften.
Auf der anderen Seite stünden die Populisten, die Bush beschimpfen und die staatliche Kontrolle der √ñl- und Gasressourcen anstreben, personifiziert, wie könnte es anders sein, von Venezuelas Präsident Hugo Ch√°vez. Gewiss, Ch√°vez sei zwei mal gewählt worden, seine Popularität sei ungebrochen, er habe den Armen Gesundheits- und Bildungsprogramme gebracht. Dennoch: Ch√°vez bringe sein Land auf den Hund («he is running down his country‚Äôs wealth»). In Zukunft könnte Venezuela eher Nigeria als Kuba ähneln: «a failed petro-state». Für die letzten beiden Behauptungen hat die neoliberal orientierte Zeitschrift keinerlei Begründung anzubieten.
Joffes Version der Realität
Josef Joffe, den Mitherausgeber der Zeit, hat der Slogan vom «gescheiterten Petrostaat» offenbar so beeindruckt, dass er ihn gleich in seinem eigenen Leitartikel
«Plump auf Pump» (Diskussion
hier) in der Zeit vom 24. Mai 2006 verwurstete. Zweifellos teilt Joffe die Abneigung des Economist gegenüber Präsident Ch√°vez (siehe auch Blattkritik-
Eintrag vom 25. April 2006). Von der beinahe differenzierten Diskussion des Economist ist Joffes Attacke jedoch meilenweit entfernt:
Hugo Ch√°vez (Venezuela), Evo Morales (Bolivien) und Alfredo Palacio (Ecuador) reissen mit der Verstaatlichung von √ñl und Gas die «Produktionsmittel» an sich, ohne die Armen auch nur ein Jota reicher zu machen. Das zeigt am besten Venezuela: Seit der Machtübernahme durch Ch√°vez wächst die Wirtschaft nicht mehr, das Pro-Kopf-Einkommen ist gar um 45% gefallen.
Fürwahr, eine desaströse Bilanz. Nur: kein Jota an dieser Darstellung ist wahr. Selbst der Economist gibt ja zu, dass die Armen unter Ch√°vez vom √ñlreichtum profitieren. Das Pro-Kopf-Einkommen ist während der Präsidentschaft Ch√°vez‚Äô gestiegen, wenn auch nur leicht, und die Wirtschaft ist seit der Rezession von 2003 auf rasantem Wachstumskurs.
Die Daten:
1. Das Pro-Kopf-Einkommen der venezolanischen Bevölkerung ist von 1970 bis 1998 ‚Äì VOR dem Amtsantritt von Präsident Ch√°vez (2. Februar 1999) ‚Äì um unglaubliche 35% gefallen (1). Mark Weisbrot vom Washingtoner Center for Economic and Policy Research merkt dazu an: «This is the worst economic decline in the region and one of the worst in the world ‚Äì much worse even than what happened to Africa during this period.» (2)
2. Venezuelas Wirtschaftsleistung und Pro-Kopf-Einkommen sind seit Ch√°vez‚Äô Amtsantritt gestiegen. Das BIP war im ersten Quartal 2006 inflationsbereinigt 19,2% höher als im 1. Quartal 1999, im Zwölfmonatsvergleich 14,1% höher. Das Wirtschaftswachstum übertraf damit das demographische Wachstum ‚Äì eine erfreuliche Bilanz im Vergleich zur fast 30jährigen Verarmungsperiode vor Ch√°vez (3). Die Bilanz wäre natürlich noch erheblich günstiger, hätte das Land nicht 2002/2003 aufgrund des von der Opposition organisierten mehrmonatigen √ñlstreiks (ein «Streik» nicht etwa der Arbeiter, sondern der um ihre Pfründe bangenden Chefs!) und des gescheiterten Staatsstreichs gegen Ch√°vez eine Rezession erlitten (dies zudem vor dem Hintergrund einer weltweiten Rezession). Seit 2003 werden Wachstumsraten von 9 bis 18% verzeichnet.
Herrn Joffes Behauptungen sind schlicht aus der Luft gegriffen. Wo er seine Zahl -45% her hat, sei dahingestellt ‚Äì vom Economist, der in Bezug auf Zahlen und Fakten ziemlich verlässlich ist, jedenfalls nicht. Dies wirft nicht nur die Frage auf, ob der Mitherausgeber der Zeit es nicht (mehr) nötig hat, journalistische Standards zu beachten, sondern auch, ob die Zeit eigentlich jeden propagandistischen Unfug veröffentlicht, ohne auch nur den einfachsten Factcheck durchzuführen. Und schlie√ülich wirft es die Frage auf, ob eine angesehene deutsche Zeitung es sich leisten kann, derart grobe Sachfehler unkorrigiert stehen zu lassen. Auf eine Anfrage nach Richtigstellung der Falschinformation ist bis heute von der Zeit-Redaktion keine Antwort eingetroffen. Sie tut ihrer Reputation damit keinen Gefallen.
Quellennachweise:
(1) Center for International Comparisons (CIC), University of Pennsylvania, stellt internationale Wirtschaftsdaten 1950-2000 zur Verfügung: http://pwt.econ.upenn.edu/php_site/pwt61_form.php
Variable «Real GDP per capita (Constant Prices: Chain Series)» auswählen (Pro-Kopf-Einkommen zu konstanten Preisen). Veränderung 1970-1998: -35%. Dies bedeutet, dass die Wirtschaftsentwicklung in diesem Zeitraum drastisch hinter dem demographischen Wachstum zurückgeblieben ist.
(2) Mark Weisbrot: A Note on Venezuela's Economic Performance, Center for Economic and Policy Research, June 2005: http://www.cepr.net/publications/venezuela_2005_06.pdf
Vgl. vom gleichen Autor und Koautoren: Poverty Rates In Venezuela: Getting the Numbers Right, http://www.cepr.net/publications/venezuelan_poverty_rates_2006_05.pdf
(3) Zentralbank von Venezuela: Bruttoinlandprodukt zu konstanten Preisen vierteljährlich, halbjährlich und jährlich von 1997 bis I. Quartal 2006: http://www.bcv.org.ve/excel/5_2_4.xls?id=332 (Exceltabelle).
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